Im ersten Teil sollen die Lebensumstände der Vaganten und gesellschaftlichen Realitäten des 18. Jahrhunderts dargestellt werden. Der zweite Teil soll methodisch den Quellentyp Gauner – und Diebesliste vorstellen und somit auch die Möglichkeiten, die das Interpretieren dieser Quellenform bietet. Im dritten Teil wird die Entstehungsgeschichte der Listen nachgezeichnet, um ihre Entwicklung und systematische Perfektionierung nachvollziehen zu können. Der vierte Teil wird die Quelle sowohl inhaltlich vom Aufbau her untersuchen. Ich lege Wert auf die Darstellung des Aufbaus, da es sich um ein sehr heterogenes Quellenmaterial handelt. Andreas Blauert und Eva Wiebel aber auch Katrin Lange haben eine idealtypische Einordnung der Fahndungsakten in Steckbriefe, Diebeslisten und Aktenmäßigen Geschichten vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gauner und Diebe im 18. Jahrhundert
2.1 Gauner – und Diebeslisten als Quellentypus
2.2 Zur Entwicklungsgeschichte von Gauner – und Diebeslisten
3. Quellenanalyse des Hildburghauser Protokolls
4. Schlussbetrachtung
5. Quellen – und Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Gauner- und Diebeslisten im 18. Jahrhundert anhand des Hildburghauser Protokolls, um die sozialen Strukturen und den Organisationsgrad von Randgruppen in der Frühen Neuzeit kritisch zu hinterfragen und den Mythos einer organisierten „Gegengesellschaft“ zu analysieren.
- Historische Einordnung der „Armen Leute“ und des Jaunerwesens im 18. Jahrhundert.
- Methodische Analyse von Gauner- und Diebeslisten als frühneuzeitliche Strafrechtsquellen.
- Untersuchung der Entstehungsgeschichte und Systematisierung von Fahndungslisten.
- Detaillierte Quellenkritik des Hildburghauser Protokolls bezüglich seiner inhaltlichen und strukturellen Merkmale.
- Diskussion des Organisationsgrades von Diebesbanden und deren Abgrenzung zur Etablierten Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3. Quellenanalyse des Hildburghauser Protokolls
Das Hildburghauser Protokoll ist nicht aus einer idealtypischen Sicht zu betrachten, da sie de facto weder eine Gauner – und Diebesliste, noch eine Aktenmäßige Geschichte oder Steckbriefsammlung ist. Es handelt sich vielmehr um eine Mischform aus Diebesliste und Aktenmäßiger Geschichte. Wolfgang Seidenspinner nennt die Quelle „Hildburghauser Protokolle.“ Dieser Terminus beschreibt das Wesen der Quelle treffender, da sie zum einen chronologisch, basierend auf den Aussagen der Delinquenten, aufgebaut ist und zum anderen Merkmale der verschiedenen Quellentypen aufweist. Sie besteht aus einer Diebesliste, einem Wörterbuch der Gaunersprache und aus einer sehr detaillierten Beschreibung der ermittelten Verbrechen, Tatorte, Unterschlupfe und Zeitpunkte der Verbrechen.
Der Verfasser ist der Amtmann Friedrich Christian Nonne. In der Regel wurden Aktenmäßige Geschichten, Diebeslisten und Steckbriefe von Justizbeamten veröffentlicht, die mit den Befragungen und Prozessen gegen Gauner beschäftigt waren. Dies trifft auch auf die „Hildburghauser Protokolle“ zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet das 18. Jahrhundert historisch als eine Ära, in der soziale Randgruppen wie Bettler und Gauner verstärkt unter den Fokus staatlicher Sozialdisziplinierung gerieten.
2. Gauner und Diebe im 18. Jahrhundert: Hier werden die zeitgenössischen Begrifflichkeiten und das soziale Umfeld der sogenannten Jauner sowie die wirtschaftlichen Zwänge der damaligen Agrargesellschaft erörtert.
2.1 Gauner – und Diebeslisten als Quellentypus: Dieser Abschnitt klassifiziert die Listen als Strafrechtsquellen und beleuchtet deren Nutzen für die Kriminalitätsforschung sowie andere Disziplinen.
2.2 Zur Entwicklungsgeschichte von Gauner – und Diebeslisten: Es wird die historische Genese der Listen im Kontext der zunehmenden Professionalisierung staatlicher Strafverfolgung und Fahndung seit dem Mittelalter dargestellt.
3. Quellenanalyse des Hildburghauser Protokolls: Das Kapitel analysiert den spezifischen Aufbau und die Mischform der Hildburghauser Quelle und untersucht anhand von Delinquentenaussagen die sozialen Netzwerke der Vaganten.
4. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei die Vorstellung einer straff organisierten „Gegengesellschaft“ als historisch nicht haltbar widerlegt wird.
5. Quellen – und Literaturverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Quellen und der wissenschaftlichen Literatur zur weiteren Nachvollziehbarkeit der Arbeit.
Schlüsselwörter
Hildburghauser Protokoll, 18. Jahrhundert, Gauner, Diebeslisten, Vaganten, Sozialdisziplinierung, Frühe Neuzeit, Kriminalitätsgeschichte, Rotwelsche, Jauner, Gegengesellschaft, Quellenanalyse, Strafrecht, Randgruppen, Fahndung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Auswertung von Gauner- und Diebeslisten im 18. Jahrhundert, speziell am Beispiel des Hildburghauser Protokolls, um das Leben und die Kriminalität sozialer Randgruppen zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die soziale Situation der sogenannten Jauner, die Entwicklung frühneuzeitlicher Fahndungsmethoden und die kritische Auseinandersetzung mit der Vorstellung einer organisierten kriminellen „Gegengesellschaft“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine fundierte Quellenanalyse des Hildburghauser Protokolls herauszufinden, ob die dort erfassten Gruppen eine echte kriminelle Organisation bildeten oder ob es sich eher um lose, beziehungsweise verwandtschaftliche Netzwerke handelte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Methode der historischen Quellenanalyse, bei der das Hildburghauser Protokoll als spezifisches Dokument untersucht und in den Kontext der zeitgenössischen strafrechtlichen Praxis eingeordnet wird.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Jaunerwesens, die Einordnung der Listen als Quellentypus, deren Entstehungsgeschichte und die detaillierte inhaltliche Analyse der spezifischen Quelle aus Hildburghausen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: Hildburghauser Protokoll, Sozialdisziplinierung, Diebeslisten, Frühe Neuzeit, Kriminalitätsgeschichte und das Rotwelsche als Subkultur-Sprache.
Was ist das „Hildburghauser Protokoll“ genau für eine Quelle?
Es handelt sich um eine Mischform aus Diebesliste, Wörterbuch der Gaunersprache und Aktenmäßiger Nachricht, die durch den Amtmann Friedrich Christian Nonne erstellt wurde und Einblicke in die Aussagen verhörter Delinquenten bietet.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor bezüglich der „Gegengesellschaft“?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass es keine „Gegengesellschaft“ im Sinne einer politisch agierenden Widerstandsgruppe gab, sondern dass es sich um eine „Gesellschaft der Unterprivilegierten“ handelte, die eher aus der Not heraus als aus einem elitären Denken agierte.
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- Tillman Wormuth (Author), 2005, Zur Bedeutung von Gauner- und Diebeslisten im 18. Jahrhundert am Beispiel von Hildburghausen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68603