Physis und Techne im Verhältnis: Hat Aristoteles' Ansicht von Natur und Technik heute noch Gültigkeit?


Seminararbeit, 2006
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aristoteles’ Verständnis
2.1 Naturbegriff und Naturgegenstände
2.2 Naturteleologie und endgültiger Naturbegriff
2.3 Begriff der Technik und Artefakte
2.4 Unterschiede und Gemeinsamkeiten
2.5 Verhältnis zwischen Natur und Technik

3. Aristoteles im Gegensatz zum neuzeitlichen Verständnis
3.1 Physik
3.2 Biologie
3.2.1 Tier- und Pflanzenzucht
3.2.2 Welken von Pflanzen

4. Technikphilosophie
4.1 Arnold Gehlen
4.2 Friedrich Dessauer
4.3 Martin Heidegger

5. Aktuelle Tendenzen

6. Fazit

7. Quellenangabe

1. Einleitung

Betrachtet man unser heutiges Verständnis von Natur, erscheint es uns als logisch, dass sämtliche Vorgänge in der Natur auch „natürlich“ sind. Hierzu gehören nicht nur sämtliche lebende Organismen, sondern auch deren Produkte. Gelegte Eier, gebaute Nester oder Schutzdämme der Tiere zählen für uns daher ebenso zur Natur wie die Lebewesen selber. Doch wo kommt dieses Verständnis eigentlich her? Sind vielleicht Ursprünge bei Ideen der griechischen Philosophen zu suchen oder ist unser heutiges Naturverständnis ganz anders als das damalige? Können wir unser heutiges Naturverständnis mit dem aristotelischen vergleichen? Oder ist es eher schwierig, solche Auffassungen aufgrund der zeitlichen Differenz gedanklich miteinander zu verknüpfen? Was zählte beispielsweise für den bedeutenden Aristoteles zur Natur und was lag für ihn außerhalb der natürlichen Grenze, war also künstlich? Gab es bei ihm überhaupt eine strikte Trennung zwischen Natur und Technik und wie sieht es damit heute aus?

So stellt sich nun die Frage, ob eine eindeutige ontologische Unterscheidung zwischen Natur und Technik und somit auch zwischen Naturgegenständen und künstlich hergestellten Artefakten, wie sie Aristoteles vollzog, tatsächlich noch sinnvoll und gültig ist, oder ob sich die Begriffe immer weiter annähern. Gleichzeitig ist zu ergründen, ob das Verhältnis zwischen Natur und Technik, wie es Aristoteles auffasst, heute noch gültig ist bzw. überhaupt gültig sein kann.

Ziel der Hausarbeit ist es, Argumente und Gegenargumente anzubringen und somit die offenstehenden Fragen zu klären. Hierbei werde ich zunächst Aristoteles’ Auffassung darlegen. Die Beispiele der neuzeitlichen Physik und der Biologie werden die Grundlage der Argumentation über die Natur bilden. Arnold Gehlen, Friedrich Dessauer und Martin Heidegger hingegen bilden die Basis in Technikfragen. Aktuelle Tendenzen sollen die Argumentation unterstützen und die Schwierigkeit einer eindeutigen Unterscheidung untermauern.

2. Aristoteles’ Verständnis

Aristoteles’ Naturphilosophie prägte die Definitionen der heutigen Physik und der Biologie nachhaltig. Er zählt bis heute zu den bedeutendsten Philosophen und Denkern der Weltgeschichte. In dem Werk Physik, Bücher I bis IV, legt Aristoteles den Gegensatz zwischen Natur und Technik dar. Zentral ist hierbei seine Unterscheidung zwischen Naturgegenständen und Artefakten.

Daher möchte ich mich zunächst den Definitionen und Begriffsklärungen von Natur und Technik bei Aristoteles widmen. Anschließend werde ich eine kurze Zusammenfassung über Unterschiede und Gemeinsamkeiten und über das Verhältnis beider Begriffe zueinander geben.

2.1 Naturbegriff und Naturgegenstände

Aristoteles findet in seiner Physikvorlesung auf mehreren Stufen zu seiner Naturdefinition.

Zunächst sollte man sich laut Aristoteles dem Urgrund aller Dinge, der „αρχή“ (arche), widmen. Denn nur, wenn man diesen findet, könne man die Natur verstehen, so Aristoteles. Dieses Urprinzip durchwirkt alle Naturprinzipien und ist das Wesen einer Sache. Auf die Natur bezogen ist es das Prinzip, welches allem in der Natur zugrunde liegt.

Aristoteles benutzt den Begriff ‚physis’, um sowohl das Urprinzip der Natur als auch die Natur selber zu charakterisieren.. Sein Begriff für die Natur ist also „φύσή“ (physis). Dieser kommt aus dem griechischen und bedeutet „wachsen“. „Physis“ ist daher der „Inbegriff des Wachsens“. Natur ist also die Gesamtheit dessen, was entsteht und vergeht, Natur ist Veränderung. Somit ist die ‚physis’ als Grundbaustein für alles Entstehende und Vergehende in der Natur zu finden.

Die ‚physis’ ist gleichzeitig jedoch auch der Weg in die ‚physis’. Denn dem Begriff der ‚physis’ kommen drei Bestimmungen zu. Zum einen bezeichnet ‚physis’ den Stoff einer Sache. Im Falle von natürlichen Gegenständen ist Natur der zugrundeliegende Stoff einer Sache. So ist beispielsweise Holz natürlich. Zum anderen bezeichnet ‚physis’ die Form, also den erreichten Zweck. Dies umfasst die Gestalt und die „in den Begriff gefasste Form“[1]. Bei beiden Einteilungen würde man sagen, dass Form und Stoff natürlich bzw. von Natur aus sind. „Natur an sich“ müssen sie jedoch nicht immer sein. Die dritte Bedeutung von ‚physis’ ist das Werden selber, also ‚physis’ als ein Werdevorgang. Natur wird hierbei als ein „Weg hin zum vollendeten Wesen“ aufgefasst[2].

Zunächst definiert Aristoteles Natur folgendermaßen: Ein Naturding ist ein jedes, welches „in sich selbst einen Anfang von Veränderung und Bestand [hat]“[3]. Daraus lassen sich zwei wesentliche Merkmale von natürlichen Gegenständen ablesen. Zum einen, dass natürliche Gegenstände entweder ganz oder zumindest teilweise der Veränderung unterliegen. Zum anderen, dass Naturgegenstände die „αρχή“ (arche – den Anfang) ihrer Bewegung und Veränderung in sich selber tragen. Alles in dem Naturgegenstand wird von einem inneren Bewegungsprinzip angeleitet. Nach Aristoteles zählen daher Menschen, Tiere, Pflanzen und die „einfachsten unter den Körpern, wie Erde Feuer, Luft und Wasser“ zu den Naturdingen[4].

Die Eigenschaft ‚Naturbeschaffenheit’ kommt den Naturdingen im Gegensatz zu Artefakten an und für sich zu. Diese Unterscheidung ist für Aristoteles’ Ansicht bedeutsam.

Laut Aristoteles kann eine Eigenschaft einem Gegenstand in mehreren Hinsichten zukommen. Einerseits kann die Eigenschaft dem Gegenstand „an und für sich“ zu (kat anton – gemäß ihm selbst) zukommen. Sie kommt dem Gegenstand dann ‚selbst als dasjenige, was es wesentlich ist’ zu. Derartige Eigenschaften sind substantielle Eigenschaften. Andererseits kann eine Eigenschaft auf einen Gegenstand „nebenbei zutreffend“ (kata symbebekos – was ihm zukommt) sein. In diesem Fall kommt dem Gegenstand die Eigenschaft „in irgendwie bestimmter Hinsicht zu“. Solche Eigenschaften sind akzidentieller Art.

2.2 Naturteleologie und endgültiger Naturbegriff

In Kapitel 8 entfaltet Aristoteles seine Idee einer Naturteleologie, welche zentral für seine endgültige Naturdefinition ist. Der Begriff Teleologie kommt vom griechischen Wort τελσς „telos“ (Ziel) und bezeichnet die Lehre von der Zielgerichtetheit und der Zielstrebigkeit des organischen Lebens und der Seele. Die Natur und darin ablaufende Prozesse besitzen also Finalität. Aristoteles’ Naturteleologie wird daher manchmal mit den Worten „Die Natur tut nichts vergeblich“ umschrieben[5].

So lautet schließlich Aristoteles’ Naturbegriff folgendermaßen: „Naturgemäß verhält sich alles, was von einem ursprünglichen Antrieb in sich selbst aus in fortlaufender Veränderung zu einem bestimmten Ziel gelangt“[6]. Hinzu kommt die Bestimmung, dass Naturprozesse stets gleich verlaufen, also wesentlich reproduktiv sind – es sei denn, sie werden einmal gestört. Demnach sind bei Aristoteles also echte Naturprozesse zweckbestimmt und regelmäßige Prozesse. Ausnahmen bilden hier lediglich Ereignisse, die durch Zufall geschehen.

2.2 Begriff der Technik und Artefakte

Der Begriff „Technik“ hat seinen etymologischen Ursprung im griechischen Wort τέχνε ‚techne’. Es bedeutet im weiteren Sinne „jedes auf ein herstellen gerichtetes Können, eine handwerkliche Geschicklichkeit“[7]. Technische Produkte sind kunstmäßig hergestellte Dinge bzw. Artefakte. Sie existieren im Unterschied zu Naturdingen nicht von Natur aus, sondern aufgrund anderer Ursachen. Hierzu zählen beispielsweise ein Haus oder ein Schiff. Der Anfangsgrund eines Artefaktes liegt in etwas anderem, also außerhalb des Dings selber. In solchen Fällen entscheidet der Mensch über Funktion und Formung. Somit ist das technische Herstellen die künstliche Formung eines (meist) naturhaften Materials. In technischen Gegenständen liegt laut Aristoteles kein innewohnender Drang zur Veränderung. Weiter lässt sich sagen, dass die Naturbeschaffenheit dem Ding nur nebenbei zukommt, wenn es aus natürlichen Stoffen wie beispielsweise Holz oder Erde gemacht worden ist. Ausschlaggebend hierfür ist zusätzlich die Funktion bzw. die Bestimmung des Artefaktes.

2.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Aristoteles unterscheidet Naturgegenstände und Artefakte auch begrifflich eindeutig. Die natürlichen Gegenstände sind bei Aristoteles als „τά φύσει όντα“ (ta physei onta - Dinge gemäß der Natur) definiert. Artefakte hingegen sind als „τα τέχηε όντα“ (ta techne onta – Dinge gemäß der Technik) definiert.

Gemeinsam haben beide Prozesse, dass sie ein Ziel verfolgen. Denn laut Aristoteles laufen alle Prozesse auf die „zweckhaft erreichte Form“ hinaus[8]. Zu dieser Übereinstimmung kommen jedoch zahlreiche Unterschiede. Ich werde mich im Folgenden auf die beiden Gravierendsten konzentrieren.

Der größte Unterschied zwischen Naturprodukten und Artefakten liegt nach Aristoteles’ Einteilung im Entstehungsprozess. Naturprodukte tragen ihren Entstehungsgrund in sich selber, Artefakte werden zum Entstehen ‚von außen’ angestoßen.

Bei beiden Prozessen ist zwar die Form des Endproduktes das Entscheidende für Aristoteles. Der Unterschied beruht jedoch in der Kraft, durch welche die endgültige Form ‚gemacht’ wird. Bei Naturprozessen geschieht die Ausformung des endgültigen Gegenstandes aus sich selber heraus. Im Gegensatz dazu entsteht die Formgebung des fertigen Gegenstandes bei technischen Prozessen aus etwas anderem heraus.

[...]


[1] Zekl, Hans Günter (Hrsg.): Aristoteles’ Physik. Hamburg: 1987: S. 55

[2] Ebd.: S. 57

[3] Ebd.: S. 51

[4] Zekl, Hans Günter (Hrsg.): Aristoteles’ Physik. Hamburg: 1987: S. 57

[5] Barnes, Jonathan: Aristoteles. Stuttgart: 1992: S. 118

[6] Zekl, Hans Günter (Hrsg.): Aristoteles’ Physik. Hamburg: 1987: S. 93

[7] Zoglauer, Thomas (Hrsg.): Technikphilosophie. Freiburg/München: 2002: S. 11

[8] Zekl, Hans Günter (Hrsg.): Aristoteles’ Physik. Hamburg: 1987: S. 55

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Physis und Techne im Verhältnis: Hat Aristoteles' Ansicht von Natur und Technik heute noch Gültigkeit?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Aristoteles' Naturphilosophie
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V68613
ISBN (eBook)
9783638594738
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Physis, Techne, Verhältnis, Aristoteles, Ansicht, Natur, Technik, Gültigkeit, Proseminar, Naturphilosophie
Arbeit zitieren
Elisa Nößler (Autor), 2006, Physis und Techne im Verhältnis: Hat Aristoteles' Ansicht von Natur und Technik heute noch Gültigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68613

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