Die Wiedererinnerungslehre von Platon bezogen auf den Dialog Menon


Hausarbeit, 2006
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deutungsgeschichte

3. Die Geometriestunde

4. Interpretationsvorschlag des Werks

5. Kritik an Platon

6. Schluss und eigene Stellungnahme

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

Literatur:

Internet:

1. Einleitung

Ich möchte mich in dieser Arbeit mit der Problematik der Wiedererinnerung aus dem Dialog Menon, welcher etwa zwischen 385 und 380 vor Christi von dem griechischen Philosoph Platon verfasst wurde, beschäftigen, da ich bereits im Seminar die Möglichkeit hatte, mich eingehendst mit diesem Thema auseinander zu setzen und ich den Gedanken, Lernen sei Wiedererinnern, persönlich sehr interessant finde.

Der Dialog Menon ist das einzige Werk, welches die Wiedererinnerung in Bezug auf Seelenwanderung und Reinkarnation aufgreift. Er behandelt das Thema, ob Tugend lehrbar sei und wirft somit zunächst die Frage einer Definition von Tugend auf. Im weiteren Verlauf wird dann das Problem des Lernens, welches als Wiedererinnern (Anamnesis) vorgestellt wird, erörtert.

Zunächst möchte ich kurz die Deutungsgeschichte der Wiedererinnerungslehre Platons anschneiden. Daraufhin folgt die Beschreibung und Interpretation der Geometriestunde, welche als Beweis der Anamnesis gilt. Diese Interpretation ist bezogen auf eine Theorie, welche mir am plausibelsten erscheint und bereits am Ende der Deutungsgeschichte kurz dargestellt und unter „3. Interpretations­vorschlag des Werkes“ genauer beschrieben wird.

Danach werde ich noch kurz auf eine häufig beschriebene Schwäche Platons eingehen und abschließend meine eigenen Gedanken zum Thema formulieren.

2. Deutungsgeschichte

Ein direktes und wörtliches Verständnis der Texte, welche von der Anamnesis handeln, ist mit bestimmten Schwierigkeiten und Widersprüchen behaftet, die bis heute in der historisch- philologischen Platonforschung nicht aufgeklärt worden sind. Zwei der Hauptschwierigkeiten sind zum einen, dass im Menon, der zuerst und am ausführlichsten von der Wiedererinnerung redet, die Wiedererinnerung der Ideen gar nicht thematisiert wird. Bei der Begründung seiner These, dass Lernen Wiedererinnern sei, scheint sich Sokrates nur auf die Vorstellungen von Reinkarnation und Seelenwanderung zu beziehen. Die zweite Schwierigkeit erweist sich in den Relativierungen, welche Sokrates dem Wiedererinnerungs­mythos im Menon anhängt. Hierzu gibt es eher unbefriedigende Auffassungen, wie beispielsweise diese von Norman Gulley: „Platon – dem offenbar bei dieser Mythologie nicht ganz geheuer ist – teilt uns auf diese Weise seine Zweifel mit.“[1] Aufgrund der Schwierigkeit, den Text eindeutig auf das wörtliche Verständnis festzulegen, suchten philosophisch interessierte Leser immer wieder in dem Satz des Sokrates, dass Lernen sei Wiedererinnern, einen anderen Sinn als den wörtlichen. Bei diesem Satz handelt es sich jedoch nicht um einen Mythos, sondern um den Gedanken eines apriorischen Wissens. „Jene Schau der Ideen vor der Geburt scheint, auf ihren rationalen Kern reduziert, nichts anderes zu besagen, als daß es in der Seele Begriffe geben müsse, die nicht aus der Erfahrung stammen können, die vielmehr vor aller Erfahrung schon gegeben sein müssen, die durch diese nur geweckt, aber nie erzeugt werden können.“[2]

Leibniz war der erste, der die Anamnesis als eine Theorie des rein logischen Apriori interpretierte. Leibniz unterscheidet zwischen Platon und den Platonikern. Den Platonikern will er das mythische Beiwerk der Präexistenz und Seelenwanderung zuschreiben, dagegen sieht er Platons Lehre in der Geometriestunde dargestellt. Für Kant war die Anamnesislehre eher ein schwärmerischer Gedanke, aber die Neukantianer knüpften erneut an den Interpretationsgedanken von Leibniz an.

Auch die Versuche einer philosophischen Deutung der Anamnesislehre als einer Theorie des Apriori kommen in Schwierigkeiten und prallen schließlich an der Metapher des Wiedererinnerns ab. Leibnitz kritisiert den Fehler der Präexistenz und Natorp bemerkt, dass das a priori im Menon eine psychologische und schließlich metaphysische Wendung nimmt. Tatsächlich ist die Metapher der Wiedererinnerung, wenn der Sinn der Anamnesis eine Theorie des Apriori sein soll, eine umständliche und irreführende Maskerade.

„Sieht sich die orthodoxe Lesart der platonischen Anamnesis einem nur doxographisch verständlichen Lehrstück gegenüber, wobei dieses doxographische Verständnis durch die ironischen Zurücknahmen des mythisch Erzählten in den Dialogen selbst ebenso auch wieder in Frage gestellt ist, so kann umgekehrt der aprioristische Interpretationsvorschlag den Gedanken eines apriorischen Wissens nicht wirklich mit der Metapher der Wiedererinnerung zur Deckung bringen.“[3] Neuere Interpretationsversuche verstehen die Wiedererinnerung als Abfolge von zwei Erkenntnisakten: zunächst tritt dir Erkenntnis ein, dass man etwas Bestimmtes nicht mehr weiß, da man es vergessen hat, dann folgt die erneute Erinnerung des Vergessenen selbst. Das heißt: damit uns Vergessenes wieder ins Bewusstsein tritt, müssen wir uns zunächst bewusst werden, dass wir es vergessen haben. Diese Stufenfolge könnte auch den Übergang vom Meinen zum Wissen aufzeigen, wenn Vergessenheit und bloße Meinung beide formal als Nichtwissen des Nichtwissens charakterisiert werden. Die Erkenntnis des Nichtwissens ist in beiden Fällen die Voraussetzung für den Übergang zum Wissen (zum „Wieder- erinnert- haben“). Verfechter dieser Auffassung sind der Meinung, dass die Kritik der Neukantianer am Psychologismus der platonischen Anamnesis genau diese eben aufgezeigte Analogie übersieht. Da mir diese Art der Interpretation am logischsten erscheint, wird sich die folgende Erläuterung der Geometriestunde auf sie beziehen.

[...]


[1] Theodor Ebert: Meinung und Wissen in der Philosophie Platons: Untersuchungen zu Charmides, Menon und Staat. Berlin [u.a.]: de Gryter, 1974. S. 85

[2] Ebd.

[3] Ebd. S. 86

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Wiedererinnerungslehre von Platon bezogen auf den Dialog Menon
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
PS Platon, Menon
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V69049
ISBN (eBook)
9783638612395
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wiedererinnerungslehre, Platon, Dialog, Menon
Arbeit zitieren
Katrin Schrimpf (Autor), 2006, Die Wiedererinnerungslehre von Platon bezogen auf den Dialog Menon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69049

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