Deutsche und lateinamerikanische Straßenkinder im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

18 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs „Straßenkinder“

3. Straßenkinder in Deutschland und Lateinamerika
3.1 Straßenkinder in Deutschland
3.1.1 Ursachen
3.1.2 Lebenswelt
3.1.3 Drogen
3.2 Straßenkinder in Lateinamerika
3.2.1 Ursachen
3.2.2 Lebenswelt
3.2.3 Drogen

4. Staatliche Maßnahmen
4.1 Das Projekt „Freezone“ in Mannheim
4.2 Hogar de Cristo – ein „Centro Abierto“

5. Schluss und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In Anbetracht der Tatsache, dass weltweit 100-200 Millionen Kinder auf der Straße leben[1], fand ich es sehr interessant herauszufinden, ob es bezüglich der Lebensweise etc. große Differenzen in den einzelnen Ländern gibt. Um zu möglicherweise unterschiedlicheren Ergebnissen zu kommen, habe ich für meinen Vergleich zwei verschiedene Kontinente ausgewählt. Zum Einen fand ich es wichtig zu wissen, wie die Kinder in unserer Heimat Deutschland leben, da die meisten Menschen hier immer die Kinder in Afrika oder Südamerika bemitleiden, obwohl die Problematik auch bei uns besteht und die Kinder Hilfe bräuchten. Zum anderen wollte ich mich noch genauer darüber informieren, wie es in Lateinamerika aussieht, nachdem ich schon im Seminar einen Einblick am Beispiel Kolumbien erhalten habe.

Nun zum Aufbau meiner Arbeit. Zunächst möchte ich klären, was das Wort „Straßenkind“ bedeutet bzw. welche charakteristischen Merkmale mit diesem Begriff verbunden werden. Darüber besteht nämlich keine Einigkeit in den verschiedenen Institutionen und ich werde deswegen zwei Sichtweisen darlegen, die man als recht verbindlich erachten kann. Im Folgenden möchte ich die Ursachen für die Flucht auf die Straße, die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen und den Umgang mit Drogen näher erläutern. Zuerst werde ich dies am Beispiel Deutschland und anschließend an Lateinamerika genauer darlegen.

Anschließend werde ich zwei Projekte, die in dem jeweiligen Land durchgeführt werden vorstellen. Dafür fand ich es interessant zu sehen, was in unserer unmittelbaren Umgebung, in Mannheim, getan wird. Bei meiner Recherche stieß ich auf das Projekt „Freezone“, welches schon seit einigen Jahren dort läuft. Aus den lateinamerikanischen Ländern habe ich mich für ein Projekt in Chile entschieden, welches ich eher zufällig entdeckte und das recht viel versprechend klang. Nachdem die Inhalte der Projekte erläutert wurden, werde ich im Schluss meiner Arbeit diese noch einmal kritisch betrachten und meine persönliche Meinung zu „Freezone“ und „Higar de Cristo“ darstellen.

2. Definition des Begriffs „Straßenkinder“

Den Begriff des Straßenkindes zu definieren, ist eine nicht allzu leichte Aufgabe, da er heutzutage häufig falsch verwendet wird und sich hauptsächlich in den Medien als fester Terminus etabliert hat. Geprägt wurde der Begriff durch die Existenzbedingungen vieler Kinder vor allem aus Entwicklungsländern, aber auch aus Osteuropa, die buchstäblich auf der Straße leben (müssen).[2] In Deutschland hingegen werden Kinder und Jugendliche auch schnell als „Straßenkinder“ bezeichnet, obwohl sie teilweise noch einen Bezug zur Schule oder der Familie aufrechterhalten. Für Romahn ist der Begriff nur im Zusammenhang mit der Dritten Welt entstanden, hat aber mit der deutschen Realität wenig zu tun.

Da es unmöglich wäre sämtliche Unterkategorien oder Klassifizierungen aufzulisten, die es zu dem Begriff des „Straßenkindes“ gibt, möchte ich mich im Folgenden auf die Definition des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Instituts für Soziale Arbeit (IfSA) beschränken.

Das DJI definiert demnach Straßenkinder durch folgende charakteristische Merkmale:

- „weitgehende Abkehr von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen wie Familie oder ersatzweise Jugendhilfe-Einrichtungen, sowie von Schule und Ausbildung,
- Hinwendung zur Straße, die zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz und zum Lebensmittelpunkt wird,
- Hinwendung zum Gelderwerb auf der Straße durch Vorwegnahme abweichenden, teilweise delinquenten Erwachsenenverhaltens, wie Betteln, Raub, Prostitution, Drogenhandel und
- faktische Obdachlosigkeit“[3]

Außerdem bevorzugt das DJI den Terminus „Straßenkarrieren von Kindern und Jugendlichen“ aus folgenden Gründen:

„Zugänglich werden damit erstens die vielschichtigen lebensgeschichtlichen und biographischen Voraussetzungen von Straßenkarrieren und ihrer institutionellen Einbettung; zweitens rücken mögliche Optionen für die Zukunft ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Schließlich werden drittens dem vereinfachenden Bild des ´Straßenkindes` als wehrloses Opfer die biographischen Perspektiven der Betroffenen gegenübergestellt.“[4]

Das IfSA macht bereits in seiner Einleitung deutlich, dass es den Begriff „Straßenkinder“ nicht als zutreffend für die Situation in Deutschland hält, da auch Kinder unter darunter fallen, die in Einrichtungen der Jugendhilfe oder sogar noch bei ihren Eltern leben.[5] Des Weiteren spricht sich das IfSA gegen diesen Terminus aus, da es dadurch zu Missverständnissen kommt. Der Begriff impliziere nämlich ein „Versagen der Gesellschaft“ und „erscheint so wie eine Metapher für das immer rauer werdende soziale Klima in der Bundesrepublik.“[6] Deshalb bevorzugt das IfSA die Bezeichnung „Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen“.[7] Will man trotzdem den Begriff der „Straßenkinder“ beibehalten, wird noch einmal besonderen Wert auf die Unterscheidung in drei Typen gelegt, die unter den Begriff fallen.

1) Die Ausgegrenzten: Kinder und Jugendliche für die die Straße den vorläufigen Endpunkt einer langen Kette von misslungenen Integrationsversuchen darstellt […]
2) Die Auffälligen: Kinder und Jugendliche, die teilweise in ähnlichen Lebensumständen leben, wie die erste Gruppe, die aber die Straße als Ort der Selbstinszenierung bzw. der Identitätsfindung nutzen […]
3) Die Gefährdeten: Kinder und Jugendliche für die die Straße ein Ort der „kleinen Fluchten“ ist, um sich zeitweise vor allem der elterlichen Kontrolle zu entziehen […][8]

In meiner Arbeit werde ich jedoch der Einfachheit halber den Terminus „Straßenkinder“ beibehalten.

3. Straßenkinder in Deutschland und Lateinamerika

3.1 Straßenkinder in Deutschland

3.1.1 Ursachen

Die Frage warum Kinder in Deutschland ein Leben auf der Straße führen, lässt viele Erklärungsansätze zu. Zunächst einmal kann man die Gründe für ein Leben auf der Straße in zwei Hauptfaktoren einteilen. Zum einen spielen familiäre Faktoren und zum anderen die materiellen Faktoren eine wichtige Rolle.

Heutzutage läuft das Familienleben häufig weitaus weniger harmonisch ab, als noch vor einigen Jahren. Dies lässt sich unter anderem damit begründen, dass derzeit jede dritte Ehe geschieden wird.[9] Dadurch fehlt den oft noch jungen Kindern ein Elternteil, den sie entweder gar nicht oder nur unregelmäßig sehen. Das Bedürfnis nach einer intakten Familie mit Vater und Mutter kann meist nicht mehr gestillt werden. Häufig resultieren aus diesen Familienverhältnissen auch sog. Patchwork-Familien. D.h. unter Umständen viele Kinder, ein neuer Vater oder eine neue Mutter und das Gefühl nicht mehr genug Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Viele Straßenkinder kommen auch aus schwierigen Familien, in denen sie Opfer von psychischer und physischer Gewalt, Mißhandlung[10] und sexuellem Mißbrauch wurden.“[11] Diese Situation findet man häufig in Familien, die Sozialhilfe empfangen, also in sozial „niedrigeren“ Schichten. Um sich den Demütigungen im Alltag zu entziehen, fliehen sie auf die Straße und hoffen auf ein besseres Leben.

Fairerweise muss man jedoch auch sagen, dass ebenso Kinder und Jugendliche aus der Mittelschicht auf der Straße leben. Diese sind zwar meist nicht Opfer physischer Gewalt geworden, dafür berichten sie aber „von Gleichgültigkeit, wenig Zuwendung, wenig individuellem Freiraum und unerträglichem Leistungsdruck.“[12] In solchen Familien ist zwar die materielle Versorgung gegeben, die emotionale Zuwendung bleibt jedoch auf der Strecke.[13] Häufig suchen diese Kinder Kontakt zu Randgruppen, wie Skin-Heads oder Punks, als Mittel gegen dieses bürgerliche Gesellschaftsmodell zu rebellieren. In diesen Gruppen finden die Jugendlichen meist die Zuwendung und das Verständnis, welches sie zu Hause vermissen.[14]

Ein weiterer Grund, für das Leben auf der Straße, ist die Flucht vor der Abschiebung. Kinder aus Migrantenfamilien leben oft ohne Aufenthaltsgenehmigung hier, so dass die einzige Möglichkeit weiterhin in Deutschland bleiben zu können, die Flucht auf die Straße ist.

Die finanzielle Not ist ebenso ein Beweggrund sich aus der Familie zu entfernen. „Seit 1990 lebt jedes 11. Kind unter 7 Jahren in einem Sozialhilfeempfänger-Haushalt.“[15] Die Kinder wachsen daher meist in beengten Wohnverhältnissen auf und die Sorge um die Zukunftschancen erhöht den Leistungsdruck auf die Kinder.[16]

[...]


[1] Vgl. Homepage UNICEF

[2] Vgl. Romahn, 9

[3] Vgl. Institut für Soziale Arbeit (Hrsg.), 26

[4] Vgl. Romahn, 12

[5] Vgl. Institut für Soziale Arbeit (Hrsg.), 9

[6] Vgl. ebd., 29

[7] Vgl. ebd., 9

[8] Vgl. ebd., 30f

[9] Vgl. Romahn, 47

[10] Literatur folgt der alten Rechtschreibung

[11] Vgl. ebd., 48, Vgl. Milcher, 35

[12] Vgl. Milcher, 36

[13] Vgl. Romahn, 49

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd., 50

[16] Vgl. Milcher, 35f

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Deutsche und lateinamerikanische Straßenkinder im Vergleich
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1-2
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V68639
ISBN (eBook)
9783638610940
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Straßenkinder, Vergleich
Arbeit zitieren
Katja Tiedtke (Autor), 2007, Deutsche und lateinamerikanische Straßenkinder im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68639

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