Gustav von Schmoller und die Historische Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

24 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Biographie – Wer war Gustav Schmoller?

3. Zeitgeist - Hintergrund und Beziehungen
3.1 wirtschaftliche Entwicklung
3.2 Politische Situation und soziales Umfeld

4. Entstehung der Historischen Schule
4.1 Kritik an der „Klassik“ und an der „Österreichischen Schule“
4.2 Stellung der „jüngeren“ Historischen Schule

5. Kernideen der ökonomischen Analyse
5.1. Bevorzugung der induktiven Methode
5.2. Die Bedeutung der Geschichte und historischen Methode
5.3. Entwicklungsgedanke und Stufentheorie
5.4. Die Institutionentheorie

6. Gustav Schmoller aus heutiger Sicht

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Deutschland zu einer der weltweit führenden Industriemächte. Weitgreifende wirtschaftliche, geistige und soziale Veränderungen waren die Folge. Die ökonomische Wissenschaft musste sich zwangsläufig auch mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Sie wurde so zum Spiegel des allgemeinen Zeitgeistes, gekennzeichnet durch ein neues Verhältnis zur Geschichte und durch ein neues geschichtliches Bewusstsein.

Thema dieser Arbeit ist Gustav Schmoller und „seine“ Historische Schule. Sein Anliegen als ihr Hauptprotagonist war es, der zeitlosen Theorie der Klassiker eine geschichtliche zur Seite zu stellen, die die zeitgebundenen wirtschaftlichen Erscheinungen, ihre Institutionen, ihren geschichtlichen Wandel und kulturellen Verschiedenheiten zum Gegenstand hat.

Für lange Zeit war Schmollers Werk einer „systematischen Ignoranz“[1] ausgesetzt.

So wurde sein Schaffen oft als Irrweg bezeichnet. Wir haben zu klären, warum die klassische Ökonomie damals umgekehrt selber als Irrweg galt. Erst seit kurzer Zeit beschäftigt sich die moderne Ökonomie wieder mit dem Gedankenkonstrukt der Historischen Schule und lässt ihr nachträglich Reputation zukommen. Besonderes Augenmerk liegt auf den folgenden Fragen:

1) Was unterscheidet die historische Schule von der englischen Klassik?

und

2) Wie wird Schmollers Wirken aus der heutigen Sicht beurteilt?

Diese Arbeit erhebt nicht den Anspruch umfassend alle Forschungsergebnisse wiederzugeben, denn das wäre bei dem Umfang der Schmollerschen Literatur auch kein leichtes Unterfangen. Vielmehr ist es das Ziel, die Unterschiede der neu aufkommenden Historischen Schule der klassischen sog. Manchesterschule gegenüberzustellen, um die Grundpositionen und Besonderheiten, v.a. im Bezug auf die methodologische Vorgehensweise zur ökonomischen Erkenntnisge-winnung, herauszuarbeiten sowie einen Einblick in den derzeitigen Forschungsstand zu geben. Auf eine nähere Betrachtung der weitreichenden Bedeutung, die Schmoller in anderen Bereichen erlangte, z.B. als Sozialpolitiker und Wissenschaftsorganisator, kann aufgrund des vorgegebenen Umfangs nur kurz eingegangen werden.

Bevor wir unser Augenmerk auf die Methodologie der Historischen Schule richten, geben wir im zweiten Kapitel und im dritten Kapitel eine kurze Einführung zu seiner Person und die äußeren Umstände seines Wirkens. In Kapitel vier beleuchten wir die Entstehung der Historischen Schule, die sich in zwei Etappen, der sogenannten älteren und jüngeren Historische Schule gliedert sowie die Bedeutung der jüngeren Schule für die damalige ökonomische Wissenschaft in Deutschland. Es folgt die anfangs erwähnte Auseinandersetzung mit Schmollers methodischer Vorgehens-weise zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung in der Ökonomie.

Im Vorausgang zum Resümee, wird die Bedeutung Schmollers Wirken und „seiner“ Historischen Schule für die heutige Zeit untersucht. Denn wie bereits anfangs erwähnt, erfährt Schmoller seit geraumer Zeit in Wissenschaftskreisen eine erneute Reputation.

2. Biographie

Gustav von Schmoller (1908 in Preußen geadelt.) wurde am 24.06.1838 als Sohn eines württembergischen Beamten in Heilbronn geboren. In Tübingen studierte er von 1857 bis 1861 Geschichte und Staatswissenschaften.[2] Nach seiner preisgekrönten Dissertation[3] folgte eine Tätigkeit im württembergischen Staatsdienst, die er aber aufgrund seiner pro-preußischen Ansichten aufgeben musste.[4]

Aufgrund seiner Veröffentlichungen bekam er 1864 – ohne Habilitation – eine Professur für Staatswissenschaften in Halle. In jener Zeit befasste er sich vor allem mit sozialpolitischen und statistischen Forschungen. Ab 1872 hatte er einen Lehrstuhl für Staatswissenschaften in Strassburg inne. 1882 folgte er letztendlich dem Ruf der Reichshauptstadt und nahm eine Professur der Staatswissenschaften in Berlin an, die er bis 1913 ausübte.[5]

Bemerkenswert war auch sein sozialpolitisches Engagement. So übernahm er eine Fülle politischer Aufgaben. 1872/73 war er Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik, dessen Leitung er 1890 übernahm. 1884 wurde er Mitglied des Preußischen Staatsrats, 1899 Vertreter der Berliner Universität im Preußischen Herrenhaus, weiterhin war er in zahlreichen anderen wissenschaftlichen Gremien vertreten.[6] Gestorben ist Schmoller am 27.06.1917 in Bad Harzburg.[7]

Schmoller nur als reinen Ökonom zu betrachten greift zu kurz. Vielmehr war er Sozialpolitiker, Sozialreformer, Wissenschaftsorganisator und durch die Vielzahl seiner Monographien auch durchaus Historiker, wie wir im Verlauf dieser Arbeit noch zeigen werden.

3. Zeitgeist – Hintergrund und Beziehungen (1870-1914)

3.1 Wirtschaftliche Entwicklung

Deutschland wurde neben England und den Vereinigten Staaten zu einer der führenden Industriemächte. Ursache für diesen steilen Aufstieg waren vor allem die Erschließung neuer Energiequellen (Elektrizität 1888), sowie bahnbrechende Erfindungen im Verkehrs- und Nachrichtenwesen (Benzin-Motor 1884, drahtlose Telegrafie 1897, Telefon 1876). Weiterhin galt die Eisenbahn als wesentlicher Bestandteil der raschen Weltwirtschaftsentwicklung.[8][9]

Der Aufstieg Deutschlands zur Industriemacht brachte auch weitreichende soziale Probleme –ein Phänomen, welches auf alle damaligen Industrienationen zutraf- mit sich. So wurden die Jahre zwischen 1873 und 1898 auch als Große Depression bezeichnet. Schumpeter sprach in diesem Zusammenhang von einem „Paradoxon der Armut in Fülle“[10]. Einerseits war diese Zeit gekennzeichnet durch einen enormen Produktionsüberschuss, der sich aus den neuen maschinellen Produktionsverfahren ergab, andererseits lebte ein Großteil der Bevölkerung[11] ständig mit der Gefahr der drohenden oder tatsächlichen Arbeitslosigkeit.[12]

3.2 Politische Situation: „Niederlage des Liberalismus“

Die politische Situation in Deutschland war gekennzeichnet durch mannigfaltige geistige Strömungen, die dem liberalen „laissez-faire-Prinzip“ feindlich gegenüberstanden.

Die rasante Entwicklung des Kapitalismus rief besonders den Widerstand jener hervor, die sich von ihm bedroht fühlten: ‚Die Arbeiterschicht’. Ihr Sprachrohr bildeten die auf sozialistischem Gedankengut basierenden Parteien. Der Aufstieg des Sozialismus führte so in fast allen Ländern zur Bildung marxistischer Parteien. Die erfolgreichste sozialistische Partei, die Deutsche Sozialdemokratische Partei hatte realpolitisch jedoch ein verhältnismäßig geringes Gewicht im Vergleich zu der Größe ihrer Mitgliederschaft.[13]

[...]


[1] Vgl. Priddat, Die andere Ökonomie (1995), S.12.

[2] Vgl. Priddat, Die andere Ökonomie (1995), S. 27.

[3] Schmoller (1860), „Die nationalökonomischen Ansichten in Deutschland während der Reformation“.

[4] Vgl. http://staff-www.uni-marburg.de/~multimed/theorie/economics/schmo.../bibliographie.htm

[5] Vgl. Priddat, Die andere Ökonomie (1995), S. 27f.

[6] Vgl. Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften, S.71.

[7] Vgl. Priddat, Die andere Ökonomie (1995), S. 27.

[8] Hiermit folge ich der groben gedanklichen Einteilung J. Schumpeters , die Zeit ab 1870 wäre einerseits durch einen Bruch mit der traditionellen Wirtschaftstheorie (neuer Geist des Historismus) und andererseits einem neuen Interesse an sozialen Reformen gekennzeichnet. Der Beginn des ersten Weltkrieges hätte dann der Epoche des ökonomischen Denkens in historischen Maßstäben ein Ende gesetzt. Vgl. Schumpeter, Geschichte (1965), S. 919.

[9] Vgl. dtv (1991), S. 377.

[10] Schmumpeter, Geschichte (1965), S.928.

[11] An dieser Stelle ist nicht nur die neu geschaffene „Arbeiterklasse“ gemeint, sondern ebenfalls die Landwirte und Handwerker, die sich auf eine „neue Form der Existenz“ umstellen mussten. Vgl. Schumpeter, Geschichte (1965), S. 932.

[12] Vgl. ebenda, S. 927f.

[13] Vgl. Schumpeter, Geschichte (1965), S. 930.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Gustav von Schmoller und die Historische Schule
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Witschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Frühe Industrialisierung und ökonomisches Denken von Smith bis Marx
Note
2.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V6882
ISBN (eBook)
9783638143547
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gustav, Schmoller, Historische, Schule, Frühe, Industrialisierung, Denken, Smith, Marx
Arbeit zitieren
Stephan Fuchs (Autor), 2002, Gustav von Schmoller und die Historische Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6882

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gustav von Schmoller und die Historische Schule



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden