Die Funktion der Märchen in Christoph Martin Wielands "Don Sylvio"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 2,25


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Märchen
2.1. Die Begriffbildung (Terminologie)
2.2. Die übergeordnete Einteilung von Märchentypen
2.3. Die untergeordnete Einteilung von Märchentypen
2.4. Die Entstehungsgeschichte des Märchens
2.5. Die „Contes de fées“ (Feenmärchen)
2.6. Wielands Beitrag zur Annerkennung des Märchens

3. Chr. M. Wielands komischer Roman „Don Sylvio“
3.1. Die epochale Einordnung und Funktionalität
3.2. Das Märchenhafte in Wielands Roman „Don Sylvio“
3.3. Die Funktion und Wirkung der Feenmärchen

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Märchen gelten seit jeher, und im Besonderen für die Eltern von Kindern, als der „Vorleseklassiker“ schlechthin. Sie verzaubern uns und entführen uns in eine Welt, in der Hexen, Drachen, Zwerge und viele andere seltsame Wesen existieren. Betrachtet man heute die hohe Verbreitungsvielfalt der Märchen, nicht nur durch das alte Märchenbuch, sondern auch durch die modernen Medien, wie Radio, TV, DVD und sogar Computersoftware, kann man getrost behaupten, dass Märchen bis heute nichts von ihrem Zauber verloren haben. Daher weiß wohl ein jeder, wovon die Rede ist, wenn es um Märchen geht, und kann eines nennen. Das liegt allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit auch daran, dass unsere heutige Vorstellung von Gehalt und Form des Märchens weitestgehend von der Märchensammlung der Gebrüder Grimm geprägt ist, die 1812 und 1815 in zwei Teilen erschienen ist. Seit den Brüdern Grimm verstehen wir unter dem Begriff Märchen, zumindest im deutschsprachigen Raum, vorwiegend eine durch dichterische Phantasie entworfene Erzählung, besonders aus der Zauberwelt, die in irgendeiner Weise Fiktion und Wirklichkeit miteinander verbindet. Zauber, Wunder, Übernatürliches sind hierbei die prägenden Begriffe. Doch kaum einer von den Rezipienten weiß über ihre Entstehung und ihre Geschichte bescheid, die das europäische Märchen doch sehr geprägt haben. Dass Märchen nicht gleich Märchen sind, dass sie mehr als bloßer Erzählstoff sein können und ursprünglich nicht lediglich als allabendliche Kinderliteratur vor dem Einschlafen gedacht waren, ist vielen nicht bewusst.

In der vorliegenden Hausarbeit befasse ich mich mit der Funktion der Feenmärchen in Christoph Martin Wielands „Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva“. Daher soll zunächst der Begriff des Märchens und dessen Entstehung geklärt werden. Im Folgenden möchte ich einen Überblick über die verschiedenen Märchentypen geben wobei der Focus gemäß dem Thema der Arbeit speziell auf der Entstehung und Herkunft der Feenmärchen liegen wird. Unter Berücksichtigung der epochalen Einordnung des Romans, soll im weiteren Verlauf die Wirkungsweise des Feenmärchens auf den Protagonisten „Don Sylvio“ und dessen Entwicklung untersucht werden.

2. Märchen

„Es war einmal...“ - Ja, was war denn einmal und vor allem wann war „es“? Das sind die Fragen die einem einfallen könnten, sofern man sich mit dem Thema Märchen etwas genauer auseinander setzt. Märchen sind den meisten von uns, wie bereits erwähnt, schon seit frühster Kindheit bekannt und wohl die einzige Literaturgattung, die sich über alle sozialen Grenzen und Altersgruppen hinweg gesetzt hat. Sie stellen ein Phänomen dar, das nicht nur im deutschen Sprachraum aufgetreten ist. Märchenhafte Motive und Erzählformen finden sich nahezu zu allen Zeiten und in allen Regionen der Welt1. Nach dem „Großen Handlexikon in Farbe“ von Bertelsmann definiert sich das Märchen als: „..,eine kurze Prosaerzählung, die von phantast. Zuständen u. Vorgängen berichtet. In einer zeitl. u. räuml. nicht festgelegten Sphäre greifen übernatürl. Mächte in die Alltagswelt ein; Zauberer, Hexen, Riesen, Zwerge, Drachen u. Feen beschützen oder gefährden den Menschen.“2

2.1. Die Begriffsbildung (Terminologie)

Die Begriffe „Märchen“ oder „Märlein“ sind Verkleinerungsformen zu dem mittelhochdeutschen Wort „Mär“ (ahd.: mâri) und bezeichneten ursprünglich eine kurze Erzählung, Nachricht oder Kunde unterschiedlichster Art von einem wirklichen Geschehen3. Im Spätmittelalter wurde der Begriff enger gefasst und bezeichnete eine erfundene, unwahre Erzählung4. Dabei verweist die Diminutivbildung „Märchen“, die 1450 erstmals als „merechyn“ belegt wurde, zum einen auf die inhaltliche Kürze der zunächst nur mündlich vorgetragenen Erzählungen und zum anderen darauf, dass Märchen im Laufe der Zeit eine Bedeutungsverschlechterung erfuhren und auf fiktive, unwahre Geschichten eingegrenzt wurden. Erst mit der Entstehung der berühmten „Feenmärchen“ und Geschichten aus „Tausend und einer Nacht“, dem literarischen Schaffen Herders und weiteren Trägern des Sturm und Drangs, den Märchensammlungen von Bechstein sowie der Brüder Grimm und den Dichtungen deutscher Romantiker wurde die Bedeutung des Begriffes „Märchen“ wieder ins Positive gerückt5.

2.2. Übergeordnete Einteilung von Märchentypen: Volks- und Kunstmärchen

Es wird im Allgemeinen zwischen zwei Typen von Märchen, den Kunstmärchen, sowie den Volksmärchen unterschieden. Im Gegensatz zum anonym und mündlich überlieferten Volksmärchen, das einem festen narrativen Schema folgt und sich an ein jugendliches Lesepublikum wendet, wird die stärker literarisierte Form des Kunstmärchens von einem identifizierbaren Autor verfasst. Diese häufig an symbolischer Darstellung interessierte Form, die zuweilen die Motive und Erzähltechnik der Volksmärchen übernimmt, verbindet sich mit dem Anspruch auf geistvolle Unterhaltung und macht sie somit auch für das erwachsene Lesepublikum unserer Zeit attraktiv. Einer der wesentlichen Initiatoren der Kunstmärchenproduktion war Johann Gottfried Herder.6

Das Volksmärchen ist ein Bestandteil der Volksdichtung, die auch Volkspoesie, Nationalpoesie, Naturpoesie oder Urpoesie genannt wird. Sie bezeichnet die Gesamtheit anonymer, mündlich überlieferter Texte aus der vorliterarischen Zeit. Zur Volksdichtung zählen unterschiedlichste Formen, sowohl epische als auch dramatische und lyrische. Zu den Langformen der Epik, zu der das Volksmärchen gehört, zählen zudem auch Legenden und Sagen, Fabeln, Volks- bzw. Heldenepen und Mythen. Das Volksmärchen lässt sich nicht immer sauber von diesen anderen literarischen Formen unterscheiden, die alle eine bedeutende, inhaltliche Gemeinsamkeit haben. Ihre Handlung ist gekennzeichnet durch Übernatürliches, also Zauber und Wunder.7Zum Volksmärchen gehört als wesentliches Merkmal neben dem Fantastischen und der Fiktion die Anonymität des Autors.8

2.3. Die untergeordnete Einteilung von Märchentypen

Märchen wurden über Jahrhunderte hinweg in verschiedene Kategorien eingeteilt. Erst 1990 hat der finnische Märchenforscher Antti Aarne anhand von vorwiegend finnischen, dänischen (Grundtvig) und deutschen Märchen (Grimm) ein Typensystem erschaffen, dass die Verständigung und das praktische Arbeiten in der Märchenforschung stark vereinfacht. Stith Thompson war es, der diese Ausgabe 1928 zunächst bearbeitet und zusätzlich beträchtlich erweitert hat. Die dritte Ausgabe, ebenfalls von Stith Thompson hat 1961 letztlich mit 588 Seiten mehr als das Siebenfache der Ursprünglichen Fassung erreicht und darf als die Bibel der Märchenforschung bezeichnet werden. Das Aarne-Thompsonsche Typenverzeichnis fasst den Ausdruck Märchen in einem verhältnismäßig weiten Sinn. Es wird im Groben zwischen folgenden Märchentypen unterschieden: Tiermärchen und ihre Untergruppen, Eigentliche Märchen und ihre Untergruppen, Zauber- und Wundermärchen, legendenartige Märchen, novellenartige Märchen, Märchen vom dummen Teufel oder Riesen, Schwänke, Schildbürgerschwänke, Schwänke von Ehepaaren, Schwänke mit männlicher oder weiblicher Hauptperson und Lügenmärchen.9Eine genaue Definition der einzelnen Märchentypen würde an dieser Stelle zu weit führen. Siehe hierzu: Lüthi, Max: Märchen. 7. Auflage Stuttgart: Sammlung Metzler 1979 [Sammlung Metzler Band 16]

2.4. Die Entstehungsgeschichte des Märchens

Der Entstehungszeitpunkt des Märchens kann nicht genau festgelegt werden, da über einen langen Zeitraum fast ausschließlich mündliche Überlieferungen stattfanden, die eine zeitliche Rückverfolgung unmöglich machen. Eine Theorie vom mythischen Alter des Märchens wurde allerdings bereits von den Brüdern Grimm vertreten. So schreibt Jacob, einer der Grimm Brüder, am 29. Oktober 1812 in einem Brief an Achim von Arnim, er sei fest überzeugt, „dass alle Märchen unserer Sammlung ohne Ausnahme mit allen Umständen schon vor Jahrhunderten erzählt worden sind.“10In der Wissenschaft, also hier vor allem in der Germanistik und der Volkskunde wird die Entstehung des Märchens in eine unbestimmte Vorzeit gelegt. Dem Märchen wird somit als einziger Gattung ein überzeitlicher und ahistorischer Charakter zugeschrieben.11Die ersten Spuren von Märchen sind bereits im alten Ägypten zu finden, wo auf Papyri gezeichnete Erzählungen mit märchenhaften Zügen gefunden wurden12. Weitere märchenhafte Motive lassen sich etwa im „Gilgamesch-Epos“, in der indischen Fabelsammlung „Pañcatantra“ oder in den literarischen Texten des Mittelalters „Gesta Romanorum“ feststellen13.

Ohne Zweifel ließe sich aufgrund dieser Funde Grimms Theorie vom mythischen Alter des Märchens, das „in die Kindheitstage der Menschheit zurückreicht“ stützen. Bedenklich ist in diesem Zusammenhang allerdings die Tatsache, dass hier Märchenmotiv und vollständiges Märchen einfach parallel gesetzt werden. Als ebenfalls etwas fragwürdig scheint mir auch der Umgang mit dem „Archetypus“ vieler Geschichten zu sein, der angeblich jedem Märchen zugrunde liegen soll, da hier allzu oft mit großer Freizügigkeit auf andere Gattungen zugegriffen wurde. Frei nach dem Motto: „Je weiter zurück, desto geringer müssen die Unterschiede der Gattungen gewesen sein.“14Als erstes wichtiges Ereignis in der Geschichte des Märchens lassen sich letztlich die Erscheinung der Märchensammlungen der Italiener Giovan Francesco Straparola, Giambattista Basiles „Pentameron“ (1634-1636), sowie von den französischen Autoren C. Perrault und Madame d’Aulnoy fest machen, die die verschiedenen Märchenstoffe zum Ende des 17. Jahrhunderts erstmals in eine verbindliche Form brachten. Straparola ist der älteste Märchensammler Europas, und von Basiles stammen viele der berühmten Volksmärchen wie beispielsweise „Dornröschen“, „Aschenputtel“, „Der gestiefelte Kater“ und andere. Das entscheidende Ereignis in der Geschichte des deutschen Märchens war ohne Zweifel die Herausgabe der gesammelten Werke der Brüder Grimm „Kinder- und Hausmärchen“ 1812 und 1815, welche die Tradition des Märchens begründeten und die mündlichen Überlieferungen durch die schriftliche Form ablösten.15

[...]


1http://www.wissen.de

2Bertelsmann, 1979, S.673

3vgl. Lüthi,1979, S. 1

4vgl. Poser, 1980, S. 12

5vgl. Lüthi, 1979, S. 1

6http://www.uni-essen.de

7vgl. Lüthi, 1979, S.5f.

8vgl. Grätz, 1988, S. 6

9vgl. Lüthi 1979, S.16

10vgl. ebd, S.2

11vgl. ebd., S.1

12vgl. Richter/Merkel, 1974, S,42

13http://www.wissen.de

14vgl. Grätz, 1988, S.2

15vgl. Richter/Merkel, 1974, S.42

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Märchen in Christoph Martin Wielands "Don Sylvio"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Figurationen des Grotesken
Note
2,25
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V69151
ISBN (eBook)
9783638595889
ISBN (Buch)
9783638678445
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christoph, Martin, Wieland, Funktion, Märchen, Wielands, Sylvio, Figurationen, Grotesken
Arbeit zitieren
M.A. Marcus Puknatis (Autor), 2006, Die Funktion der Märchen in Christoph Martin Wielands "Don Sylvio", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69151

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