Die Rolle der Naturwissenschaften in Gerhart Hauptmanns Drama 'Vor Sonnenaufgang'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Der Naturalismus und die Naturwissenschaften
2.1 „Die Wissenschaftlichkeit der Kunstproduktion“
2.2 Milieutheorie und der Determinationsgedanke - Der wissenschaftlich-philosophische Hintergrund des Naturalismus
2.3 Eugenik und ‚die Alkoholfrage’ im ausgehenden 19. Jahrhundert

3. Die neue Kunstästhetik in Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang
3.1 Hauptmann: Zwischen Tradition und Moderne
3.2 Naturalistische Elemente in Vor Sonnenaufgang - Alkoholismus und Determinismus als zentrale Motive in Hauptmanns Drama

4. Die Wissenschaftlichkeit des Alfred Loth

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Der Naturalismus als eine dem Realismus verwandte Strömung mit denselben geistigen und sozialen Wurzeln beabsichtigt eine weitestgehende objektive Wirklichkeits-darstellung, wobei er die Grundideen des Realismus konsequent zu Ende denkt und in seiner Gesamtheit dadurch als radikaler empfunden wird. Als „Realismus in Angriffsstellung“ charakterisiert Jost Hermand diese Bewegung[1], in der auf Schönheit verzichtet wird und bisher nicht verwendete ‚hässliche’ Stoffe wie die Darstellung des moralischen und wirtschaftlichen Elends, des Pathologischen des Alltags, des Niedrigen und Triebhaften ‚salonfähig’ gemacht werden.

Gerhart Hauptmanns Erstlingsdrama Vor Sonnenaufgang wird zweifelsohne als epochemachend bezeichnet, dennoch gilt es nicht als repräsentatives Beispiel für das naturalistische Drama[2] ; Hauptmann habe selbst sogar immer bestritten, Naturalist gewesen zu sein.[3] Inwieweit sein Stück nichtsdestotrotz der naturalistischen Programmatik, größtenteils begründet durch Émile Zola im französischen und Arno Holz im deutschsprachigen Raum, folgt, wird herauszustellen sein, genau wie die Frage, inwieweit sich Hauptmann trotz aller Distanzierung zum Naturalismus von ihm hat beeinflussen lassen.

Ein typisches Merkmal des Naturalismus ist die Annäherung an die Wissenschaften, insbesondere an die Naturwissenschaften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung erleben. In welcher Art und Weise sich diese neue Orientierung in der Literatur, und ganz speziell bei Hauptmann, manifestiert, stellt den zentralen Punkt meiner Arbeit dar, ebenso die durch die Naturwissenschaften beeinflussten neuen Philosophietheorien wie der Determinismusgedanke und die ‚Milieutheorie’ Hippolyte Taines.

Abschließend, und abrundend, werde ich in einem eher werksimmanenten Kapitel die Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit im Verhalten Alfred Loths analysieren und dadurch Rückschlüsse auf eine mögliche Interpretation dieser Hauptfigur in Hauptmanns „sozialem Drama“[4] Vor Sonnenaufgang ziehen.

2. Der Naturalismus und die Naturwissenschaften

Das Erhabenste […] ist der Gedanke, dass die Kunst mit der Wissenschaft empor steigt. Wenn das nicht werden sollte, wenn diese Beiden fortan im Kampfe beharren sollten, wenn Ideal und Wirklichkeit sich gegenseitig ermatten sollten in hoffnungslosem, versöhnungslosem Zwiste: dann wären die Gegenwart, wie die Zukunft ein ödes Revier und die Mystiker hätten Recht, die vom Aufleben der Vergangenheit träumen. (Wilhelm Bölsche)[5]

2.1 „Die Verwissenschaftlichung der Kunstproduktion“

Für die[6] naturalistische Literatur und ihre ästhetische Programmatik ist eine Analyse der Zusammenhänge von Naturalismus, Naturwissenschaft und zeitgenössischer Philosophie unumgänglich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat die Naturwissenschaft enorme Erfolge zu verzeichnen und die Literaturwissenschaft sieht sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie sich das Dichten gegenüber dem wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch behaupten und bewähren kann.[7]

Seit 1859, dem Erscheinungsjahr von Darwins The Origin of Species by means of Natural Selection, spitzt sich die öffentliche Diskussion um die Naturwissenschaften zu; „in allen Zweigen [herrscht] ein Zustand, wie im Staate nach einer tiefgehenden politischen Erschütterung, wo Alles wieder in Frage gestellt wird, was längst abgemacht zu sein schien“[8].

Parallel dazu stellt diese Zeit auch im poetischen Sinne eine Zeit des Umbruchs dar, und es verbreitet sich das Gefühl, dass das der Goethezeit anhaftende literarische Verhalten nicht mehr ausreiche, um die eigenen neuen Erfahrungen zu bewältigen. Es entsteht das Bedürfnis, sich abzuwenden von der bisherigen, idealisierend-metaphysischen Ästhetik, die von den Realisten als altmodisch deklariert wird, und sich aktuelleren Bereichen zuzuwenden. Als aktuelle und dem modernen Streben gerecht werdende Disziplin gilt die Naturwissenschaft. In ihren Antworten finden die Realisten jene Wahrheit, die sie in ihrer Literatur darstellen wollen, mithin muss sie zur Grundlage der Kunst im Allgemeinen und der Literatur im Speziellen werden. Der Literaturtheoretiker und autodidaktische Naturwissenschaftler Wilhelm Bölsche (1861-1939) fordert 1887 in seiner Programmatik, die den bezeichnenden Titel Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie trägt, den Dichter dazu auf, sich dem „Naturforscher“ zu nähern, eigene Ideen „auf Grund seiner Resultate durch[zu]sehen und das Veraltete aus[zu]merzen“[9]. Der Sturz der metaphysischen Denkweise bedeutet „nothwendig eine gänzliche Umbildung und Neugestaltung“ auch auf „anderen Gebieten menschlicher Geistesthätigkeit“[10] wie der Poesie. Literatur soll erscheinen als Resultat einer wissenschaftlich exakten Forschung, als authentische Dokumentation des Stoffes, dessen sich die Literatur bedient. Neben Bölsche fordert auch Arno Holz (1863-1929) vier Jahre später eine weitestgehend deckungsgleiche Abbildung der Realität ohne subjektive Beimischung. Ganz im Sinne der Naturwissenschaft stellt er eine Formel „Kunst = Natur – x“ auf, wobei der Subtrahent „x“ möglich gegen Null tendieren, die Differenz zwischen Realität und literarischem Abbild also so klein wie nur möglich sein solle[11]. Präzision in der Erfassung der Wirklichkeit ist demnach die Grundvoraussetzung einer naturalistischen Herangehensweise. Bölsche bemerkt: „Im Grossen und Ganzen kann ich nur sagen: eine echte realistische Dichtung ist kein leichter Scherz, es ist eine harte Arbeit“[12]. Die Themen und Topoi, derer sich dabei bedient wird, sind größtenteils ‚hässlicher’ Natur, die der konkreten Wirklichkeit der Gegenwart, vor allem den Missständen der Gesellschaft entnommen sind. In diesem neu erwachten Interesse an bisher ausgeblendeten Lebenswirklichkeiten solle der realistische Dichter „das Leben schildern wie es ist. […] Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt als ein heiteres Thema darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten auslaufen.“[13] Bölsche verlangt außerdem, dass ein realistischer Dichter nach Darwin keine Bedenken haben solle, die Dinge beim rechten Namen zu nennen[14].

Natürlich ist die Resonanz auf diese Programmatik nicht nur positiver Natur, doch nicht nur die Stoffe, derer sich der Naturalismus bedient, bieten Grund zur Kritik, sondern auch seine Orientierung an die Naturwissenschaften: So konstatiert Carl Bleibtreu (1859-1928), zumindest in einer früheren Stellungnahme, dass diese Wissenschaftlich-keit den Tod der Poesie darstelle, da sie blind sei für den psychologischen Prozess der wahren Dichtung[15]. Dass nach Bölsches Ausführungen der moderne Dichter ebenso ein Naturforscher sein soll, hält Bleibtreu für „unausgegohrenes törichtes Geschwätz. Ebensogut könne man vom Musiker verlangen, dass er Helmholtz’ Vorlesungen über die Schallwellen beiwohnen müsse.“[16] Nach einer klaren Opposition fordert jedoch auch er, dass sich der Geist wissenschaftlicher Forschung verbinden müsse mit dem Geist der Dichtung[17].

Dass Objektivität eine Prämisse für literarisches Arbeiten sein solle und damit zum charakteristischen Stilmerkmal naturalistischer Texte wird, wird in weiten Kreisen als überaus problematisch beurteilt, denn die Unterdrückung der künstlerischen Individualität stelle das gesamte Konzept der Literatur als Kunstform in Frage. Holz wird wiederholt als der objektivste unter den Naturalisten beschrieben, als ein Autor, der künstlerische Imagination zugunsten einer kühlen, emotionslosen Reproduktion der observierten Realität aufgibt[18]. Aber obwohl er stets die Wichtigkeit einer objektiven Haltung betont, lehnt er die völlige Eliminierung des subjektiven Elements vehement ab; vielmehr stellt er in Bezug zu seiner Formel fest: Das „strittige x wird sich niemals auf Null reduzieren. Niemals!”[19]

Versöhnend heißt es bei Bölsche, der Realismus sei nicht gekommen, die bestehende Literatur in wüster Revolution zu zerstören, „sondern er bedeutet das einfache Resultat einer langsamen Fortentwickelung, wie die gewaltige Machtstellung der modernen Naturwissenschaften es nicht mehr und nicht minder ist“.[20] Die Brüder Heinrich und Julius Hart fordern ebenso beschwichtigend, dass Literatur „nicht selbst zur Wissenschaft werden, sondern bloß an deren Geist teilhaben“[21] solle.

2.2 Milieutheorie und der Determinismusgedanke – Der wissenschaftlich-philosophische Hintergrund des Naturalismus

Grundlage des Naturalismus sind außerdem die vom Erfolg der exakten Wissenschaften beeinflussten philosophischen und anthropologischen Erkenntnisse des Positivismus, als dessen Begründer der französische Mathematiker und Philosoph Auguste Compte (1798-1857) gilt. Der Positivismus distanziert sich entschieden von jeder idealistisch-metaphysischen Spekulation und zielt auf eine rein empirische Naturerkenntnis; Basis der wissenschaftlichen Analyse sind allein ‚positive’ Daten, also tatsächlich gegebene und objektiv nachweisbare Fakten.

Das positivistische Menschenbild beruht auf einem anthropologischen Determinismus, der besagt, dass der Mensch in gewissen genetischen, sozialen und historischen Strukturen gefangen und aufgrund dessen nicht prinzipiell frei, sondern von außen bestimmt sei. Das Verhalten des Einzelnen sowie der Gesellschaft folge bestimmten, voraussagbaren Gesetzmäßigkeiten, Ursachen und Wirkungen. Diese Kausalzusam-menhänge gilt es nun aufzudecken; es soll nicht weiter über das Warum der gesellschaftlichen Zustände spekuliert werden, sondern die Analyse des Jetztzustands solle ins Zentrum des Interesses rücken. Es „gilt, die menschlichen Vorgänge so zu fassen, daß die Ursachen und Bedingungen erkennbar werden, durch die sie entstehen“[22]. Ähnlich wie Darwins Prinzip des „survival of the fittest“ als genetische Kausalitätskette die Entstehung und Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt erklärt, so sollen Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung der Gesellschaftsphänomene in einer rationalen Art und Weise dargelegt werden.

Auf dieser Grundlage entwickelt Hippolyte Taine, der französische Soziologe und Positivist, seine ‚Milieutheorie’, der die Annahme zugrunde liegt, der Mensch sei in seiner sozialen Entwicklung, seiner Orientierung und seinen Handlungsdispositionen im Wesentlichen durch Einflüsse der sozialen Umwelt determiniert. Das Individuum sei unter diesem Blickwinkel von drei Faktoren bestimmt: von seinen biologischen Erbfaktoren („race“), der lebensgeschichtlichen Umwelt („milieu“) und dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext („temps“/„moment“)[23]. Demnach wird der Mensch als abhängig von der Umwelt verstanden, in der er sich bewegt; die Willensfreiheit des Menschen sei lediglich eine Illusion.

[...]


[1] zit. nach Metzler Literatur Lexikon, S. 320

[2] vgl. John Osborne, „Gerhart Hauptmanns ‚Vor Sonnenaufgang’: Zwischen Tradition und Moderne“. In: Der Deutschunterricht 40/2 (1988), S.77

[3] vgl. Karl S Guthke: Gerhart Hauptmann. Weltbild im Werk. 2., völlig überarb. u. erw. Aufl. München: Francke 1980, S.70

[4] „Soziales Drama“ lautet die offizielle Gattungsbezeichnung im Untertitel von Vor Sonnenaufgang.

[5] Wilhelm Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Ästhetik / mit zeitgenöss. Rezensionen u. e. Bibliogr. d. Schriften Wilhelm Bölsches. Hg. v. Johannes J. Braakenburg. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag; Tübingen: Niemeyer 1976. (Deutsche Texte; 40), S.11

[6] Alan Marshall: The German Naturalists and Gerhart Hauptmann. Reception and Influence. Bern: Lang 1982. (European University Studies Vol. 556), S.40

[7] vgl. z.B. Paul Böckmann: „Der Naturalismus Gerhart Hauptmanns“. In: Ders.: Dichterische Wege der Subjektivierung. Studien zur deutschen Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Tübingen: Niemeyer 1999. S. 201-229, hier S.207

[8] zit. nach Andreas W. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert . bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit, 1848-1914. 2. erg. Aufl. München: Oldenbourg 2002, S.300

[9] Wilhelm Bölsche, S.7

[10] Wilhelm Bölsche, S.4

[11] vgl. Thomas Bleitner: „Naturalismus und Diskursanalyse : ‚Ein sprechendes Zeugnis sektiererischen Fanatismus’’- Hauptmanns ‚Vor Sonnenaufgang’ im Diskursfeld der ‚Alkoholfrage’“. In: Thomas Bleitner, Joachim Gerdes, Nicole Selmer (Hg.): Praxisorientierte Literaturtheorie. Annäherung an Texte der Moderne. Bielefeld: Aisthesis 1999. S 133-156, hier S.138. Holz entwirft und kommentiert diese Formel in seiner programmatischen Schrift Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze von 1891.

[12] Wilhelm Bölsche, S.11

[13] Wilhelm Bölsche, S.50

[14] vgl. Wilhelm Bölsche, S.57

[15] vgl. Alan Marshall, S.69

[16] Wilhelm Bölsche, S.68

[17] vgl. Alan Marshall, S.69

[18] vgl. Alan Marshall, S.43

[19] ebd.

[20] Wilhelm Bölsche, S.1

[21] Alan Marshall, S.42

[22] Paul Böckmann, S.207

[23] vgl. Thomas Bleitner, S.135. Wilhelm Scherer übersetzte diese Determinationsfaktoren nach Taine später freier mit „Ererbtem“, „Erlebtem“ und „Erlerntem“.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Naturwissenschaften in Gerhart Hauptmanns Drama 'Vor Sonnenaufgang'
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Hochschule)
Veranstaltung
Drama und Theater, Hauptseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V69021
ISBN (eBook)
9783638596299
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Epoche: Naturalismus
Schlagworte
Rolle, Naturwissenschaften, Gerhart, Hauptmanns, Drama, Sonnenaufgang, Theater, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Davina Ruthmann (Autor), 2006, Die Rolle der Naturwissenschaften in Gerhart Hauptmanns Drama 'Vor Sonnenaufgang', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69021

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