Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche


Seminararbeit, 2005

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A Philosophie und Wahrheit

B Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
I. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Platon
1. Platons Ideenlehre: die Welt der Ideen als die wahre Welt des Seins
2. Die Konsequenz: das Postulat der Philosophenherrschaft
II. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Nietzsche
1. Der theoretische Hintergrund
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kritik an Platon und der traditionellen Metaphysik
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Nietzsches Vorstellung von Welt als Wille zur Macht
2. Verschiedene Wahrheitsbegriffe
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Die traditionelle, objektive Wahrheit: ihre Entstehung und ihre Falschheit
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ausgeburt des Willens zur Macht oder Nietzsches subjektive Wahrheit
3. Die Konstruktion der Realität
4. Die Konsequenz: von einer Herrenmoral zu einer Sklavenmoral und hoffentlich wieder zurück
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Zur Genealogie der Moral: wie wurde die Welt so wie sie ist?
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Nihilismus als Chance: die Welt muss nicht so sein wie sie ist
[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ästhetische Aristokratie der Kunst: schöne, neue Welt

C Fazit

Literaturverzeichnis

A Philosophie und Wahrheit

Über die unzähligen und unterschiedlichsten individuell bedingten und dem historischen Kontext geschuldeten Motive der einzelnen Denker hinweg scheint es eine grundlegende und allen philosophischen Bemühungen gemeinsame Triebfeder zu geben: das Streben nach der Natur der Menschen und Dinge. Wie funktioniert diese unsere Welt und was sind daraus für Konsequenzen für die Menschheit, für das Individuum im Speziellen und die Gesellschaft im Allgemeinen zu ziehen? Eine Frage, die zu einer ganzen Heerschar unterschiedlichster und gegensätzlichster Antworten geführt hat und deren allumfassende und letztgültige Beantwortung heute angesichts der Komplexität der Moderne unmöglicher denn je erscheint.

Eine zentrale Kategorie der Philosophie ist seit jeher die der Wahrheit. Der Begriff der Wahrheit als solcher ist zugleich ein sehr mächtiger und nichts-sagender Begriff. Die Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit setzt eine Existenz selbiger voraus. Der griechische Philosoph Platon findet diese Wahrheit in der Welt der Ideen und begründet darin seine Forderung nach der Herrschaft der Philosophen. Diese allein sind fähig die wahre Ordnung der Dinge zu schauen und sollen dann diese Ordnung in die Seelen der Menschen zeichnen. In der daraus resultierenden Welt einer gerechten Ordnung finden die Menschen ihr Glück. Was jedoch, wenn es die eine Wahrheit nicht gibt, wenn alles eine Frage von Kreativität, Perspektive und Interpretation ist? Dies ist die radikale und folgenreiche Botschaft Friedrich Nietzsches, die seiner Vorstellung der Welt als Wille zur Macht zugrunde liegt. Nicht mehr der vernunftbegabte Philosoph sondern der kreative Künstler, der Übermensch soll nun herrschen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Wahrheitsbegriff in den Philosophien Platons und Nietzsches untersucht werden und dabei die jeweiligen Konsequenzen für Individuum und Gesellschaft aufgezeigt werden. Im ersten Teil der Arbeit soll zuerst Platons Ideen- und Erkenntnislehre vorgestellt werden, um dann in einem zweiten Schritt die Konsequenzen dieser Wahrheitskonzeption hinsichtlich der Ordnung des Gemeinwesens aufzeigen zu können. Der zweite Teil, der sich der Wahrheitskonzeption Nietzsches und ihren Folgen widmet, bildet dann den Schwerpunkt der Arbeit. Als theoretische Grundlage soll nach einer kurzen Skizzierung der Kritik Nietzsches an der platonischen Metaphysik kontrastierend dazu seine eigene Interpretation von Welt als Wille zur Macht vorgestellt werden. Es folgt eine Analyse der Entstehungsbedingungen traditioneller »objektiver Wahrheit«, der dann Nietzsches perspektivischer Wahrheitsbegriff gegenübergestellt wird. Schließlich sollen die Konsequenzen des kreativen Charakters aller Realität auf die konkrete historische Entwicklung unserer Gesellschaft sowie für Nietzsches Staatskonzeption aufgezeigt werden.

B Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche

I. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Platon

1. Platons Ideenlehre: die Welt der Ideen als die wahre Welt des Seins

Nach dem griechischen Philosophen Platon sind die Ideen als geistige, immaterielle Urbilder eine eigene Wirklichkeit und als solche der sinnlich erfahrbaren materiellen Welt, sprich der Realität, übergeordnet, da in jener nur Abbilder dieser Urformen existieren. Nehmen wir das Beispiel Tisch. Dieser ist nach Platon in dreifacher Weise anwesend.[1] Zuerst in vollkommener und unverstellter Reinheit in der Idee des Tisches. Dann in Form des vom Tischler hergestellten Tisches, dessen Herstellung auf der Nachahmung der Idee des Tisches beruht. Schließlich in einer dritten Weise als gemalter Tisch. Der Maler blickt bei seinem Kunstwerk jedoch nicht mehr auf die Idee des Tisches selbst, sondern auf den Tisch als einzelnen in seiner konkreten Erscheinung in der sinnlich erfahrbaren Welt. Die Ideen im Gegensatz zur Materie sind ewig, unteilbar und unveränderlich und existieren unabhängig von den wahrnehmbaren Dingen. Die Urform und damit die Idee des Tisches bestünde auch dann noch, wenn alle Tische verbrannt würden. Weder entstehen Ideen, noch vergehen sie und genau deshalb, weil sie den Bereich des Unveränderlichen bedeuten, kommt ihnen Wahrheit zu. Alles Irdische ist bloße Nachahmung dessen und Abbilder können nie so vollkommen sein wie die Idee selbst, da sie sich im Bereich des Veränderbaren bewegen und somit aus veränderlichem und vergänglichem Material bestehen.

Nach Henning Ottmann sind Ideen für Platon Grundbedingung jeglicher Erkenntnis sowie jeglicher zwischenmenschlichen Verständigung.[2] Ideen sind apriorisch: nur weil es schon immer eine Idee von Tapferkeit, Gerechtigkeit oder auch Schönheit gibt, können wir auch einzelne Handlungen in unserer irdischen, materiellen Welt als tapfer, gerecht oder schön klassifizieren. Die Ideen existieren für sich selbst und werden nicht vom Menschen hervorgebracht, sondern können im besten Falle geschaut und nachgeahmt werden. Zentral ist hierbei Platons Lehre der Anamnese, nach der die Seelen der Menschen bereits vor diesem Leben die Idee geschaut haben. Bevor die Seele in unseren Körper gelangte existierte sie schon im Reich der Ideen, hat aber beim Eintritt in den Körper die vollkommenen Ideen vergessen. Jeder, der auf dieser Welt zur Erkenntnis fähig ist, erinnert sich dann nur an früheres Wissen. Mit Eros bezeichnet Platon dann die menschliche Sehnsucht nach der Vollkommenheit der Idee und somit die Ursache allen Strebens nach Erkenntnis. Der Eros erwacht beim Anblick des Schönen und ruft die Sehnsucht der Seele nach der vollkommenen Urform hervor, die ihr aus dem Reich der Ideen bekannt ist. Ohne Ideen wäre jedoch nicht nur Erkenntnis, sondern auch Verständigung unter den Menschen unmöglich. Ideen sind » das Allgemeine der Kommunikation und des Begreifens «[3], ohne die wir nicht wüssten, dass wir über Dasselbe reden. Es dürfte bereits deutlich geworden sein, dass Platon scharf unterscheidet zwischen einerseits der sinnlich erfahrbaren Welt, dem Bereich des Zeitlichen und Veränderlichen, sowie andererseits der Welt der Ideen, dem Bereich des Ewigen und Unveränderlichen. Dies ist nach Ottmann jedoch nicht als Dualismus zweier strikt getrennter Welten zu verstehen. Platons philosophische Intention ist die einer Einheitslehre. Er will eine Metaphysik, die den Menschen, die Gemeinschaft und den Kosmos in einem erklären kann. Das geht nur über den Einheitsgedanken. Die Idee ist bei Platon immer das Eine, das Ursprüngliche. Die materielle Welt dagegen ist gekennzeichnet durch Vielheit und Vielgestaltigkeit. Ideenwelt und Sinnenwelt verhalten sich dabei wie Muster und Nachbildung, wobei jede noch so gute Nachahmung bestenfalls ein schwacher Abklatsch der ursprünglichen Idee sein kann. Es gilt immer und überall das Primat der Einheit über die Vielheit: alles Denken und Sein wird bestimmt durch die Einheit der Idee, wie nahe es ihr kommt oder wie fern es ihr ist.

Oberste und höchste aller Ideen ist die Idee des Guten, sie ist der Grund allen Erkennens.[4] Platon veranschaulicht dies in einem seiner berühmten Gleichnisse, nämlich dem Sonnengleichnis. Was die Sonne für den Bereich des Sichtbaren, das ist die Idee des Guten für den Bereich des Denkbaren: zum einen Ursache dass wir überhaupt etwas sehen können und zum anderen Grundbedingung allen Wachstums und jeglicher Existenz. Das Licht der Sonne verleiht den Dingen Gestalt, ihre Wärme ermöglicht Wachstum und Existenz. Analog dazu ist die Idee des Guten für den Bereich des Denkbaren zu verstehen. Sie verleiht den intellegiblen Ideen ihr wahres Sein und ragt dabei über diesen Bereich hinaus, genauso wie die Sonne Ursprung alles Sehens und Wachsens ist ohne dabei selber dem Werden zu unterliegen. Die Idee des Guten ist somit ein Schlüsselbegriff in Platons Philosophie, bleibt jedoch inhaltlich seltsam undefiniert und nebulös. Nach Hans Krämer wirkt das Gute als Ursprungsgrund von Einheitlichkeit und ermöglicht somit Ordnung im Sinne einer Einheit in der Vielheit. Demnach entpuppt sich in der Idee des Guten der Einheitsgedanke, ein vorgegebenes Ordnungswissen um die gute und gerechte Ordnung der Dinge. Das eine Gute bewirkt überall Ordnung und Stabilität und damit auch Gerechtigkeit. Auch Henning Ottmann spricht von einer » Gleichsetzung der Idee des Guten mit dem Einen «.[5]

2. Die Konsequenz: das Postulat der Philosophenherrschaft

» Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden [...] oder die, die man heute Könige und Machthaber nennt, echte und gründliche Philosophen, und wenn dies nicht in eines zusammenfällt [...], so wird es [...] mit dem Elend kein Ende haben, nicht für die Städte und auch nicht, meine ich, für das menschliche Geschlecht. «[6] Das ist die radikale und revolutionäre Konsequenz Platons aus seiner Erkenntnislehre. Der Grund für sein Postulat der Philosophenherrschaft liegt darin, dass die Welt der Ideen im Gegensatz zur materiellen, irdischen Welt nicht mit den Sinnen, sondern nur mit dem Verstand erkannt werden kann. Einzig den Philosophen als den Weisheitsliebenden ist die Einsicht in die Idee des Guten und damit der Aufstieg zur Wahrheit möglich. Sie allein schauen das Wissen um die gerechte Ordnung der Polis, alle anderen bewegen sich im Bereich der bloßen Meinung und erkennen nur Schattenbilder. Anhand seines berühmten Höhlengleichnisses zeigt Platon den beschwerlichen Aufstieg des Philosophen zur Idee des Guten und den ebenso mühsamen wie gefährlichen Weg des wahrhaft Wissenden zurück in den Schoß der Gemeinschaft: es droht das Schicksal des Sokrates. Für Robert Spaemann handelt es sich bei diesem Postulat des Zusammenfalls von Macht und Vernunft um einen äußerst seltenen Glücksfall oder gar eine göttliche Fügung.[7] Der Grund ist folgender: da die meisten Menschen keine Einsicht in das für sie selbst und damit das für die Gemeinschaft Gute besitzen, müssten sie sich vom wahrhaft Erkennenden überreden lassen. Da sie aber kein Kriterium haben zwischen wahrer und falscher Meinung zu unterscheiden, fallen sie oftmals den falschen Philosophen und Verführern anheim. Es gibt also keine gesicherte Methode, die wahrhaft Wissenden an die Macht zu bringen, im Gegenteil: das Unterfangen ist äußerst unsicher und (lebens-)gefährlich.

Der Weg zur Vereinigung von Macht und Vernunft ist also ein steiniger und mit zahlreichen Hindernissen bestückter. Das aber war weder für Platon ein Grund, seinen Gedanken der Philosophenherrschaft zu verwerfen, noch soll damit die Erörterung dieses revolutionären Gedankens an dieser Stelle beendet sein. Zu sehr drängt sich die Frage auf, wie sich denn nun die Umsetzung der Idee des Guten durch den Philosophen auf den Einzelnen und die Gemeinschaft auswirken würde. Platon und das antike politische Denken kennen noch keine Trennung von Ethik und Politik. Und so denkt Platon eine Analogie von Seele und Stadt: herrscht in der Seele der Menschen Gerechtigkeit und damit Ordnung, so auch in der Stadt. Platon geht dabei von einer Dreiteilung der Seele aus: ernährt wird die Seele von den Begierden, verteidigt vom Mut und regiert von der Vernunft. Gerechtigkeit in der Seele herrscht dann, wenn jeder Teil der Seele das Seine tut und sie damit eine Einheit ist. Damit dies gewährleistet ist, muss also der vernünftige Teil der Seele zusammen mit dem tapferen Seelenteil über die Begierden herrschen und diese so im Zaume halten.

In der Seele des Philosophen ist dies der Fall. Indem der Philosoph auf die wahre Ordnung der Ideen blickt, gleicht er sich in seiner inneren Verfasstheit dieser ewigen Ordnung an. Er bildet sich damit nicht nur theoretisch, sondern zugleich auch praktisch. Wie der Künstler sein Gemälde malt, so ist es nun die Aufgabe des Philosophen diese gerechte Ordnung in die Seelen der Menschen zu zeichnen.[8] Dann herrscht Gerechtigkeit zugleich auch in der Stadt, begreift Platon diese doch sinngemäß als die Seele des Einzelnen in Großbuchstaben.[9] Wo aber Gerechtigkeit herrscht und jeder das Seine tut, da findet man nach Platon automatisch auch Glückseligkeit. Die Legitimität einer Herrschaft bemisst sich letztlich immer auch an ihren Zielen. Indem die Herrschaft der Philosophen in der besten Polis sowohl für das Glück des Einzelnen als auch dasjenige der ganzen Stadt sorgt, verwirklicht sie das Hauptziel menschlichen Zusammenlebens und erhält somit ihre letzte Legitimationsgrundlage.

II. Wahrheit und ihre Konsequenz nach Nietzsche

1. Der theoretische Hintergrund

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Kritik an Platon und der traditionellen Metaphysik

» Meine Philosophie umgedrehter Platonismus: je weiter ab vom wahrhaft Seienden, um so reiner schöner besser ist es. Das Leben im Schein als Ziel. «[10] Mit Platon beginnt für Nietzsche der Siegeszug der Metaphysik und nimmt ihren Weg über das Christentum bis hin zu Kant und der Aufklärung. Die gesamte westliche Philosophie und Religion steht für ihn in der Tradition dieser Metaphysik, nach der die Wahrheit einsehbar ist und einen eigenen Wert hat. Sie baut auf der klassischen Dichotomie Platons und seiner Lehre von den zwei Welten auf. Danach steht einer » wahren Welt «, die dem Bereich des Ewigen und Unveränderlichen zugeordnet ist, eine » scheinbare Welt « gegenüber, nämlich diejenige der irdischen Existenz samt ihrer wesenhaften Veränderlichkeit. Die zentralen Begrifflichkeiten dieser westlichen Tradition sind die Seele und die Vernunft, wodurch die irdische, sinnliche Existenz entwertet wurde zugunsten eines Glaubens an ewige Wahrheit und eines Bekenntnisses zu einer höheren Moral.[11]

Nietzsche deutet diese Suche nach und das Klammern der Menschheit an ewige Wahrheiten als Ausdruck von Schwäche und Verfall. Aus der Fiktion einer höheren Welt ewiger Wahrheiten werden Normen und Verhaltenspostulate abgeleitet. Damit soll dem willkürlichen Chaos des Diesseits ein berechenbarer Rahmen gesetzt und der Trostlosigkeit des Lebens Sinn gegeben werden. Dahinter steckt ein Verlangen nach Linderung allen Leidens und Erlösung von der Tragik menschlicher Existenz. Die Schwäche liegt darin, der Willkürlichkeit und Sinnlosigkeit des Lebens nicht ins Auge blicken zu können. Aus der Perspektive Nietzsches gibt es nur eine Welt - das Hier und Jetzt der irdischen Existenz mit all ihrer Sinnentleertheit und ihren Paradoxien. In dieser einen Welt gibt es keine wie auch immer erfahrbaren objektiven Wahrheiten - alles ist Schein, der Mensch selbst schafft sich seine Wahrheiten. Nietzsche arbeitet bei seiner Kritik an der traditionellen Metaphysik nicht mit den Kriterien wahr oder falsch.[12] Als eine Interpretation der Wirklichkeit ist sie genauso wahr oder falsch wie seine eigene Interpretation. Seine Kritik zielt vielmehr darauf, dass es sich um eine äußerst schwache Interpretation von Leben handelt. Das starke Individuum bedarf keiner fiktiven ewigen Wahrheiten, sondern schafft sich seine eigene Wirklichkeit. Es gibt sich dem Willen zur Macht genüsslich und hemmungslos hin. Damit zu Nietzsches eigener, herrischen Interpretation von Welt als Wille zur Macht.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Nietzsches Vorstellung von Welt als Wille zur Macht

» Und wißt ihr auch, was mir „die Welt“ ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? ... – wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem! «[13] Nach Rüdiger Grimm ist für Nietzsche die ganze Welt bloßer Wille zur Macht.[14] Dieser Wille zur Macht setzt sich dabei zusammen aus unzähligen separaten Machtquanten, die sich nur quantitativ, nicht jedoch qualitativ voneinander unterscheiden. Was uns als qualitative Unterschiede erscheint, lässt sich nach Nietzsche auf quantitative Differenzen an Macht zurückführen. Diese Machtquanten befinden sich in einem ständigen Kampf gegeneinander, wobei jedes Teilchen versucht seine eigene Machtposition auf Kosten der anderen zu verbessern. Der wechselseitige Antagonismus dieser Teilchen erzeugt eine ständige Spannung und ist der wesentliche Grund für die Dynamik des Willens zur Macht. Letzterer ist somit steter Antrieb zu Aktivität und Veränderung. Zum besseren Verständnis an dieser Stelle nochmals ein Zitat von Nietzsche: „Meine Vorstellung ist, daß jeder spezifische Körper darnach strebt, über den ganzen Raum Herr zu werden und seine Kraft auszudehnen (- sein Wille zur Macht:) und Alles das zurückzustoßen, was seiner Ausdehnung widerstrebt. Aber er stößt fortwährend auf gleiche Bestrebungen anderer Körper und endet, sich mit denen zu arrangiren („vereinigen“), welche ihm verwandt genug sind: - so conspiriren sie dann zusammen zur Macht. Und der Prozeß geht weiter...“[15]

Antrieb aller Machtquanten ist der Wille zur Macht. Um die eigene Macht zu vergrößern kann es dabei nützlich sein, sich mit anderen Machtquanten zu sogenannten Machtkonstellationen zusammenzuschließen.[16] Dadurch entsteht jedoch keineswegs eine neue homogene und harmonische Entität. Ein derartiger Zusammenschluss ist vielmehr zu verstehen als ein vorübergehendes Zweckbündnis, eine Vereinigung separater und äußerst antagonistischer Kräfte, die dieses Bündnis nur für ihre eigenen Zwecke ausbeuten. Diese Form der kollektiven Bündelung von Energien dient jedem Quantum lediglich als Mittel zum Zweck und der Zweck ist wie immer bei Nietzsche der eigene Machtgewinn. Auch der Mensch ist letztlich nichts anderes als eine Pluralität von Machtquanten, die sich aus dem gemeinsamen Antrieb des Machtgewinns zu eben dieser Machtkonstellation Mensch zusammengeschlossen haben.

[...]


[1] Volkmann-Schluck, K.-H, Wahrheit, 1984, S.59-60

[2] Ottmann, H., Politisches Denken, 2001, S.6-8

[3] Ottmann, H., Politisches Denken, 2001, S.7

[4] Krämer, H., Idee des Guten, 1997, S.179-192

[5] Ottmann, H., Politisches Denken, 2001, S.55

[6] Platon, der Staat, 2001, S.240

[7] Spaemann, R., Philosophenkönige, 1997, S.165

[8] Ottmann, H., Politisches Denken, 2001, S.49

[9] Platon, der Staat, 2001, S.77/78

[10] Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente, 1869-1874, S.199

[11] Ansell-Pearson, K., introduction, 1994, S.37

[12] Grimm, R.H., theory of knowledge, 1977, S.33-42

[13] Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente, Herbst 1884 - Herbst 1885, S.338-339

[14] Grimm, R.H., theory of knowledge, 1977, S.1-7

[15] Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente, Anf. 1888 – Anf. Jan. 1889, S.165-166

[16] Grimm, R.H., theory of knowledge, 1977, S.3-5

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Die politische Philosophie von Platon und Nietzsche
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V69054
ISBN (eBook)
9783638612432
ISBN (Buch)
9783638721752
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Korrigierte Fassung und neuer Schlussteil.
Schlagworte
Wahrheit, Konsequenz, Platon, Nietzsche, Seminar, Philosophie
Arbeit zitieren
Helmut Wagner (Autor), 2005, Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69054

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden