Angelika Kauffmann (1741-1807) gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts und erlangte insbesondere aufgrund ihrer Porträtgemälde bereits zu Lebzeiten eine internationale Reputation, die ihr den Zugang zu den höchsten Gesellschaftskreisen Italiens und Englands sicherte und materiellen Wohlstand bescherte. Im folgenden soll gezeigt werden, in welcher Form sich Angelika Kauffmann in deutlicher Abgrenzung zu ihren männlichen Kollegen als individualistisch-innovative Künstlerin etablierte und inwieweit der von ihr selbst geschaffene Mythos um ihre Person mit der geschlechtsspezifischen Inszenierung von Weiblichkeit und Männlichkeit in ihren Bildnissen korrespondiert. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Biographischer Abriss. Studienjahre
3 Die gesellschaftpolitische und soziokulturelle Situation im England des 18. Jahrhunderts
3.1 Die britische Porträtmalerei im 18. Jahrhundert
3.1.1 Das Porträtstudio und seine Funktionen
3.1.2 Turquerie – Das Studio als Ort weiblicher Begegnung und Kommunikation
4 Weiblichkeitsmodelle in Angelika Kauffmanns Bildnissen
4.1 „Diese Frau ist eine so schöne Seele wies wenige giebt“ – Selbstinszenierung der Künstlerin
4.2 Frauenbilder. Von weiblichen Qualitäten
4.3 Männerbilder. Das Konzept des Androgynen
5 Angelika Kauffmann im Vergleich mit Sir Joshua Reynolds
6 Künstlerischer Nachlass
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Malerin Angelika Kauffmann im 18. Jahrhundert als individualistisch-innovative Künstlerin in einem männlich dominierten Umfeld etablieren konnte und wie sie dabei gezielt den Mythos ihrer Person mit der geschlechtsspezifischen Inszenierung in ihren Porträtgemälden verknüpfte.
- Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für Künstlerinnen im 18. Jahrhundert
- Die Rolle des Porträtstudios als kultureller und sozialer Wirkungsort
- Die Analyse spezifischer Weiblichkeits- und Männlichkeitsmodelle in Kauffmanns Werk
- Der künstlerische Vergleich zwischen Angelika Kauffmann und Sir Joshua Reynolds
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Porträtstudio und seine Funktionen
Angelika Kauffmann, in England hauptsächlich „Miss Angel“ genannt, etablierte ihr erstes Studio als Porträtmalerin in London kurz nach ihrer Ankunft im Jahre 1766; um Seriosität und Wohlstand zu demonstrieren, ließ sie sich im Künstlerbezirk Soho nieder, das damals als eines der nobleren Viertel der Stadt galt.
Als deutschsprachige Künstlerin, die ihr Handwerk größtenteils in Italien gelernt hatte, erregte Kauffmann rasch die Aufmerksamkeit des englischen Königshauses, von dem sie schließlich auch ihre ersten bedeutenden Porträtaufträge und offiziellen Besuche erhielt. Dadurch erlangte sie innerhalb kürzester Zeit einen Status, der „in dieser Hinsicht sogar Joshua Reynolds nie vergöttert war“.
Ihr Studio war ein gesellschaftlicher Treffpunkt, ein Ort, den Frauen jederzeit auch ohne männliche Begleitung aufsuchen konnten, um sich mit anderen Frauen zu treffen und auszutauschen; indem sie während ihrer Porträtsitzungen des öfteren Lesungen abhalten oder Musikstücke vortragen ließ, mitunter auch selbst musizierte, schuf sie in ihrem Studio eine emotional-ergriffene Atmosphäre, die im Sinne von Adam Smiths ‚Sympathy’-Konzept mit weiblichen Qualitäten assoziiert wurde – sie gestaltete ihren Wirkungsbereich als „positiv prägenden und kulturell wirksamen Ort“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Leben der Künstlerin und die Forschungsfrage zur Inszenierung von Identität in ihren Werken.
2 Biographischer Abriss. Studienjahre: Überblick über die Ausbildung und den Werdegang Kauffmanns vor ihrer Übersiedlung nach London.
3 Die gesellschaftpolitische und soziokulturelle Situation im England des 18. Jahrhunderts: Untersuchung der sozialen Verschiebungen und des neuen bürgerlichen Weiblichkeitsideals.
3.1 Die britische Porträtmalerei im 18. Jahrhundert: Erläuterung der Bedeutung des Porträts als Repräsentationsmedium und soziale Funktion.
3.1.1 Das Porträtstudio und seine Funktionen: Analyse des Studios als autonomer, weiblich geprägter Raum.
3.1.2 Turquerie – Das Studio als Ort weiblicher Begegnung und Kommunikation: Untersuchung des Orientalismus als Mittel zur Artikulation weiblicher Selbstbestimmung.
4 Weiblichkeitsmodelle in Angelika Kauffmanns Bildnissen: Darstellung der bewussten Stilisierung der Künstlerin zur Ikone der Empfindsamkeit.
4.1 „Diese Frau ist eine so schöne Seele wies wenige giebt“ – Selbstinszenierung der Künstlerin: Untersuchung der Verbindung von literarischen Vorbildern und eigenem Image.
4.2 Frauenbilder. Von weiblichen Qualitäten: Analyse der Darstellung von Frauen als Trägerinnen innerer Werte statt bloßer physischer Schönheit.
4.3 Männerbilder. Das Konzept des Androgynen: Diskussion über die Darstellung männlicher Modelle und die Abkehr vom heroisch-maskulinen Ideal.
5 Angelika Kauffmann im Vergleich mit Sir Joshua Reynolds: Gegenüberstellung der Arbeitsweisen zwischen emotionaler Erfassung und idealisierter Abstraktion.
6 Künstlerischer Nachlass: Dokumentation der Sammlungen und der Rezeption im Rahmen der Retrospektive 1999.
Schlüsselwörter
Angelika Kauffmann, 18. Jahrhundert, Porträtmalerei, Empfindsamkeit, Weiblichkeit, Androgynität, Selbstinszenierung, England, Sir Joshua Reynolds, Identitätsentwürfe, Kunstgeschichte, Klassizismus, Soziokultur, Turquerie, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Seminararbeit analysiert, wie die Künstlerin Angelika Kauffmann durch die Inszenierung ihres eigenen Bildes und die spezifische Darstellung ihrer Porträtierten geschlechtsspezifische Rollenbilder im 18. Jahrhundert hinterfragte und mitgestaltete.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Frau in der Kunstgeschichte des 18. Jahrhunderts, das Ideal der Empfindsamkeit, der Einfluss soziokultureller Wandlungsprozesse auf die Porträtmalerei sowie die künstlerische Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kauffmann durch eine bewusste Abgrenzung zu männlichen Kollegen und die Etablierung eines spezifischen künstlerischen Images erfolgreich in der Kunstszene bestand.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt kunsthistorische Analysen von Bildwerken in Verbindung mit einer soziokulturellen und literaturwissenschaftlichen Kontextualisierung der damaligen Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Porträtstudio als sozialem Raum, der Bedeutung von Kleidung und Kostüm (Turquerie), der Analyse von weiblichen und männlichen Identitätsmodellen in den Bildern sowie einem Vergleich mit dem Zeitgenossen Sir Joshua Reynolds.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Angelika Kauffmann, Empfindsamkeit, Androgynität, Selbstinszenierung, Porträtmalerei und die gesellschaftliche Rolle der Frau im 18. Jahrhundert.
Warum spielt das Konzept der „Turquerie“ eine besondere Rolle?
Die Turquerie bot Frauen im 18. Jahrhundert einen Ausweg aus den restriktiven Moden und männlichen Kontrollansprüchen, indem sie luftige, authentische Gewänder als Symbole für Autonomie nutzte.
Wie unterscheidet sich Kauffmanns Malstil von dem von Sir Joshua Reynolds?
Während Kauffmann versuchte, das Innenleben und die Gefühlswelt der Porträtierten sichtbar zu machen, strebte Reynolds eine abstrakt-rationale Idealisierung an, bei der die Person zum Prototyp einer „idea“ wurde.
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- Mag. Petra Vera Rüppel (Author), 2001, Zwischen Empfindsamkeit und Emanzipation - Geschlechtsspezifische Identitätsentwürfe in Angelika Kauffmanns Porträtgemälden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68768