Als Sofie ihre Welt philosophisch interessierten Rezipienten zugänglich machte, markierte sie eine Trendwende in der Kinder- und Jugendliteratur. Philosophische Ideen und ihre Entwicklungsgeschichte bewiesen ihre Tauglichkeit und Daseinsberechtigung auf einem Terrain, das bislang als besonders schwer zu erobern galt; der abstrakt-theoretische Charakter von philosophischen Theorien schien nahezu unvereinbar mit den traditionellen kinder- und jugendliterarischen Darstellungsformen: Wie sollte die komplizierte philosophische Fachterminologie in eine für Kinder verständliche Sprache übersetzt werden? War es nicht unmöglich, die Philosophiegeschichte in literarischer Form für den kindlichen Rezipienten aufzubereiten, ohne sie ihrer Komplexität zu berauben? Und konnte man überhaupt davon ausgehen, dass von Seiten der jungen Leserschaft Interesse an philosophischen Problemstellungen bestand?
In der vorliegenden Arbeit wird nach einer systematischen Einführung in die historischen Hintergründe der Kinderphilosophie sowie in ihre Theorie und Praxis unter Berücksichtigung von philosophiedidaktischen und heuristischen Aspekten gezeigt, auf welche Art philosophisches Gedankengut in der neueren Kinder- und Jugendliteratur transportiert wird und inwieweit es die Realität des kindlichen respektive jugendlichen Rezipienten zu durchdringen vermag. Dies erfolgt am Beispiel von drei ausgewählten Kinder- und Jugendbüchern, die das Thema auf unterschiedliche Weise gestalten: Jostein Gaarders im Jahre 1993 in Deutschland erschienenes Erfolgswerk „Sofies Welt“ stellt den Ausgangspunkt der Untersuchungen dar, gefolgt von Vittorio Hösles und Nora K.s 1996 publiziertem philosophischen Briefwechsel „Das Café der toten Philosophen“; den Abschluss bildet Stephen Laws erstmals 2002 im deutschsprachigen Raum veröffentlichtes Werk „Philosophie – Abenteuer Denken“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Geschichte der Kinderphilosophie
1.1 Begriffsklärung
1.2 Kindheitsbilder. Mythisches Denken und Transzendenzerfahrungen
1.3 Kinderphilosophie in Theorie und Praxis
1.3.1 Kontroverse Diskussion der Kinderphilosophie in den zwanziger Jahren
1.3.2 Tendenzen der Kinderphilosophie nach dem Zweiten Weltkrieg
1.4 Systematisierung der Positionen und Modelle
2 Philosophieren mit Kindern
2.1 Ziele und Perspektiven der Kinderphilosophie
2.2 Grundlagen der philosophischen Gesprächsführung mit Kindern
2.3 Das sokratische Gespräch
3 Philosophie als Thema von Kinder- und Jugendliteratur
3.1 Formale und inhaltliche Charakteristika
3.2 Philosophie in der Kinder- und Jugendliteratur vor „Sofies Welt“
4 „Sofies Welt“. Betrachtung eines modernen Klassikers
4.1 Das Erfolgswerk
4.1.1 Entstehungshintergrund
4.2 Intention des Autors
4.3 Skizzierung des Inhalts
4.4 Darstellung der Philosophiegeschichte
4.4.1 Formal-sprachliche Aspekte des philosophiehistorischen Teils
4.4.2 Der sokratische Dialog. Methodisches
4.4.3 Selektion der Philosophiegeschichte
4.5 Betrachtung der belletristischen Rahmenhandlung aus kinderphilosophischer Sicht
4.5.1 Formale und strukturelle Aspekte
4.5.2 Sprachliche Besonderheiten
4.5.2 Von Berkeley und märchenhaften Wesen. Bewusstseinsebenen
4.5.3 Nutzen des Philosophiekurses. Hat Gaarder sein Ziel erreicht?
5 Kaffeeklatsch mit Machiavelli. Vittorio Hösles „Café der toten Philosophen“
5.1 Entstehungsgeschichte
5.2 Motivation und Zielbestimmung
5.3 Hösles Methodik. Heuristische und didaktische Aspekte des philosophischen Diskurses
5.3.1 Methodische Grundprinzipien
5.3.2 Das Café als phantastisch-philosophische Institution
5.3.3 Philosophieren mit Nora. Zum Lehrer-Schüler-Verhältnis
5.3.4 Die Macht der Suggestion: Von Schutzphilosophen und anderen Heiligen
5.3.5 Mac, Tom und das Trio Infernale. Hösles Darstellung der Philosophiegeschichte
5.3.6 Schlussbetrachtung
6 „Philosophie – Abenteuer Denken“. Expedition ins Gedankenreich
6.1 Große Fragen, keine Antworten: Laws Absichten und Grundprinzipien
6.2 Das Baukastenprinzip. Form und Struktur der acht Abenteuer
6.3 „Was meinst du?“ – Laws philosophiedidaktische Strategie
6.3.1 Invasion vom Mars: Science Fiction als Element der Wissensvermittlung
6.4 Die „Buh-Hurra-Theorie“. Philosophische Probleme und ihre Entwicklung
6.5 Resümee eines Abenteuertrips
7 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, auf welche Weise philosophisches Gedankengut in der neueren Kinder- und Jugendliteratur transportiert wird und inwieweit es die Realität junger Rezipienten durchdringen kann. Anhand von drei Fallbeispielen wird analysiert, wie diese Werke theoretische philosophische Diskurse für Kinder aufbereiten und ob sie dabei das Ziel eines eigenständigen Philosophierens erreichen oder lediglich als Wissensvermittlung fungieren.
- Entwicklung und Systematisierung der Kinderphilosophie in Theorie und Praxis.
- Untersuchung der pädagogisch-didaktischen Konzepte in ausgewählten Werken.
- Analyse des Einflusses fiktionaler Rahmenhandlungen auf die philosophische Wissensvermittlung.
- Kritische Bewertung der Autorenabsichten hinsichtlich ihrer Einwirkung auf den jungen Leser.
Auszug aus dem Buch
4.5.1 Formale und strukturelle Aspekte
Die belletristische Rahmenhandlung ist gekennzeichnet durch eine auktoriale Erzählsituation: in Form einer Er-Erzählung wird im dominanten Modus des ‚telling’, also mit kommentierender, bewertender und erläuternder Einmischung der Erzählinstanz und beliebigem Wechsel zwischen Außen- und Innensicht, das literarische Geschehen dargestellt:
„Sofie schaute in den Briefkasten, ehe sie das Gartentor öffnete. In der Regel gab es darin viel Reklamekram und einige große Briefumschläge für ihre Mutter. Sofie legte dann immer einen dicken Stapel Post auf den Küchentisch, ehe sie auf ihr Zimmer ging, um ihre Aufgaben zu machen. An ihren Vater kamen nur manchmal Kontoauszüge, aber er war schließlich auch kein normaler Vater. Sofies Vater war Kapitän auf einem Öltanker und fast das ganze Jahr unterwegs.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Geschichte der Kinderphilosophie: Dieses Kapitel gibt einen systematischen Überblick über die historischen Hintergründe, die theoretischen Debatten und die wichtigsten Vertreter der Kinderphilosophie.
2 Philosophieren mit Kindern: Hier werden die Ziele, die Grundlagen der Gesprächsführung und die Bedeutung des sokratischen Dialogs als methodische Instrumente beim Philosophieren mit Kindern beleuchtet.
3 Philosophie als Thema von Kinder- und Jugendliteratur: Das Kapitel definiert, was philosophische Kinderliteratur ausmacht und wie sich diese inhaltlich und formal charakterisieren lässt.
4 „Sofies Welt“. Betrachtung eines modernen Klassikers: Diese umfassende Analyse untersucht Jostein Gaarders Erfolgswerk hinsichtlich seiner Philosophiegeschichte-Darstellung, der Fiktionsebene und des tatsächlichen Nutzens für den kindlichen Leser.
5 Kaffeeklatsch mit Machiavelli. Vittorio Hösles „Café der toten Philosophen“: Das Kapitel widmet sich dem Briefwechsel zwischen Hösle und Nora K. und bewertet die methodische Umsetzung der kinderphilosophischen Grundsätze in diesem Werk.
6 „Philosophie – Abenteuer Denken“. Expedition ins Gedankenreich: Hier wird das Werk von Stephen Law analysiert, insbesondere dessen Ansatz, Philosophie als interaktive Erlebnisreise mit Alltagsbezug zu vermitteln.
7 Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bewertet den Beitrag der diskutierten Bücher zur philosophischen Durchdringung des kindlichen Alltags.
Schlüsselwörter
Kinderphilosophie, Philosophiegeschichte, Philosophieren mit Kindern, Kinderliteratur, Sofies Welt, Jostein Gaarder, Vittorio Hösle, sokratischer Dialog, Stephen Law, Kritisches Denken, Philosophiegeschichte, Pädagogik, Didaktik, Jugendliteratur, Bewusstseinsbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie philosophisches Wissen und das Philosophieren selbst in drei bekannten Werken der Kinder- und Jugendliteratur (von Gaarder, Hösle und Law) dargestellt und vermittelt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Geschichte der Kinderphilosophie, der methodischen Gestaltung philosophischer Gespräche und der literarischen Umsetzung komplexer philosophischer Themen für junge Zielgruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, inwieweit die ausgewählten Werke die Kinder tatsächlich zum eigenständigen, kritischen Denken anregen oder ob sie lediglich als passive Wissensvermittlung dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die pädagogische und philosophiedidaktische Ansätze heranzieht, um die Texte der drei Autoren kritisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der drei Hauptwerke, wobei jeweils Entstehungshintergrund, Intention, Darstellung der Philosophiegeschichte und die methodische Umsetzung betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kinderphilosophie, philosophische Didaktik, Identitätsfindung, sokratische Methode und literarische Wissensvermittlung charakterisieren.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „Lehrers“ in Gaarders „Sofies Welt“?
Die Autorin kritisiert, dass Alberto Knox eher als autoritärer Lehrmeister auftritt, der Wissen präsentiert, anstatt Sofie zum eigenständigen, kritischen Denken auf Augenhöhe zu befähigen.
Was zeichnet die Methodik von Stephen Law im Vergleich aus?
Stephen Law wird als innovativ eingestuft, da er Philosophie als aktionsgeladene Abenteuerreise gestaltet und den Leser dazu einlädt, Theorien kritisch zu hinterfragen, anstatt sie bloß zu konsumieren.
Welche Bedeutung hat das „Café der toten Philosophen“ bei Hösle?
Das fiktive Café dient als phantastische Institution, um die Philosophiegeschichte lebendiger zu gestalten, fungiert aber gleichzeitig primär als Forum für Hösles eigene philosophische Deutungen.
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- Mag. Petra Vera Rüppel (Author), 2003, Philosophie und ihre Geschichte als Thema der neueren Kinder- und Jugendliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69028