Der Naturalismus als eine dem Realismus verwandte Strömung mit denselben geistigen und sozialen Wurzeln beabsichtigt eine weitestgehende objektive Wirklichkeitsdarstellung, wobei er die Grundideen des Realismus konsequent zu Ende denkt und in seiner Gesamtheit dadurch als radikaler empfunden wird. Als „Realismus in Angriffsstellung“ charakterisiert Jost Hermand diese Bewegung, in der auf Schönheit verzichtet wird und bisher nicht verwendete ‚hässliche’ Stoffe wie die Darstellung des moralischen und wirtschaftlichen Elends, des Pathologischen des Alltags, des Niedrigen und Triebhaften ‚salonfähig’ gemacht werden.
Gerhart Hauptmanns Erstlingsdrama ‚Vor Sonnenaufgang’ wird zweifelsohne als epochemachend bezeichnet, dennoch gilt es nicht als repräsentatives Beispiel für das naturalistische Drama; Hauptmann habe selbst sogar immer bestritten, Naturalist gewesen zu sein. Inwieweit sein Stück nichtsdestotrotz der naturalistischen Programmatik, größtenteils begründet durch Émile Zola im französischen und Arno Holz im deutschsprachigen Raum, folgt, wird herauszustellen sein, genau wie die Frage, inwieweit sich Hauptmann trotz aller Distanzierung zum Naturalismus von ihm hat beeinflussen lassen.
Ein typisches Merkmal des Naturalismus ist die Annäherung an die Wissenschaften, insbesondere an die Naturwissenschaften, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung erleben. In welcher Art und Weise sich diese neue Orientierung in der Literatur, und ganz speziell bei Hauptmann, manifestiert, stellt den zentralen Punkt meiner Arbeit dar, ebenso die durch die Naturwissenschaften beeinflussten neuen Philosophietheorien wie der Determinismusgedanke und die ‚Milieutheorie’ Hippolyte Taines.
Abschließend, und abrundend, werde ich in einem eher werksimmanenten Kapitel die Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit im Verhalten Alfred Loths analysieren und dadurch Rückschlüsse auf eine mögliche Interpretation dieser Hauptfigur in Hauptmanns „sozialem Drama“ ‚Vor Sonnenaufgang’ ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Der Naturalismus und die Naturwissenschaften
2.1 „Die Wissenschaftlichkeit der Kunstproduktion“
2.2 Milieutheorie und der Determinationsgedanke - Der wissenschaftlich-philosophische Hintergrund des Naturalismus
2.3 Eugenik und ‚die Alkoholfrage’ im ausgehenden 19. Jahrhundert
3. Die neue Kunstästhetik in Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang
3.1 Hauptmann: Zwischen Tradition und Moderne
3.2 Naturalistische Elemente in Vor Sonnenaufgang - Alkoholismus und Determinismus als zentrale Motive in Hauptmanns Drama
4. Die Wissenschaftlichkeit des Alfred Loth
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Naturwissenschaften auf Gerhart Hauptmanns Erstlingsdrama "Vor Sonnenaufgang". Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwieweit Hauptmann die naturalistische Programmatik, insbesondere Theorien zum Determinismus und zur Eugenik, in seinem Werk adaptiert hat und ob sein Drama als repräsentatives naturalistisches Stück gelten kann oder eine Ambivalenz zwischen traditionellen und modernen Elementen aufweist.
- Die ästhetische und philosophische Verankerung des Naturalismus im 19. Jahrhundert.
- Die Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien wie Determinismus und Milieutheorie in der Literatur.
- Die Rolle der "Alkoholfrage" und eugenischer Gedanken in Hauptmanns Stück.
- Eine Analyse der Hauptfigur Alfred Loth im Kontext wissenschaftlich-ideologischer Ambitionen.
- Hauptmanns stilistische Mittel und seine Positionierung zwischen Tradition und Moderne.
Auszug aus dem Buch
2.1 „Die Wissenschaftlichkeit der Kunstproduktion“
Für die naturalistische Literatur und ihre ästhetische Programmatik ist eine Analyse der Zusammenhänge von Naturalismus, Naturwissenschaft und zeitgenössischer Philosophie unumgänglich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat die Naturwissenschaft enorme Erfolge zu verzeichnen und die Literaturwissenschaft sieht sich zunehmend mit der Frage konfrontiert, wie sich das Dichten gegenüber dem wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch behaupten und bewähren kann.
Seit 1859, dem Erscheinungsjahr von Darwins The Origin of Species by means of Natural Selection, spitzt sich die öffentliche Diskussion um die Naturwissenschaften zu; „in allen Zweigen [herrscht] ein Zustand, wie im Staate nach einer tiefgehenden politischen Erschütterung, wo Alles wieder in Frage gestellt wird, was längst abgemacht zu sein schien“.
Parallel dazu stellt diese Zeit auch im poetischen Sinne eine Zeit des Umbruchs dar, und es verbreitet sich das Gefühl, dass das der Goethezeit anhaftende literarische Verhalten nicht mehr ausreiche, um die eigenen neuen Erfahrungen zu bewältigen. Es entsteht das Bedürfnis, sich abzuwenden von der bisherigen, idealisierend-metaphysischen Ästhetik, die von den Realisten als altmodisch deklariert wird, und sich aktuelleren Bereichen zuzuwenden. Als aktuelle und dem modernen Streben gerecht werdende Disziplin gilt die Naturwissenschaft. In ihren Antworten finden die Realisten jene Wahrheit, die sie in ihrer Literatur darstellen wollen, mithin muss sie zur Grundlage der Kunst im Allgemeinen und der Literatur im Speziellen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung verortet das Drama "Vor Sonnenaufgang" innerhalb der naturalistischen Strömung und erläutert das Ziel der Arbeit, den Einfluss naturwissenschaftlicher Theorien auf Hauptmanns Werk zu untersuchen.
2. Der Naturalismus und die Naturwissenschaften: Dieses Kapitel analysiert die theoretischen Grundlagen des Naturalismus, insbesondere den Einfluss des Positivismus, des Determinismus und der Eugenik, auf die literarische Produktion.
3. Die neue Kunstästhetik in Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang: Hier wird Hauptmanns Stellung zwischen traditionellen Dramentechniken und den Anforderungen des Naturalismus beleuchtet sowie die Bedeutung von Alkoholismus und Determinismus als Leitmotive herausgearbeitet.
4. Die Wissenschaftlichkeit des Alfred Loth: Dieser Abschnitt widmet sich der Figur Alfred Loth und hinterfragt kritisch dessen Anspruch, als naturwissenschaftlich orientierter Sozialreformer zu agieren, wobei seine Fehlbarkeit im Fokus steht.
5. Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass Hauptmanns Drama zwar naturalistische Forderungen erfüllt, jedoch gleichzeitig eine eigenständige, von Ironie geprägte Distanz zur Epoche wahrt.
Schlüsselwörter
Naturalismus, Gerhart Hauptmann, Vor Sonnenaufgang, Naturwissenschaften, Determinismus, Milieutheorie, Eugenik, Alkoholfrage, Alfred Loth, Kunstästhetik, Positivismus, Sozialdrama, Literaturtheorie, Moderne, Vererbung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle und den Einfluss naturwissenschaftlicher Diskurse des späten 19. Jahrhunderts auf die Entstehung und Gestaltung von Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenaufgang".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind die Programmatik des Naturalismus, die zeitgenössische Faszination für Naturwissenschaften, der Determinismusgedanke, eugenische Theorien zur Vererbung sowie Hauptmanns dramaturgische Kunstauffassung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hauptmann naturwissenschaftliche Erkenntnisse in seinem "sozialen Drama" verarbeitet und ob er diese Theorien eher als Bestätigung oder als ironische Distanzierung nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Analyse sowie eine diskursgeschichtliche Einordnung des Dramas in den zeitgenössischen Kontext naturwissenschaftlich-philosophischer Strömungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung des naturalistischen Hintergrunds, eine Analyse der Anwendung dieser Theorien in "Vor Sonnenaufgang" und eine spezifische Untersuchung des Verhaltens der Hauptfigur Alfred Loth.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Naturalismus, Determinismus, Eugenik, Wissenschaftlichkeit und die kritische Distanz zur Moderne.
Welche Bedeutung hat die Figur Alfred Loth für das Werk?
Alfred Loth repräsentiert den naturwissenschaftlich geprägten Sozialreformer; die Arbeit zeigt jedoch auf, dass seine tatsächliche wissenschaftliche Objektivität und Urteilskraft im Stück massiv hinterfragt werden.
Warum wird im Werk die "Alkoholfrage" thematisiert?
Die Alkoholfrage diente im 19. Jahrhundert als Paradebeispiel für die pseudowissenschaftliche Theorie der Erblichkeit von Milieuschäden und bot eine ideale Projektionsfläche für naturalistisch motivierte Darstellungen menschlicher Degeneration.
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- Davina Ruthmann (Author), 2006, Die Rolle der Naturwissenschaften in Gerhart Hauptmanns Drama 'Vor Sonnenaufgang', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69021