Die Wortkreuzung als Sonderform des Kompositums


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 1,0


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Gliederung

1. Einleitung

2. Herkunft

3. Definition

4. Abgrenzung von anderen Wortbildungstypen
4.1. Ableitung
4.3. Kurzwortbildung
4.3.1. Haplologie
4.4. Kunstwörter
4.6. Portmanteau-Morphem

5. Zur Frage nach dem Wortbildungstyp
5.2. Komposition

6. Bildungsbedingung

7. Bildungsmotivation
7.1. Versprecher
7.2. Lautliche Kompromißlösung
7.3. Nominatives Bedürfnis
7.4. Wortspiel

8. Typisierung nach Schmid
8.1. Morphologische Kriterien
8.1.1. Segmentähnlichkeit
8.1.2. Komposita ohne Segmentähnlichkeit
8.2. Semantische Kriterien
8.2.1. Semantische Kriterien bei Schmid
8.2.2. Semantisches Kriterium bei Maurer

9. Schlußbetrachtung

Quellennachweis

Belegstellen

1. Einleitung

Die in die Standartwerke eingegangene Definition der Wortkreuzung hat, gegenüber anderen aus der Forschung zu den Wortbildungstypen, den Vorteil, dass Einigkeit über sie herrscht, jedoch den Nachteil, dass sie noch sehr allgemein gefaßt ist und nicht die unterschiedlichen Typen innerhalb der Wortkreuzung, sowie Abgrenzung zu anderen Wortbildungstypen miteinschließt. Eine diesbezügliche Zusammenfassung in der wissenschaftlichen Literatur scheint noch zu fehlen; mitunter herrscht hier auch Uneinigkeit.

Daher möchte ich in dieser Seminararbeit zunächst einen Forschungsüberblick zur Definition, Abgrenzung und Bildungsbedingung-, und motivation der Wortkreuzung geben und möglicherweise auch die Frage beantworten, zu welchem Wortbildungstyp sie zu zählen ist.

Ich habe mich darum bemüht, Schlüsse bei der Frage nach der Abgrenzung zum Kunstwort, den Besonderheiten der Wortbildung bei Warennamen, sowie der Gliederung der morphologischen Typen in einem Schema kompakt darzustellen, da die Materie schnell unübersichtlich wird, dem Leser aber die Möglichkeit einer sinnvollen Gliederung des Gebietes Wortkreuzung mitgegeben werden soll.

Dabei verwende ich die Standartwerke (Altmann 20052, Donalies 20052, Henzen 1947, Günther 1993 und Wellmann 19986) sowie einige ausführlichere Forschungsbeiträge (siehe Quellennachweis).

Desweiteren möchte ich auf den Ansatz einer semantischen Typisierung bei Schmid, der unter anderem eine Weiterentwicklung eines Ansatzes von Altmann und Hansen darstellt, eingehen und diskutieren, wie sinnvoll eine solche, außerordentlich umfangreiche, Systematisierung ist.

2. Herkunft

Wortkreuzungen, oder auch so genannte Portmanteau-Wörter, stammen ursprünglich aus dem Englischen. In “Through the Looking-Glass, and What Alice Found There “ von Lewis Carroll aus dem Jahre 1871 begegnet Alice Humpty-Dumpty, dem sie folgendes Gedicht aufsagt:

Twas brillig, and the slithy toves

Did gyre and gimble in the wabe;

All mimsy were the borogoves,

And the mome raths outgrabe.[1].

Auf die Frage, was slithy bedeutet, antwortet Humpty-Dumpty:

Well, ‘slithy’ means ‘lithe and slimy.’ ’Lithe’ is the same as ‘active.’ You see it's like a portmanteau-there are two meanings packed up into one word.[2]

Portmanteau bedeutet hier nicht die moderne Übersetzung Kleiderständer, sondern bezieht sich auf die inzwischen veraltete Bedeutung aus dem Mittelfranzösischen: Koffer bzw. Ledersattel mit zwei Taschen [3] . Nur die weitere Bezeichnung aus dem Französischen: mot valise erinnert noch daran.

Lewis Carrolls Erzählung mag diese Bildung zwar bekannt gemacht haben,

Der „Erfinder“ dieses Musters war er jedenfalls ebensowenig wie der Bischof Samuel Wilberforce (1805-1873), dem es von Farmer und Henly in ihrem Slangwörterbuch zugeschrieben wird.[4]

Im Deutschen verwendete man später die Synonyme Schachtelwort und Kofferwort. Aus dem Englischen stammt die Bezeichnung blend.

Wortkreuzungen sind also nicht aus einer sprachlichen Notwendigkeit, wie etwa einem nominativem Bedürfnis heraus entstanden, sondern aus dem bloßen Sprachspiel.

Weitere Kofferwörter im Gedicht sind mimsy (aus flimsy und miserable), sowie wabe (aus way before bzw. way behind).

Bei den übrigen Bildungen handelt es sich um Wortschöpfungen (borogove, mome raths, outgrabing) und Ableitungen: gyre (von gyroscope) und gimble (von gimlet).

In der Literatur finden sich viele weitere Beispiele. In Michael Endes Kinderbuch „Der Lindwurm und der Schmetterling“ möchte der Lindwurm das erste Glied seines Namens ablegen und tauscht es mit dem vom Schmetterling aus und heißt fortan Schmetterwurm.[5]

3. Definition

In den Standartwerken findet man etwa folgende Definition der Wortkreuzung: Die Kreuzung zweier oder mehrerer Wörter zu einem neuen Begriff, bei der einzelne Wortsegmente getilgt werden können und ein inhaltlich neues Wort entsteht, das sich aus der inhaltlichen Mischung der Ausgangswörter ergibt.

4. Abgrenzung von anderen Wortbildungstypen

4.1. Ableitung

Bei der Ableitung gibt es die Erscheinung, dass von einer der angedeuteten Bildungen, aus mit einem charakteristischen Element Gruppen bedeutungsverwandter Neubildungen entstehen. So stehen die Ableitungen – atschen und – ätschen beispielsweise oft für Verben des Schwatzen wie bei blatschen oder polatschen. Hierbei kann es sich aber aufgrund der allgemein üblichen Definition nicht um eine Wortkreuzung handeln, da keine neue Bedeutung erkennbar ist. Vielmehr erfüllen beide Lexeme das Kriterium der Reihenbildung und sind somit zu den Affixen zu zählen, denn Wortkreuzungen können

... nicht zu analogisch weiterwirkenden Gruppen mit denselben Bildungsmitteln werden ... .[6]

Eine Ausnahme bilden jedoch die noch sehr jungen Bildungen employability (aus employment und ability) oder rentability (aus to rent und ability) sowie die älteren Formen paradoctor (aus parachute und doctor) und paranurse (aus parachute und nurse).[7]

4.3. Kurzwortbildung

Die Kurzwortbildung ist von der Wortkreuzung zu trennen, da ... keine usuelle/lexikalisierte Ausgangsform vorliegt, die lediglich gekürzt worden ist ...[8].[9]

Steinhauer bemerkt:

...die Langformen sind nur für das Kürzungsverfahren konstruiert und werden nicht parallel zu den Wortkreuzungen als „lexikalische Varianten“ verwendet.[10]

Donalies führt hingegen zusätzlich ein semantisches Kriterium an:

Bei der Kurzwortbildung wird ... ein Wort oder eine Phrase zu einer inhaltlichen Dublette verkürzt (...), während bei der Kontamination mindestens zwei Wörter zu einem inhaltlich ganz neuen Wort zusammengefügt werden.[11]

Elsen bemerkt:

Die Kontamination ist insofern ein Sonderfall der Kürzung, als Wortmaterial getilgt wird... . Allerdings müssen im Gegensatz zur eigentlichen Kürzung Begriffe erstbenannt werden. Außerdem ist bei Kürzungen der Ausgangspunkt...eine zusammenhängende Wortgruppe bzw. ein phonologisch oder morphologisch komplexes Wort, das parallel gebräuchlich ist. Dies gilt nicht für Kontaminationen.[12]

4.3.1. Haplologie

Die Haplologie ist der Wortkreuzung insofern ähnlich, als dass bei ihr doppelte Wortsegmente getilgt werden, wie bei Öl(baum)zweig. Der Unterschied zu ihr ist jedoch im Wortbildungsprodukt zu sehen: Hier entsteht nämlich kein neues Wort durch das Zusammenfügen zweier Ausgangswörter. Wörter wie Mineralogie (statt Mineralologie) werden zu den Kurzwörtern gezählt.[13]

4.4. Kunstwörter

Elsen grenzt die Wortkreuzungen von den Kunstwörtern über ihre Mehrgliedrigkeit und Motiviertheit ab.

Sobald ein Wort aus einem unmotivierten Affix besteht, zählt Elsen es zum Kunstwort wie etwa * Diamol als Bezeichnung für ein Schuhputzmittel ohne alkoholischen Bestandteil. Die Mehrgliedrigkeit ist jedoch kein ausschließendes Kriterium, da sie auch den Hustensaft Biotuss zu den Kunstwörtern zählt, da tuss nicht tatsächlich für Husten, sondern Hustensaft steht.[14] Es ist arbiträr und somit ein Kunstwort.

Bei Fällen wie Aldi und Milka ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, um welchen Wortbildungstyp es sich handelt.

Aldi wird zurecht als Kurzwort eingestuft, da es aus der Langform Albrecht Discount gebildet wurde und mit der Verbindung beider Hintergrundlexeme kein neuer Begriff entstand, wie es bei der Wortkreuzung üblich wäre.

Milka ist zwar ein Markenname, könnte also auch als Kunstwort verstanden werden, ihm liegt aber eine Vollform mit Hintergrundlexemen zugrunde, die es schon vorher gab: Milch und Kakao.

Elsen bemerkt jedoch hierzu:

Wenn nur solche Wörter als Kurzwörter zählen, die eine parallele Langform aufweisen (...), müssen alle neugebildeten Namen wie LWS für ein Immobilienunternehmen (zu Leben, Wohnen, Sicherheit) zu den Kunstwörtern bzw. Wortschöpfungen gerechnet werden.[15]

Es wäre demnach unerheblich, ob die Wörter in solchen Bildungen vorher schon lexikalisiert auftraten. Milka und ähnliche Produkt,- oder Firmennamen wären dann nach Elsen keine Workreuzungen, sondern Wortschöpfungen bzw. Kunstwörter. Die Art und Weise der Bildung, die ersten beiden Silben der beteiligten Wörter zusammenzufügen, erinnert an ein Silbenwort. Milka ist jedoch eine unmotivierte Bildung; Schokolade ist nicht dasselbe wie Milch und Kakao (gemischt). Milka kann also verstanden werden als Kunstwort, das gebildet wurde, indem eine Kunstwortbildung: Milch-Kakao zum Silbenwort Milka gekürzt wurde. Kobler-Trill spricht hier von Kunstwörtern mit Kürzung.[16]

Persil, deren Hintergrundlexeme (Perborat und Silikat) es auch vorher schon lexikalisiert gab, ordnet Greule ebenfalls nicht der Wortkreuzung zu, sondern dem Kunstwort mit Kürzung.[17]

Elsen bemerkt:

Eine Zuordnung [von Kunstwort] zu Mischkurzwort, Kontamination und Schöpfung ist im Einzelfall zu prüfen.[18]

Es gibt nämlich auch Bildungen, die, trotzdem sie aus (arbiträren) Kunstwörtern bestehen, zu den Kontaminationen zählen, da sie mehrgliederig sind, wie Elsens Beispiel Biotuss [19]. Ist die Bildung motiviert und mehrgliedrig, handelt es sich bei Waren,- und Firmennamen, in denen einzelne Segmente gekürzt werden können, noch um eine Wortkreuzung und nicht um ein Kunstwort.

Fazit: Warennamen können, müssen aber keine Wortkreuzungen sein, wie diese Übersicht zeigen soll:

Wortbildungstypen der Waren, und Firmennamen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[20]

4.6. Portmanteau-Morphem

Beim Portmanteau-Morphem werden zwei syntaktische Kategorien verknüpft wie z.B. im (aus in dem). Sie sind gleichzusetzen mit den von Henzen aufgeführten syntaktischen Kontaminationen, da bei beiden Bildungen kein neuer Wort,- bzw. Satzsinn entsteht, sondern lediglich zwei Satzglieder zu einer Funktion verschmelzen. Bei Henzens Beispiel: das gehört mein (aus das gehört mir und das ist mein [21] ) verschmelzen Dativ und Possessivpronomen. Solche Bildungen ordnet Donalies, im Gegensatz zu Henzen, in das Gebiet der Syntax ein:

Von der Kontamination abzugrenzen sind die so genannten Verschmelzungen oder Portmanteau-Morpheme (z.B. am, beim, unters), die nicht zur Wortbildung sondern zur Syntax gehören.[22]

5. Zur Frage nach dem Wortbildungstyp

In den meisten Darstellungen wird die Wortkreuzung mit zur Wortbildung gezählt und hier dann zur Komposition wie etwa bei Donalies:

Wie bei anderen Komposita (z.B. Königsmantel) wird auch bei der Kontamination ein Wort gebildet durch Zusammensetzung von mindestens zwei Wörtern. Die Besonderheit ist die Verschachtelung.[23]

Günther hingegen zählt sie zu den Kunstwörtern, da er sie im engen Zusammenhang mit Warennamen sieht.[24]

Die meisten Forscher zählen die Kunstwörter wiederum zu den Wortschöpfungen wie Elsen[25] oder der Duden[26], demzufolge sie ebenfalls definiert werden können, als ein willkürliches Lautgebilde, das an eine beliebige Bedeutung verknüpft wird und in verständlichen, reproduzierbaren Sprachzeichen ausgedrückt wird, wobei eine nichtkomplexe Wurzel entsteht.[27] Diese Definition kann für die Wortkreuzung aber nicht herangezogen werden, da die Bedeutungsverknüpfung keinesfallst beliebig ist.

5.2. Komposition

Die Wortkreuzung ähnelt dem Kompositum, insofern sie ebenso eine Bestimmungswort-Grundwort-Beziehung aufweist:

Wie bei der typischen Komposition sind zwei Wörter die Ausgangseinheiten. Anders als bei der Komposition werden diese Wörter jedoch auf spezifische Weise verändert.[28]

Bei der Einordnung von PorNO bekommt man jedoch Schwierigkeiten, da hier kein eigener Wortbildungstyp, sondern eine Phrase: ’Porno no’ zugrundeliegt. Mit Indeskretin diskutierte Altmann[29] einen ähnlichen Fall, ebenfalls mit dem Schluß, dass es sich dabei um eine Nominalphrase handelt.

Diese Bildungen stehen für Hansen im Zusammenhang mit „clipped compounds“ (Zusammenrückung):

Es handelt sich bei ihnen im Prinzip um bloße „Umformungen“, die auf einem primär durch das Streben nach Kraftersparnis bedingten rein mechanischen Kürzungsprozeß beruhen und allein die äußere Form dieser Zusammensetzungen oder Verbindungen betreffen ... Teile von „normalerweise“ einander unmittelbar folgenden und aufeinander bezogenen Wörtern, werden unter Überspringung von „Zwischengliedern“ miteinander zu einem Wort verschmolzen, ohne daß die resultierende Form als solche hier etwa irgendwie begrifflich motiviert wäre.[30]

Solche Bildungen zählen also zu einer Sonderform der Wortkreuzung, aufgrund mangelnder semantischer Beziehung der beteiligten Ausgangslexeme.

Auch Windisch plädiert in seinem Aufsatz dafür, die Wortkreuzung als Sonderform des Kompositums zu betrachten, wenn er sagt:

Ein mot-valise wäre ... (auch) ein mot composé, wobei lediglich die ‚Verkettung’ ... des mot composé durch die ‚Überbrückung’ ... + lautliche Tilgung ... des mot valise ersetzt würde.[31]

Ich möchte mich dieser Einteilung der Wortkreuzung als Sonderform des Kompositums anschließen und abschließend noch Altmanns Gliederung der Wortkreuzungs-Komposita anführen, der sie in Determinativkomposita und Kopulativkomposita, Mischformen aus beiden, und syntaktischen Strukturen (beispielsweise Nominalphrasen) einteilt.[32]

6. Bildungsbedingung

Je näher die Segmente inhaltlich[33] und lautlich zueinander stehen, desto wahrscheinlicher bzw. naheliegender ist ihre gemeinsame Verschmelzung:

Damit zwei Wörter sich in Kontamination treffen können, müssen sie zunächst in einem hierzu günstigen begrifflichen Verhältnis stehen.[34]

In der Tat weisen die meisten Ausgangslexeme der Wortkreuzungen eine begriffliche Nähe auf, wie etwa: Demokratur, entsternt, tragikomisch, austesten.

Sodann ist in der Regel eine gewisse lautliche Übereinstimmung der sich kreuzenden Wörter erforderlich ... .[35]

Solche Wortpaare werden häufiger gekreuzt, es gibt aber auch Bildungen wie Krokophant, die keine gemeinsame Lautfolge haben.

7. Bildungsmotivation

7.1. Versprecher

Für Maurer ist die Wortkreuzung im wesentlichen ein Versprecher, bzw. ein:

Typus des Versprechens, bei dem durch inhaltliche Beziehungen zwei Wörter gleichzeitig im Bewusstsein vorhanden sind.[36]

Wie kommt es jedoch, dass diese Versprecher in den Mundgebrauch übergehen? Maurer geht davon aus, dass das Wort, wenn es besonders treffend oder wuchtig ist, in den Zeitgeist übergeht[37] wie z.Bsp.: Bundesratlosigkeit.

7.2. Lautliche Kompromißlösung

Desweiteren führt er geographisch-bedingte Bildungen an: Liegt ein Sprachgebiet auf der geographischen Schnittmenge (dem mundartlichen Übergangsgebiet) von zwei anderen, kommt es in diesen Gebieten mit Zwie-, und Mehrsprachigkeit zu Wortkreuzungen als sprachlicher Ausgleich zweier gleichberechtigter Begriffe.[38]

7.3. Nominatives Bedürfnis

Es gibt aber auch praktische Gründe zur Bildung einer Wortkreuzung. Poethe führt hier im weiteren das nominative Bedürfnis an, beispielsweise einen neuen Berufsstand – Mechatroniker – zu benennen und andere Bildungen wie Schiege, Infotainment, Liger und Tomoffel, die es jeweils tatsächlich gibt.[39]

7.4. Wortspiel

Das Wortspiel definiert Poethe als vortheoretische Bezeichnung der Allgemeinsprache für den witzigen, geistreichen, sarkastischen, aber auch kalauernden Umgang mit homophonen, homogenen, homographen Wörtern oder Ausdrücken.[40] Da es Wortkreuzungen gibt, deren Hintergrundlexeme bzw. Segmente weder einen semantischen, noch morphologischen Zusammenhang (Segmentähnlichkeit) aufweisen, bietet sich eine solche Zuordnung an.[41]

8. Typisierung nach Schmid

Im Zuge der wissenschaftlichen Diskussion über die Workreuzung hat sich ein bestimmtes Untersuchungsverfahren entwickelt, das darauf abzielt, das Produkt der Wortkreuzung wie ein Kompositum zu behandeln, es also in seine morphologischen Bestandteile zu zerlegen und dann eine Beziehung zwischen diesen herzustellen.

Dabei betrachtete die Forschung bisher stets nur die Segmente des Wortgebildes und arbeitet auf diese Weise mit einem morphologischen Kriterium (Wellmann 19986, Donalies 20052), indem sie die Beziehung der Ausgangslexeme zueinander betrachte und die Frage stellte, ob es gemeinsame Segmente gibt und welche davon wegfallen. Dies ist sozusagen ein rein ’optisches’ Kriterium, das dem Rezipienten helfen soll, die Ausgangslexeme zu bestimmen.

Hinzukommt bei Schmid die Betrachtung der Hintergrundlexeme in Hinblick auf ein semantisches Kriterium. Am sinnvollsten erscheint eine Kombination beider Kriterien, so dass sich bei der Analyse einer Wortkreuzung folgende Reihenfolge ergibt:

1. Morphologische Analyse des Kompositums, Zerlegung in Segmente und Hintergrundlexeme
2. Bestimmung des morphologischen Typs
3. Bestimmung des semantischen Verhältnis’, das die Ausgangslexeme zueinander haben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[42]

8.1. Morphologische Kriterien

8.1.1. Segmentähnlichkeit

Hierbei handelt es sich um haplologisch verkürzte Komposita[43], die wie Determinativkomposita gebildet werden. Das Grundwort des ersten Hintergrundlexems ist dabei gleichzeitig das Bestimmungswort des zweiten Hintergrundlexems wie in Meisterstückwerk [44] .

Es gibt aber auch Bildungen, die zu einer Sonderform der Wortkreuzung zu zählen sind, wie z.B.: UNOrdnung, die Schmid zum segmentumdeutenden Typ zählt.[45] Diese Bildungen unterscheiden sich von solchen wie Indeskretin dadurch, dass zwar noch zwei Hintergrundlexeme erkennbar sind (UNO und Unordnung), beide aber so ineinander verschachtelt sind, dass man nur von einem Wort, bzw. einem Segment sprechen kann. Das Lexem UNO bzw. Uno hat bei diesem Wort bzw. dieser Bildung zwei Funktionen: die, auf das Hintergrundlexem UNO zu verweisen und die, das zweite Ausganslexem bzw. das Grundwort “einzustimmen“.

So eine Bildung ist, wird sie gelesen, noch gut verständlich. Wird sie jedoch gesprochen, müßte man, zum besseren Verständnis wenigstens die Lexeme UNO und Ordnung einzeln betonen, da der Sprachwitz sonst nicht ersichtlich wäre.

Bei Komposita mit einem homophonen Segment ist zwar noch die Homophonie, nicht aber die Homographie gegeben: Literatour, Ruhrgebeat. Es handelt sich hierbei um das eigentlich rethorische Mittel der Assonanz.

8.1.2. Komposita ohne Segmentähnlichkeit

Bei solchen Wortüberschneidungen gibt es kein gemeinsames Segment der beteiligten Lexeme. Dennoch müssen solche Bildungen in einem günstigen silbischen Verhältnis zueinander stehen.

Wellmann[46], Siebold[47] und Hansen[48] weisen darauf hin, dass solche Bildungen auch reihenbildend gebraucht werden wie etwa Infotainment und Tennistainment [49] .

Einige solche Bildungen, vor allem Fremdwortbildungen, sind als Wortkreuzungen gar nicht mehr durchsichtig, wie etwa Abonnent aus abonné und subscribent.

Auch Joachim Ringelnatz’ Banankratzer :

Etwa zwei Seemeilen südlich vom Bananenkratzer ... schlängelt sich...ein anspruchsvoller Weg...herum.[50]

ist nur durch seine mitgelieferte Erklärung durchsichtig :

Der berühmte, aus gerösteten Bananenschalen hergestellte Wolkenkratzer sollte von oben bis unten mit deutschen Briefmarken beklebt werden.[51]

Windisch teilt diese Bildungen ein in die ,reine’ Kreuzung, bei der die Ausgangslexeme morphematisch-lexikalisch korrekt getrennt werden wie z.Bsp. bei altiport (aus altitude und aéroport) und den übrigen Kreuzungen, bei dem der „Anfang von Lexem A + Ende von Lexem B“ verbunden wird und sich so weder nach der korrekten Silbentrennung, noch nach lexikalischen Morphemen richtet, wie z.Bsp. bei Tomoffel (aus Tomate und Kartoffel).[52]

Zur Übersicht hier ein Schema mit Beispielen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[53]

8.2. Semantische Kriterien

8.2.1. Semantische Kriterien bei Schmid

Hier schlägt Schmid 10 Typen vor[54], die ich nicht im einzelnen benennen will. Beim Bestimmen des semantischen Verhältnis’ kommt es mir nicht auf eine exakte Zuordnung im Sinne Schmids an, da es bei den von ihm vorgeschlagenen Typen Möglichkeiten der doppelten Zuordnung gibt. Ein einfacher Einblick in die Tatsache, das ein Wort das andere näher bestimmt (Schlepptop, Schachverstand), wie beim Determinativkompositum, scheint hier ausreichend zu sein. Demokratur beispielsweise kann ebenso als der von Schmid vorgeschlagene chrakterisierende Typ eingeordnet werden wie Schlepptop, da sie auch als ’Demokratie, die eine versteckte Diktatur ist’ gelesen werden kann. Es ist also, trotz der Bestimmung der Hintergrundlexeme, nicht immer eindeutig, in welchem semantischen Verhältnis diese zueinander stehen; mitunter kann das nur der Rezipient für sich entscheiden.

Auch die Möglichkeit, dass gar kein semantischer Zusammenhang vorliegt, wie beim Beispiel Haarlem [55] , und es sich lediglich um ein Sprachspiel handelt, sollte nicht außer Acht gelassen werden. Windisch betont in seinem Aufsatz, dass Wortkreuzungen „nur in ihrer individuellen Neuschöpfung zu verstehen sind“[56], da ihre Ausgangslexeme sich oft mit „lexikalisch unsolidarischen, konträren Konnotationen“[57] gegenüberstehen und schließt seine Diskussion über die syntaktische Analyse der Wortverschmelzungen mit der Bemerkung:

Es liegen zu viele Einzelfälle vor, in denen es jeweils neu zu bestimmen wäre und damit letztlich eine schier endlose Analyse aller Fälle nach sich zöge.[58]

8.2.2. Semantisches Kriterium bei Maurer

Ein weiteres semantisches Kriterium, das heute wohl kaum noch Anwendung findet, gibt Maurer. Hierbei handelt es sich um die Synonymität der Hintergrundlexeme, wie bereits in Punkt 6.2.2. behandelt.[59]

9. Schlußbetrachtung

Die Wortkreuzung ist leicht zu definieren. Die vielen unterschiedlichen Arten der semantischen oder morphologischen Verbindung zweiter Ausgangslexeme, kann eine so einfache Definition aber nicht erklären, da sie für jede Bildung neu bestimmt werden muß.

Sie überschneidet sich in vielen Bereichen mit anderen Wortbildungstypen wie etwa der Kurzwortbildung oder dem Kunstwort, was man besonders gut bei den Fällen Aldi und Milka sehen kann, aber auch bei Quonne [60] , das nach Elsen auch ein Mischkurzwort sein könnte.[61]

Zu welchem Wortbildungstyp man solche Bildungen zählt, hängt vor allem von der eigenen Definition dieser ab:

Da es aber im Übergangsbereich zwischen Kunstwörtern und komplexen Wörtern Beispiele gibt, die unterschiedlich kategorisiert werden können, muß die Grenze definitorisch gezogen werden.[62]

Man kann die Wortkreuzung zwar auch als Kunstwort betrachten[63], Bildungen wie Haribo (aus Hans Riegel, Bonn), an die Günther bei seiner Einteilung möglicherweise dachte, sind aber meistens Silbenwörter aus Langformen:

... die bei Produktnamen beobachtbaren Kürzungen ... bezwecken die rechtlich gebotene, werbewirksame Benennung eines Produkts, so bei dem Produktnamen Haribo, gekürzt aus dem Herstellernamen Hans Riegel, Bonn.[64]

Bei der Frage nach dem Wortbildungstyp scheint es am sinnvollsten, die Wortkreuzung zu einer Sonderform der Komposita zu zählen, da die meisten semantisch und morphologisch wie diese aufgebaut sind und mir Altmanns Einteilung[65] sinnvoll erscheint. Windisch argumentiert zusätzlich noch mit der Kreativität und der Produktivität dieser Bildungen für diese Zuordnung.[66]

Doch auch, wenn die Forschung dies zum Teil ablehnt, bleibt die morphologische und semantische Nähe zu diesen, nach meiner Untersuchung, unbestreitbar.

Quellennachweis

Hans ALTMANN, Silke Kemmerlin: Wortbildung fürs Examen, Göttingen 20052.

Elke Donalies: Die Wortbildung des Deutschen. Ein Überblick, Tübingen 20052.

DUDEN. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion, Mannheim 2005.

Hilke ELSEN: Neologismen. Formen und Funktionen neuer Wörter in verschiedenen Varietäten des Deutschen, Tübingen 2004.

Dr. Hartmut Günther: Kontamination, in: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart et al 1993.

Klaus Hansen: Wortverschmelzungen, in: Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik 11 (1963).

Walter Henzen: Deutsche Wortbildung, Halle an der Saale, 1947.

Dorothea KOBLER-TRILL: Das Kurzwort im Deutschen. Eine Untersuchung zur Definition, Typologie und Entwicklung, Tübingen 1994.

Friedrich Maurer: Volkssprache. Abhandlungen über Mundarten und Volkskunde. zugleich eine Einführung in die neueren Forschungsweisen (Fränkische Forschungen 1), Erlangen 1933.

Hannelore Poethe: Wort(bildungs)spiele, in: Irmhild Barz (Hrsg.) u.a.: Das Wort in Text und Wörterbuch, Stuttgart et al 2002.

Hans Ulrich SCHMID: Zölibazis Lustballon. Wortverschmelzungen in der deutschen Gegenwartssprache, in: Muttersprache 3 (2003).

Oliver SIEBOLD: Wort. Genre. Text. Wortneubildungen in der Science Fiction, Tübingen 2000.

Anja STEINHAUER: Sprachökonomie durch Kurzwörter. Bildung und Verwendung in der Fachkommunikation, Tübingen 2000.

Hans WELLMANN: Die Wortbildung, in: Duden. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Hg. von der Dudenredaktion, Mannheim 19986.

Rudolf WINDISCH: Die Wortverschmelzung – ein ‚abscheußliches Monstrum’ der französischen und deutschen Wortbildung?, in: Romanistisches Jahrbuch 42 (1991).

Belegstellen

Lewis CARROLL: Through the looking-glass and what Alice found there, London 1948.

Michael ENDE et al.: Der Lindwurm und der Schmetterlin oder der seltsame Tausch. ein Bilderbuch mit Noten, Stuttgart et al 1982.

Joachim RINGELNATZ: Nervosipopel. Elf Angelegenheiten, in: Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk (Band 4), Berlin 1984.

[...]


[1] CARROLL 1948: 116

[2] CARROLL 1948: 116

[3] WINDISCH 1991: 34

[4] HANSEN 1963: 126

[5] ENDE 1982

[6] HENZEN 1947: 249

[7] HANSEN 1963: 129

[8] ALTMANN 20052 : 42, siehe auch GREULE 1996: 195

[9]

[10] STEINHAUER 2000: 7

[11] DONALIES 20052: 92-93

[12] ELSEN 2004: 37

[13] HENZEN 1947: 255

[14] ELSEN 2004: 38

[15] ELSEN 2004: 37

[16] KOBLER-TRILL 1994: 130, auf S. 131 weist sie darauf hin, dass es sich eher um “Kombinationen von/mit Elementen, die durch Wortkürzung entstanden sind.“ handelt, als um typische Kurzwörter

[17] GREULE 1996: 200

[18] ELSEN 2004: 37

[19] ELSEN 2004: 38

[20] GREULE 1996: 200

[21] HENZEN 1947: 251

[22] DONALIES 20052: 93

[23] DONALIES 20052: 93

[24] GÜNTHER 1993: 364

[25] ELSEN 2004: 37

[26] DUDEN 2005: 645

[27] siehe Thesenblatt von Tina Rainer „Kunstwörter / Wortschöpfung“, Seite 2

[28] DUDEN 2005: 678

[29] ALTMANN 20052: 43

[30] HANSEN 1963: 127

[31] WINDISCH 1991: 45

[32] ALTMANN: 20052: 43

[33] MAURER 1933: 94

[34] HENZEN 1947: 251-252

[35] HENZEN 1947: 252

[36] MAURER 1933: 94

[37] MAURER 1933: 94

[38] MAURER 1933: 96

[39] POETHE 2002: 26

[40] POETHE 2002: 24

[41] SCHMID 2003: 275, siehe „freier Assoziationstyp“

[42] SCHMID 2003: 267

[43] HANSEN 1963: 132 nennt sie haplologische Wortzusammenziehungen

[44] HENZEN 1947: 255

[45] SCHMID 2003: 275

[46] WELLMANN 19986: 678

[47] SIEBOLD 2000: 83

[48] HANSEN 1963: 129

[49] WELLMANN 19986: 678

[50] RINGELNATZ 1984 : 262

[51] RINGELNATZ 1984: 261

[52] WINDISCH 1991: 35-36

[53] aus Revue und Wüterich

[54] SCHMID 2003: 272-276

[55] SCHMID 2003: 275-276 nennt sie “freier Assoziationstyp“, siehe Punkt 8 dieser Arbeit

[56] WINDISCH 1991: 41

[57] WINDISCH 1991: 41

[58] WINDISCH 1991: 44

[59] SCHMID 2003: 274 führt zwar den “pleonastischen Typus“ an, meint damit aber nicht wie Maurer einen ’sprachlichen Kompromiß’ sondern bloße Wortspiele bzw. Wortwitze

[60] Mischung aus Qual und Wonne

[61] ELSEN 2004: 37

[62] ELSEN 2004: 37-38

[63] GÜNTHER 1933: 364

[64] GREULE 1996: 196

[65] siehe Punkt 5.2.

[66] WINDISCH 1991: 45

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Die Wortkreuzung als Sonderform des Kompositums
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Probleme der Wortbildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V68964
ISBN (Buch)
9783656909187
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine sehr ausführliche Arbeit zum Thema "Wortkreuzung", die auch Abgrenzungen zu anderen Wortbildungsarten und andere Problemfelder anspricht und detailliert diskutiert.
Schlagworte
Wortkreuzung, Sonderform, Kompositums, Probleme, Wortbildung, Kofferwort, mot valise
Arbeit zitieren
Nadine Ebert (Autor), 2006, Die Wortkreuzung als Sonderform des Kompositums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68964

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