Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung nach P. Richard Rohr OFM


Seminararbeit, 2006

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung nach P. Richard Rohr OFM

1 Begriffsklärung: Was meint ‚männliche Spiritualität’?

2 Männer, ihre Spiritualität und die Kirche

3 Richard Rohr: eine biographische Annäherung

4 Richard Rohr: eine bibliographische Annäherung

5 Richard Rohrs Sprache, Methoden, Ansatz und Position

6 Skizze einer 12-Punkte-Matrix bei Richard Rohr

7 Männerbefreiung als Programm Gottes

8 Drei Beispiele für spirituelle Männerbildung:

A: Die beiden spirituellen Reisen / B: Initiation / C: Die vier männlichen Archetypen

9 Wissenschaftliche Kritik an Richard Rohr

10 Kritische Würdigung Richard Rohrs

Literatur

Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung nach P. Richard Rohr OFM

Diese Seminararbeit ist Teil einer Hinführung und Literaturumschau zum Thema „Männerspirituali­tät“. Der populärste theologische Autor in diesem Bereich ist der deutschstämmige Franziskaner­pater Richard Rohr, dessen Bücher zu männlicher Spiritualität seit 20 Jahren[1] Bestseller sind. Jetzt hat er eine Art Summe seines männerspirituellen Denkens[2] vorgelegt, die in 25 Kapiteln eine Über­sicht gibt, welche Elemente spiritueller Männerbildung ihm wesentlich erscheinen. Trotz Rohrs überragender Bedeutung für die christliche Männerbewegung gibt es bisher noch keine adäquate wissenschaftliche, etwa pastoraltheologische Reflexion über seinen Beitrag zur männlichen Spiritu­alität. Daher bietet die vorliegende Arbeit sowohl eine umfangreiche, einführende Darstellung als auch den Versuch einer Theoriebildung zu Richard Rohr.

Der Analyseweg dieser Seminararbeit geht von allgemeinen Fragen zur männlichen Spiritualität aus und hin zum speziellen Beitrag R. Rohrs dazu: Eine Hinführung zur Männerspiritualität be­nötigt eine Begriffsklärung (Kap.1) und einen Blick auf die konkreten Haltungen von Männern und ihrer Korrelation mit dem kirchlichen Glaubenssystem (Kap.2). Die Annäherung an Richard Rohr geschieht biographisch (Kap.3), bibliographisch (Kap.4) und durch Analyse von Sprache, Methode, Ansatz und Position (Kap.5). Aus diesem Material entsteht die Skizze einer „12-Punkte-Matrix“ bei Richard Rohr (Kap.6). Sein innerstes Anliegen, mit ‚Männerbefreiung’ benennbar, identifiziert Rohr als eigenes Programm des biblischen Gottes (Kap.7). Aus den vielen Männer-Themen Rohrs werden drei Beispiele spiritueller Männerbildung (Kap.8) exemplarisch näher beleuchtet, nämlich: A: Die zwei spirituellen Reisen des Mannes, B: Die von Rohr praktizierte männliche Initiation und C: Die vier männlichen Archetypen. Wissenschaftliche Kritik an Rohr (Kap.9) und deren Überprü­fung münden in eine zusammenfassende, eigene kritische Würdigung Richard Rohrs (Kap.10).

Die Reden, Bücher und Initiativen von Richard Rohr gehören eher in den Bereich der praktischen Philosophie und angewandten Theologie. Daher trägt diese Seminararbeit bewusst den Titel (und zielt auf) „Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung“, denn das ist Rohrs ‚Geschäft’, und nicht „Zentrale Elemente männlicher Spiritualität“, um nicht etwa zu suggerieren, dass von R. Rohr eine Theoriebildung im Sinn einer philosophisch-theologischen Systematik oder ein Beitrag zum akade­mischen Diskurs zu erwarten sei. Zu dieser Seminararbeit gehört das am 28. Juni 2006 mit einer Powerpoint-Präsentation verbundene Referat sowie eine CD-ROM, die neben dem Referat noch über 50 weitere Dateien mit Hintergrundinformationen über Richard Rohr, Männerseelsorge und Männerspiritualität, sowie weiterführende Literaturlisten und Internet-Links enthält.[3]

1 Begriffsklärung: Was meint ‚männliche Spiritualität’?

Zu jedem Diskurs gehört die Klärung oder Definition der verwendeten Begriffe. Die Wortgeschichte und Bedeutung des Ausdrucks ‚Spiritualität’[4] ist aufgeladen und schillernd, was auch die Rede von ‚Männerspiritualität’ belastet.

„An der Wurzel.des Wortes ‚Spiritualität’ steht das lateinische spiritualis. Spiritualis ist ein christlicher Neologismus (Christine Mohrmann), der dem Adjektiv πνευματικός (pneumatikós) bei Paulus (= Fachausdruck für christliche Existenz) entspricht, gebildet um 200 n. Chr. (Tertullian?). Das lateinische Adjektiv wurde allgemein gebräuchlich, das lateinische Substantiv spiritualitas, nachweisbar ab dem 5. Jahrhundert, hingegen kaum verwendet.

Im deutschen Sprachraum existiert der Begriff bis etwa 1950 nicht. Vieles von dem, was heute unter Spiritualität subsumiert wird, hieß bis zu diesem Zeitpunkt Aszese, Mystik, Vollkommenheit, Heiligkeit oder Frömmigkeit. Die Eingemeindung in den deutschen Sprachraum lief über zwei Traditionslinien:

Romanische Traditionslinie

Um 1900 spricht die katholische Ordenstheologie in Frankreich von spiritualité als der Lehre vom religiös-geistlichen Leben. Schon im 17. Jahrhundert bezeichnete man in Frankreich mit spiritualité die persönliche Beziehung des Menschen zu Gott. ‚Spiritualität’ kam also über das französische spiritualité ins Deutsche, eingeführt etwa seit 1940 von katholischen Theologen. Obwohl noch die zweite Auflage des LThK 1964 unter dem Stichwort Spiritualität nur den Verweis auf den Artikel Frömmigkeit bietet, setzt sich in Folge etwa ab 1970 der Begriff Spiritualität durch. Seither ist er auch im Protestantismus bekannt.

Angelsächsische Traditionslinie

Etwa ab 1870 ist spirituality nachweisbar. Hier wird Spiritualität in einem weiteren Sinn verstanden als Religiosität, die auf direkter, unmittelbarer, persönlicher Erfahrung von Transzendenz beruht anstelle von ‚Glaube aus zweiter Hand’, durch Autoritäten vermittelt. Institutionelle und dogma­tische Festlegungen werden abgelehnt. Spirituality steht seither für die Verinnerlichung von Religion; sie ist universal, transzendiert die Grenzen von Religionen, Kulturen und Nationen. Spirituality bezeichnet eine Fortschritt vom Glauben zum direkten Wissen bezüglich religiöser Dinge als auch der naturwissenschaftlichen Wahrnehmung der Welt. Spirituality kann im weitesten Sinn gefasst sein als Bezogenheit auf das umgreifende eine Sein, das den Menschen als unfass­bares Geistiges, Transmaterielles, Metaphysisches erscheint.“[5]

Richard Rohrs Sprechen von ‚Spiritualität’ folgt prinzipiell der angelsächsischen Traditionslinie, wobei er deren so weiten und unbestimmten Begriff manchmal enger weiterführt: so spricht er bib­lisch von Gotteskindschaft u. ä. und knüpft männliche Spiritualität an den „Weg des Evangeliums“[6].

Zwei hermeneutische Vorbemerkungen zur Analyse von Rohrs Büchern sind daher unumgänglich:

Erstens: Auch wenn für Richard Rohr persönlich wegen seiner starken biblischen und kirchlichen Verwurzelung die Begriffsverwendung von ‚Spiritualität’ auf den christlich geglaubten Gott hinzielt, so gilt das nicht für den allgemeinen Sprachgebrauch. Es ist zu beachten, dass zeitgenössisches Verständnis bei dem Begriff ‚Spiritualität’ immer auch eine Bedeutungsverschiebung in Richtung ‚Nützlichkeit für mich’ vornimmt (was Rohrs Intention und Verständnis durchaus zuwiderläuft):

„Spiritualität ist derzeit einer der gängigsten Begriffe aller möglichen religiösen Sprachspiele. [...] Als Containerbegriff ist Spiritualität eine unbestimmte Chiffre zur Bezeichnung höchst disparater Angebote, Übungen, Traditionen, Zustände, Gefühle und Wirklichkeitsdeutungen. [...]

Als ‚spirituell’ gilt jedenfalls immer weniger das möglichst treue Befolgen religiöser Vor­schriften und Ordnungen oder die geistliche Gestaltung des Tagesablaufs. Das Anforderungsprofil an eine moderne Spiritualität besteht aus mindestens zwei Elementen:

- ‚Ganzheitlichkeit’: Spiritualität soll ganzheitlich sein und Ganzheitlichkeit vermitteln. Was damit genau gemeint ist, bleibt vage. Spiritualität soll jeglicher Gespaltenheit des Menschen wehren und dessen Integration fördern. […]
- ‚Authentizität’: Spiritualität soll authentisch sein und Authentizität vermitteln. Echtheit und Glaub­würdigkeit, Ineinsfallen von Innen und Außen, Übereinstimmung von Reden und Tun, von Tun und Denken, von Denken und Sein, innere und äußere Wahrhaftigkeit lautet das Ziel. Spiritualität hat das Einssein mit sich selbst, die Selbstfindung zu fördern. Gegenüber dem, was in überkommener christlicher Sprache Selbstverleugnung oder Abtötung heißt, lautet das Programmwort ‚ganz Ich’. Spirituelle Strukturen, die von außen oder von oben kommen und übergestülpt werden, sind ver­dächtig, der Identitätsfindung hinderlich zu sein. […]

Von Spiritualität wird erwartet, dass sie Lebenskunst, Lebenshilfe vermittelt. Sie soll leben helfen. Die Devise lautet: ‚Die Spiritualität hat mir zu dienen, nicht ich ihr.’ Dass umgekehrt von einer Spiritualität Anforderungen an den (die) Einzelne bzw. an eine Gemeinschaft ergehen, bleibt im Hintergrund.“[7]

Zweitens: Der allgemeine Sprachgebrauch unterscheidet nicht deutlich zwischen den Begriffen ‚Männerspiritualität’ und ‚männliche Spiritualität’; oft werden sie sogar synonym benützt. Dennoch muss differenziert werden zwischen einer Spiritualität, die allen Männern zugesprochen wird, und einer Spiritualität, die nur solchen Männern eignet (und die mit deren Bewusstwerdungsprozessen verbunden ist), welche an sich arbeiten, also bewusst und reflektiert Mann sein wollen. In dieser Seminararbeit gilt also folgende Sprachregelung:

1. Männerspiritualität meint ganz allgemein und umfassend die Spiritualität aller Männer, in dem Sinn: „Jeder, der sich als Mann versteht und spirituell ist, hat Männerspiritualität“.
2. Männliche Spiritualität meint speziell nur die Spiritualität von solchen Männern, die ihr Mannsein bewusst gestalten, reflektieren, formen, ist also „Spiritualität von ihrer selbst bewussten Männern“.

Damit sind auch Irritationen bei der Lektüre von Rohrs Männerbüchern vermeidbar, denn er spricht von männlicher Spiritualität eher im zweiten Sinn, als spezifisch männlich qualifizierter Spiritualität.

2 Männer, ihre Spiritualität und die Kirche

Eine kirchlich gebundene (Männer-)Spiritualität scheint im Schwinden begriffen zu sein. Stichworte dazu wären neben der allgemeinen Entfremdung großer Bevölkerungsschichten von der Kirche (ablesbar etwa an den Kirchenaustrittswellen der letzten Jahrzehnte) etwa der Verlust der weltan­schaulichen Hegemonie der Großkirchen (New Age und Esoterik), das angewachsene Misstrauen gegenüber Institutionen oder Autoritäten, persönliche wie gesellschaftliche Werteverschiebungen (hin zu postmodernen[8] Werten), und veränderte Lebensumstände (Patchwork-Biografien) – die Liste allgemeiner Gründe ist beliebig fortsetzbar, weil ein ganzes Netzwerk von Faktoren mitwirkt.

Männliche Spiritualität setzt voraus, dass Männer ihr eigenes Mannsein bewusst reflektieren und definieren. Die daran anschließende Frage nach dem Verhältnis solcher Männern zu der im kirch­lichen Glaubenssystem enthaltenen Spiritualität oder nach der Rolle überhaupt, die Männer in der Kirche spielen, führt zu der ernüchternden Antwort „Entfremdung“, wenn genauer hingesehen wird:

„Der offiziellen Doktrin zufolge leben wir in einer Männerkirche. Es ist unbestreitbar, dass alle wesentlichen Leitungsfunktionen der katholischen Kirche – und von der ist hier vor allem die Rede – von Männern besetzt sind. Frauen sind tatsächlich von eh und je nur zu ‚niedrigen’ Diensten zu­gelassen, auch wenn regelmäßig beteuert wird, wie wichtig diese Dienste seien. Der Unmut der Frauen, ihr Gefühl, kirchlich als Frau nicht wirklich ernst genommen zu sein, ist verständlich. Und doch, die feministische Perspektive der Männerkirche ist eine verengte und übersieht im Grunde alle Männer, die nicht gerade Kleriker sind.

Wo sind denn die Männer in der angeblichen Männerkirche? Der Blick in den Kirchenraum währ­end eines Sonntagsgottesdienstes lässt jedenfalls sicher nicht an eine Männerkirche denken. Offensichtlich sind die Männer schon lange und noch vor den Frauen aus der Kirche verschwun­den. Am ehesten findet man sie noch als Funktionäre, vor allem im Pfarrkirchenrat, wo es um Bauen und Geld geht, oder stumm in den hintersten Reihen der Kirchenbänke, in der kirchlichen Unterwelt sozusagen, in der sie sich im Rudel am wohlsten fühlen. […]

Die katholische Kirche ist im Grunde eine von Frauen getragene und von ‚Männern in Frauen­kleidern’ geleitete Institution. Selbstverständlich sind Männern immer noch die Leitungspositionen vorbehalten, aber nur wenn sie auf die Ausübung ihrer Sexualität verzichten, wenn sie sich dem Zölibat verpflichten. Kein Mann glaubt, dass er in der Kirche eine besondere Macht hätte, nur weil der Priester ein Mann ist. Männer haben auch nicht unbedingt das Gefühl, dass im Priester einer von ihnen da oben steht. Es ist eine Klerikerkirche, aber nicht eine Männerkirche. […]

’Die Kirche hat sich selbst auf ein Betreuungsinstitut für Kinder, Jugendliche und alte Menschen reduziert. Wir werden da nicht vermisst’, meinte einmal ein kirchenferner Mann. Die Männer sind der blinde Fleck in der Kirche. Es scheint zu reichen, dass der Priester selbst ein Mann ist, und deshalb wird über Männer gar nicht weiter nachgedacht.“[9]

Auch die Pastoraltheologie bestätigt mit empirischem Forschungsmaterial, dass es um das Ver­hältnis zwischen (vor allem selbst-bewussten) Männern und der Kirche oft nicht zum Besten steht.

Die ‚Richtlinien für die Männerseelsorge und die kirchliche Männerarbeit’ etwa schöpfen aus einer bundesweiten, repräsentativen Studie an Männern, die unter dem Titel „Männer im Aufbruch. Wie Deutschlands Männer sich selbst und wie Frauen sie sehen“ veröffentlicht wurde[10]. Dort wird deut­lich, dass die so genannten ‚neuen’ Männer mit ihrer dementsprechenden Spiritualität in der Kirche kaum vorkommen und dass andererseits das spirituelle Angebot der Kirchen auf vier verschiedene ‚Männertypen’ und damit auf durchaus konträre Zielgruppen trifft und diesen gerecht werden muss.

„Männerrollen heute definieren sich zwischen den beiden extremen Polen „traditionelle“ und „neue“ Männer.

- Der traditionelle Mann ist schwerpunktmäßig der Berufsmann. Ihm ist vor allem die berufliche Karriere wichtig. Es fällt ihm daher schwer, Erwerbsarbeit anderen zu überlassen, vor allem dann, wenn Arbeit knapp ist. Im familiären Bereich halten sich traditionelle Männer nach wie vor für zuständig für die ökonomische Zukunftssicherung des familiären Systems, während Haushalt, Versorgung der Kinder und Beziehungsarbeit den Frauen zugeschrieben wird. Traditionelle Männer trennen deutlich zwischen privat und politisch, Ratio geht ihnen vor Emotion und es herrscht ein Primat des Verstandes über den Körper.
- Neue Männer sind dagegen bereit, traditionelle Rollenbilder zu revidieren und diese Revisionen auch gegen gesellschaftliche Strömungen zu verteidigen. Sie sind partnerschaftlicher eingestellt, bemühen sich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Neue Männer haben einen intensiveren Zugang zu ihren Gefühlen, reden häufiger über sich, suchen verstärkt den Austausch darüber mit Partnerinnen und Partnern, Freundinnen und Freunden. Sie sind wesentlich gewaltärmer als traditionelle Männer und auch seltener bereit, Gewalt gegen andere gutzuheißen, haben eine höhere Partnerschaftszufriedenheit und erleben ihre Sexualität intensiver und befriedigender.
- Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es zwei „Mischtypen“: Die einen, in der Studie „pragmatische Männer“ genannt, lassen alte wie neue Rollenbilder zu, während die anderen, in der Studie die „Unsicheren“ genannt, traditionellen Rollenzuschreibungen nicht mehr und neuen noch nicht zustimmen, bildlich gesprochen also zwischen den Stühlen sitzen.
- Die Befragten verteilen sich nach Männertypen auf folgende prozentuale Anteile: Traditionelle 19 %, Unsichere 37 %, Pragmatische 25 %, Neue 20 %.
- Dass jemand ein traditioneller Mann ist, wird durch folgende Persönlichkeitsmerkmale mitbestimmt: Egozentriertheit, Autoritarismus („Recht hat, wer oben ist“), Verbundenheit mit der religiöskirchlichen Tradition (!).

Neue Männer sind dagegen unter Durchschnitt autoritär, sind solidarischer eingestellt. Politisch stehen sie links, religiös am Rande der Kirche oder sind konfessionslos.

- Dies erklärt auch, warum neuen Männern weniger religiöse, vom Glauben herkommende Ressourcen zur Lebensbewältigung zur Verfügung stehen als traditionellen Männern. Und sie daher zurückstecken, was die Bewältigung von Schmerzen, Leid und Tod angeht. An die Stelle religiöser, christlicher oder kirchlicher Werthaltungen ist bei diesen Männern weitgehend eine Leerstelle getreten.“[11]

Für die Verortung von männlicher Spiritualität ergibt sich aus dieser Polarität (traditioneller / neuer Mann) die Konsequenz, dass es im Wesentlichen zwei Wege zu einer männlichen Spiritualität gibt: erstens: „Neue Männer“ entdecken ihre Spiritualität – oder ‚entgegengesetzt’ zweitens: Spirituelle (d. h. kirchenverbundene) Männer werden „männerbewusst“ (diesen Weg ging wohl Richard Rohr).

Ein Angebot männlicher Spiritualität trifft dann voraussichtlich bei Traditionellen auf Denkblocka­den, bei Neuen auf Defizite, bei Pragmatischen auf Desinteresse (oder die Bereitschaft zu differen­zierter Auswahl), und Unsichere profitieren eventuell durch die Klärung ihres Mann-Bewußtseins.

Die Suche nach männlicher Spiritualität zeigt allerdings auch dann relativ magere Ergebnisse, wenn der Suchradius von der Kirche auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt wird. Denn es gibt trotz der seit Jahrzehnten etablierten Frauenbewegung in unserer Gesellschaft keine korrespon­dierende, adäquat breite[12] ‚Männerbewegung’, und das Nachdenken und Sprechen von Männern über Männer(themen) findet keine große Resonanz in unserer Gesellschaft. Ohne eine größere Anzahl von ‚neuen Männern’ fehlt aber die personelle Basis, um männliche Spiritualität auf dem erstgenannten Weg breit zu etablieren. Zudem „gibt es Anhaltspunkte dafür, dass der im industrie­kapitalistischen Berufsbereich geformte Mann es schwer hat, einen Zugang zur Religion zu finden oder zu bewahren. […]

Analysen decken auf, daß es zwischen dem ökonomischen und dem religiösen Bewußtsein Kon­flikte gibt. Um sie zu bearbeiten, wird eine gezielte Bewußtseinspolitik in Gang gesetzt. Dafür gibt es mehrere Strategien. Religion und Beruf werden z. B. fein säuberlich getrennt. Dies ist auch im öffentlichen Bewusstsein längst geschehen. Wirtschaft und Kirche haben kaum etwas miteinander zu schaffen. Die Werte der Religion haben in ihr keinen Platz. Andere ziehen sich aus der Religion ganz zurück. Oder sie formen die Religion derart um, daß sie mit dem ökonomischen Bewußtsein gefahrlos verbunden werden kann, also nicht mehr stört. […]

Was aber der Religion gesellschaftlich widerfährt, passiert ihr auch im Bewußtsein des Mannes. Sie wird ausgeblendet oder umgedeutet. Solange sie störungsfrei bleibt, wird sie behalten. An­sonsten wird sie an den Rand des Bewußtseins und an den Rand des (öffentlichen) Lebens abge­drängt. Überrascht es uns da, daß die Männer häufig sagen, die Religion sei in erster Linie Sache der Frau, sie habe die Kinder zu erziehen? Sie selbst aber solle man dabei heraushalten. Tenden­ziell ist daher der Mann in unserer Gesellschaft ‚unreligiös’ bzw. seine Religiosität wird ‚unsicht­bar’.“[13]

Männer sind also nur in geringer Zahl für ‚Männerbewusstsein’ zu begeistern und ihr spirituelles Wachstum kann schwerlich aus der traditionellen Religion schöpfen. Doch ist ein Leidensdruck bei Männern durchaus vorhanden und ein gewisses Gespür für die Defizite der postmodernen Lebens­prägung ist vorhanden und macht Männer bereit für ‚Botschaften aus der kirchlichen Spiritualität’:

„Die neue Studie „Was Männern Sinn gibt. Die unsichtbare Religion kirchenferner Männer (2006)“ zeigt, dass die Einstellung und Verhaltensweise der Postmoderne die Männer in unserer Gesellschaft prägen.

Die Postmoderne wird definiert durch die Begriffe 'Pluralisierung', 'Individualisierung' und 'Segmentierung'. 'Event- und Wanderkultur', 'Funktionalismus' und 'Utilitarismus'. Der Mensch der Postmoderne lehnt einen universalen Wahrheitsanspruch im Bereich der Philosophie, Religion, Lebenshaltung und Weltanschauung ab. Er hinterfragt kritisch Geschichte, Institutionen, Ideologien, Utopien und Religionen. Die Postmoderne ist gekennzeichnet durch den Verlust traditioneller Bindungen. Die Postmoderne fordert und fördert aber auch positiv 'Toleranz', 'Freiheit' und 'Pluralismus' in Gesellschaft, Kunst und Kultur sowie 'Selbstbewusstsein', 'Eigenverantwortung' und 'Persönlichkeitsentwicklung'.

Die für die Studie interviewten Männer bekunden, dass die Postmoderne ihr Leben, auch bezüglich Religion, kennzeichnet. Sie lehnen ein umfassendes und allgemein gültiges Glaubens- und Ethiksystem, wie es das Christentum und die Kirche vertreten, ab. Fast allen, die sich geäußert haben, sind religiöse und kirchliche Institutionen suspekt, uninteressant, oder sie werden von ihnen hinterfragt. Sie werden aber nicht pauschal abgelehnt. Gesprächspartner aus der Kirche, die kompetent, menschlich akzeptiert und offen sind, werden gern angenommen, weil sie ggf. Hilfen für die Bewältigung des Lebens bieten können. Die Studie hat deut­lich gezeigt, dass die Männer sich nicht, wie weithin angenommen, in einem positiven Sinn als „Kämpfer“ verstehen. Sie fühlen sich vielmehr zum Kampf verurteilt, um zu überleben und zu leben. Dafür suchen sie Hilfen. Besonders die Natur, der Kosmos sowie Mitmenschen, vor allem die Familie, bieten solche Lebens­hilfen. Aber auch der individuelle Glaube an Gott, der Kraft, Ruhe, Trost, Sinn und auch Ethik bedeutet, können dazugehören. Nicht zuletzt finden Männer im Dasein für ihre Kinder, in ihrer Arbeit, in Leistung, Erfolg und kreativen Hobbys Sinn für ihr Leben. […]

Die Studie verdeutlicht, dass die Männer spüren: Die postmoderne Einstellung macht das individuelle und gesellschaftliche Leben schwierig. Die interviewten Männer leiden unter Stress, Bindungslosigkeit, Zukunfts­angst und Einsamkeit, die in der postmodernen Lebenseinstellung ihre Ursache haben. Sie spüren, dass „das, was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Johann Wolfgang von Goethe), in der Gesellschaft nicht fehlen darf, weil sonst die Verlässlichkeit in allen Bereichen abhanden kommt. Die kirchenfernen Männer vermissen Treue und Beständigkeit, Vertrauen in den Nächsten und Hoffnung für die Zukunft. Viele leiden an diesen Mängeln und manche werden krank. An einen personalen Gott zu glauben, der das eigene Leben und auch die Geschichte trägt, fällt schwer. Deshalb fehlt es an Zuversicht. Gott wird – wenn überhaupt – meist als Chiffre für Kraft und Energie sowie Garantie für Ordnung und Beständigkeit bei Kontingenzer­fahrung gesehen und utilitaristisch zur Lebensbewältigung benutzt.

Viele zeitgenössische Autoren, vor allem Philosophen und Theologen, schlagen neue Formen des Kommu­nizierens zur Lösung der Probleme der Postmoderne vor. Die fehlgeleiteten Formen des Individualismus, die Pluralisierung, die Segmentierung, der Utilitarismus könnten durch Kommunikation zum Positiven gewendet werden. Diese Auffassung vertreten Lyotard, Habermas, Beck, Giddens, Toulmin und Welsch. Sie wollen die negativen Auswirkungen der Postmoderne durch Kommunikation ins Bewusstsein bringen und dadurch Ein­stellungs- und Verhaltensänderungen bewirken. Habermas spricht vom kommunikativen Handeln. Toulmin will durch Kommunikation zum Humanismus der Aufklärung zurückkehren und Welsch spricht von der “trans­versalen Vernunft“.

In diese Kommunikation kann und soll sich die Kirche einbringen. Sie muss ihre Botschaft durch glaubwürdi­ge Zeugen vertreten. Sie werden als Gesprächspartner auf Augenhöhe akzeptiert, wenn sie die Männer als selbstbewusste Partner voll und ganz anerkennen und ihnen die Freiheit in der Kommunikation ohne Wenn und Aber belassen.“[14]

Ein solcher glaubwürdiger Zeuge der kirchlichen Botschaft ist Richard Rohr, der wohl den zweit­genannten Weg zur spezifisch männlichen Spiritualität durchschritten hat und daher für kirchlich sozialisierte oder religiös traditionelle Männer den Weg zu einem neuen Männerbewusstsein öffnet und umgekehrt Elemente der kirchlichen Spiritualität in die allgemeine Männerbewegung einbringt.

3 Richard Rohr: eine biographische Annäherung

Die Biographie Richard Rohrs zeigt zunächst eine ‚klassische’ katholische Sozialisation und einen ‚geradlinigen’ Berufungsweg. Dass er besondere Begabungen und eine weltoffene Spiritualität ent-wickelt hat bzw. besitzt, zeigte sich schon während seines Engagements in der charismatischen Bewegung. Da Rohr fast keine autobiographischen Notizen in seine Bücher einflicht, soll sein Lebensweg als Annäherung an seine Persönlichkeit hier etwas ausführlicher dargestellt werden.

Richard Rohr wurde 1943 in Topeka/Kansas geboren und war in seiner Grundschulzeit Ministrant. Durch dabei immer wiederkehrende tiefe Empfindungen von Gottes Gegenwart entstand in ihm bereits früh der Wunsch, Priester zu werden. Ungefähr 1955 begeisterte ihn Felix Timmermanns Buch Franziskus über Franz von Assisi, der für ihn den „freien Mann, der sich von den Systemen der Welt nicht vereinnahmen liess“ darstellte. Als zwei Franziskaner seine Heimatpfarrei be­suchten, war es für Richard klar, dass er auch einer werden wollte. Deshalb zog er schon mit 14, nach der achten Klasse, nach Cincinnati/Ohio, um in den Franziskanerorden einzutreten.

Dies geschah dann auch 1961 und 1970 wurde er in der „Pfarrei zum reinen Herzen Mariens“ in West-Topeka, dem Wohnort seiner Eltern, zum Priester geweiht. Im gleichen Jahr beendete er auch sein Theologiestudium am St. Leonhard Seminar in Dayton mit dem Abschluss Master. Wäh­rend seines Studiums war er vor allem als „Brother Happy“ bekannt, weil die Erkenntnisse aus dem regelmäßigen Bibelstudium und sein persönliches Empfinden ihn mit Enthusiasmus erfüllten.

Als frischgebackener Religionslehrer erhielt Pater Rohr von der Erzdiozöse als erstes den Auftrag die Jugend-Exerzitien zu leiten. Im November 1971, bereits während der ersten Wochenend-Rüstzeiten, begeisterte er mit seinen Predigten die Jugendlichen und weckte in ihnen die Sehn­sucht nach einem religiösen Leben, das immer weitere auch ältere Interessenten fand. 1974 als die Bewegung auf 1000 Teilnehmer wuchs und die Predigten in Turnhallen abgehalten wurden, gab sie sich den Namen „New Jerusalem Community“ und gründete bald darauf die charisma­tische Familien- und Laien-Kommune New Jerusalem in Cincinnati.

Er war in den 70er Jahren als junger US-amerikanischer Franziskaner-Pater eine der führenden Persönlichkeiten der charismatischen Bewegung in den USA, in der er sich für eine Erneuerung und Belebung des Christentums eingesetzt hat. Freundschaft und religiöser Austausch verbindet ihn bis heute mit dem evangelischen Prediger und politischen Aktivisten Jim Wallis. Geistig beein­flusst hat ihn vor allem der 1968 verstorbene Trappistenmönch Thomas Merton. Quellen seiner Inspiration sind neben Jesus Christus, Franz von Assisi, Meister Eckhart, Dietrich Bonhoeffer, Carl Gustav Jung und auch östliche Sufi- und Zen-Traditionen.

Nach langjährigem Engangement in der Friedensbewegung, seelsorgerischer Arbeit und Leitung von New Jerusalem wurde er in die Leitung seines Ordens gewählt und legte ein Sabbatjahr in der Einsiedelei des Thomas Merton ein. Seit 1987 lebt er bei der Franziskanergemeinde in Albuquer­que, New Mexico, wo er im Auftrag der Ordensleitung ein christliches Zentrum für Aktion und Kontemplation aufgebaut hat. Nebenher hält er aber auch Predigten und Vorträge auf der ganzen Welt.

In Deutschland, das er im Mai 1981 das erste Mal besuchte, machte er zuerst mit der Nachschrift seiner Kassetten-Vorträge zur Männerbefreiung „Der wilde Mann“ auf sich aufmerksam. 1988 schrieb sein Co-Autor und Freund Andreas Ebert, ein deutscher evangelischer Pfarrer, anhand mehrerer Ton-Kassetten Richard Rohrs das Buch „Das Enneagramm – die neun Gesichter der Seele“, das inzwischen in 12 Sprachen übersetzt ist und allein in Deutschland über 400 000 mal verkauft wurde. Es gilt als eines der ersten Standardwerke zum Thema Enneagramm. Heute tritt Rohr in Deutschland hauptsächlich mit Büchern, Predigten und Seminaren zu den Themen „neues Männerbild“ und „gelebtes Christentum“ in Erscheinung. Er war Gast vieler evangelischer Kirchen­tage und gilt als führender Vertreter einer Spiritualität, die gesellschaftskritisches Engagement und kontemplatives Gebet miteinander verbindet.“[15]

Richard Rohrs Biographie verdeutlicht also neben einer soliden katholischen und franziskanischen Verwurzelung seine ökumenische Offenheit etwa für evangelische Theologie und östliche Spiritua­lität, sein geistiges Interesse besonders für die christliche Mystik, aber auch Jungs Psychologie, und seine prinzipiell doppelte Ausrichtung nach ‚außen’ in Richtung gesellschaftliches Engagement und nach ‚innen’ in Richtung mystischer Vertiefung. Konsequent und ausbalanciert verbindet er ‚vita activa et contemplativa’ (das benediktinische ‚ora et labora, bete und arbeite’ klingt bei ihm ebenso an wie Roger Schütz´ ‚Kampf und Kontemplation’). Mit diesem ganzheitlichen Ansatz, den er als Anspruch – biographisch ablesbar – selbst einlöst, wird Richard Rohr prinzipiell interessant für spirituell suchende Menschen unserer Zeit und auch glaubwürdig für ‚action-bewusste’ Männer.

Rohrs katholische Eltern unterstützten ihn auf seinem Berufungsweg und wirkten charakterbildend, besonders der Vater. Zu den wenigen autobiographischen Aussagen[16] in Rohrs Büchern gehört eine ausführliche, positive Würdigung seines Vaters, als Beispiel für einen ‚Groß-Vater’.

„Ich selber durfte den Segen eines Groß-Vaters erfahren – von meinem eigenen Vater. Das ist möglicherweise der Grund dafür, dass ich mich in jungen Jahren mehr mit dem Archetyp des Alten identifiziert habe als mit dem des Knaben. Mein Vater (er starb 1999 im Alter von 89 Jahren) war ein einfacher Mann, nicht besonders gebildet, aber sehr weise. […] Er hatte die Weisheit, darauf zu vertrauen, dass das, was er nicht verstand, vielleicht doch gut sein könnte, obwohl er es nicht verstand. Er hatte einen natürlichen Respekt vor der Güte anderer Menschen. Und er konnte anderen Mut machen, auf sich selbst zu vertrauen und ihren Weg zu gehen, auch wenn ihr Weg nicht sein Weg war. Wegen seiner Fähigkeit, mir zu vertrauen und mich zu ermutigen, obwohl er nicht verstand, wohin Gott mich rief, konnte ich Priester werden und mich auf eine persönliche Be­rufung einlassen, die sich von der seinen gänzlich unterschied. Er brauchte mich nicht, um sich in mir zu spiegeln. Er konnte sich mir als Spiegel zur Verfügung stellen. Das ist die gesunde Freiheit und Zeugungskraft eines reifen Mannes. […]

Sein Respekt vor mir machte mich zu dem Mann, der ich heute bin, und macht es mir auch heute noch möglich, zu sagen, was ich zu sagen habe.“[17]

Dass sein Berufungsweg auch viel mit seinen Mutterbezug zu tun hatte, reflektiert Rohr offenherzig und selbstkritisch in seiner Darstellung des Enneagramm-Typs Eins, den er sich selbst zuspricht und auf den Einfluss seiner Mutter[18] zurückführt:

„EINSer sind IdealistInnen, die von einer tiefen Sehnsucht nach einer Welt der Wahrheit, Gerech­tigkeit und moralischen Ordnung angetrieben werden. Sie sind ehrlich und fair und können andere anspornen, an sich selbst zu arbeiten, um über sich hinauszuwachsen. Sie sind oft begabte LeiterInnen und LehrerInnen, die bemüht sind, mit gutem Beispiel voranzugehen. […] Ich selbst bin eine EINS. […] Ich selbst war Mamas Liebling. Diese Vorzugsstellung wollte ich nicht verlieren. Um mir die Zuwendung meiner Mutter zu erhalten, habe ich ihre Erwartungen erfüllt. […] Ich kann mich daran erinnern, daß meine Mutter eines Tages gesagt hat: ‚Wäre es nicht wunderbar, einen Sohn zu haben, der Priester ist?’ Hier stehe ich! Weil ich ein guter Junge bin, habe ich das gemacht, was sich Mama gewünscht hat. Das beste, was man im vorkonziliaren Katholizismus der 50er Jahre machen konnte, um zu beweisen, daß man mit Ernst und Konsequenz ‚den ganzen Weg geht’, war Priester zu werden.“[19]

Dieser kurze Einblick in Rohrs Auseinandersetzung mit seiner mütterlichen und väterlichen Präg­ung zeigt einerseits die Qualität und Tiefe, mit der er über das (auch männliche) Selbst reflektiert (und sich dabei mit einschließt), welche ‚Das Enneagramm’ zum großen Bucherfolg werden ließ. Zum anderen liefert er eine Erklärung für Rohrs positives Verhältnis zu Väterlichkeit und Mannsein, wie es auch immer wieder in kurzen Schilderungen seelsorglicher Situationen aufblitzt. Zum dritten wird deutlich, wieviel Gespür Richard Rohr für Entwicklung und Dynamik, für zwischenmenschliche Abhängigkeiten hat und wie bewusst er den eigenen Weg zu echter menschlicher Reife gestaltete.

Mit seiner Typisierung als Enneagramm-Eins liefert Rohr gleichzeitig eine Selbstbeschreibung (‚ich kann andere anspornen, an sich selbst zu arbeiten, um über sich hinauszuwachsen’) und eine Ein­ordnung in eine Reihe großer Gestalten, die er dem gleichen Typ zugesellt, z. B. Martin Luther und Paulus. Mit dem deutschen Reformator verbindet ihn die Suche nach einer bedingungslosen Liebe und die reformerische Impulsivität. Dem Apostel Paulus ähnelt er jedoch mehr: Denn Richard Rohr ist ein rastloser Prediger des Evangeliums, ständig auf Reisen, ein charismatisch-spiritueller Lehrer, international tätig und daher interkulturell versiert, und andererseits Gründer von zukunfts­weisenden lokalen christlichen Zentren, ein ‚Übersetzer’ der befreienden biblischen Botschaft in den Verständnishorizont seiner Zielgruppen – ein ‚Paulus-Typ’.

Damit ist auch der rote Faden in Rohrs vielseitigem Lebensweg aufgezeigt: das Evangelium Jesu Christi, dem er sich wie Paulus unbedingt verpflichtet weiß. Das Evangelium ist Quelle und Ziel all seiner Aktivitäten, fokussiert und verankert die divergierenden Themen von Richard Rohr:

„Der große Visionär und Exerzitienmeister lebt in einer kleinen Einsiedelei hinter der Franziskani­schen Kommunität in Albuquerque und arbeitet sowohl in der lokalen Pfarr- und Gefängnisseel­sorge, als auch als Vortragender und Seminarleiter auf der ganzen Welt. Er gilt als eine der zentralen Erneuerungsfiguren einer zeitgemäßen christlichen Spiritualität.

Die Verkündigung des Evangeliums versteht er als seine wichtigste Aufgabe und er nützt viele verschiedene Medien, um diese Botschaft zu kommunizieren. Die Schrift als Befreiung, die Inte­gration von Aktion und Kontemplation, Schaffen von Gemeinschaft, Friede und Gerechtigkeit, männliche Spiritualität, das Enneagramm und Spiritualität in der Natur sind die Themen, derer er sich bedient, um die Botschaft des Evangeliums zu verkünden.“[20]

[...]


[1] Beginnend mit Der wilde Mann 1986. Dieses ist „somit weltweit das erste überhaupt von Richard Rohr erschienene, gedruckte Buch“ (Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann 2006, S. 208, Anm. 1).

[2] Vom wilden Mann zum weisen Mann 2006. Dieses Buch ist eine stark überarbeitete (gekürzte, umgestellte, ergänzte) und daher auch anders betitelte Fassung des mittlerweile zum Longseller gewordenen Titels: Der wilde Mann von 1986.

[3] Diese CD-ROM wurde allen Seminarteilnehmer/innen zur Verfügung gestellt und kann vom Autor angefordert werden.

[4] Dies zeigt selbst der knappe Artikel aus Herbert Vorgrimler, Neues Theologisches Wörterbuch, Freiburg: Herder 2000, S. 587: „Spiritualität, ein vieldeutiger Begriff, der wohl auf dem Weg über Frankreich (»spiritualité«) u. mit der Herkunft von lat. »spiritualis« = geistig, geistlich (griech. »pneumatikos«), in der 2. Hälfte des 20. Jh. sehr weit verbreitet wurde. Es bezeichnet im christlichen Verständnis umfassend ein »Leben aus dem Geist« (K. Rahner), womit sowohl die inner­ste Gottesbeziehung, eine bewußte subjektive Haltung gegenüber dem im Menschen gegenwärtigen Heiligen Geist als auch die den Mitmenschen zugewandte Glaubenspraxis gemeint sind. Daraus ergibt sich, daß trotz der Betonung des Geistes eine Absage an menschliche Sinnlichkeit u. Weltflucht nicht Bestandteile christlicher Sp. sind. Im deutschen christlichen Bereich verdrängt das Wort Sp. zunehmend den älteren Begriff »Frömmigkeit«, mit dem eher eine engere persönliche Lebensgestaltung aus dem Glauben bezeichnet wird, während die Sp. von einer Vielgestaltigkeit des Geist­wirkens ausgeht. Eine ausweitende Verwendung von Sp. für nichtchristliche oder auch nichtreligiöse existentielle Grund­haltungen (die Überzeugung verbunden mit der Praxis) ist möglich. Wie vielschichtig der Begriff Sp. ist, zeigen allein im christlichen Bereich die unterschiedlichsten Konzeptionen: Ordens- oder monastische Sp., Laien-Sp., missionarische Sp., biblische Sp., afrikanische, asiatische, mediterrane Sp., jüdische, ökumenische, orthodoxe Sp. usw. Abhandlungen zur Geschichte der Sp. umfassen so verschiedene Themen wie Geschichte der Mystik, der Gebetsformen, der charisma­tischen Aufbrüche u. Bewegungen.“

[5] Benke Christoph, Was ist (christliche) Spiritualität? Begriffsdefinitionen und theoretische Grundlagen, in: Zulehner Paul (Hg.), Spiritualität – mehr als ein Megatrend (=Ringvorlesung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien im Wintersemester 2003/2004), Ostfildern: Schwabenverlag 2004, S.29-43, hier 31f.

[6] Vgl. das Kapitel über männliche Spiritualität in: Vom wilden Mann zum weisen Mann 2006, S. 17-25, hier S. 22.

[7] Benke Christoph, Was ist (christliche) Spiritualität? Begriffsdefinitionen und theoretische Grundlagen, in: Zulehner Paul (Hg.), Spiritualität – mehr als ein Megatrend (=Ringvorlesung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien im Wintersemester 2003/2004), Ostfildern: Schwabenverlag 2004, S.29-43, hier 29f.

[8] Vgl. zur Reaktion von Männern auf die postmodernen Lebensbedingungen das Statement von Erzbischof Dr. Ludwig Schick bei der Vorstellung der Studie „Was Männern Sinn gibt ... – die unsichtbare Religion kirchenferner Männer“ am 13. Mai 2005 in Nürnberg (http://www.katholische-maennerarbeit.de/index.php?id=206&type=1, 16.06.2006, 22.37 Uhr). Die Studie ist mittlerweile vergriffen. Für das vierte Quartal 2006 ist jedoch eine Buchveröffentlichung über die Studie angekündigt: Martin Engelbrecht / Christoph Bochinger / Martin Rosowski, Was Männern Sinn gibt. Leben zwischen Welt und Gegenwelt, Stuttgart: Kohlhammer 2006, ISBN 3-17-019337-6.

[9] Hofer, Männer glauben anders 2003, S.13f.

[10] Zulehner / Volz, Männer im Aufbruch 1998.

[11] Richtlinien für die Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit 2003, S. 21f.

[12] Signifikant dafür ist das Entstehen von Frauenverlagen und -buchhandlungen in den 1970er und 1980er Jahren und die Einführung von Frauenbuchreihen in den etablierten Großverlagen – auf Männerseite gibt es nichts Vergleichbares. Allerdings gibt es eine langsam wachsende Männerbewegung, vgl. Hollstein, Zukunft der Männer 1988, S. 207: „’Men´s studies’ ist ein neuer Zweig der akademischen Forschung in den USA. In der BRD geht die Entwicklung langsamer.“

[13] Zulehner Paul, Männerbefreiung: Geschlechterstreit?, in: Fuchs, Männer 1988, S. 137-149, hier 142f. Die darin ge­nannten Analysen sind dokumentiert in: Kaufmann Franz-Xaver / Kerber Walter / Zulehner Paul M.: Ethos und Religion bei Führungskräften, München: Kindt 1986, bes. S. 215-256.

[14] Schick Ludwig, in: http://www.katholische-maennerarbeit.de/index.php?id=206&type=1 (16.06.2006, 22.37 Uhr).

[15] http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Rohr (30.04.2006, 22:51 Uhr); Schreib- und sachliche Fehler vom Autor korrigiert. Die Angaben dieser unwissenschaftlich Quelle bestätigt und differenziert A. Ebert in Masken des Maskulinen 1993, 7-22. Darin wird deutlich, dass die im Kern konservative charismatische Bewegung von ihrem Starprediger Rohr abrückte, als er in New Jerusalem eine Laien-Leitungsstruktur aufbaute, bei der Frauen und Männer paritätisch beteiligt waren (S. 10).

[16] Der Vater war Bauer, Mechaniker und Lackierer; Richard Rohr entstammt also aus sog. ‚einfachen Verhältnissen’. Sein Buch über die Bergpredigt 1996 widmet Rohr „Meinen Schwestern Carol und Alana und meinem Bruder Tim“ (S. 5).

[17] Rohr, Vom wilden Mann zum weisen Mann 2006, S. 199f. In seinem erfolgreichsten Buch ‚Das Enneagramm’ steht die kurze Widmung: „Unseren Müttern Eleanore Dreiling-Rohr Renate Apfelgrün-Mayr“ (=die Mutter des Co-Autors A. Ebert). In den neueren Auflagen lautet die Widmung zum Gedenken an Richard Rohrs Mutter “Eleanore Dreiling-Rohr +1994“.

[18] Rohr, Enneagramm 1988 (18. Aufl. 1993), S. 52: „Meine Mutter war eine gute deutsche Hausfrau. Reinlichkeit kam bei ihr gleich nach Heiligkeit. In meiner Wohnung spiegelt sich diese Haltung wider: bei mir ist es blitzsauber… Bei Richard Rohr kann man vom Fußboden essen.“ Rohr will mit diesen Beispielen vor allem den Enneagramm-Typ 1 verdeutlichen.

[19] Rohr, Enneagramm 1988 (18. Aufl. 1993), S. 49f. In seinen expliziter spirituell geprägten Büchern werden auch andere Berufungsgründe deutlich, etwa seine tiefgläubige Verbundenheit mit Gott, oder seine Begeisterung für Franz von Assisi.

[20] Michael Josef Egarter, in www.richardrohr.de, 2004 (30.05.2006, 21.12 Uhr)

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung nach P. Richard Rohr OFM
Hochschule
Universität Augsburg  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Männerspiritualität - Frauenspiritualität
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
45
Katalognummer
V69095
ISBN (eBook)
9783638596374
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Franziskanerpater und spirituelle Lehrer Richard Rohr hat eine überragende Bedeutung für die christliche Männerbewegung. Die sehr ausführliche Seminararbeit würdigt ihn als Person und Phänomen ebenso wie seine Ansätze für eine zeitgemäße (Männer-)Spiritualität in einer kenntnisreichen und kritischen Darstellung. Der Dozent bewertete am 06.12.2006 diesen "hervorragenden Text, der das übliche Niveau einer (Haupt-)Seminararbeit klar übersteigt ... als ohne Einschränkung sehr gut".
Schlagworte
Zentrale, Elemente, Männerbildung, Richard, Rohr, Seminar, Männerspiritualität, Frauenspiritualität
Arbeit zitieren
Thomas Josef Frommel (Autor), 2006, Zentrale Elemente spiritueller Männerbildung nach P. Richard Rohr OFM, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69095

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