Familienleben als Single? Vorüberlegungen zu einer herannahenden Lebensform


Essay, 2006

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Liebe, Familie und Erziehung im interkulturellen Vergleich

3. Bewertung und Fazit

1. Einleitung

Die aktuellen Tendenzen interkultureller Gesellschaften offenbaren Statistiken, in denen das Singledasein kontinuierlich zunimmt. Der Anteil der Singles in Haushalten ist von 33,6 (1991) auf 36,1 (2000) Prozent gestiegen.[1] Die Aus-wirkungen sind im Bereich der Trias Liebe, Familie und Erziehung deutlich spürbar. Ein interkultureller Vergleich deutscher und französischer Sichtweisen bietet sich aufgrund vermuteter Divergenzen an.

Der am CNRS[2] der Universität Paris V – Sorbonne beschäftigte Soziologe Jean-Claude Kaufmann stellt einen zeitgenössischen Forscher im Bereich des Alltagslebens und der Paarbeziehungen dar. Sein Werk „Singlefrau und Märchen-prinz“ spiegelt eine solide Basis französischer Wirklichkeiten wider, die mit der deutschen Erfahrungsideologie des Autors in Zusammenhang gebracht werden.[3]

Nationale Polaritäten, Gemeinsamkeiten und Prognosen bilden das Kernstück dieser Arbeit. Induzierend werden anhand der Trias Rückschlüsse auf die vorherrschende Konstruktion der jeweiligen erzieherischen Wirklichkeit geschlossen.

2. Liebe, Familie und Erziehung im interkulturellen Vergleich

Die Kunst einer Interpretation der inneren Gefühle liegt in der Wahrnehmung der Stille in der Rede und einer Visualisierung der Unsichtbarkeit. Liebe ist der Himmel auf Erden und zu schön, um in Worte gefasst zu werden. Sie geht über das Leben hinaus, was sich in der semantischen Aufsplittung des Wortes „l´amour“, also „der Liebe“, in „am“, der „Seele“, und „outre“, „darüber hinaus“, verdeutlichen lässt. Eine vergleichbare Trennung existiert im Deutschen nicht.

Diese erste, semantisch ersichtliche, interkulturelle Divergenz muss in einen nachvollziehbaren Begründungszusammenhang gesetzt werden, da die Semantik nur eine Folge lebensweltlicher Verhaltensänderungen darstellt. Der real fortschreitende, weibliche Wunsch nach Autonomie ist gekoppelt an irreale, männliche Schönheits- und Liebesideale in Form des Märchenprinzen.[4] Ich werte die duale Kopplung von Liebe und Autonomie im interkulturellen Vergleich unterschiedlich. Der genannte Konnex ist zwar nationalübergreifend vorhanden, jedoch empfinden französische Frauen absolute Autonomie im Singledasein und in einer partnerunabhängigen, freiwählbaren Auslebung ihrer Liebe. Konträr kennzeichnet das deutsche weibliche Geschlecht geordnete Liebesverhältnisse und Partnerschaften. Die Autonomie basiert auf dem Karrierestreben der Frauen.

Die tradierten Rollenmerkmale der Familie befinden sich gesellschaftlich im Wandel. Welche Affinität bewegt Singles zu ihrem Dasein konträr zur Bildung einer Familie? Familie bedeutet die Fusion eines Teils individueller Identitäten und eine vorherbestimme familiäre Integration. So bewirken beide Aspekte, nämlich die Kollektivierung der Identität und der „vorgegebene Horizont“[5] in Singles den Wunsch einer gesteigerten Autonomie. Der interkulturelle Vergleich offenbart viele Kontraste. Aufgrund binationale Ehestatistiken wagen mehr deutsche als franzö-sische Männer den Sprung in eine national „fremde“ Ehe.[6] Eine Konsequenz, die in ihrer Erklärung darauf beruhen mag, dass plakativ autonomie- und liebeshungrige Deutsche in beispielsweise Paris, der Stadt der Liebe, sich ein weniger familienzentriertes und mehr promiskuitives Leben erhoffen. Im Gegenzug vermissen französische Männer wahrscheinlich gerade Stabilität und suchen diese in Deutschland. Die Regenbogenfamilie[7] eröffnet weiteres Diskussionspotential. Sie stößt, angelehnt an die Erklärung binationaler Ehestatistiken, meiner Meinung nach, in Frankreich auf eine mittelmäßige, in Deutschland auf eine hohe Inakzeptanz. Das Singledasein betrifft in Deutschland eine Teilöffentlichkeit, die sich von dem tradierten Druck der Gesellschaft bezüglich einer Familienkonstellation abgrenzt. Konträr sind Staat und Gesellschaft in Frankreich nur als Ganzes wahrnehmbar.

[...]


[1] Institut der deutschen Wirtschaft (2003): Extra: Die schillernde Welt der Singles. Statistik Alleinstehende in Deutschland. Online im Internet: AVL: URL: <http://www.stern.de/lifestyle/liebesleben/510861.html?eid =510809> (Stand: 25.07.2003, Abruf: 08.01.2007; 11:45).

[2] Der Centre nationale de la recherche scientifique ist eine französische Forschungsorganisation, zugleich die Größte in Europa, und widmet sich dem Bereich der Grundlagenforschung. Das deutsche, wesentlich kleinere Pendant impliziert die Max-Planck-Gesellschaft.

[3] Jean-Claude Kaufmann (2006): Singlefrau und Märchenprinz. Warum viele Frauen lieber allein leben. Aus dem Französischen von Daniela Böhmler. München, Goldmann.

[4] Im Sinne tradierter Merkmale hat die autonomieschwache Frau ein Verständnis des Traumprinzen, der einen gediegenen Ehemann und liebevollen Vater darstellt. Es wird hinsichtlich der Liebe Mittelmäßigkeit akzeptiert. Konträr sieht die autonomiestarke Frau nur den perfekten Ehemann und ein irreales Schönheitsideal, da ihr die „Flugbahn der Autonomie“ ein Gefühl vermittelt, sich nicht mit Mittelmäßigkeit abgeben zu müssen.

[5] Die „vorherbestimmte Flugbahn“ folgt einer zeitlichen und logischen Folge von Ereignissen. Eine eheliche Bindung ist schon eine „kleine“ Familie, es folgen Kinder, gemeinsame Urlaube, Auseinandersetzungen mit den Pubertierenden, Freizeitprobleme, etc.

[6] Verband binationaler Familien und Partnerschaften (2004): Zahlen und Fakten . Online im Internet: AVL: URL: <http://www.verband-binationaler.de/zahlenundfakten/index.htm> (Stand: 2004, Abruf: 08.01.2007; 19:10); Statistisches Bundesamt (2003): Eheschließungen nach der Staatsangehörigkeit der Ehepartner. Online im Internet: AVL: URL: <http://www.verband-binationaler.de/zahlenundfakten/Zahlen_und_Fakten_2005.pdf> (Stand 2003, Abruf: 08.01.2007; 19:10).

[7] Die Regenbogenfamilie impliziert eine Familie, in der mindestens ein Elternteil in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. Der Begriff wurde durch die amerikanisch-französische Künstlerin Josephin Baker (1906-1975) geprägt, die insgesamt 12 Kinder verschiedener Nationalitäten adoptierte, um ein Zeichen gegen Rassentrennung und Diskriminierung zu setzen.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Familienleben als Single? Vorüberlegungen zu einer herannahenden Lebensform
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Helmut-Schmidt-Universität)
Veranstaltung
"Männerblicke-Frauenkörper-Familiensachen" Über die interkulturelle Konstruktion erzieherischer Wirklichkeiten zwischen Frankreich und Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
6
Katalognummer
V68994
ISBN (eBook)
9783638612289
ISBN (Buch)
9783656658702
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Statistiken offenbaren heutzutage einen Anstieg des Singledaseins im Vergleich zu einem Familienleben. Damit einher geht eine progressive und ungezwungene Beziehungseinstellung beider Partner, die durch das Faktum erhöhter Scheidungsraten nachhaltig bestätigt wird. Diese Arbeit analysiert die hier dargelegten Fakten empirisch und philosophisch anhand eines interkulturellen Vergleiches. Weiterhin wird eine Prognose hinsichtlich der "Familie der Zukunft" gewagt.
Schlagworte
Familienleben, Single, Vorüberlegungen, Lebensform, Männerblicke-Frauenkörper-Familiensachen, Konstruktion, Wirklichkeiten, Frankreich, Deutschland
Arbeit zitieren
Thomas Grimme (Autor), 2006, Familienleben als Single? Vorüberlegungen zu einer herannahenden Lebensform, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/68994

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