Unterrichtseinheit: Förderung der Schreiberziehung - Perspektivisches Schreiben als Schreibanlass durch das Einsteigen in den Verlauf der Geschichte 'Ein Buch für Bruno'


Unterrichtsentwurf, 2003

9 Seiten, Note: 1,3

Sigrid Kuhnle (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einordnung und Begründung des Themas

2. Überlegungen zur Sache

3. Didaktische Analyse

4. Methodisch-didaktische Überlegungen

5. Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten

6. Literatur

7. Verlaufsskizze

1. Einordnung und Begründung des Themas

„Der Deutschunterricht hat sich schon immer als ein Fach verstanden, das den ganzen Menschen (…) im Blick haben sollte“ (SPINNER, 1995, S.7). Mit diesen Worten charakterisiert SPINNER das heutige Grundverständnis für einen modernen Deutschunterricht, was auch innerhalb des Lehrplans Deutsch für die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen aufgenommen wurde (vgl. Lehrplan Deutsch für Rheinland-Pfalz, 1997).

Wie oben bereits angedeutet habe ich den Lernbereich Deutsch als Ort für die Realisierung des Unterrichtsvorhabens gewählt. Ich orientiere mich hier u.a. an den Aussagen BÖTTCHERs, die das Fach Deutsch als originären Ort für die bewusst gestaltete Inszenierung von Schreibsituationen sieht (vgl. BÖTTCHER, 1999). Im Lehrplan Deutsch finde ich außerdem Möglichkeiten mein Rollenverständnis als Sonderpädagogin, die sich als Lebens- und Lernbegleiterin verstehen möchte, umzusetzen. In Anlehnung an BEGEMANN, der diesen Begriff der Lebens- und Lern-begleitung geprägt hat, sollen also Lernmöglichkeiten geschaffen und gesichert werden. Ebenso soll die notwendige persönliche, mediale und individuelle, situationsspezifische Hilfe beim Lernen und anderen Lebensaktivitäten bereitgestellt werden (vgl. BEGEMANN, 1997). Hier klingt eine Begründung für einen ausdrucksfördernden Unterricht an, denn ein Lehrer als Lebens- und Lernbegleiter ist grundlegend auf den Ausdruck und die Selbstdarstellung seiner SchülerInnen angewiesen. Sie werden als aktive Mitgestalter ihrer Lernprozesse verstanden.

Der Lehrplan Deutsch für die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen sieht die Handlungskompetenz als das übergeordnete Leitziel an (vgl. Lehrplan Deutsch für Rheinland-Pfalz, 1997). Darunter wird ein erweiterter Lernbegriff verstanden, dem ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde liegt. Der Lernbegriff wird deswegen als erweitert beschrieben, da er nicht nur die Lernziele in traditioneller Form beschreibt. Das Lernen wurde als komplexer Problemlösevorgang erkannt und kann optimal durch das gegenseitige Verknüpfen von Sach-, Methoden- und Sozialkompetenzen erweitert werden. Dem Fach Deutsch liegt daher u.a. die Aufgabe der Erweiterung der sprachlichen Kompetenz zugrunde. Diese Aufgabe beinhaltet einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung des Schülers zu leisten und ihn zu einer selbständigen Lebensführung zu befähigen (vgl. Lehrplan Deutsch für Rheinland-Pfalz, 1997). Diese Aussagen bzw. die folgende Feststellung von BÖTTCHER können den Zusammenhang zwischen dem Anliegen der Unterrichtseinheit, dem Verständnis von Lernen und dem Fach Deutsch aufzeigen: „ Das komplexe Medium Sprache ermöglicht den Kindern, durch eine Vielfalt kreativer sprachlicher Formen und Methoden zu einem individuellen Ausdruck zu gelangen“ (BÖTTCHER, 1999, S.46). Die SchülerInnen haben in diesem Sinn bisher punktuelle Schreiberfahrungen im Unterricht gesammelt. Einige SchülerInnen entdeckten allmählich im Schreibprozess, in wertfreier Atmosphäre, ihre eigene kreative Sprache und Schreibfreude.

Das moderne Menschenbild geht heute von einer grundsätzlich vergleichbaren schöpferischen Anlage, welche allen Menschen innewohnt, aus (vgl. SCHUSTER, 1997; BÖTTCHER, 1999; SPINNER, 1995 u.a.). Diese schöpferische Anlage wird als Kreativität verstanden. SCHUSTER bedient sich der Definition von WOLLSCHLÄGER, um das Verständnis des Kreativitätsbegriffs darzustellen: „Kreativität ist die Fähigkeit, neue Zusammenhänge aufzuzeigen, bestehende Normen sinnvoll zu verändern und damit zur allgemeinen Problemlösung in der gesellschaftlichen Realität beizutragen“ (vgl. WOLLSCHLÄGER in: SCHUSTER, 1997, S. 35).

Durch die methodisch aufeinander aufgebauten Schreibarrangements der letzten Monate sind die SchüIerinnen gerüstet, um sich auf eine komplexe kreative Einheit einzulassen und angeregt durch Bilder eines Bilderbuchs eigene Schreibideen zum Fortgang der Geschichte zu entwickeln. Die Grundlage dieser Unterrichtsreihe bildet das Bilderbuch: „Ein Buch für Bruno“ von Nikolaus Heidelbach, dessen Inhalt im Folgenden dargestellt wird.

Inhaltsangabe

Das Buch handelt von Ulla Herz und Bruno Würfel und einem großen Abenteuer, das in der Bibliothek beginnt. Ulla Herz ist gerne zu Hause. Sie kann den ganzen Tag in der Bibliothek ihres Vaters sitzen, ohne sich zu langweilen. Bruno Würfel kommt jeden Tag am Haus der Familie Herz vorbei, hat aber für Ulla nicht besonders viel übrig. Also denkt sich Ulla etwas aus, damit er nicht nur seine neuen Errungenschaften zeigt, sondern länger bei ihr bleibt. Sie versucht es mit einem besonderen Buch, in dem sogar Schlangen lebendig werden. Wie spannend und gefährlich es sein kann, beweist schon Ullas Pflaster am Hals. Nun steigt der Leser gemeinsam mit Bruno und Ulla im wahrsten Sinne des Wortes in das besondere Buch ein und wird zu einem farbenprächtigen und spannenden Abenteuer eingeladen. Ulla wird von einem Drachen entführt und auf einem Felsen gefangen gehalten. Bruno bekommt Unterstützung von einem Vogel und rettet Ulla letztendlich. Beide gelangen wieder auf wundersame Weise in das Wohnzimmer der Familie Herz zurück.

Bisher haben die SchülerInnen an folgenden Themen und Inhalten gearbeitet:

- „Wir lernen eine besondere Freundschaftsgeschichte kennen“ – Einen ausgewählten Teil des Buches kennenlernen und die eigene Fantasie der weiteren Handlung als Gesprächanlass nutzen.
- „Was denken die handelnden Figuren“ ­– Denkblasen mit ausgedachten Inhalten füllen, als vertiefender Einstieg in das spontane mündliche sowie schriftliche Äußern eigener Ideen (Fantasien).
- „Wir sind dem Drachen auf der Spur“ – Gemeinsames Clustern, um sich in schriftlichem Ausdruck der Drachengestalt zu nähern, als Einführung in die Gestaltungsaufgabe: Enkaustik auf angewärmten Kacheln.
- „Bruno und der Rabe unterhalten sich“ – Eine abgebildete Szene aus dem Buch wird im Darstellenden Spiel durch einen erarbeiteten Dialog ausgedrückt und aufgeschrieben.
- Begleitend zu diesen Stunden wurde im Deutschunterricht mit dem Schwerpunkt „Richtig schreiben“ ein kleines Wörterbuch (=Wörterliste) angefertigt.

2. Überlegungen zur Sache

Förderung der Schreibfähigkeit

Das Schreiben und Lesen gehört neben dem Lesen und Rechnen zu den so genannten Kulturtechniken, die wir in der Schule, neben Anderem, vermitteln wollen. Das Wort Kulturtechniken lässt bereits die Bedeutung, die diese Lernbereiche für das Aufwachsen in einem bestimmten Kulturraum haben vermuten. So erkennt SCHUSTER, dass gerade das Schreiben in Zusammenhang mit dem Spracherwerb und der Zugehörigkeit zu einer Sprachgemeinschaft eine prägende Wirkung auf die Identität eines bestimmten Kulturraumes hat und damit dieser Lernbereich im gesamten schulischen Sozialisationsprozess sehr wichtig ist. „Das Wissen, die Werte und Normen werden auf diese Weise über Generationen weitergegeben“ (SCHUSTER, 1997, S.1).

MOERS/ZÜHLKE beschreiben acht unterschiedliche Funktionen, die der tief greifende Prozess des Schreibens haben kann (vgl. MOERS/ZÜHLKE, 1999): Eine vermittelnde Funktion, eine Ich-stärkende Funktion, eine strukturierende Funktion, eine einprägende Funktion, eine mobilisierende Funktion, eine befreiende Funktion, eine gestaltende Funktion, eine spiegelnde Funktion.

Demzufolge werden die großen Bemühungen um einen bestmöglichen Schreib- und Aufsatzunterricht und die kritischen Stimmen der Schreibforschung der letzten Jahre verständlich. Innerhalb der wissenschaftlichen Schreibforschung wurden und werden verschiedene Versuche unternommen, das Wesen und die Strukturen des Schreibens in eine Systematik einzuteilen, um daraus die nötigen didaktischen Konsequenzen für den Unterricht ableiten zu können (vgl. SCHUSTER, 1997; BÖTTCHER, 1999).

Befasst man sich nun näher mit der Schreibdidaktik und möchte sich auf den Ansatz des Freien Schreibens spezialisieren, stößt man in der einschlägigen Literatur auf viele unterschiedliche Bezeichnungen und Begriffe, die sämtliche Facetten dieser scheinbar neuen Schreibbewegung widerspiegeln. Als „scheinbar neu“ kann diese Schreibbewegung beschrieben werden da u.a. RÖHNER feststellt, dass das „Freie Schreiben als persönlicher Ausdruck und innere Entfaltung des Kindes (…) ein pädagogisches Anliegen (ist), das in der Reformpädagogik wurzelt und bis heute die Diskussion um das Schreiben in der Schule nachhaltig beeinflusst“ (RÖHNER, 1999, S.6.).

Heute scheint sich das Wort „frei“ mit dem Wort „kreativ“ teilweise zu überschneiden, gerade im Zusammenhang moderner Schreibdidaktik. Denn diese schreibt außer von dem Freien Schreiben auch noch von Kreativem Schreiben und sogar auch von Freiem Kreativen Schreiben. Um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen, ist zunächst aufzuzeigen, dass nach BÖTTCHER dem Freien Schreiben eine Orientierung an Schreibprozessen innewohnt. BÖTTCHER versteht darunter, dass das Schreiben (…) als eine komplexe Handlung begriffen (wird), deren Teil-prozesse (…) rekursiv ablaufen, d.h. ineinander greifend und beliebig wiederholbar (sind)“ (BÖTTCHER, 1999, S. 17). Schreiben kann also nicht länger als ein linearer Prozess verstanden werden, in dem sich die Arbeitsschritte stufenweise aufeinander beziehen. Das Schreiben eines Textes muss nicht mehr notwendig am Ende einer sorgfältig geplanten Folge von Übungen, in denen einzelne Teilfertigkeiten und Teilstrukturen isoliert geübt werden, stehen. Vielmehr wird das Schreiben eines Textes zum Anlass und Zentrum des ganzen Bestrebens überhaupt. Außerdem werden situative, motivationale, emotionale, soziale und kreative Komponenten sowie das Wissen und die Fähigkeit des Schreibers als wesentlich für den Textproduktionsprozess erkannt (vgl. BÖTTCHER, 1999). So wird deutlich, dass nicht die Einübung einiger Aufsatzformen das Unterrichtsziel eines modernen Deutschunterrichts sein darf, sondern „die vielseitige Entfaltung der Schreibpotentiale junger Menschen“ (BÖTTCHER, 1999, S. 17) in den Mittelpunkt rückt.

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Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Unterrichtseinheit: Förderung der Schreiberziehung - Perspektivisches Schreiben als Schreibanlass durch das Einsteigen in den Verlauf der Geschichte 'Ein Buch für Bruno'
Veranstaltung
Examenslehrprobe
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V68990
ISBN (eBook)
9783638612272
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtseinheit, Förderung, Schreiberziehung, Perspektivisches, Schreiben, Schreibanlass, Einsteigen, Verlauf, Geschichte, Buch, Bruno, Examenslehrprobe
Arbeit zitieren
Sigrid Kuhnle (Autor), 2003, Unterrichtseinheit: Förderung der Schreiberziehung - Perspektivisches Schreiben als Schreibanlass durch das Einsteigen in den Verlauf der Geschichte 'Ein Buch für Bruno', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68990

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