Antisemitische Implikationen des Kampfes gegen Antisemitismus in Lessings "Die Juden"


Hausarbeit, 2004

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Handlung des Stückes

These

Präzisierung der These

Exkurs: Postones Theorie des modernen Antisemitismus

Der Reisende als Personifikation des Anderen des Tausches

Resümee

Literatur

Die Handlung des Stückes

Gotthold Ephraim Lessings 1749 geschriebenes und 1754 publiziertes und uraufgeführtes ‚ernstes Lustspiel’ Die Juden stellt eine Kritik allgemeiner Vorurteile dar. Es behandelt den christlichen Judenhass und führt dessen antisemitische Stereotypen vor. Die dramaturgische Pointe verwehrt dem Publikum die Erfüllung des „Gesetzes des Lustspiels“, nämlich die Heirat der Liebenden – und problematisiert so auf emotionale Weise die kulturelle Separation zwischen Christen und Juden.

In nachholender Erzählung erfahren wir, dass ein Landbaron von zwei als Juden verkleideten Straßenräubern nachts überfallen wurde. Ein zufällig vorbeikommender Reisender und sein Diener vertrieben mutig die Angreifer und wurden vom Baron aus Dankbarkeit für einige Zeit auf dessen Gut eingeladen. Dort befinden sich auch die Räuber: Vogt und Schulze des Barons – mit deren zynischem Dialog über ihren misslungenen Mordversuch das Stück einsetzt. In Dialogen mit dem Reisenden formulieren sowohl der Vogt, der den Verdacht von sich ablenken will, als auch der Baron, der die Banditen wirklich für Juden hält, diverse antisemitische Klischees. Der Reisende distanziert sich stets von diesen Klischees und erweist sich insgesamt mehrmals als toleranter Menschenfreund. Die Tochter des Barons verliebt sich in den Reisenden, und nachdem der Reisende durch einige Verwicklungen und glückliche Zufälle hindurch aufdecken kann, wer die Banditen gewesen sind, bietet der Baron dem Reisenden die Hand seiner Tochter an. Der Reisende entdeckt sich nun zum Erstaunen aller als Jude, weshalb die Heirat selbstverständlich ausfallen muss.[1]

These

In Die Juden betritt die erste positive Judengestalt des deutschen Theaters die Bühne. Lessing war damit unter anderem auch in der Problematisierung des Antisemitismus seiner Zeit voraus. Primär findet die Denunziation des Antisemitismus hierbei in der Form der Denunziation des generalisierenden Vorurteils gegen eine spezifische soziale Gruppe statt: in ähnlicher Weise könnten statt der Juden etwa auch Personen anderer diskriminierter Religionen oder anderer „Rassen“ vor dem „allgemeinen Urteil“ in Schutz genommen werden. Die markanteste Stelle für diese Strategie Lessings im Stück ist der Ausspruch des Reisenden:

„Ihnen die Wahrheit zu gestehn: ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker“ (zitiert nach Wölfel, S. 123)

Der Zwanzigjährige Lessing kannte zur Zeit der Entstehung des Stückes noch nicht die Einzelheiten jüdischen Kulturlebens im Europa des 18. Jahrhunderts und war wohl auch nicht allzu sehr an ihnen interessiert. Das Stück lebt davon, dass die Judengestalt des Stückes, der Reisende, einen Menschen vorstellt, der als Jude gar nicht zu erkennen ist. Bis zur Enthüllung am Ende des Stückes wissen weder die Zuschauer noch die anderen Figuren des Stückes, dass es sich beim Reisenden um einen Juden handelt. Insofern bietet Lessing keine Darstellung eines wie immer vorzustellenden „authentischen Juden“, der zu jener Zeit durch Kleidung, Sprache, Handlung auf den ersten Blick zu erkennen gewesen wäre. Was Lessing später den nicht ganz unberechtigten Vorwurf einhandelte, seine positive Judenfigur sei ein vollständig an christliche Werte assimilierter Jude – also etwas ganz anderes als eine positive Judenfigur, die offensiv zum Judentum steht. Jedenfalls werden im Stück nur wenige jüdische Besonderheiten benannt und diese zum Teil auch gleich wieder als Klischees ironisiert.

Wenngleich sich der junge Lessing also an den gelebten Attributen des Judentums relativ desinteressiert zeigte und sein Stück wesentlich gegen generalisierende Vorurteile überhaupt gerichtet ist, so ist es dennoch deutlich ein anti-antisemitisches Stück in dem couragierten Aufzeigen jüdischer Stereotypen als verächtlicher Klischees. In der Vorrede von 1754 heißt es demgemäß über das Stück:

„Es war das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ, sollte ich meinen, nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann. Aus ihm, dachte ich, sind ehedem soviel Helden und Propheten aufgestanden, und jetzo zweifelt man, ob ein ehrlicher Mann unter ihm anzutreffen sei?“ (zitiert nach Wölfel, S. 755)

So steht also doch – zumindest negativ – eindeutig das Judentum und nicht eine anderweitig diskriminierte Minderheit im Zentrum des Stückes. Nicht zuletzt macht sich dies auch in einigen wenigen Andeutungen über den religiös motivierten Antisemitismus geltend, in denen sich schon früh die Thematik des Nathan ankündigt.

Wichtiger für diese Hausarbeit sind allerdings die ökonomisch kodierten Antisemitismen, die im Stück thematisiert werden. Es soll im Folgenden die These gestützt werden, dass die antisemitische Charakterisierung der Juden als mehr oder weniger betrügerische Händler auf untergründige Weise mit dem Ethos des Reisenden korrespondiert, nämlich in dem Sinne, dass der Reisende durch sein Verhalten nicht nur den betrügerischen Tausch, sondern auch den ‚gerechten Tausch’ als ethisch minderwertig denunziert und sich damit quasi als das genaue Gegenteil der Stereotype vom ‚handelnden Juden’ darstellt. Der Vorwurf, Lessings Reisender sei nur ein an seine christliche Umgebung assimilierter Jude, lässt sich so in gewisser Weise noch verschärfen: der Reisende stellt sich – allerdings nur auf einer unbewussten Handlungsebene – als eine Art Prototyp des „Kronzeugen-Juden“[2] heraus, insofern er als vermeintliche Ausnahme dafür bürgt, dass jüdisches Leben in der Regel verächtlich sei.

Präzisierung der These

Sicherlich tut eine solche Interpretation Lessings Intentionen Gewalt an. Deswegen werde ich versuchen, die These etwas zu präzisieren, bevor ich sie im nächsten Schritt anhand des Stücktextes zu begründen versuchen werde.

In der berühmt gewordenen Replik auf die Kritik des Göttinger Orientalisten Michaelis am Stück, schreibt Lessing:

„Besteht man aber darauf, daß Reichtum, bessere Erfahrung und ein aufgeklärterer Verstand nur bei einem Juden keine Wirkung haben könnten: so muß ich sagen, daß dieses eben das Vorurteil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurteil, das nur aus Stolz oder Haß fließen kann und die Juden nicht bloß zu rohen Menschen macht, sondern sie in der Tat unter die Menschheit setzt.“ (zitiert nach Wölfel, S. 758)

Der erste gebildete Jude auf einer deutschen Bühne soll nach dem Willen des Autors das Publikum lehren, dass Juden Menschen sind, die genauso die Möglichkeit haben, edel und gut zu sein, wie Christen sie haben. Der Reisende ist die erste jüdische Figur, die nicht dem Lachen oder dem antisemitischen Klischee des Publikums preisgegeben wird, sondern statt dessen von ihm Hochachtung für sein edles Handeln abverlangt. Dass der verstockt-antisemitische Kritiker Michaelis schon 1754 fand, dies sei zu viel verlangt, und sich an einer solch ‚unrealistischen Judenfigur’ störte, ist bezeichnend für die Hartnäckigkeit der antisemitischen Projektion, die nicht einmal eine einzelne Ausnahme von der Regel zuzulassen bereit ist. Michaelis selbst begründet diesen allgemeinen Charakter „des Juden“, der dem Reisenden so sehr widerspricht, zumindest zu einem Teil aus dessen sozialer Situiertheit – aus der durch christliches Recht erzwungenen Einsperrung der Juden in die ökonomische Sphäre der Zirkulation, die Sphäre des Handels[3]:

„Diese Unwahrscheinlichkeit stört unser Vergnügen desto mehr, jemehr wir dem edeln und schönen Bilde Wahrheit und Dasein wünscheten. Aber auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dasselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bei den Grundsätzen der Sittenlehre, welche zum wenigsten der größte Teil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich, sonderlich da fast das ganze Volk von der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Versuchung zum Betruge gibt, als andre Lebensarten.“ (zitiert nach Wölfel, S. 757)

Michaelis gibt klar den Zwang der sozialen Verhältnisse zu, die fast ein ‚ganzes Volk’ zum Handel treiben: es muss davon leben. Unter Umständen lässt sich dies als Zugeständnis des Intellektuellen und heimlichen Antisemiten Michaelis an eine Argumentation des Reisenden werten und somit als ein gewisser Erfolg Lessings gegen den Antisemitismus. Der Reisende macht in einem Monolog nämlich ebenfalls die soziale Situiertheit als Begründung für die fehlende moralische Integrität einer Vielzahl von Juden geltend, allerdings eine sehr andere Situiertheit:

„Wenn ein Jude betriegt, so hat ihn, unter neunmalen, der Christ vielleicht siebenmal dazu genötiget. Ich zweifle, ob viel Christen sich rühmen können, mit einem Juden aufrichtig verfahren zu sein: und sie wundern sich, wenn er ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten sucht? Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Völkerschaften herrschen, so müssen beide gleich viel dazu beitragen. Wie aber, wenn es bei der einen ein Religionspunkt, und beinahe ein verdienstliches Werk wäre, die andre zu verfolgen?“ (zitiert nach Wölfel, S. 116)

Lessing macht also, wie wir oben sahen, Reichtum und Bildung zu sozialen Voraussetzungen des Edelmuts und umgekehrt die Feindlichkeit der Christen gegenüber den Juden zu einer starken sozialen Bedingung jener Juden, die dem christlichen Klischee des „betrügerischen Juden“ entsprechen.[4] Er zeigt sich hierin als Aufklärer über den sozialen und keineswegs natürlichen Charakter sowohl der Separation der Juden wie des Antisemitismus. Ähnlich wie später in der Ringparabel ist ihm aber der Aufweis der menschlichen Gleichheit wichtiger als die Thematisierung der charakteristischen Merkmale des spezifischen kulturellen Ortes eines einzelnen besonderen Menschen. Lessings Vorurteilskritik ist in ihrem egalitären Gestus repressiv gegenüber den Spezifika sozialer Phänomene: die drei großen monotheistischen Religionen werden in der Ringparabel unter Absehung ihres jeweiligen Gehalts der Religion der allgemeinen Menschenliebe subsumiert und der Reisende wird als nahezu von allen jüdischen Attributen gereinigter Mensch zum Edlen kraft seines Besitzes und seiner Bildung. Damit bleibt die Diskussion und Bewertung der Spezifika weitgehend aus: Weder erfährt der Zuschauer im Nathan viel über das Judentum (oder auch das Christentum oder den Islam), noch in Die Juden viel über das kulturelle Leben von Juden.

Wenn Michaelis den Reisenden als jüdische Figur unrealistisch findet, so spielt er damit genau das vermeintlich Spezifische des Judentums gegen die egalitäre Vorurteilskritik Lessings aus. Da der Antisemitismus keine reflexiv-rationale Denkfigur ist, sondern eine „pathische Projektion“ (Adorno, S. 218) bleibt Lessings Argument, dass auch Juden Menschen seien, gegenüber der Spezifik des projektiven Inhalts hilflos: für Michaelis, prototypisch für jeden x-beliebigen Antisemiten, sind „die Juden“ ein für alle Mal Handeltreibende und damit zu edlem, also im eigentlichen Sinne menschlichem Verhalten prinzipiell nicht fähig. Dass Michaelis selbst davon zeugt, dass Juden in die Zirkulationssphäre gezwungen wurden, er also von der spezifisch-historischen Bedingtheit und damit Veränderlichkeit der sozialen Situation von Juden zu wissen scheint, dürfte für sein Denken konsequenzlos bleiben.[5]

[...]


[1] Heiraten zwischen Christen und Juden waren nicht erlaubt und konnten nur praktiziert werden, sofern der Jude bzw. die Jüdin vorher zum Christentum konvertierte.

[2] Der Begriff des „Kronzeugen-Juden“ wird in der Diskussion für die Denunziation einer spezifischen antisemitischen Diskurs-Konstellation verwendet: Er bezeichnet ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft, das bestimmte antisemitische Klischees bestätigt und für propagandistisch-antisemitische Zwecke öffentlichkeitswirksam nach dem Motto „ein Insider packt aus“ benutzt wird. Für ein jüngstes Beispiel der Verwendung dieses Begriffes sei auf die sogenannte Finkelstein-Debatte verwiesen, vgl. z. B. Rolf Surmann: Der jüdische Kronzeuge, Die Reaktion auf Finkelsteins Pamphlet als Audruck eines zeitgeschichtlichen Paradigmenwechsels.

[3] Ich setze Kenntnisse über die historische Situation der Juden im Europa des 18. Jahrhunderts hier allgemein voraus. Vgl. für Einzelheiten die im Literaturverzeichnis angegebenen „Texte zur historischen Situation der Juden“ bzw. meine zusammenfassend Präsentation unter www.nord-com.net/katze/Lessing/Juden.pdf.

[4] Gleich doppelt hält sich der Reisende hier von der Formulierung allgemeiner Urteile fern. Er redet erstens nicht generalisierend von „den Juden“ oder „den betrügerischen Juden“, sondern in Form eines Konditionalsatzes von jenen Juden, die betrügen. Zweitens gibt er keine strikte Bedingtheit des Betrugs von der Provokation durch die christliche Umwelt an, sondern nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage über diesen Zusammenhang. Eine Wahrscheinlichkeit von 7 zu 9, fast 80 %, ist allerdings gleichzeitig eine überaus hohe, so dass der Zusammenhang nur als genereller negiert wird, nicht jedoch als üblicher.

[5] Die Gründe für den angedeuteten Denkinhalt vom „ewigen Juden“ sind schwierig zu bestimmen und würden den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen. Nur angedeutet: Die christlich-religiöse Stereotype vom „Christus- bzw. Gottesmörder“ Judas, die auf alle Juden übertragen wurde, transzendiert qua ihres religiös-metaphysischen Charakters die Zeitlichkeit. Ähnlich auch auf der ökonomischen Seite: die Geltung des äquivalenten Tausches als des Prinzips gesellschaftlicher Synthesis kann auf dem Boden kapitalistischer Vergesellschaftung nicht historisch, sondern nur logisch begriffen werden. Die Identifikation „der Juden“ mit dem Abstrakten der Vergesellschaftung stiftet daher ebenfalls die Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit jüdischer Attribute im Bewusstsein des Antisemiten. Ich werde kurz darauf in der Diskussion des Ansatzes von Moishe Postone zurückkommen.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Antisemitische Implikationen des Kampfes gegen Antisemitismus in Lessings "Die Juden"
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Lessing als Dramatiker, Literaturkritiker und Aufklärer
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V68660
ISBN (eBook)
9783638611077
ISBN (Buch)
9783638672917
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unter http://www.nord-com.net/katze/Lessing/Juden.pdf sind die Folien für ein Referat zu finden, das ich im Rahmen der genannten Veranstaltung gehalten habe und auf das sich die Hausarbeit implizit bezieht. Leider handelt es sich wegen der Grafikelemente um ein sehr umfangreiches Dokument (über 3 MB).
Schlagworte
Antisemitische, Implikationen, Kampfes, Antisemitismus, Lessings, Juden, Lessing, Dramatiker, Literaturkritiker, Aufklärer
Arbeit zitieren
Bert Grashoff (Autor), 2004, Antisemitische Implikationen des Kampfes gegen Antisemitismus in Lessings "Die Juden", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68660

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