Ich möchte mich in dieser Arbeit mit der Problematik der Wiedererinnerung aus dem Dialog Menon, welcher etwa zwischen 385 und 380 vor Christi von dem griechischen Philosoph Platon verfasst wurde, beschäftigen, da ich bereits im Seminar die Möglichkeit hatte, mich eingehendst mit diesem Thema auseinander zu setzen und ich den Gedanken, Lernen sei Wiedererinnern, persönlich sehr interessant finde.
Der Dialog Menon ist das einzige Werk, welches die Wiedererinnerung in Bezug auf Seelenwanderung und Reinkarnation aufgreift. Er behandelt das Thema, ob Tugend lehrbar sei und wirft somit zunächst die Frage einer Definition von Tugend auf. Im weiteren Verlauf wird dann das Problem des Lernens, welches als Wiedererinnern (Anamnesis) vorgestellt wird, erörtert.
Zunächst möchte ich kurz die Deutungsgeschichte der Wiedererinnerungslehre Platons anschneiden. Daraufhin folgt die Beschreibung und Interpretation der Geometriestunde, welche als Beweis der Anamnesis gilt. Diese Interpretation ist bezogen auf eine Theorie, welche mir am plausibelsten erscheint und bereits am Ende der Deutungsgeschichte kurz dargestellt und unter „3. Interpretationsvorschlag des Werkes“ genauer beschrieben wird.
Danach werde ich noch kurz auf eine häufig beschriebene Schwäche Platons eingehen und abschließend meine eigenen Gedanken zum Thema formulieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Deutungsgeschichte
3. Die Geometriestunde
4. Interpretationsvorschlag des Werks
5. Kritik an Platon
6. Schluss und eigene Stellungnahme
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
Literatur:
Internet:
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der Anamnesis-Lehre (Wiedererinnerungslehre) in Platons Dialog Menon, wobei das zentrale Ziel darin besteht, die erkenntnistheoretische Bedeutung dieser Lehre im Kontext von Lernen und Wissen kritisch zu hinterfragen und modern zu interpretieren.
- Die Lehre der Anamnesis im Dialog Menon.
- Analyse der Geometriestunde als Beweis für die Wiedererinnerung.
- Unterscheidung zwischen vermeintlichem Wissen und bewusstem Nichtwissen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der metaphysischen Deutung Platons.
- Die Relevanz der Anamnesis als Metapher für logisches Denken.
Auszug aus dem Buch
3. Die Geometriestunde
Die Geometriestunde im Menon (82 b – 85 c) dient Sokrates als Illustration seiner These, dass das lernen lediglich nur ein Wiedererinnern ist. Zunächst erläutert Sokrates dem herbeigeholten Sklaven die geometrische Aufgabe der Quadratverdopplung und erhält nach einigen Fragen die vorläufige Antwort des Jungen, welcher der Meinung ist, dass sich die gestellte Aufgabe durch das einfache Mittel der Seitenverdoppelung lösen lässt. Hier wird die geometrische Untersuchung unterbrochen um Menon ausdrücklich auf das bloße Meinen des Jungen hinzuweisen. Bezieht man dies auf die Metapher der Anamnesis, wie sie weiter oben bereits beschrieben wurde, befindet sich der Junge jetzt im Zustand jener doppelten Vergessenheit, die als Voraussetzung des Wiedererinnerns gilt.
Im zweiten Teil der Geometriestunde bringt Sokrates den Sklaven erneut durch bloßes Fragen zu der Einsicht, dass seine erste Antwort falsch war. Nach einer zweiten irrsinnigen Antwort gesteht der Knabe nun sein Nichtwissen ein: „Aber um Gottes willen, das weiß ich einfach nicht“ (84 a 1-2). Er erinnert sich, dass er vergessen hat, er hat die Einsicht in sein Nichtwissen erreicht. Sokrates unterbricht an dieser Stelle das Gespräch mit dem Sklaven zum zweiten mal und wendet sich an Menon: „Merkst du, Menon, welche Fortschritte er schon im Erinnern macht?“ (84 a 3-4). Nach der Metapher der Anamnesis müsste die Antwort heißen: im Prozess der Wiedererinnerung hat der Junge die Einsicht in sein Nichtwissen erreicht. Sokrates gibt jedoch eine Antwort mit den Begriffen Wissen und Nichtwissen: der Sklave weiß genauso wenig wie vorhin, aber innerhalb seines Nichtwissens hat er den Fortschritt gemacht, dass sein vermeintliches Wissen nun bewusstes Nichtwissen ist (Vgl. 84 a 4-b 2).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Wiedererinnerung im Dialog Menon ein und stellt die methodische Herangehensweise der Arbeit dar.
2. Deutungsgeschichte: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene philosophische Interpretationen der Anamnesis-Lehre, von Leibniz bis zu neukantianischen Ansätzen.
3. Die Geometriestunde: Hier wird der geometrische Beweisgang des Sklaven analysiert, um die Stufenfolge vom bloßen Meinen über das bewusste Nichtwissen bis zur richtigen Erkenntnis zu verdeutlichen.
4. Interpretationsvorschlag des Werks: Das Kapitel betrachtet die Geometriestunde im Kontext der Aporie Menons und beleuchtet dessen Missverständnis der sokratischen Methode.
5. Kritik an Platon: Diese Sektion setzt sich kritisch mit der Vermischung von wissenschaftlicher Logik und mythisch-religiöser Dichtung in Platons Werk auseinander.
6. Schluss und eigene Stellungnahme: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen und reflektiert die Anamnesis-Lehre als Metapher für logisches Denken und bürgerliche Tüchtigkeit.
7. Literatur- und Quellenverzeichnis: Dieses Verzeichnis listet die verwendete Fachliteratur sowie Internetquellen auf.
Schlüsselwörter
Platon, Menon, Anamnesis, Wiedererinnerung, Erkenntnistheorie, Sokrates, Aporie, Geometriestunde, Nichtwissen, Apriori, Philosophie, Idealismus, Logik, Erkenntnis, Tugend.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Lehre der Wiedererinnerung (Anamnesis) im platonischen Dialog Menon und deren philosophischer Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Anamnesis-Lehre, der Prozess des Lernens, das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen sowie die Aporie im Dialog Menon.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Wiedererinnerungslehre kritisch zu analysieren und sie als eine Metapher für den Prozess des logischen Denkens zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die historisch-philologische Analyse des Originaltextes in Kombination mit einer reflektierenden, eigenen Stellungnahme der Autorin.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Deutungsgeschichte, die Geometriestunde, den Kontext der Aporie sowie eine kritische Würdigung der platonischen Methode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Anamnesis, Aporie, sokratische Methode, Erkenntnistheorie und das Verhältnis von vermeintlichem zu wahrem Wissen.
Wie interpretiert die Autorin die Geometriestunde?
Die Geometriestunde wird nicht als wörtliche Erinnerung an ein Vorleben verstanden, sondern als pädagogisch strukturierter Weg, um den Lernenden vom Irrtum zum bewussten Nichtwissen zu führen.
Welche Schwäche schreibt die Autorin Platon zu?
Die Autorin kritisiert, dass Platon in seinem Werk oft wissenschaftliche Strenge mit religiös-mythischer Dichtung vermischt, was die logische Argumentation verschleiert.
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- Katrin Schrimpf (Author), 2006, Die Wiedererinnerungslehre von Platon bezogen auf den Dialog Menon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69049