Der gewaltsame Tod der Maria Stuart


Examensarbeit, 2006

111 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Der Weg nach England
1.1 Die Ermordung Darnleys
1.2 Die erzwungene Abdankung
1.3 Die fatale Entscheidung

II. Auf der Anklagebank
2.1 Ein zweifelhafter Untersuchungsausschuss
2.2 Die Kassettenbriefe

III. Die katholische Rivalin
3.1 Das Problem der englischen Thronfolge
3.2 Norfolk und die Rebellion im Norden
3.3 Maria Stuart, die englischen Katholiken und der Papst

IV. Weichenstellungen
4.1 Das Ridolfi-Komplott
4.2 Der europäische Horizont
4.3 Die schottische Frage
4.4 Das Verhältnis James VI. zu Maria und Elisabeth
4.5 "The daughter of debate"

V. Das gewaltsame Ende der Maria Stuart
5.1 Die tödliche Falle
5.2 Der Prozess
5.3 Diplomatische Initiativen in letzter Minute
5.4 Die aufgeschobene Entscheidung
5.5 Der letzte Akt

Nachspiel : "Die Bühne der Welt"

"Great nations are not united without a little blood and iron, and in the end the final assurance of the Union of England and Scotland which developed from the imprisonment of an unfortunate woman, lay in her death on a sordid stage in Fotheringhay Castle"[1].

Einleitung

Am 8. Februar 1587 wurde Maria Stuart, die Königin der Schotten, im großen Saal des englischen Schlosses Fotheringhay wegen Hochverrats hingerichtet. In dem kurzen Prozess, der ihrer Verurteilung vorausging, hatte man sie angeklagt, sich mit ausländischen Mächten verbündet zu haben, um Königin Elisabeth zu ermorden, und ihren eigenen Anspruch auf den englischen Thron, den sie zeitlebens immer wieder geltend gemacht habe, durchzusetzen.

Maria Stuart war im Mai 1586 freiwillig nach England gekommen, in der Hoffnung von Elisabeth Unterstützung gegen ihre schottischen Untertanen zu erhalten, die sich gegen sie erhoben, sie vorübergehend gefangengenommen und zur Abdankung gezwungen hatten. Statt ihr die versprochene Hilfe bei der Rückkehr auf ihren Thron zu gewähren, hatte Elisabeth Maria widerrechtlich in Haft genommen. Neunzehn Jahre waren so vergangen, während denen Marias Hoffnung, freigelassen und in Schottland wiedereingesetzt zu werden, immer wieder enttäuscht worden war. Um ihr Schicksal zu wenden, hatte Maria sich in zahlreiche Verschwörungen gegen die englische Königin verstrickt, die das Ziel hatten, sie nach einer Invasion ausländischer Truppen und gleichzeitiger Erhebung der englischen Katholiken zu befreien und auf den Thron zu heben. Nachdem Papst Pius V. Elisabeth mit der Bulle Regnans in Excelsis exkommuniziert und ihre katholischen Untertanen praktisch von ihrem Treueid entbunden hatte, war die katholische Maria Stuart erneut als Fokus gegenreformatorischer Bestrebungen in England unter Verdacht geraten. Und obwohl Elisabeth Maria mehrfach in Schutz genommen hatte, indem sie es ablehnte, die Forderung ihrer Lords, Maria vor Gericht zu stellen, zu erfüllen, hatte diese weiter gegen die Königin konspiriert.

Der Prozess in der Sternkammer zu Westminster und in Fotheringhay Castle, dem letzten Gefängnis Marias, war mehr ein Schauprozess denn eine ordentliche Gerichtsverhandlung. Der Act for the Surety of the Queen`s Royal Person[2], auf dessen Grundlage das Todesurteil gegen die Königin der Schotten gefällt wurde, war 1584 mit eben diesem Ziel erlassen worden. Der Schuldspruch stand bereits fest, ehe man Maria überhaupt von der Anklage unterrichtet hatte. Zunächst weigerte sich Maria, persönlich zur Verhandlung zu erscheinen, weil sie damit die Rechtmäßigkeit des Prozesses anerkannt hätte, obwohl sie immer wieder betonte, sie sei als gesalbte Königin niemandem außer Gott selbst Rechenschaft schuldig, und nur Elisabeth als Königin von gleichem Rang habe das Recht, sie zu vernehmen. Trotz jahrelang unermüdlich vorgetragener Bitten Marias um eine Unterredung mit Elisabeth sind sich die beiden Frauen tatsächlich nie begegnet.

Maria musste schließlich einwilligen, vor den Richtern zu erscheinen, und allen Augenzeugenberichten zufolge hat sie ihre Sache mit großer Würde und sachlichen Argumenten verteidigt, obgleich ihr nicht einmal ein Sekretär oder Rechtsgelehrter gewährt worden war, mit dessen Hilfe sie ihren Fall hätte vorbereiten können.

Auch wenn es für Elisabeth politisch klug gewesen sein mag, ihre gefährliche Rivalin und Zielscheibe aller katholischen Hoffnungen im In- und Ausland aus dem Weg zu räumen, so traf sie ihre Entscheidung nicht leichten Herzens und bemühte sich sowohl im Vorfeld des Prozesses, als auch nach Marias Tod, die Verantwortung von sich abzuwälzen. Sie war zutiefst überzeugt, dass man einen Monarchen von Gottes Gnaden nicht mit einem gewöhnlichen Untertanen in einen Rang setzen durfte und mit der Verurteilung der souveränen Herrscherin eines anderen Landes, die somit nicht einmal Untertanin Elisabeths war, riskierte sie nicht nur scharfe Proteste aus den Fürstenhäusern Europas, sondern schuf zugleich - freilich ohne dies selbst absehen zu können - einen historischen Präzedenzfall.

Das komplizierte und vom psychologischen Standpunkt aus mitunter auch undurchsichtige Verhältnis zwischen Elisabeth und Maria, das schließlich mit dem Tod der einen Königin auf Befehl der anderen endete, wirft zahlreiche Fragen auf : Welche Risiken war Maria mit ihrer Reise nach England eingegangen, und inwiefern stellte Maria für Elisabeth im Leben wie im Tod ein Problem dar ? Warum hielt Elisabeth Maria neunzehn Jahre lang gefangen und ließ sie dann schließlich doch hinrichten, während sie sie zuvor stets gegenüber ihren Lords in Schutz genommen hatte ? Und warum zögerte Elisabeth so lange, bis sie eine endgültige Entscheidung über das Schicksal ihrer Cousine traf ? Um diese Fragen zu beantworten, muss man zunächst den Umständen der Reise Marias nach England nachgehen, die mit ihrer Inhaftierung endete. Zudem muss man sich ein Bild von den zahlreichen Verschwörungen machen, an denen Maria während ihrer langen Gefangenschaft beteiligt war, und ihre eigenen Motive von denen ihrer Verbündeten sowie derer, für die sie zwar das Symbol und der Fokus ihrer Hoffnungen war, deren Ziele sie selbst jedoch ablehnte, unterscheiden. Am Ende steht die Frage, weshalb Elisabeth schließlich ihr Einverständnis zu der in ihren Implikationen so problematischen öffentlichen Hinrichtung gab. Die Rolle, welche Elisabeth in dem Prozess spielte, muss dabei ebenso beleuchtet werden wie die ihrer engsten politischen Mitarbeiter.

Das Schicksal Maria Stuarts hat seit ihrem Tod vor über vierhundert Jahren wie kaum ein anderes die Dichter inspiriert, und um viele Episoden ihrer Biographie, die durchaus einem Drama Shakespeares entnommen sein könnten, ranken sich Legenden, man denke nur an die viel zitierten Kassettenbriefe. Die historische Wahrheit mag jedoch nicht immer so romantisch sein, weshalb sich unter ihren Biographen auch kritische Stimmen finden, wie etwa Jenny Wormald, die Marias Herrschaft in Schottland als eine Kette politischer Fehlentscheidungen und Versäumnisse skizziert und auch ihren Charakter sehr kritisch beurteilt[3]. Die maßgeblichen Biographien Maria Stuarts sind immer noch die Arbeiten von Antonia Fraser[4] und Michel Duchein[5]. Neu erschienen sind die Monographien von Anka Muhlstein[6], welche die gegensätzlichen Auffassungen der beiden Frauen von der Ehe beleuchtet und auch die Schicksale der beiden Herrscherinnen vor dem Hintergrund dieser Frage zu erklären versucht, und die vergleichende Biographie von Jane Dunn[7], deren Hauptaugenmerk auf der Beziehung zwischen den beiden königlichen Cousinen und Rivalinnen liegt.

Zur Person und Regierung Elisabeths ist eine Vielzahl von Arbeiten erschienen. Während die ältere Forschung die Erfolge auf dem Weg zu einer Stabilisierung Englands nach den wechselvollen Jahren unter Heinrich VIII., Eduard VI. und Maria Tudor zumeist Elisabeth selbst zugeschrieben hat[8], wird ihre Rolle jedoch inzwischen von den meisten Historikern kritischer betrachtet. Hingewiesen sei auf die Arbeiten von Stephen Alford[9], Wallace MacCaffrey[10] und Mortimer Levine[11].

Die maßgeblichen Arbeiten zu Cecil, Lord Burghley, und Walsingham stammen von Conyers Read[12]. Ein konziseres Lebensbild Cecils, an das sich eine vertiefende Analyse einzelner Aspekte seiner Laufbahn und eine ausführliche Bibliographie anschließen, hat neuerdings Michael Graves vorgelegt[13]. Zu den Verschwörungen, an denen Maria beteiligt war, und zu ihrem Prozess liegen fast ausschließlich ältere Arbeiten vor, etwa von Johannes Kretzschmar[14] und John H. Pollen[15]. Neu erschienen ist dagegen die ausführliche Darstellung von Francis Edwards[16]. Zu allgemeinen Fragen der Politik und Gesellschaft im England der Tudorzeit sei das Werk von Geoffrey R. Elton[17] genannt.

Zu den wichtigsten offiziellen Quellen zählen die vom Britischen Staatsarchiv herausgegebenen, 12 Bände umfassenden Calendar of State Papers relating to Scotland and Mary Queen of Scots[18]. Die zweite bedeutsame Quellensammlung enthält die Papiere von Lord Burghley und seinem Sohn, dem ersten Marquis von Salisbury[19]. Hinzu kommen die von William Camden verfassten Annales Rerum Anglicarum et Hibernicarum Regnante Elizabetha[20] und Cobbetts Complete Collection of State Trials[21]. Wichtig für die Herrschaft Maria Stuarts in Schottland und die Umstände ihrer Reise nach England sind die Aufzeichnungen ihres Sekretärs Claude Nau[22] und das zahlreiche bedeutsame Quellen einschließende Werk von Robert Keith[23]. Die von Conyers Read herausgegeben Bardon Papers umfassen eine Zusammenstellung bedeutender Dokumente zum Prozess Marias, die zumindest in dieser Version nicht anderweitig abgedruckt sind[24]. Verschiedene Autoren haben versucht, aus der Vielzahl an Quellen eine Auswahl zu treffen und diese mit eigenen Kommentaren versehen zu veröffentlichen[25]. Die Haltung der jeweiligen Herausgeber zur Person Marias wie auch zur Recht- oder Unrechtmäßigkeit des Prozesses spiegelt sich dabei in der Zusammenstellung der Dokumente wider.

Neben den offiziellen Dokumenten gibt es eine Fülle privater Aufzeichnungen, die aus der Sicht des jeweiligen Verfassers die Ereignisse von der Flucht Marias nach England bis zu ihrem Tod in Fotheringhay 1587 erhellen können. Die Briefe Marias[26] und Elisabeths[27] sind dabei unverzichtbar, aber auch neben anderen die Erinnerungen von Marias letztem Gefängniswärter, Sir Amias Paulet[28].

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll zunächst die Vorgeschichte von Marias folgenschwerer Reise nach England und deren unmittelbare Implikationen skizziert werden.

I. Der Weg nach England

1.1 Die Ermordung Darnleys

Beinahe neunzehn Jahre verbrachte Maria Stuart in englischer Gefangenschaft, fast die Hälfte ihres Lebens. Die verbreitete These, die Bedeutung dieser Jahre liege vor allem in den vielen konspirativen Bestrebungen Marias, Elisabeth mit Hilfe ausländischer Mächte und der Katholiken in England zu entthronen[29], wirft zwei Fragen auf: Unbestritten ist, dass die Verschwörungen gegen Elisabeth Marias Sache schadeten und letztlich ihren Tod auf dem Schafott in Fotheringhay Castle herbeiführten. Die erste Frage lautet jedoch : Wie gefährlich waren diese Intrigen für Elisabeth wirklich ? Holmes macht fünf Hauptlinien der Politik Marias während ihrer Haft aus[30]: Erstens ihre Verhandlungen mit Elisabeth mit dem Ziel, ihre Freiheit wiederzuerlangen; zweitens ihre Bemühungen, eine Verbesserung ihrer Haftbedingungen zu erreichen - dazu zählen ihre Bitten, häufiger ausreiten und die Bäder in Buxton zur Linderung ihrer verschiedenen körperlichen Gebrechen besuchen zu dürfen; drittens die Verwaltung ihrer Witwengüter in Frankreich; viertens die Beeinflussung schottischer Politik und fünftens schließlich die Verschwörungen mit dem Ziel ihrer Befreiung und auch der Entthronung Elisabeths. Holmes kommt zu dem Schluss: "What a study of Mary`s correspondence and papers reveals is the preponderance of her Scottish interests, and then her close contacts with France; there is not much concern with English affairs, except in so far as they may effect her release".

Die zweite Frage lautet, ob Marias Haft in England nicht sogar für Elisabeth zwei ihrer größten Probleme löste - die schottische Frage und das Problem der Thronfolge[31]. Sir Ralph Sadler[32] fasste dies 1570 vor dem Geheimen Staatsrat in die Worte: "As for the Queen of Scots, she is in your hands, Your Majesty may so use her as she shall not be able to hurt you; and to that end surely God hath delivered into your hands, trusting that Your Majesty will not neglect the benefit by God offered unto you in this delivery of such an enemy into your hands"[33] .

In der Tat war Elisabeth ihre größte Rivalin durch deren eigenen Mangel an Weitsicht in die Hände gefallen. Maria selbst betonte jahrelang in unzähligen Briefen und mit wachsender Bitterkeit, dass sie Elisabeth aus freiem Willen um Hilfe gebeten habe. Um zu verstehen, weshalb Maria Stuart den so verhängnisvollen Weg nach England einschlug, und weshalb Elisabeth ihrerseits durch die Ankunft ihrer königlichen Cousine in eine höchst brisante Lage geriet, sollen zunächst die Vorgeschichte und die Umstände der Ankunft Marias in England skizziert werden.

Am 29. Juli 1565 hatte Maria Stuart gegen den Willen ihres Halbbruders, des Earl of Murray[34], und zum großen Mißfallen Elisabeths[35] ihren Cousin Heinrich Stuart, Lord Darnley[36], geheiratet. Die Ehe erwies sich schon bald nach der Hochzeit als Fehler, denn Darnley war in seinem Charakter unbeständig, anmaßend und leicht zu beeinflussen. Auch bei den zeitgenössischen Diplomaten hinterließ er durch sein unreifes und unbeherrschtes Auftreten einen schlechten Eindruck. Seine Verwicklung in den brutalen Mord[37] an Marias Privatsekretär David Rizzio[38] und sein Verhalten gegenüber Maria selbst führten zum Bruch zwischen den Ehegatten. Durch seine überstürzte Heirat mit Maria war er bei Elisabeth in Ungnade gefallen, mit dem Verrat an seinen Komplizen nach dem Mord an Rizzio, seinen unüberlegten Angriffen auf Murray, der wiederholten Forderung der matrimonial crown und dem Wechsel zur protestantischen Partei, nachdem er sich zunächst als glühender Verfechter des katholischen Glaubens gebärdet hatte[39], hatte er sich überall Feinde gemacht. Anfang des Jahres 1567 sah Darnley sich vollständig isoliert und drohte damit, Schottland zu verlassen. Gleichzeitig intrigierte er ununterbrochen gegen Murray und Maitland of Lethington[40], um deren Entfernung vom Hof zu erwirken. Damit hatte er sein Schicksal besiegelt. Maria konnte es nicht dulden, dass Darnley an den europäischen Höfen alle möglichen Gerüchte[41] über sie und ihre Ratgeber verbreitete, oder dass erneut ehrgeizige Männer ihn wie bei der Ermordung Rizzios zum Mittelpunkt einer Verschwörung machten[42]. Das Zerwürfnis zwischen Maria und Darnley war nicht nur persönlich irreparabel, es hatte inzwischen eine gefährliche politische Dimension erreicht.

Alle hochrangigen Politiker Schottlands waren sich einig darin, dass Darnley eine Gefahr für das Reich bedeutete und dass man ihm daher jede Möglichkeit politischer Einflussnahme nehmen musste. Im November 1566 trafen in Craigmillar Castle[43] die führenden Magnaten und Politiker des Landes, darunter Murray, Argyll[44], Huntly[45], Maitland of Lethington und Bothwell[46], zu einer Konferenz zusammen, um über Darnleys Schicksal zu beraten. Huntlys und Argylls Protestation[47] zufolge wollten die Lords die Königin zu einer Scheidung von Darnley bewegen, und diese habe eingewilligt unter der Bedingung, dass ihrem Sohn daraus keine Nachteile entstünden. Diese Version erscheint einigermaßen unglaubwürdig, denn die politischen und religiösen Konsequenzen einer solchen Entscheidung wären gravierend gewesen[48]. Maria habe stattdessen eine längere räumliche Trennung von Darnley mittels einer Reise nach Frankreich vorgeschlagen. Daraufhin habe Maitland der Königin versichert, man werde Mittel finden, die Königin von Darnley zu befreien, Murray werde "look through his fingers thereto and will behold our doings, saying nothing to the same"[49]. Schließlich hätten alle anwesenden Männer[50] einen bond[51] unterzeichnet. In seinem Geständnis 1573 erinnerte sich James Ormiston, ein junger Adliger, der zum Haushalt Bothwells gehört hatte, an den Wortlaut des Pakts[52]: "It was thought expedient and maist profitable for the commoun wealth, be the haill nobilitie and lords undersubscryvit, that sick ane young fool and proud tirrane sould not reign nor bear reull over thame; and that for divers causes, thairfoir, that thays all had concludit that he sould be put off by ane way or uther"[53]. Maria habe im Gegenzug zugesichert, den Mördern Rizzios zu vergeben und die beschuldigen Lords aus dem Exil zurückkehren zu lassen - für Darnley, dem klar war, dass seine Komplizen ihm seinen Verrat nie verzeihen würden, ein schwerer Schlag.

Wenngleich es denkbar ist, dass die Ergebnisse der Beratungen schriftlich niedergelegt wurden, so ist es, wenn man den höchsten politischen Würdenträgern Schottlands auch nur ein Mindestmaß an Besonnenheit unterstellt, unwahrscheinlich, dass in dem bond explizit von Mord die Rede war[54]. Jedenfalls kann man aus dem, was historisch als gesichert gelten kann, nicht - wie George Buchanan[55] dies tut - folgern, dass die Königin den Mord an ihrem Mann in Auftrag gegeben hatte. Auch Bothwell erscheint nirgends als Wortführer der Verschwörung[56]. Die später von Darnleys Vater, dem Earl of Lennox[57], vorgebrachte Version, der Craigmillar bond sei allein durch die Triebkraft der Leidenschaft Marias für Bothwell initiiert gewesen, darf als reine Erfindung gelten[58]. Die entscheidende Frage, ob in Craigmillar ein konkreter Plan zur Ermordung Darnleys im Beisein Maria Stuarts diskutiert wurde, oder ob man sie zu einem späteren Zeitpunkt über derartige Pläne informiert hat, ist ungeklärt, und jeder Versuch, diese Frage zu beantworten, bleibt letztlich spekulativ[59].

In der Nacht des 9. auf den 10. Februar 1567 zerstörte eine gewaltige Explosion[60] das kleine Haus in Kirk o` Field[61], in dem sich der vermutlich an Syphilis erkrankte Darnley aufhielt[62]. Die Leichen von Darnley und seinem Diener William Taylor fand man kurze Zeit später in einiger Entfernung vom Haus auf der Wiese liegend. Die Toten zeigten "no fracture, contusion, or livid mark", ihre Kleider "which were lying near, were not only not singed with the flames, nor sprinkled with the powder, but were so regularly placed that they appeared to have been carefully put there, and not either thrown by violence or left by chance"[63].

Die Reaktionen des Hofes auf den Mord nährten die Verdachtsmomente gegen Maria. Entgegen der Ankündigung, sie werde die Hintergründe des Verbrechens sofort aufklären und die Schuldigen bestrafen lassen, liegen die ersten Tage nach Darnleys Tod im Dunklen. Nicht einmal über seine Bestattung sind genaue Berichte überliefert. Es ist immerhin bemerkenswert, dass er, der zu Lebzeiten kaum eine positive Beurteilung fand, nach seinem Tod in ein völlig anderes Licht gerückt und sogar von Elisabeth öffentlich betrauert wurde[64]. Bald wurden Gerüchte laut, Bothwell sei maßgeblich an der Ermordung Darnleys beteiligt gewesen[65]. Es gibt keinen stichhaltigen Grund, dies zu bezweifeln, allerdings war er mit Sicherheit nicht der einzige Schuldige. Maria selbst, die zumindest soviel wissen musste, dass der Mord das Werk hochrangiger Persönlichkeiten des Hofes war, verhielt sich auffallend gleichgültig und unternahm entgegen allen Ratschlägen nichts, um die Mörder dingfest zu machen[66]. Elisabeth und Katharina von Medici schrieben ihr eindringliche Briefe, das Verbrechen umgehend und ohne Rücksicht gegen irgendjemanden aufzuklären[67]. In der Tat war Marias Herrschaft durch den Mord allein nicht gefährdet, ihr zweideutiges Verhalten danach erst brachte sie zu Fall: "Mary allowed a temporary embarrassment to become an intolerable reproach [...] Darnley himself came to be seen as an innocent victim rather than the threat to the crown that he actually was [...]. So far did the Queen`s actions after the murder distort reality that Darnleys`s ghost walked the world of Scottish politics as late as 1581"[68].

Schließlich erhob der Earl of Lennox förmlich Anklage gegen Bothwell. Maria, die dem Drängen ihres Schwiegervaters, einen Prozess gegen die überall in Edinburgh durch Plakate denunzierten vermeintlichen Mörder anzustrengen, bisher ausweichend geantwortet hatte, musste handeln. Der Prozess Lennox gegen Bothwell, der am 12. April vor der Adelsversammlung in Edinburgh stattfand, war jedoch "die reine Parodie einer Gerichtsverhandlung"[69] und endete in einem Triumph für Bothwell. Maria selbst hatte sich für alle sichtbar auf seine Seite gestellt[70].

Der ehrgeizige Bothwell erkannte die einmalige Chance, König von Schottland zu werden, indem er die verwitwete Maria heiratete. Um seinem Plan einen patriotischen Anstrich zu geben, lud er die wichtigsten Männer des Königreichs am 19. April zu einem Abendessen in Ainslies Schenke in Edinburgh ein. Alle unterzeichneten einen Pakt, in dem sie ihre Zustimmung zu einer Ehe Marias mit Bothwell gaben, und der als der Ainslie-Bond in die Geschichte eingegangen ist[71]. Ob Maria von diesem Pakt wußte, ist unklar, sie hat es zeitlebens immer wieder bestritten. Kirkcaldy of the Grange[72], ein erbitterter Gegner Bothwells, schrieb einen Tag nach dem Abendessen den berühmt gewordenen Satz, die Königin wolle lieber Frankreich, England und Schottland verlieren als Bothwell , "and sall go with him to the warldes ende in ane white peticote or sho leve him"[73].

Nach der Unterzeichnung des Ainslie-Bond überschlugen sich die Ereignisse. Am 24. April entführte Bothwell Maria nach Schloß Dunbar und ließ es dort so aussehen, als habe er die Königin gegen ihren Willen zu seiner Geliebten gemacht[74]. Obwohl alle Umstände und zahlreiche Warnungen[75] Maria hätten deutlich machen müssen, dass diese dritte Ehe noch viel katastrophalere Folgen zeitigen würde als die zweite, heiratete sie Bothwell am 15. Mai nach protestantischem Ritus[76]. Die Zahl der Seiten, auf denen spekuliert wird, ob Maria Bothwell geliebt hat, und ob sie bereits vor dem Mord an Darnley seine Geliebte war, sind Legion, für ihre Feinde war die These von Marias Leidenschaft für den angeblichen Mörder ihres Mannes jedenfalls ein probates Mittel, die Königin zu diskreditieren. Dieselben Lords, die wenige Wochen zuvor den Ainslie-Bond unterzeichnet hatten, hatten sich bereits vor der Hochzeit im geheimen gegen Bothwell verbündet, um seinen raschen Aufstieg an die Spitze der Macht zu verhindern[77]. Bei Carberry Hill, acht Meilen vor Edinburgh, trafen die Anhänger der Königin und die aufständischen Lords aufeinander[78]. Das Heer der Königin war zahlenmäßig unterlegen, die Truppen der Lords zögerten, gegen ihre rechtmäßige Herrscherin zu Felde zu ziehen, und so verharrten beide Seiten unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten. Die Unterhändler der Lords forderten Maria auf, ihren Mann zu verlassen und sicherten ihr im Gegenzug freies Geleit und die ungehinderte Fortsetzung ihrer Herrschaft zu. Maria weigerte sich zunächst[79], erklärte sich aber schließlich doch einverstanden, nach Edinburgh zurückzukehren und eine erneute Untersuchung des Mordes an Darnley durch das Parlament abzuwarten. Bothwell wurde freies Geleit zugesagt, er sollte in Dunbar auf Maria warten. Keiner von beiden ahnte, dass es ein Abschied für immer sein würde[80].

In Edinburgh erkannte Maria, dass man sie getäuscht hatte, das Volk und die Soldaten empfingen sie mit Flüchen und Schimpfworten, die Nacht musste sie gefangen in einem Bürgerhaus verbringen, ehe man sie schließlich in dem auf einer Seeinsel gelegenen Lochleven Castle einsperrte.

1.2 Die erzwungene Abdankung

Am 21. Juni übernahmen die Lords nach ihrer Konstituierung als Geheimer Rat entgegen dem Gesetz die königliche Macht[81]. Bothwells Diener wurden verhaftet, gefoltert, verhört und schließlich hingerichtet. In einer Erklärung[82] vor dem Untersuchungsausschuss in Westminster[83] Ende des Jahres 1568 berichtete Morton, einer von ihnen, George Dalgleish, habe den Lords im Zuge dieser Verhöre das Versteck einer silbernen Schatulle verraten, die einst Franz II. Maria und die diese dann Bothwell geschenkt hatte, und in der sich persönliche Papiere Bothwells befanden, darunter Liebesbriefe und Sonette, die von Maria verfasst worden seien. Diese Dokumente, so Morton, bewiesen eindeutig, dass Maria an dem Komplott zur Ermordung Darnleys beteiligt gewesen sei. Maria selbst betonte später immer wieder, es handle sich um Fälschungen und auch viele ihrer Zeitgenossen zweifelten an der Version Mortons[84]. Interessant ist, dass sich in keinem der um diese Zeit verfassten Dokumente, nicht einmal im Vernehmungsprotokoll Dalgleishs, ein Hinweis darauf findet. Es entstanden lediglich Gerüchte, die Lords hätten unschlagbare Beweise zum Mord an Darnley in der Hand[85]. Während Maitland und Kircaldy of the Grange Maria wieder freilassen und unter der Aufsicht der Lords weiter regieren lassen wollten, unter der Bedingung, dass ihre Heirat mit Bothwell annulliert würde, mißtrauten die übrigen Lords unter ihrem Wortführer, dem Earl of Morton[86], der Königin und fürchteten ihre Rache, wäre sie erst frei. Mortons Plan sah vor, Maria zur Abdankung zugunsten Jakobs zu zwingen und Murray als Regent einzusetzen[87]. Entsprechende Dokumente, die Maria unterzeichnen sollte, wurden vorbereitet. Es mußte so aussehen, als sei sie freiwillig zurückgetreten. Eile war geboten, denn am 8. Dezember 1567 würde Maria 25 Jahre alt werden - nach altem schottischen Gewohnheitsrecht konnte ein Monarch nach diesem Zeitpunkt alle Titel und Ländereien, die er bis dahin verliehen hatte, zurücknehmen. Maria wußte darum und fürchtete zu Recht eine Verschärfung ihrer Lage[88].

Elisabeth hatte zwar Marias Verhalten nach dem Mord an Darnley und ihre Ehe mit Bothwell aufs schärfste verurteilt, aber sie konnte Marias Gefangennahme durch ihre eigenen Untertanen als Angriff gegen die unantastbaren Rechte einer gesalbten Königin nicht dulden, zumal sie sich des unbedingten Rückhalts ihres eigenen Adels nicht sicher sein konnte und fürchten musste, dass das schottische Exempel rebellische Geister im eigenen Lande ermutigen würde. Sie sandte umgehend Nicholas Throckmorton[89] nach Schottland, um Marias Freilassung und Wiedereinsetzung zu erwirken[90], Jakob VI. sollte nach England geschickt und dort von seiner Großmutter, Lady Lennox erzogen werden[91]. Die Lords dachten jedoch nicht daran, ihre beiden kostbaren königlichen Geiseln den Engländern auszuliefern. In Frankreich beließ man es bei "diplomatischen Scheingefechten"[92], der drohende Bürgerkrieg zwischen Hugenotten und Katholiken wog schwerer als das Schicksal der Schottenkönigin.

Am 24. Juli 1567 suchten Lindsay und Ruthven, zwei der an der Ermordung Rizzios beteiligten Lords, und der schottische Botschafter in London, Robert Melville, Maria in Lochleven auf und legten ihr drei Dokumente vor, mit denen sie auf Grund von körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfung auf den Thron zugunsten ihres Sohnes verzichten, diesen der Obhut der Lords anvertrauen und ihren Halbbruder zum Regenten bestimmten sollte[93]. Maria weigerte sich[94], obwohl Throckmorton ihr über Robert Melville eine Nachricht hatte zukommen lassen, dass eine Abdankung unter Zwang ungültig sei und von Elisabeth nicht anerkannt würde[95]. Lindsay drohte schließlich, er werde ihr die Kehle durchschneiden, wenn sie nicht unterzeichne[96]. Solchermaßen unter Druck gesetzt, fügte sich Maria und unterschrieb ihre Abdankung. Wenige Tage später wurde Jakob VI. zum König von Schottland gekrönt, Murray übernahm in seinem Namen die Regentschaft. Der Geheime Rat bestätigte die Dokumente, das Parlament sollte Ende des Jahres zusammentreten und seine Zustimmung geben. Elisabeth protestierte umgehend: "What warrant have they in Scripture, as subjects, to depose their prince ? [...] Or what law find they written in any Christian monarchy, that subjects may arrest the person of their princes, detain them captive and proceed to judge them ?[...] You may assure them we detest the murder of our cousin their king, and mislike the marriage of the Queen with Bothwell as much as any of them. But I think it not tolerable for them, by being God`s ordinance subjects, to call her, who also by God`s ordinance is their superior and prince, to answer to their accusations by way of force: ´for we doo not thynk it consonant in nature, that the head shuld be subject to the foote`"[97]. Elisabeth drohte den Schotten mit einer Wirtschaftsblockade und forderte Karl IX. von Frankreich auf, es ihr gleichzutun[98].

Nach außen sah es so jedoch aus, als habe Murray die Macht auf legalem Wege errungen, denn seine Schwester hatte schließlich auf den Thron verzichtet[99]. Bei seiner Einsetzung erhielt Murray auch die Kassette mit Bothwells Papieren[100]. Das Parlament bestätigte am 15. Dezember Marias Abdankung, und erklärte in einem eigenen Gesetz sämtliche Handlungen der Lords seit dem Tag von Darnleys Ermordung für rechtmäßig. Die Rebellion gegen Maria im Mai 1567, als sie noch Königin gewesen war, rechtfertigte man mit dem Inhalt der Kassettenbriefe, aus denen hervorgehe, dass Maria und Bothwell die Hauptschuld am Tod Darnleys trugen[101]. Dieses Vorgehen ist insofern plausibel, als man einen neuen Grund brauchte, um Maria gefangen zu halten, nun, da Bothwell außer Landes war, und sie nach ihrer Fehlgeburt nicht länger ihrer Kinder[102] wegen an ihm festhielt. Am 4. Dezember wurden die Kassettenbriefe erstmals vor dem Staatsrat erwähnt. Jetzt stand Maria unter Mordanklage[103].

Die erzwungene Abdankung Maria Stuarts bedeutete nicht nur in juristischer Perspektive einen problematischen Akt, sondern die Schotten sahen sich gegenüber dem europäischen Ausland in Erklärungsnot. Die gewaltsame Absetzung einer legitimen Herrscherin löste im katholischen Europa, besonders in Frankreich, wo Maria an der Seite Franz II. Königin gewesen war, große Bestürzung aus. Zugleich brachte sie die Anhänger des Königtums von Gottes Gnaden in England in Bedrängnis, allen voran Elisabeth. Murray und seine Gefolgsmänner bedurften eines Verteidigers, und dafür war niemand besser geeignet als der ihm gegenüber loyale calvinistische Historiker George Buchanan, der spätere Erzieher Jakobs VI..

Am 27. Mai 1568 wurde er, der im übrigen Lehnsmann von Darnleys Vater war, von Murray beauftragt, ein Book of Articles zu verfassen, das als Anklageschrift gegen Maria verwendet werden sollte. Bereits im Juni erschien es in lateinischer Sprache[104].

Mit De Jure Regni apud Scotos[105] legte Buchanan seine am besten durchdachte Schrift vor. Sie wurde bereits nach Marias Absetzung als Erziehungsschrift für den kleinen Jakob VI., verfasst, aber erst 1579 veröffentlicht. Buchanan stellte darin den mit Zustimmung des Volkes eingesetzten und auf der Grundlage der Gesetze regierenden König dem Tyrannen gegenüber, der die Macht an sich reiße und Gesetze erlasse, an die er selbst nicht gebunden sei. Ein König dagegen unterstehe selbst dem Gesetz, für dessen Auslegung er des Rates weiser Männer bedürfe, von dem er sich in der Ausübung seiner Herrschaft leiten lasse. Die Untertanen schuldeten nur dem legitimen König Gehorsam, nicht jedoch dem Tyrannen. Da die Herrschaft des Tyrannen nicht legitim sei, könne er per Gesetz abgesetzt und ins Exil geschickt, inhaftiert oder aber durch militärische Gewalt, die auch seine Ermordung mit sich bringen könne, vom Thron gestoßen werden[106].

Im Gegensatz zu den Theorien des Widerstandsrechts und Tyrannenmords, wie sie in England während der 1550er Jahre als Reaktion auf die Schreckensherrschaft Maria Tudors und auf dem Kontinent zwanzig Jahre später unter dem Eindruck der Bartholomäusnacht entwickelt wurden, war Buchanans Theorie jedoch nicht die Initialzündung für, sondern vielmehr die Antwort auf die Umwälzungen der politischen Realität : "Instead of being an impotent assertion of what should be done, it offered a full-blown justification of what had been done"[107]. Schottland stand in dem Ruf einer Nation, die ihre politischen Auseinandersetzungen mit Gewalt statt auf dem Wege der Diplomatie löste, "Scotland was just a place where kings killed, and were killed"[108]. Buchanan selbst musste später in den Wirren des Bürgerkriegs zwischen der Partei der abgesetzten Königin und den Rächern Darnleys zugeben, "remember how you have vindicated this realm from the thraldom of strangers, out of domestic tyranny, and out of a public dishonour in the sight of all foreign nations, we bring altogether esteemed a people murderer of Kings, and impatient of Laws"[109]. Buchanan befand sich in der schwierigen Lage, einerseits die Absetzung Maria Stuarts vor Elisabeth I. zu rechtfertigen und andererseits den Eindruck abzuwehren, dass die Schotten murderer of Kings seien. Anders als im vorhergehenden Jahrhundert[110] hatte es im 16. Jahrhundert in Schottland bisher keinen Fall von Königsmord gegeben. Der ermordete Darnley war nie König gewesen, da ihm die matrimonial crown verweigert worden war. Zwar hatte die Königin ihn als solchen bezeichnet, doch ohne die Ratifizierung durch das Parlament war ein solcher Akt verfassungsrechtlich bedeutungslos. Buchanans Hauptproblem bestand nun darin, das Verbrechen an Darnley von der Absetzung Marias zu trennen. Marias Schuld bestand ja nicht in der Ausübung einer tyrannischen Herrschaft, die mit den klassischen Argumenten der Theorie des Widerstandsrechts als Rechtfertigung für ihre Absetzung hätte gelten können, sondern darin, dass sie, zumindest nach Meinung vieler Zeitgenossen, in irgendeiner Weise in die Ermordung Darnleys verwickelt war. Indem man diesen nun nachträglich zum König stilisierte, konnte man Maria als Königsmörderin brandmarken, womit sie als Herrscherin untragbar wurde: "Darnley, lamentable in life, was to become a very potent ghost. For after his death, it became highly convenient to refer to him as king, because it provided a way of justifying what had been done to Mary"[111].

In der Krise des Jahres 1567 waren sich aber alle hochrangigen Politiker Schottlands einig darin gewesen, dass Darnley eine Gefahr für das Reich bedeutete und deshalb beseitigt werden musste. Nach dem Mord an Darnley setzte man Maria nun mit demselben Argument, es geschehe zum Wohl des Reiches, wegen ihrer Eheschließung mit dem Mörder ihres Gatten und ihrer eigenen Beteiligung an dem Verbrechen ab. "It might make political sense to present her actions in this way. But it left the Scots on very shaky ground when called to justify their actions to Elizabeth"[112]. Buchanan musste einerseits Darnley zum Tyrannen erklären, um den Craigmillar bond der schottischen Adligen zu rechtfertigen, und andererseits Marias Absetzung für legitim erklären, eben weil sie an der Beseitigung dieses Tyrannen beteiligt gewesen war.

1571 erschien in lateinischer, englischer und schottischer Sprache schließlich Buchanans Schrift A Detection of the Doings of Mary, Queen of Scots, in der Marias moralische Verfehlungen anschaulich dargestellt wurden, um sie als Frau wie als Herrscherin zu diskreditieren. Besonders in London weit verbreitet, sollte dieses Traktat die englische Regierung darin bestärken, Maria weiterhin gefangen zu halten, denn das Letzte, was man in Schottland wollte, war eine Wiedereinsetzung der Königin oder aber ihre Ausweisung nach Frankreich[113]. In der Rerum Scotiarum Historia von 1582 wollte Buchanan schließlich aufzeigen, dass Maria in Schottland als Tyrannin geherrscht und ihren Liebhaber Bothwell zum Mord an ihrem Gatten angestiftet habe.

Doch zurück zu den Ereignissen in Schottland. Am 2. Mai 1568 gelang Maria die Flucht aus Lochleven, und umgehend widerrief sie ihre Abdankung, die ja im übrigen auch von Elisabeth nie anerkannt worden war. Am 8. Mai unterzeichneten ihre Anhänger, inzwischen mehrere hundert Mann einen bond, in dem sie erklärten, dass Maria in ihre vollen Rechte wiedereingesetzt werden sollte. In der Schlacht bei Langside am 13. Mai unterlag Marias Heer jedoch gegen die Truppen ihres Halbbruders[114], und Maria floh mit ihren Getreuen nach Süden, wo sie sich nach Schloß Terregles zurückzog, das einem ihrer Anhänger, Lord Herries[115], gehörte. Dort fiel ihre Entscheidung, in England Zuflucht zu suchen, um mit Elisabeths Unterstützung den schottischen Thron wiederzuerlangen.

Am Sonntag, dem 16. Mai 1568 gegen drei Uhr nachmittags bestieg Maria Stuart ein kleines Fischerboot im Hafen der schottischen Abtei Dundrennan und segelte über den Solway Firth nach England. Zuvor hatte sie noch einmal an ihre Cousine Elisabeth geschrieben: "qu`après Dieu je n`ay plus d`autre espérance qu`en vous[116] ". Im Gegensatz zu ihrer Abreise aus Frankreich sieben Jahre zuvor, von der ihre Worte "Adieu doncq, ma chère France, je ne vous verray jamais plus[117] " überliefert sind, verließ Maria Schottland nicht in dem Glauben, dass sie niemals dorthin zurückkehren würde[118]. Gegen sieben Uhr abends betrat die Königin mit einem Gefolge von fünfzehn Personen im Hafen von Workington englischen Boden[119].

1.3 Die fatale Entscheidung

Maria ahnte nicht, dass sie für neunzehn Jahre als Gefangene in England bleiben und ihr Leben dort auf dem Schafott beenden würde. Was bewog sie dazu, ihr Land gegen die Warnungen und flehentlichen Bitten ihrer Gefolgsleute zu verlassen ?

Rückblickend muss jede alternative Handlungsmöglichkeit, die ihr zu diesem Zeitpunkt offenstand, klüger erscheinen als der Weg nach England[120]. Ihre treuen Anhänger hatten ihr geraten, in Schottland zu bleiben oder aber in Frankreich die Unterstützung ihrer Verwandten zu suchen. Viele Jahre später gab Maria zu, ihren folgenschweren Entschluss alleine getroffen zu haben[121], den Holmes mit einigem Recht als "the greatest mistake of her life and one which she would have ample cause to regret, every day for the next nineteen years" bezeichnet hat[122].

Die Biographen Marias sind sich weitgehend einig darüber, dass "der Sirenengesang von Elisabeths Freundschaft und die Fata Morgana der englischen Thronfolge"[123] eine entscheidende Rolle bei ihrem Entschluss spielten[124]. Offensichtlich ist, dass sie sowohl die politische Lage, als auch Elisabeths Persönlichkeit falsch einschätzte. Maria ging davon aus, dass ein persönliches Treffen der beiden Cousinen die jahrelang in Briefen betonte Freundschaft festigen würde. Elisabeth jedoch hatte sie zwar auf diplomatischem Wege nach ihrer Inhaftierung in Lochleven unterstützt und ihre Flucht begrüßt, andererseits hatte sie weder ihren Thronanspruch anerkannt, noch ihre Absetzung verhindert[125].

Daher ist es schwer erklärbar, weshalb Maria nicht den Weg nach Frankreich einschlug, wo sie jahrelang gelebt, wo sie unveräußerliche Besitztümer, eine Witwenrente und als katholische Königin auch berechtigte Gründe hatte, auf die Unterstützung ihrer Verwandten, der Guisen, ihres Schwagers Karl IX., und ihrer Schwiegermutter Katharina von Medici zu hoffen. Diese fühlte sich, als sie von Marias Ankunft in England erfuhr, trotz körperlicher Schwäche gedrängt, an Elisabeth zu schreiben: "Madame ma bonne soeur [...], ce nous a esté grand contentement qu` elle se soit allée remectre en vos mains, nous asseurant qu` elle recevra toute l` ayde, faveur, secours et amitié qu` une princesse affligée comme elle est doibt espérer de vous"[126].

Maria wählte ein Land, das sie nicht kannte, in dem sie keine Anhänger, kein Geld und außer ihrer Schwiegermutter Lady Lennox, die sie hasste, keine Verwandten hatte. Ihrer Cousine Elisabeth selbst war sie nie begegnet, und die Freundschaft, auf die Maria all ihre Hoffnungen setzte, rechtfertigte das Wagnis nicht. Im Grunde lag ihre größte Chance "in remaining in Scotland; and the point has rightly been emphasized by later historians, for her departure left her supporters leaderless"[127]. An dieser Stelle muss man sich auch fragen, ob es gerechtfertigt ist, Marias Fahrt nach England als "Flucht" zu bezeichnen, wie dies die meisten Historiker tun. Der vierzehntägige Gewaltritt quer durch den Süden Schottlands zwischen der verlorenen Schlacht bei Langside und der Ankunft in Dundrennan darf mit Recht eine Flucht genannt werden. Die Abreise aus Schottland jedoch war keine Notwendigkeit. In Terregles war Maria für einige Zeit in Sicherheit, sie hatte immer noch einen starken Rückhalt unter den schottischen Adligen[128], und selbst wenn es einiges gekostet hätte, den Kampf gegen Murray fortzuführen, so zeigen die Bitten und Ratschläge ihrer Getreuen ebenso wie Marias spätere Äußerungen, dass sie ihre Wahl weniger aus politischen Überlegungen, denn mehr aus persönlichen Motiven traf.

Marias "foolish decision"[129] bewies einmal mehr, dass sie im Gegensatz zu Elisabeth über viel zu wenig politisches Urteilsvermögen verfügte. Stets hatte sie ihr persönliches Glück oder Unglück über das politisch Notwendige und Ratsame gestellt; der Umstand, dass Elisabeth ihr nach Carlisle ein paar abgetragene alte Kleider schickte, bewegte sie stärker "than awareness of her desperate political predicament"[130]. Es scheint, als sei Maria die einzige gewesen, die nicht erkannte, in welch aussichtslose Position sie sich selbst und in welch heikle Lage sie Elisabeth gestürzt hatte.

Vielleicht wäre sie sich dessen eher bewusst gewesen, wenn sie Elisabeths Brief noch hätte lesen können, den diese ihr nach der geglückten Flucht aus Lochleven gesandt hatte, der aber erst nach ihrer Ankunft in England in Schottland eintraf. Darin drückte Elisabeth ihre Freude über Marias Entkommen aus Lochleven aus, ermahnte sie aber zugleich, denn "affection to my nearest relative and the honour of a Queen, constrain me to send this word by a gentlemen, and my advice in matters touching your estate and honour, whereof I am no less careful than you can wish, and whereof you have been careless in the past [...] If you had as much regard thereto as to "ung malheureuse meschant"[131] all the world would have condoled with you, as to speak "sans faincte", not many do." Elisabeth warnte sie davor, in Frankreich Unterstützung zu suchen: "Remember that those who have two strings to their bow may shoot stronger, but they rarely shoot straight"[132].

Am Hof Elisabeths wurde die Nachricht von Marias Ankunft mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Elisabeth selbst neigte offenbar dazu, tatsächlich in das von Maria wiederholt erbetene Treffen zwischen den beiden Cousinen einzuwilligen. Trotz ihrer Kritik an Marias Verwicklung in den Mord an Darnley und ihrer Heirat mit Bothwell billigte Elisabeth Marias erzwungene Abdankung und das Verhalten der schottischen Lords keineswegs. Sie war stets der Auffassung gewesen, dass es nicht gerechtfertigt sei, einen gesalbten Souverän abzusetzen und zu inhaftieren[133]. Andererseits war es für Elisabeth undenkbar, als protestantische Herrscherin eine katholische Königin mit militärischer Gewalt gegen deren protestantische Untertanen zu unterstützen. Ein solches Vorgehen hätte außerdem ihre fragile im Vertrag von Edinburgh 1560 begründete Entente mit den schottischen Lords gefährdet und England dem Gespenst der wiederauflebenden "Auld Alliance"[134] Schottlands mit Frankreich ausgesetzt[135]. Maria ohne eine Armee nach Schottland zurückzuschicken, hätte jedoch bedeutet, sie dem sicheren Tod auszuliefern, da außer Zweifel stand, dass ihre Gegner, allen voran ihr Halbbruder Murray, versuchen würden, sie aus dem Weg zu räumen. Andererseits musste Elisabeth verhindern, dass Maria sich an Frankreich wandte[136], um von dort aus den schottischen Thron wiederzugewinnen oder, wie schon einmal zu Zeiten Heinrichs II., ihren Anspruch auf den englischen Thron geltend zu machen[137]. Elisabeth wollte unter keinen Umständen den ultra-katholischen Guisen eine so mächtige Waffe in die Hände spielen. Was aber sollte man dann mit Maria anfangen ? Elisabeth sollte fast neunzehn Jahre brauchen, um diese Frage endgültig zu beantworten.

[...]


[1] Holmes, P.J., Mary Stewart in England, in: Innes Review 38 (1987), S. 215.

[2] Cobbett, Complete Collection of State Trials and Proceedings for High Treason and other Crimes and Misdemeanors. From the earliest period to the present time, Bd. I, London 1809, S. 1163f.

[3] Wormald, Jenny, Mary Stuart. A Study in Failure, London 1991. Dt. Ausgabe: Maria Stuart, aus dem Engl. von Cornelia Witz, Würzburg 1992.

[4] Fraser, Antonia, Mary Queen of Scots, 1969. Dt. Ausgabe: Maria, Königin der Schotten, übersetzt von Ulla H. de Herrera, 2. Aufl. München 1971.

[5] Duchein, Michel, Marie Stuart, Paris 1987. Dt. Ausgabe: Maria Stuart. Eine Biographie, aus dem Frz. von Enrico Heinemann und Ursel Schäfer, Zürich 2003.

[6] Muhlstein, Anka, Elisabeth d`Angleterre et Marie Stuart ou Les périls du mariage, Paris 2004. Dt. Ausgabe : Die Gefahren der Ehe. Elisabeth von England und Maria Stuart, übersetzt von Ulrich Kunzmann, Frankfurt a. M. 2005.

[7] Dunn, Jane, Elizabeth and Mary. Cousins, Rivals, Queens, London 2003.

[8] Neale, John E., Elisabeth I. Königin von England, München 31995.

[9] Alford, Stephen, The Early Elizabethan Polity. William Cecil and the British Succession Crisis, 1558-1569, Cambridge 1998.

[10] MacCaffrey, The Shaping of the Elizabethan Regime, I, Princeton 1968.

[11] Levine, Mortimer, The Early Elizabethan Succession Question, 1558-1568, Stanford 1966.

[12] Read, Conyers, Mr. Secretary Walsingham and the policy of Queen Elizabeth, 3 Bde., London 1925. Ders., Mr. Secretary Cecil and Queen Elizabeth, London 1955. Ders., Lord Burghley and Queen Elizabeth, London 1960.

[13] Graves, Michael A. R., Burghley: William Cecil, Lord Burghley, London - New York 1998.

[14] Kretzschmar, Johannes, Die Invasionsprojekte der katholischen Mächte gegen England zur Zeit Elisabeths. Mit Akten aus dem Vatikanischen Archiv, Leipzig 1892.

[15] Pollen, John Hungerford, Mary Queen of Scots and the Babington Plot, Edinburgh 1922 (Publications of the Scottish History Society, 3rd series, Bd. III).

[16] Edwards, Francis, Plots and Plotters in the Reign of Elizabeth I, Dublin 2002.

[17] Elton, Geoffrey R., England under the Tudors, London 1958.

[18] Calendar of State Papers relating to Scotland and Mary, Queen of Scots, 1547 - 1603, preserved in the Public Record Office, the British Museum and elsewhere in England, hrsg. von Joseph Bain, 12 Bde. Edinburgh 1898ff.

[19] Calendar of the manuscripts of the Marquis of Salisbury, preserved at Hatfield House, London 1883ff. Ein Teil davon wird als Cecil Papers in der Bibliothek von Hatfield House, ein zweiter Teil als Burghley Papers in der Lansdowne Collection of MSS. im Britischen Museum aufbewahrt.

[20] Camden, William, Annales Rerum Anglicarum et Hibernicarum Regnante Elizabetha ad Annum Salutis 1589, Frankfurt 1639.

[21] Cobbett, Complete Collection of State Trials and Proceedings for High Treason and other Crimes and Misdemeanors. From the earliest period to the present time, I, London 1809.

[22] Nau, Claude, Maria Stuart von der Ermordung Rizzios bis zur Flucht nach England 1566-1568, übers. von H. Cardauns, Würzburg 1885.

[23] Keith, Robert, History of the Affairs of Church and State in Scotland from the Beginning of the Reformation to the Year 1568. With Bibliographical Sktech, Notes and Index, by John Parker Lawson, Bd. 2, Edinburgh 1845 und Bd., Edinburgh 1850.

[24] Read, Conyers (Hrsg.), The Bardon Papers. Documents relating to the Imprisonment and Trial of Mary Queen of Scots, London 1909. Die Papiere waren 1834 auf dem Dachboden des Bardon House in Somerset entdeckt und 1870 an das Britische Museum verkauft worden. 1909 wurden sie erstmals vollständig in der genannten Edition gedruckt.

[25] Darunter etwa: Sepp, Bernhard, Process gegen Maria Stuart zu Fotheringhay 14./24. und 15./25. Oktober 1586 und in der Sternkammer zu Wesetminster 25. Oktober/4. November 1586, München 1886. Außerdem : Steuart, A. Francis, Trial of Mary Queen of Scots, Edinburgh - London 1923 und Smith, Alan G., The last years of Mary Queen of Scots. Documents from the Cecil papers at Hatfield House, London 1990.

[26] Labanoff, Alexandre (Hrsg.), Lettres, instructions et mémoires de Marie Stuart, Reine d`Ecosse, Publiés sur les originaux et les manuscrits du State Paper Office de Londres et des principales archives et bibliothèques de l`Europe, 7 Bde., London - Paris 1844.

[27] Marcus, Leah S. / Mueller, Janel (Hrsg.), Elizabeth. Collected Works, Chicago 2000. Bruce, John (Hrsg.), Letters of Queen Elizabeth and King James VI of Scotland, London 1849.

[28] Morris, John (Hrsg.) , Letter-books of Sir Amias Paulet, London 1874.

[29] Elton, England under the Tudors, S. 294.

[30] Holmes, Mary Stewart in England, S. 197. Er stützt sich dabei auf C.S.P. Scot., Bde. II-VI, und Labanoff, Bde. II-VII.

[31] Ebd., S. 195. Siehe hierzu Kapitel 3.1.

[32] Sir Ralph Sadler (1507-1587), Diplomat, diente schon Heinrich VIII., später mit mehreren Missionen in Schottland betraut, enger Vertrauter Cecils und seit 1568 Kanzler des Herzogtums Lancaster (D.N.B., XVII, S. 598-601).

[33] The State Papers and Letters of Sir Ralph Sadler, hrsg. von Arthur Clifford, II, Edinburgh 1809, Nr. 566.

[34] Jakob Stuart (1531?-1570), illegitimer Sohn Jakobs V. mit Lady Margaret Erskine, einer Tochter des fünften Earl of Mar. Jakob wurde 1538 Prior der Abtei St. Andrews und besuchte dort von 1541-1544 die Universität. Später sympathisierte er mit den Protestanten und setzte sich für die Rückkehr von John Knox aus dem Exil ein. Nachdem er Maria von Guise anfangs im Kampf gegen die Aufständischen unterstützt hatte, wurde er später ihr erbitterter Feind. Unter Maria Stuart war er ab 1561 Mitglied des Staatsrats und die ersten dreieinhalb Jahre ihrer Herrschaft ihr wichtigster Ratgeber. 1562 wurde er zum Earl of Mar ernannt, nach dem Sturz des Earl of Huntly erhielt er dessen Ländereien und Titel eines Earl of Murray. Er war ein entschiedener Gegner der Heirat seiner Schwester mit Darnley und zettelte eine Rebellion gegen sie an, die als die Chaseabout Raid in die Geschichte einging. Nach der Niederschlagung des Aufstands musste er in England Zuflucht suchen (D.N.B., XVIII, S. 1184-1194).

[35] Duchein, Maria Stuart, S. 133; Fraser, Maria, S. 188f. Maria war zunächst davon überzeugt, dass ihre Wahl Elisabeths Billigung finden würde, doch diese sah in der Ehe einen erneuten Versuch Marias, ihren Anspruch auf den englischen Thron zu untermauern, da Darnley ebenfalls ein Urenkel Heinrichs VII. war. Außerdem war Darnley katholisch, und Elisabeth wußte, dass die schottischen Protestanten sich nicht mit ihm einverstanden erklären würden.

[36] Heinrich Stuart (1545-1567), Lord Darnley, einzig überlebender Sohn von Matthew Stuart, Earl of Lennox, und Lady Margaret Douglas, der Enkelin Heinrichs VII. von England (D.N.B., XVIII, S. 1174-1178).

[37] Rizzio wurde am Abend des 9. März 1566 im Turmzimmer der Königin vor ihren Augen unter dem Vorwand, er habe mit ihr Ehebruch begangen, mit mehr als fünfzig Schwerthieben und Dolchstößen ermordet. Maria war zu dem Zeitpunkt im sechsten Monat schwanger (Duchein, Maria Stuart, S. 164-167, Fraser, Maria, S. 208-210).

[38] David Rizzio (1533?-1566), Sohn einer verarmten Bürgerfamilie aus dem Piemont, war 1561 im Gefolge des Botschafters von Savoyen nach Schottland gekommen und zunächst als Musiker am Hof von Edinburgh geblieben. Ab 1564 war er Kammerdiener der Königin und gewann nach und nach ihr Vertrauen. Maria ernannte ihn schließlich zum Sekretär für ihre französische Korrespondenz, eine bedeutende Position, da der Großteil von Marias Briefen, auch die an Elisabeth, in französischer Sprache gehalten war. Rizzio spielte bei den Verhandlungen um Marias Heirat mit Darnley eine große Rolle, der junge Bewerber fand in ihm im Gegensatz zu den meisten Ratgebern der Königin sogar einen Verbündeten. Die Gegner Rizzios, allen voran Murray und Maitland, beschuldigten ihn, ein Spion des Papstes, der Guisen oder des Königs von Spanien zu sein und einen katholischen Schlag gegen die schottischen Protestanten vorzubereiten (D.N.B., XVI, S. 984-986).

[39] Duchein, Maria Stuart, S. 192.

[40] William Maitland of Lethington (1528?-1573) hatte die Universität St. Andrews besucht und auf dem Kontinent weitere Studien absolviert, ehe er 1554 zeitweilig Botschafter am Hof Maria Tudors war. Er stellte sich gegen Maria von Guise und verfolgte seine eigene Politik, die ein Bündnis mit England zum Ziel hatte. Zu diesem Zweck bereitete er den Vertrag von Berwick vor, in dem Elisabeth den aufständischen Lords ihre Unterstützung gegen die schottische Regentin zusicherte. Zwischen Maitland und Cecil entwickelte sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft, auch Elisabeth schätzte ihn ob seiner Fähigkeiten sehr. 1560 überzeugte Maitland die Lords, dem Vertrag von Edinburgh zuzustimmen, unter Maria Stuart war er mit Angelegenheiten der politischen Beziehungen zu England betraut. Da er im Laufe seiner Karriere mehrfach die Seiten wechselte, wurde er von vielen als "Chamäleon" bezeichnet (D.N.B., XII, S. 820-827).

[41] Darnley hatte vor dem Mord an Rizzio erklärt, nicht er, sondern Rizzio sei der Vater von Marias Kind. Obgleich Maria nach der Geburt Jakobs VI. vor dem versammelten Hof eine öffentliche Erklärung abgab, dass Darnley der wahre Vater des Kindes sei, wußte sie nur zu gut, was derartige Gerüchte anrichten konnten. Dass Darnley später auch der Taufe seines Sohnes demonstrativ fernblieb, gab Maria in ihrer Besorgnis recht.

[42] Duchein, Maria Stuart, S. 199, Fraser, Maria, S. 232.

[43] Craigmillar Castle war damals ein Landsitz am Rande der Stadt, heute liegt das Schloss in einem relativ dicht bevölkerten Stadtgebiet. Maria, die zu dem Zeitpunkt krank und depressiv war, zog es Holyrood Castle vor, da sie sich dort zu sehr an die Ermordung Rizzios erinnert fühlte.

[44] Archibald Campbell, fünfter Earl of Argyll (1530-1573), Protestant, Mitglied des Staatsrats (D.N.B., III, S. 766-770).

[45] George Gordon, fünfter Earl of Huntly (gest. 1576), hatte während Marias Regentschaft das Amt des Kanzlers inne (D.N.B., VIII, S. 182-186).

[46] Jakob Hepburn, vierter Earl of Bothwell (1536?-1578) stammte aus dem uralten Geschlecht der Hepburns, dessen Einfluss sich über weite Gebiete im Südosten Schottlands erstreckte. Er war der einzige Sohn von Patrick, dem dritten Earl of Bothwell, und Agnes, einer Tochter von Heinrich Lord Sinclair. Er war sehr gebildet, hatte eine gute Erziehung genossen, war weit gereist und sprach hervorragend Französisch. Obwohl er selbst Protestant war, hatte er Maria von Guise in ihrem Kampf gegen die Lords of the Congregation unterstützt und musste deswegen vorübergehend ins Exil gehen. Er war ein geborener Abenteurer, sehr ehrgeizig, jähzornig und überheblich. Außerdem stand er in dem Ruf eines Frauenhelden (D.N.B., IX, S. 597-608).

[47] Kenntnis über die Beratungen auf Craigmillar Castle haben wir im wesentlichen aus einer Quelle, die allerdings kritisch zu bewerten ist. 1567 verfassten während Marias Gefangenschaft in Lochleven Huntly und Argyll einen "Protest", in dem sie die Schuld an der Ermordung Darnleys auf Maitland und Murray abzuwälzen suchten. Die Königin wurde durch diesen Bericht vollständig entlastet. Als Murray 1569 von dem Dokument Kenntnis erhielt, bestritt er, in irgendeiner Weise an der Verschwörung beteiligt gewesen zu sein (Duchein, Maria Stuart, S. 204f.).

[48] Nach kanonischem Recht hätte allein der Papst die Ehe auflösen können und dies nur mit der Begründung der nahen Blutsverwandtschaft und des Fehlens eines päpstlichen Dispenses zum Zeitpunkt der Heirat. Danach hätte die Ehe aber nie rechtmäßig bestanden, Jakob VI. wäre ein Bastard gewesen. Es ist nicht recht vorstellbar, dass die überzeugte Katholikin und im kanonischen Recht sicher nicht unbewanderte Maria dem Vorschlag zugestimmt haben soll, nachdem Bothwell sie mit Verweis auf seine eigene Biographie überredet hatte. Obwohl dessen Eltern sich 1543 hatten scheiden lassen, hatte er nach dem Tod seines Vaters 1556 alle Titel und Ländereien, sowie das Amt des Lord High Admiral of Scotland geerbt.

[49] Die Protestation Huntlys und Argylls findet sich in: Keith, History, III, Anhang, S. 290-294.

[50] Buchanan behauptet, der Kontrakt trage nur die Unterschriften von Maitland, Argyll, Bothwell und Balfour, einem Freund Bothwells. Damit steht seine Aussage gegen die von Huntly und Argyll. Siehe auch die Antwort Murrays auf Argylls und Huntlys Protest, Ebd., S. 294f.

[51] Der Adel in Schottland genoss eine relativ große Autonomie gegenüber der Krone, Verträge zwischen lords und lairds waren üblich und errangen während der Minderjährigkeit Maria Stuarts oftmals den Status nationaler politischer Abkommen. "The Craigmillar bond is only one example of the bonds made by the leaders of political society in which they undertook to defend the common weal" (Wormald, Resistance and Regicide, S. 83).

[52] Der Umstand, dass diese Aussage sechs Jahre nach der Konferenz gemacht wurde, noch dazu während der Regentschaft Mortons, der selbst zum Kreise der Verdächtigen gehörte, mag ihren Wert relativieren.

[53] Geständnis des Laird of Ormiston, Edinburgh Castle, 13. Dezember 1573, in: Cobbett, State Trials, I, S. 945.

[54] Das Schriftstück ist nicht erhalten geblieben, Maria selbst berichtete ihrem Sekretär Claude Nau später, Bothwell habe ihr bei seinem Abschied nach der Schlacht von Carberry Hill ein Papier übergeben, das die Schuld der anderen Lords beweise (Nau, Maria Stuart, S. 53; die Aufzeichnungen Naus sind an dieser Stelle leider beschädigt und daher lückenhaft). Falls es sich dabei um den Craigmillar bond gehandelt hat, muss er Maria nach ihrer Gefangennahme abgenommen worden sein.

[55] George Buchanan (1506-1582), Historiker, stammte aus einfachen Verhältnissen. Er studierte in St. Andrews und war unter Marias Herrschaft vom Staatsrat mit der Übersetzung der spanischen Korrespondenz betraut. Während des Mordes an Darnley hielt er sich in St. Andrews auf, später zeigte er sich ganz als "willing agent of Murray`s policy" (D.N.B., III, S. 187-193, Zitat S. 189).

[56] Huntly hätte zum Zeitpunkt der Abfassung seines Berichts allen Grund gehabt, Bothwell zu belasten, da dieser inzwischen von Huntlys Schwester, Jean Gordon geschieden, geflohen und für vogelfrei erklärt worden war.

[57] Matthew Stuart (1516-1571), Earl of Lennox, war nach dem Tod Jakobs V. nach Maria Stuart der nächste legitime Anwärter auf den schottischen Thron und machte sich zeitweilig Hoffnungen darauf, die Regentin Maria von Guise zu heiraten (D.N.B., XVIII, S. 1218-1223).

[58] Duchein, Maria Stuart, S. 208.

[59] Siehe auch Kapitel 2.1 und 2.2.

[60] Die genauen Umstände des Attentats sind bis heute ungeklärt. Die Zeugenaussagen stammen zum einen von Dienern Bothwells, die allesamt hingerichtet wurden. Der Wert ihrer unter der Folter erzwungenen Geständnisse ist höchst zweifelhaft. Zum anderen liegen die Aussagen von Darnleys Dienern bzw. denen seines Vaters vor, deren eindeutiges Ziel es war, Bothwell und mit ihm Maria Stuart zu belasten. Eine Darstellung der vielen Ungereimtheiten bei der Rekonstruktion des Tathergangs findet sich bei Duchein, Maria Stuart, S. 226-230, und Frase r, Maria, S. 237-245.

[61] Entgegen den Behauptungen Buchanans, man habe Darnley nach Kirk o` Field gebracht, weil der abgeschiedene Ort ideal für das Attentat gewesen sei, hatte Darnley diesen Aufenthaltsort selbst gewählt. Die Gegend galt als gesundheitsfördernd, und Schloß Holyrood lag nur etwa einen Kilometer entfernt - das Haus lag also keineswegs so abgelegen, wie Buchanan glauben machen wollte. Maria Stuart, die Darnley täglich besucht und sogar einige Male die Nacht in Kirk o` Field verbracht hatte, war am Abend des 9. Februar nach Holyrood zurückgeritten, um an der Hochzeit ihres Dieners Bastian teilzunehmen.

[62] Darnley hatte sich nach der Taufe seines Sohnes zu seinem Vater nach Glasgow zurückgezogen. Den Feierlichkeiten war er demonstrativ ferngeblieben. Zunächst ging das Gerücht von einer Vergiftung um, in den Berichten der Diplomaten ist sowohl von small pox (Pocken), als auch von pox (Syphilis) die Rede (Fraser, Maria, S. 231, Duchein, Maria Stuart, S. 215). Maria reiste schließlich nach Glasgow, um sich - tatsächlich oder vorgeblich - mit Darnley zu versöhnen und ihn nach Edinburgh zurückzuholen. Über die Gründe ist viel spekuliert worden. Wußte sie von dem Anschlag und wollte sie Darnley den Mördern in die Hände spielen ? Ist der Brief, den sie aus Glasgow an Bothwell schrieb, echt ? Oder hatte sie Angst, dass Darnley erneut eine Verschwörung gegen sie anzetteln würde, und wollte ihn daher unter ihrer Aufsicht haben ? Die Reise nach Glasgow ist eine von vielen offenen Fragen in der Tragödie um Darnley (Fraser, Maria, S. 234f., Duchein, Maria Stuart, S. 216-221). Eine einleuchtende und psychologisch brillante Analyse liefert auch Zweig, Stefan, Maria Stuart, Frankfurt am Main 121981, S. 229-242.

[63] Fleming, David Hay, Mary Queen of Scots. From her Birth to her Flight into England. A Brief Biography with Critical Notes, a few Documents hitherto unpublished, and an Itinerary, London 1897, S. 150, Anm. 19.

[64] Duchein, Maria Stuart, S. 232. Katharina von Medici dagegen fand andere Worte: "Set jeune fu n`a pas aysté longtemps roy; s`il eut aysté plus sage je croy qu`il feut encore en vye. C`eyt grent heur pour la royne ma fille d`enn estre défayste." (Brief vom 27. Februar 1567 an den Konnetabel von Montmorency, in:, Cathérine de Médicis, Lettres, hrsg. von Hector de La Ferrière-Percy, Bd. III, 1567-1570, Paris 1887, S. 14).

[65] Fraser, Maria, S. 249.

[66] Duchein, Maria Stuart, S. 236f.

[67] Brief Elisabeths an Maria, Westminster, 24.2.1567, in: Elizabeth, Collected Works, S. 116.

[68] Wormald, Mary, S. 173f.

[69] Duchein, Maria Stuart, S. 239. Lennox, dem klar geworden war, dass er "in ein Wespennest gestochen hatte", stellte sich krank und glänzte durch Abwesenheit, seine Anklageschrift enthielt zudem einen schweren sachlichen Fehler, indem sie den Tatzeitpunkt falsch wiedergab.

[70] Muhlstein vertritt - ebenso wie Zweig - die These, Maria sei zum Zeitpunkt des Mordes an Darnley bereits "wahnsinnig verliebt" in Bothwell gewesen. Es habe ihr zudem in den Wochen nach dem Verbrechen an einem treuen und weitsichtigen Ratgeber gefehlt, wie ihn Elisabeth in Cecil hatte. Maria habe sich während der ganzen Jahre ihrer Herrschaft immer auf irgendeinen Mann in ihrer Umgebung verlassen, zuerst auf ihren Bruder, dann auf Rizzio, schließlich auf Bothwell. Wie auch Fraser betont Muhlstein den Aspekt, die ersten beiden Ehemänner Marias seien zu jung und unreif gewesen, daher sei sie Bothwell geradezu verfallen. Auch wenn diese Argumente einiges für sich haben, bleibt offen, ob sie sich in ihrem politischen Handeln wirklich so stark von ihren Gefühlen leiten ließ, wie Muhlstein und Zweig argumentieren (Vgl. Muhlstein, Die Gefahren der Ehe, S. 123; Zweig, Maria Stuart, S. 180-299. Zweig baut im Grunde seine ganze Biographie auf der These von der Leidenschaft Marias für Bothwell auf. Seine Ausführungen sind nicht wissenschaftlich belegt, als psychologische Analyse genommen - und einen anderen Anspruch erhebt das Werk nicht - sind sie jedoch schlüssig und durchaus plausibel).

[71] Die Frage nach den Gründen ist vielfach diskutiert worden. Der Wortlaut des Paktes ist in mehreren Abschriften unterschiedlich überliefert und nennt verschiedene Unterzeichner, eine davon sogar Murray, der sich zu dem Zeitpunkt jedoch gar nicht in Schottland befand. Maria selbst hat später erklärt, die Lords hätten den bond geschlossen, um sie zu vernichten (Duchein, Maria Stuart, S. 243-245).

[72] Sir William Kirkcaldy of the Grange (gest. 1573) genoss wegen seines Charakters und seiner Fähigkeiten sowohl in Schottland, als auch in England hohes Ansehen. Er war gegen die Heirat Marias mit Darnley gewesen und hatte Murrays Rebellion gegen sie unterstützt, weshalb er nach England ins Exil gehen musste. Obgleich ein Anhänger Murrays protestierte er später gegen ihre Inhaftierung (D.N.B., XI, S. 209-212).

[73] Brief Kircaldys of the Grange an Bedford, Edinburgh, 20. April 1567, in: C.S.P. Scot, II, S. 322.

[74] Es gilt als wahrscheinlich, dass diese Entführung eine Inszenierung war, von der Maria im vorhinein Kenntnis hatte. Duchein geht wie viele andere davon aus, dass die beiden bereits vorher ein Liebespaar waren, und dass die angebliche Vergewaltigung ein Täuschungsmanöver war. Für Marias Einvernehmen spricht, "dass sie sich größte Mühe gab, ihre ergebenen Untertanen von dem Gedanken abzubringen, sie zu befreien, und dass sie Bothwell auf der Stelle verzieh" (Duchein, Maria Stuart, S. 247). Fraser dagegen stimmt, was die vorgebliche Entführung angeht, mit Duchein überein, urteilt aber hinsichtlich der Vergewaltigung, dass sie tatsächlich als solche stattfand: "Er hatte vor, die Königin in eine Lage zu versetzen, die sie zwingen würde, ihn zu heiraten". (Fraser, Maria, S. 255).

[75] Elisabeth, die Maria schon vorher gewarnt hatte, schrieb am 23. Juni aus Richmond an Maria: "For how could a worse choice be made for your honor than in such haste to marry such a subject who, besides other notorious lacks, public fame has charged with the murder of your late husband, besides touching yourself in some part, though we trust in that behalf falsely ! And with what peril have you married him, that hath another lawful wife alive, therby neither by God`s law nor man`s, yourself can be his lawful wife nor any children betwixt you legitimate ?", in: C.S.P. Scot., II, S. 336f.

[76] Bothwells Ehe mit Jean Gordon, der Schwester Huntlys, war am 2. Mai vom calvinistischen Kirchenvorstand auf Antrag der Ehefrau geschieden worden. Als Scheidungsgrund gab sie Bothwells Ehebruch mit einer Dienstmagd namens Bessie Crawford an. Zur Sicherheit wurde die Ehe auch vom katholischen Erzbischof Hamilton geschieden mit der Begründung, trotz der nahen Verwandtschaft der Ehegatten habe kein Dispens vorgelegen. "Mit welch unerhörtem Zynismus diese Angelegenheit betrieben wurde, ist daran zu erkennen, dass der Dispens nicht nur gewährt, sondern vom Erzbischof Hamilton selbst erteilt worden war" (Fraser, Maria, S. 258). Da es bereits vor der Scheidung Gerüchte gegeben hatte, dass Bothwells Frau vergiftet worden sei, hatte sie wahrscheinlich aus Angst um ihr Leben keine andere Wahl, als Bothwell freizugeben (Duchei n, Maria Stuart, S. 247).

[77] Am 1.Mai bereits schlossen sie, darunter Morton und Argyll, in Stirling einen bond, in dem sie schworen, die Königin zu befreien und Prinz Jakob zu verteidigen (Fraser, Maria, S. 258).

[78] Bezeichnenderweise trugen diese an der Spitze ihrer Formation ein weißes Banner, das einen grünen Baum zeigte, an dessen Fuße der kleine Jakob neben der Leiche Darnleys kniend betete. Die Aufschrift lautete: "Richte und räche meine Sache, o Gott!" (Fraser, Maria, S. 264).

[79] Zum einen hielt sie den Lords entgegen, dass sie selbst sich ja mit der Ehe einverstanden erklärt hätten. Zudem hatte Bothwell ungeachtet seiner Fehler ihr stets treu und ergeben zur Seite gestanden, was sie von den meisten anderen Lords nicht behaupten konnte. Maria war zu diesem Zeitpunkt überdies schwanger und abgesehen davon, dass eine Trennung von Bothwell ihr Kind zum Bastard gemacht hätte, muss sie ihre Schwangerschaft auch als Besiegelung der Ehe verstanden haben. Da die Kindersterblichkeit in jener Zeit sehr hoch war, konnte Maria außerdem nicht darauf vertrauen, dass durch ihren einzigen Sohn Jakob die Thronfolge garantiert würde (Fraser, Maria, S. 265).

[80] Die Zusicherung des freien Geleits für Bothwell war bloße Rhetorik, er wurde sofort verfolgt, floh jedoch auf die Orkneyinseln und erreicht schließlich auf Umwegen Dänemark. Dass er Jahre zuvor der Norwegerin Anna Throndsen die Ehe versprochen hatte, wurde ihm nun zum Verhängnis (D.N.B., IX, S. 598). Nach seiner Verurteilung durch ein dänisches Gericht wurde er unter sehr harten Bedingungen inhaftiert. König Frederick von Dänemark und Norwegen erkannte, welch wertvolles Pfand er mit dem Ehemann der schottischen Königin und mutmaßlichen Erbin des englischen Throns in der Hand hatte. Trotz Bothwells Bittgesuchen an den französischen König und Murrays Bitten um seine Auslieferung, blieb er in Haft. Nach zehn Jahren Gefangenschaft starb er, inzwischen dem Wahnsinn verfallen, in seinem Verließ (Fraser, Maria, S. 282; Muhlstein, Gefahren der Ehe, S. 141).

[81] Auch Marias Anhänger formierten sich neu, ihre führenden Köpfe unterzeichneten am 29. Juni einen Pakt zur Befreiung Marias. Gleichzeitig entsandten sie Botschafter nach Frankreich und England, um Unterstützung zu erbitten.

[82] Erklärung Mortons hinsichtlich der Kassettenbriefe, Westminster, 29.12.1568, in: C.S.P. Scot., II, S. 730f.

[83] Siehe Kapitel 2.1.

[84] Siehe Kapitel 2.2.

[85] Duchein, Maria Stuart, S. 272f.; Fraser, Maria, S. 274.

[86] Jakob Douglas (gest. 1581), vierter Earl of Morton, war Mitglied des Staatsrats und seit 1563 Lordkanzler. Er hatte Maria gegen die protestantischen Lords und John Knox unterstützt, als diese ihr die private Ausübung der Messe verbieten wollten. Er war auch einer der wenigen, die ihre Heirat mit Darnley befürwortet hatten (D.N.B., V, S. 1214-1227).

[87] Duchein, Maria Stuart, S. 279.

[88] Nau, Maria Stuart, S. 61.

[89] Sir Nicholas Throckmorton (1515-1584), Diplomat, Botschafter Elisabeths in Frankreich.

[90] Marias Freilassung wurde zur Bedingung für Verhandlungen mit den Lords gemacht. Allerdings sollte die reale Macht in deren Händen bleiben, Maria unter ihrer Kontrolle regieren, nachdem sie sich zuvor von Bothwell getrennt und die Mörder Darnleys bestraft hätte (Duchein, Maria Stuart, S. 276).

[91] Elisabeth hatte Lady Lennox, die sie aus Protest gegen Darnleys Hochzeit mit Maria in den Tower gesperrt hatte, nach dessen Ermordung freigelassen. Dass Jakob in England erzogen werden sollte, deutet darauf hin, dass Elisabeth ihn als ihren möglichen Erben anzuerkennen gedachte und damit einer Vereinigung beider Königreiche den Weg bahnen wollte - wie es ja 1603 dann auch geschah.

[92] Duchein, Maria Stuart, S. 278.

[93] Keith, History, II, S. 706-713, die Begründung lautete wörtlich: "We ar sa vexit and weryit that our body, spirite and sencis, ar altigidder becum unhabill langer to travell in that rowme; and thairfore we have dimittit and renuncit the office of governement of this realme". Maria hat die Dokumente nicht einmal gelesen. Siehe auch: Fleming, Mary, S. 168f.

[94] Maria lag zu diesem Zeitpunkt krank im Bett, da sie wenige Tage zuvor eine Fehlgeburt gehabt hatte (Fraser, Maria, S. 276f., Duchein, Maria Stuart, S. 270f. ).

[95] Er übergab ihr auch einen Türkis, den sie einst dem Grafen Atholl geschenkt hatte, und der die Gravierung "A chi basta l`animo, non mancano le forze" trug - als Zeichen, dass ihre Freunde versuchen würden, sie zu befreien (Nau, Maria Stuart, S. 61f.)

[96] Ebd., S. 63.

[97] Elisabeth an Throckmorton, 27. Juli 1567, in: C.S.P. Scot., II, S. 366f.

[98] Duchein, Maria Stuart, S. 292. Ob diese wahrscheinlich erste Wirtschaftsblockade der Geschichte umgesetzt wurde, und ob sie Erfolg hatte, ist nicht bekannt.

[99] Ob Murray seit Marias Ankunft in Schottland 1561 darauf hingearbeitet hatte, wie Duchein meint, ist nicht mehr nachprüfbar (Duchein, Maria Stuart, S. 279).

[100] An diesem 16. September 1567 werden die Dokumente erstmals offiziell erwähnt.

[101] Keith, History, III, Anhang S. 316ff.; Duchein, Maria Stuart, S. 289f.

[102] Naus Bericht zufolge hatte Maria von Bothwell Zwillinge erwartet (Nau, Maria Stuart, S. 62).

[103] Fraser, Maria, S. 283.

[104] Interessant ist, dass diese Fassung nur einen kurzen Hinweis auf die Kassettenbriefe enthält, während die englische Übersetzung vom September 1568, die eigens für den Prozess in York angefertigt wurde, ein langes Postskriptum über die Briefe einschließt.

[105] Buchanan, George, De Jure Regni apud Scotos, Amsterdam - New York 1969. Dabei handelt es sich um ein Faksimile der Erstausgabe, Edinburgh 1579. Eine moderne Ausgabe mit vollständigem Anmerkungsapparat existiert nicht. Englische Übersetzung : Arrowood, Charles Flinn (Hrsg.), The Powers of the Crown in Scotland : a Translation of George Buchanan`s De Jure Regni apud Scotos, Austin 1949.

[106] Burns, J.H./Goldie, Mark (Hrsg.), The Cambridge History of Political Thought 1450-1700, Cambridge 1991, S. 217.

[107] Wormald, Resistance and Regicide, S. 68.

[108] Ebd ., S. 71.

[109] Buchanan, George, Ane Admonitioun direct to the trew Lordis maintenaris of justice and obedience to the Kingis Grace, London 1571, in: The Tyrannous Reign of Mary Stewart by George Buchanan, hrsg. von W. A. Gatherer, Edinburgh 1958, Nachdruck Westport 1978, S. 183.

[110] 1437 war Jakob I. ermordet worden, 1488 starb Jakob III. in der Schlacht gegen eine große Anzahl seiner eigenen Untertanen (Boardman, Steve, Stewart dynasty to James V, in: The Oxford Companion to Scottish History, hrsg. von Michael Lynch, S. 364f.)

[111] Wormald, Resistance and Regicide, S. 72.

[112] Ebd., S. 75.

[113] Burns, The Cambridge History of Political Thought, S. 216.

[114] C.S.P. Scot., II, S. 406f.

[115] Sir John Maxwell of Terregles (1512?-1583), Baron Herrie, war zwar nominell Protestant, aber er hegte von Anbeginn ihrer Herrschaft an große Sympathien für Maria Stuart. Nach deren Heirat mit Darnley brach er jedoch auch nicht mit Murray, sondern legte bei Maria Fürsprache für ihn ein und riet ihm schließlich zur Flucht nach England. Nach dem Mord an Rizzio wurde Herries schließlich einer der treuesten Anhänger der Königin, der auch nach ihrer Eheschließung mit Bothwell auf ihrer Seite blieb (D.N.B., XIII, S. 121-124).

[116] Brief Maria Stuarts an Elisabeth, Dundrennan, 15. Mai 1568, in: Labanoff, II, S. 71.

[117] Brantôme, Pierre de Bourdeille, Abbé de, Recueil des Dames, poésies et tombeaux, hrsg. von Etienne Vaucheret, Paris 1991, S. 80.

[118] Knollys berichtet in seinem Brief an Cecil vom 21. Juni 1568, Maria wolle in Spanien und Frankreich um Unterstützung bitten, denn sie habe ihren Anhängern versprochen, im August wieder mit einer Armee in Schottland zu sein (C.S.P. Scot., II, S. 441).

[119] Nachrichtennotiz eines Schreibers Cecils, 18. Mai 1568, in: C.S.P. Scot., II, S. 409.

[120] Eine entgegengesetzte Position vertritt MacCaffrey, The Shaping of the Elizabethan Regime, I, S. 250 und 254. Maria "had chosen her ground skillfully", "she had played her few cards with skill". Dagegen Holmes, Mary Stewart in England, S. 196: Maria habe in "extraordinary stupidity [...] out of fear" gehandelt.

[121] Labanoff, VI, S. 472.

[122] Holmes, Mary Stewart in England, S. 196.

[123] Fraser, Maria, S. 296.

[124] Duchein, Maria Stuart, S. 305f.

[125] Holmes, Mary Stewart in England, S. 196.

[126] Brief Katharina von Medicis an Elisabeth, Paris, 26. Mai 1568, in: Cathérine de Médicis, Lettres, III, S. 143.

[127] Wormald, Mary, S. 176.

[128] Das beweist auch die Petition einer großen Zahl schottischer Adligen, allen voran Argyll, vom 28. Juli 1568 an Elisabeth, in: C.S.P. Scot., II, S. 466-468.

[129] Holmes, Mary Stewart in England, S. 196.

[130] Wormald, Mary, S. 177.

[131] Gemeint ist der Earl of Bothwell.

[132] Brief Elisabeths an Maria, Greenwich, 17. Mai 1568, in: C.S.P. Scot, II, S. 408.

[133] Loades, The English State and the Death of Mary, S. 162: "Elizabeth may or may not have had any sympathy with her delinquent cousin, but she was an anointed Queen, and simply to accept her deposition would have sent out very dangerous signals to those of her own subjects who were beginning to murmur that no heretic let alone a female one, should be allowed to wear the crown of England".

[134] Siehe dazu : Bonner, Elizabeth, Scotland`s ´Auld Alliance` with France, 1295-1560, in: History 1999.84 (273), S. 5-30.

[135] Loades, The English State and the Death of Mary, S. 162.

[136] Zur internationalen Lage siehe Kapitel 4.2.

[137] Zum Thronanspruch Marias siehe Kapitel 3.1.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Der gewaltsame Tod der Maria Stuart
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar )
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
111
Katalognummer
V68949
ISBN (eBook)
9783638600781
ISBN (Buch)
9783638725330
Dateigröße
961 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maria, Stuart
Arbeit zitieren
Barbara Glück (Autor), 2006, Der gewaltsame Tod der Maria Stuart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68949

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