Martin Buber (1878-1965): Wegbereiter eines christlich-jüdischen Dialoges?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 12


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Martin Buber - ein Lebensabriss

2. Die Anfänge eines „Dialoges“ zwischen Christen und Juden
2.1 Rede Bubers bei einer Studientagung der Judenmissions- gesellschaften in Stuttgart (1930)
2.2 Zwiegespräch im Jüdischen Lehrhaus Stuttgart (1933)

3. Christentum und Judentum - „Zwei Glaubensweisen“
3.1 Jesus der Jude - Jesus der Christus
3.1.1 Bedeutung des vormessianischen Jesus
3.1.2 Zur Messianität Jesu
3.2 Kritische Anfragen an das Christentum
3.2.1 Die Johannes- und Pauluskritik
3.2.2 Die Bildkritik

4. „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich.“ (Röm 11, 18)
4.1 Die Buber/Rosenzweig Bibel
4.2 Bedingungen und Möglichkeiten eines Dialoges

5. Schluss: Bubers Anstoß zur christlich-jüdischen Verständigung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde am 8. Februar 1878 in Wien geboren. Er wuchs bei seinem Großvater, einem bekannten Gelehrten namens Salomon Buber, in Lemberg auf. Buber studierte an den Universitäten Wien, Leipzig, Zürich und Berlin Philosophie und Kunstgeschichte. 1901 wurde er Chefredakteur der zionistischen Zeitung „Die Welt“. Als er sich am 5. Kongress der Demokratischen Fraktion anschloss, die sich gegen Herzl wandte, trat er von seiner Position zurück. Er gründete in Berlin den Jüdischen Verlag. Daraufhin studierte und widmete er sich seit 1905 dem Chassidismus und erschloss damit der westlichen Welt diese ostjüdische Welt – und Frömmigkeitsform. Nachdem er die Geschichten des Rabbi Nachman ins Deutsche zu übersetzen versuchte, entschied er sich, sie frei nachzuerzählen. Daraus entstanden im Jahre 1906 „Die Geschichten des Rabbi Nachman“ und 1908 „Die Legende des Baalschem“. Beim Ausbruch des ersten Weltkrieges gründete Buber in Berlin das Jüdische Nationalkomitee, eine Hilfsorganisation für Ostjuden[1].

Im Jahre 1916 gründete er die Monatszeitschrift „Der Jude“. In den Nachkriegsjahren war Buber der Sprecher des hebräischen Humanismus. Ab 1923 unterrichtete er jüdische Religionswissenschaft und Ethik an der Universität in Frankfurt. 1923 entstand sein Buch „Ich und Du“. Im Jahre 1925 begann er mit Franz Rosenzweig die Verdeutschung des Alten Testaments. Diese epochale Neuübersetzung wurde 1961 abgeschlossen.

Durch Naziverfolgung wanderte er 1938 nach Jerusalem aus und übernahm dort an der Hebräischen Universität eine Professur für Sozialphilosophie. Er wurde der Wortführer zwischen Arabern, später auch zwischen Deutschen und Juden. In den letzten Jahren seines Lebens erhielt er Ehrungen aus aller Welt, darunter auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Jahre 1952. Am 13. Juni 1965 verstarb Martin Buber in Jerusalem[2].

Person, Leben und in erster Linie die überaus hohe Zahl der von Martin Buber verfassten Werke brachten und bringen immer noch ein breites Spektrum an Forschungsliteratur hervor. Wollte man Buber umfassend, in jeglichen Bereichen, all seinen Facetten greifen und begreifen, man wäre Jahre beschäftigt.

Die vorliegende Arbeit befasst sich daher mit einem speziellen Aspekt im Leben und Schaffen Bubers, der sich freilich in diversen Biographien wieder finden und -lesen lässt: Martin Buber als Verfechter, Antreiber oder gar Wegbereiter eines Dialoges zwischen Juden und Christen auf Augenhöhe und gegenseitiger Anerkennung. Zu diesem Zwecke soll Bubers intensive Auseinandersetzung mit der christlichen Religion insbesondere in dem Werk „Zwei Glaubensweisen“[3] ausführlicher skizziert werden.

Diese Arbeit beginnt also in einem ersten Teil mit den Anfängen eines „Dialoges“ zwischen Christen und Juden, wozu eine Rede vor den Judenmissionsgesellschaften als auch ein Zwiegespräch Bubers mit Karl Ludwig Schmitt herangezogen wird.

Die Gliederung richtet sich im zweiten Teil nach dem Aufbau des oben genannten Werkes „Zwei Glaubensweisen“, und zwar in zweierlei Hinsicht: Bevor Bubers kritische „Anfragen“ an das Christentum erläutert werden, muss die Bedeutung des vormessianischen Jesus herausgestellt, aber auch auf den Christus des Glaubens eingegangen werden. Die oft missgedeuteten Kapitel 8-11 des Römerbriefs sollen den Ausgangspunkt des dritten Teiles bilden, von dem aus ein Blick auf die Buber / Rosenzweig - Bibelübersetzung gerichtet wird, sowie Möglichkeiten und Bedingungen eines Dialoges zwischen Juden und Christen ausgelotet werden. Der Schluss wird gleichsam eines Fazits die zentralen Gesichtspunkte zusammenfassen und - soweit möglich und nötig - kritisch bewerten.

Wie schon betont, dient in erster Linie „Zwei Glaubensweisen“ zur Orientierung. Nichtsdestotrotz muss und wird zum tieferen und umfassenderen Verständnis über den Tellerrand hinaus, auf andere Werke Bubers mancher Blick gewagt werden.

Gleichermaßen möchte ich, soweit sinnvoll, Buber selbst zu Wort kommen lassen, um seine ausgezeichnete Rhetorik nicht vernachlässigen und zudem die ausdrucksstarken Worte nicht vereinfachend umschreiben zu müssen.

2. Die Anfänge eines „Dialoges“ zwischen Christen und Juden

Wie die Einleitung schon in Kürze umrissen hat, ist es, um die Denkstruktur Bubers verfolgen und nachvollziehen zu können, notwendig, einen Blick auf andere Werke des Religionsphilosophen zu richten.

So sollen an dieser Stelle zwei frühere Stellungnahmen Bubers zum Verhältnis Judentum - Christentum von 1930 bzw. 1933 vorgestellt und auf zentrale Aussagen überprüft werden.

Der Begriff eines „Dialoges“ zwischen den beiden Religionen, wie er in der

Überschrift zu lesen ist, führt ein wenig in die Irre und stellt in der Tat eine Übertreibung dar: Entweder war der Jude Buber in der Position eines Antwortenden, dem nicht zustand, Fragen und Gegenfragen zu stellen oder er sah sich in der Rolle des Verteidigers, Rechtfertigers seines Glauben wieder.

Entsprechendes spiegelt die Überschrift, die hier verwendet wird, wider: „Dialog“ muss hier in Anführungszeichen gesetzt, um nicht falsch verstanden und ausgelegt zu werden. Zudem ist die Reihenfolge „Christen und Juden“ nicht willkürlich gewählt, reflektiert sie doch genau den damaligen Anspruch des Christentums: Die absolute Vorrangigkeit des christlichen Glaubens als „wahres Israel“, dem es vermeintlich oblag, die Grundsätze und Regeln eines Gespräches zu diktieren und dirigieren.

2.1 Rede Bubers bei einer Studientagung der Judenmissionsgesellschaften in Stuttgart (1930)

Die, auf einer von den vier Judenmissionsgesellschaften deutscher Zunge einberufenen Studientagung in Stuttgart im März 1930 gehaltene Rede „Die Brennpunkte der jüdischen Seele“[4] bringt einmal mehr zum Ausdruck, in welcher Stellung Buber sich befindet. Er wurde „aufgefordert [sic!]“, sich zum Judentum zu äußern, „über die Seele des Judentums zu sprechen“[5]. Allein die Örtlichkeit des Vortrages spricht in höchstem Maße für sich und kann nur auf eine Rechtfertigung, ja eine Rechenschaft, der sich Buber konfrontiert sieht, hinauslaufen. Dennoch ist er dieser Aufforderung der Missionsgesellschaften, deren Ziele er grob entgegensteht, gefolgt: Er sieht sich in der Pflicht „Auskunft zu geben, so gut man kann“[6].

Schon der Einstieg, der Auftakt der Rede birgt eine harte Kritik an der Mission und am Christentum insgesamt in sich:

„Ich bin dieser Aufforderung gefolgt, obwohl ich der Sache, die diese Ihre Tagung trägt, entgegen nicht bloß „eben als Jude“, sondern auch in Wahrheit als Jude, das heißt als einer, der des Gottesreiches, des Reichs der Einung, harrt und alle solche „Mission“ als eine Verkennung seines Wesens und Hinderung seines Kommens sieht.“[7]

In diesem recht unscheinbaren, anfänglichen Satz steckt nicht nur grundsätzliche Ablehnung der Judenmission, sondern gleichzeitig die Kritik an jedweder Mission. Gottesreich als „Reich der Einung“ setzt die vorherige Trennung voraus: Trennung zwischen den Religionen des Christentums und Judentums, wobei sich gerade erstere als „wahre“ Religion begreift, abgehoben von der Nicht-Erkenntnis, der Verstockung des Judentums. Institutionalisiert ist dieser vermeintliche Vorrang durch die Judenmission, unfähig die Juden als Partner anzuerkennen, Partnerschaft zuzugestehen[8].

Darauf folgend versucht Buber, die von ihm so bezeichneten zwei „Brennpunkte der jüdischen Seele“ näher zu charakterisieren und diese vom christlichen Glauben abzusetzen[9]: Das Wechselspiel im Vertrauensverhältnis von Nähe und Distanz, Gott und Volk auf Seiten des Judentums wird der Inkarnation Jesu Christi gegenübergestellt, der als Mensch die Menschen geeint hat.

Auf der anderen Seite besteht, nach Buber, ein Dualismus zwischen der „erlösenden Kraft Gottes überall“[10] und der Erlöstheit der Welt, die der Jude nicht zugeben kann, ja weiß, dass sie nicht geschehen ist:

„Wohl vermag er [der Jude] in der geschehenen Geschichte Vorbildungen der Erlösung zu erblicken, aber eben nur jene immer und überall wirkende Heimlichkeit des Lichtes aus der Finsternis, nicht eine artandere, wesenhaft einmalige zukunftentscheidende, die nur noch zu ihrem Ende zu führen wäre.“[11]

Treffend fasst Buber von diesen beiden Brennpunkten ausgehend, das eigentlich Trennende zwischen Judentum und Christentum zusammen:

„…die Inkarnationslosigkeit des dem „Fleisch“ sich offenbarenden und ihm in der gegenseitigen Beziehung gegenwärtigen Gottes und die Zäsurlosigkeit der auf Erfüllung ausgerichteten und immerdar Entscheidung erfahrenden Menschengeschichte sind das letztlich Sondernde zwischen Judentum und Christentum.“[12]

Dessen ungeachtet verweist er jedoch auch auf Gemeinsamkeiten der beiden Glaubensrichtungen, welche durch das eine Buch und durch die Erwartung manifestiert sind. Obwohl auch diese beiden Bindeglieder verschiedenartig aufgefasst und interpretiert werden, fordert Buber zu „gemeinsamem Arbeiten“, „gemeinsamem Harren“ und „gemeinsamem Straße bahnen“[13] auf: Ein sanfter Aufruf zu einem Dialog.

[...]


[1] Vgl. Peter Stöger: Martin Buber. Eine Einführung in Leben und Werk, Innsbruck und Wien 2003, S. 24ff..

[2] Vgl. Gerhard Wehr: Martin Buber, Hamburg 131998, S. 27ff..

[3] Martin Buber: Zwei Glaubensweisen, Zürich 1950.

[4] Die Brennpunkte der jüdischen Seele, in: Martin Buber: Der Jude und sein Judentum. Gesammelte Aufsätze und Reden, Köln 1963, S. 201-211.

[5] Ebd., S. 201.

[6] Ebd..

[7] Ebd..

[8] Ekkehard Stegemann: Martin Buber (1878-1965). Einleitung, in: Christentum aus jüdischer Sicht. Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum, hg. v. Fritz A. Rothschild, Berlin u. Düsseldorf 22000, S. 121-133, 129.

[9] Buber, Brennpunkte, S. 210.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd..

[12] Ebd., S. 210.

[13] Ebd., S. 211.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Martin Buber (1878-1965): Wegbereiter eines christlich-jüdischen Dialoges?
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Katholische Theologie )
Veranstaltung
Christliche Theologie des Judentums - Jüdische Theologie des Christentums
Note
12
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V68754
ISBN (eBook)
9783638611381
ISBN (Buch)
9783638672993
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin, Buber, Wegbereiter, Dialoges, Christliche, Theologie, Judentums, Jüdische, Christentums
Arbeit zitieren
Martin Schnurr (Autor), 2006, Martin Buber (1878-1965): Wegbereiter eines christlich-jüdischen Dialoges?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68754

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