Der Soundtrack in The Birds


Seminararbeit, 2000
8 Seiten, Note: 2

Leseprobe

In ihrem Aufsatz „The Evolution of Hitchcock’s Aural Style and Sound in The Birds“ behandelt Elisabeth Weis die Bedeutung des Tons als gestalterische Komponente im Film. Gegenüber vielen Filmkritikern und Regisseuren – wie sie selber schreibt – vertritt sie die These, daß Ton und Bild im Film durchaus gleichwertig wirken können. Das umfangreiche Filmwerk Alfred Hitchcocks ist ein Beispiel dafür. Insbesondere sein 1963 entstandener Thriller The Birds liefert zu diesem Thema eine Vielzahl interessanter Ansatzpunkte. Ausgehend von Weis‘ Text sollen im Folgenden verschiedene Sequenzen aus The Birds auf das Zusammenspiel zwischen Ton und Bild hin untersucht werden.

Hitchcock gehört zu jenen Regisseuren, die keinen Effekt um seiner selbst willen privilegieren. Vielmehr greift der „Master of suspense“ zu allen erdenklichen filmischen Mitteln, nur um eines zu erreichen, Spannung. In diesem Sinne ist eine Analyse des Soundtracks bei Hitchcock nur in Wechselwirkung mit Bild und Inhalt möglich. Dies gilt in besonderem Maße für The Birds, da in diesem Film eine isolierte musikalische Struktur völlig fehlt. Die gesamte Tonspur besteht hier aus einer Mischung von natürlichen und computergenerierten Geräuschen sowie Dialog; technische Voraussetzung ist das von Oskar Sala entwickelte Trautonium. Dieser erste Synthesizer erlaubt eine Soundcollage, die nicht mehr auf die Aufnahme von natürlichen Geräuschen angewiesen ist. Töne können nun erzeugt werden, die zugleich künstlich und den natürlichen doch ähnlich sind, was beim Zuschauer auch eine neue Art von Befremden auszulösen vermag.

Die Besonderheit, die dem Soundtrack von The Birds zugrunde liegt, leitet Weis neben der neuen technischen Möglichkeiten von Hitchcocks persönlicher künstlerischer Entwicklung ab. Ab etwa 1958, dem Entstehungsjahr von Vertigo, beginnt er seinen Erzählstil dahingehend zu verändern, daß er über den einem bestimmten Protagonisten zugeordneten Point-of-view hinausgeht und somit einen neuen, direkten Zugang für den Zuschauer zum Film schafft. In den früheren Filmen der britischen klassischen und amerikanischen Periode identifiziert sich der Zuschauer mit einer Figur oder kleineren Gruppe, z.B. einer Familie wie in The Man Who Knew Too Much, und lebt über die ganze Länge des Films mit der Angst dieser einen Figur oder Gruppe. Ab Vertigo geht es Hitchcock weniger darum, das Publikum mit dem Seelenleben einer bestimmten Person zu konfrontieren, er versucht vielmehr, den Zuschauer in die Handlung mit einzubeziehen, indem er seine Gefühle direkt anspricht. Die Integration geschieht zwar nach wie vor über eine Figur, die ihre exklusive Rolle als Identifikationsstifter mit der Zeit aber verlieren kann. Thematisiert wird nicht die individuelle Angst eines Protagonisten, sondern die Angst als solche, die auch den Zuschauer betrifft. Die Bedrohung, die in The Birds von den Vögeln ausgeht wird zu einer allgemeinen Bedrohung. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Austauschbarkeit des Opfers: Zunächst sind es nur Melanie und eine Reihe weiterer Einzelpersonen, die im Laufe der Filmhandlung eingeführt werden, dann aber auch Menschen, zu denen der Zuschauer eigentlich keinen Bezug hat: ein mehr oder weniger anonymer Nachbar, eine Gruppe von Schulkindern mit ihren Müttern und schließlich die ganze Stadt mit ihren Bewohnern. Die Gefahr ist plötzlich überall und kann jeden treffen, der Zuschauer beginnt sie für sich selbst zu spüren.

Bei dieser Art der Identifikation kommt dem Ton eine besondere Rolle zu: Die Tonspur in The Birds ist so angelegt, daß immer nur die Gräusche zu hören sind, die realistischerweise auch im gezeigten Raum zu diesem Moment gehört werden können, d. h. der Zuschauer hört ausschließlich das, was auch die Protagonisten hören. Handlungsraum und Zuschauerraum verschmelzen auf der Ebene des Hörbaren zu einer Einheit, somit wird der Zuschauer selbst noch eine Stück mehr zum Protagonisten des Films.

Diese Art von Raumkontinuum schafft zu Beginn des Films, als Überleitung vom Vorspann zur ersten Szene eine zusätzliche narrative Ebene. Während sich die Titel vor dem Hintergrund der vorbeiziehenden Vögel zusammenfügen und wieder auflösen, hört man das elektronische Geschrei und Flügelschlagen. Gegen Ende des Vorspanns werden die Geräusche lauter, und während das Bild über eine Schwarzblende nach San Francisco wechselt, geht das Vogelgeschrei direkt in eine vielfältige Soundcollage der Großstadt über, ohne dabei ganz zu verebben. Der Vorspann fungiert dabei wie das eine Geschichte einleitende Ende einer Reise. Die Vögel - im Vorspann vor neutralem Hintergrund, der eine Art Absolutheitswert suggeriert - ziehen dabei interessanterweise von links nach rechts, in Leserichtung also. Mit der Schwarzblende wird eine Zäsur geschaffen, die dem Zuschauer den Beginn der Geschichte ankündigt. Auf der Ebene des Tons besteht aber ein diegetisches Raumkontinuum, so daß für den Zuschauer der Eindruck entsteht, als seien die Vögel, die nun am Himmel über San Francisco kreisend zu sehen sind, über den Vorspann in die Stadt eingedrungen. Eine Invasion, die von den Menschen im geschäftigen San Francisco noch nicht wahrgenommen wird, denn das Geschrei der Möwen mischt sich fast unbemerkt unter die Geräusche der Stadt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Der Soundtrack in The Birds
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Inst. für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
PS: Bewegungsformen: Musik- und Tanzfilme
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V6862
ISBN (eBook)
9783638143356
Dateigröße
344 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse ohne Sekundärliteratur.
Schlagworte
Hitchcock, The Birds, Die Vögel, Soundtrack, Filmmusik, Synthesizer
Arbeit zitieren
Anna Purath (Autor), 2000, Der Soundtrack in The Birds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6862

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