"That thereby beauty's rose might never die": William Shakespeares Sonett Nummer I – Versuch einer Auslegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. William Shakespeares Sonettzyklus

2. Das Eröffnungssonett des Zyklus

3. Analyse des Sonetts Nummer I
3.1. Formale Aspekte
3.2. Inhaltliche Aspekte
3.3. Zusammenfassung

Literatur

1. William Shakespeares Sonettzyklus

„Die Entwicklung des englischen Sonetts verläuft in steilem Anstieg. Hundert Jahre italienischer Sonett-Tradition bedurfte es, um Petrarca hervorzubringen; fünfunddreißig Jahre liegen zwischen Wyatts und Surreys ersten Versuchen und den Sonetten Shakespeares.“[1]

Wyatts Sonette, die ersten englischen Sonette, waren noch im französischen Sonettstil verfaßt. Surrey ging einen Schritt weiter und verfaßte Sonette in der Form (abab/cdcd/efef/gg), die dann später von Shakespeare übernommen wurde. „Die Neuerung Surreys wäre vielleicht belanglos geblieben, wenn nicht Shakespeare ihr System angenommen hätte. Er legitimiert die Surreysche Sonettform in seinem Sonettzyklus.“[2]

Für den Entstehungszeitraum der Sonette des Shakespeareschen Sonettzyklus lassen sich unterschiedliche Angaben finden. Bei Berücksichtigung aller Angaben ergibt sich ein Zeitraum von sechs Jahren – 1592 bis 1598.

1609 wurde die Sonettsammlung unter dem Titel „Shakespeare’s Sonnets“ von dem Londoner Verleger Thomas Thorpe herausgebracht, versehen mit einer Widmung, die der Forschung bis heute Rätsel aufgibt. Wer verbirgt sich hinter der Abkürzung Mr. W. H.? Die beiden unumstrittenen Favoriten sind nach wie vor William Herbert Graf Pembroke und Henry Wriothesley Graf Southampton.

Shakespeares Sonettzyklus umfaßt 154 Sonette, jedes besteht aus 14 Zeilen, gereimt im bereits genannten Sonettschema. „Gegenstand der Sonettfolge 1 – 126 ist ein junger Mann, der mit dem mysteriösen Mr. W. H. identisch sein dürfte.“[3] Die Sonette 127 – 152 beziehen sich auf die sogenannte „Dark Lady“, eine „dem damaligen Schönheitsideal und dem in der petrarkistischen Tradi­tion gängigen Frauenideal überhaupt nicht entsprechende“[4] Frau von dunkler Hautfarbe. Weiterhin ist von einem Dichterrivalen die Rede, „der Shakespeare [besser dem lyrischen Ich] [...] mit seinen Versen bei dem jungen Freund Konkurrenz machte.“[5]

Diese vier Personen setzt Shakespeare zueinander in Beziehung. Manfred Pfister charakterisiert dies treffend:

„Der Dramatiker als Sonettdichter zeigt sich vor allem aber auch darin, wie Shakespeare das petrarkistische Handlungsschema umschreibt und erweitert. Auch bei ihm steht zwar ein Paar im Zentrum, doch sind dies nun zwei Männer. Zudem bringt er noch zwei weitere Charaktere ins Spiel, einen Dichterrivalen und eine Dame von sinnlicher Anziehungskraft und großzügiger Sexualmoral, die „Dark Lady“ der viktorianischen Kritiker. Dieses erweiterte Personal von vier Figuren eröffnet die Möglichkeit zweier Dreiecksbeziehungen: ein erotisches Drei­eck zwischen dem Dichter, seinem jungen adligen Freund und der Dame, in dem beide Männer zwischen ihrer Liebe füreinander und den Reizen der Dame hin und her schwanken, und ein poetisches Drei­eck, in dem die beiden Dichter um Gunst und Patronat des jungen Adligen rivalisieren.“[6]

Im Zyklus finden sich petrarkistische Motive wie das Preisen der Schönheit und der Liebesschmerz, das Horaz-Motiv: die Erlangung von Ruhm und Un­sterblichkeit mittels Dichtung, Motive der konventionellen Liebeslyrik und eben­­so Themen, die später in der Barockdichtung zentral werden, wie Tod, Ver­­gänglichkeit und Fleischeslust.

Kurz gesagt, die Sonette Shakespeares „machen uns mit den Leidenschaften des Menschen bekannt“[7]. Darin und in ihrer Dramatik liegt begründet, daß die Sonettsammlung bis heute ein Bestandteil des Kanons der Weltliteratur ge­blieben ist.

„Shakespeares Sonette erschließen sich nicht dem flüchtigen Blick; sie wol­len mit Hingabe immer wieder gelesen sein. Wer, sich in sie vertiefend, das eine oder andere nach und nach seinem Gedächtnis einprägt, hat sich um einen köstlichen Besitz bereichert.“[8] Halten wir uns an diesen Rat und betrachten das erste Sonett des Zyklus eingehender.

2. Das Eröffnungssonett des Zyklus

Das Eröffnungssonett des Zyklus gehört zur Gruppe der sogenannten Prokreationssonette, die ersten 17 Sonette, in denen der Dichter den Jüngling auffordert, Nachkommen zu zeugen.

„As the opening sonnet of the sequence, this one obviously has especial importance.“[9] Helen Vendler geht noch weiter, ihrer Meinung nach verkörpert das Eröffnungssonett folgendes: „The sonnet can be seen, in sum, as an index to the rest of the sonnets, or as a diapason of the notes of the sequence.“[10]

Zweifelsfrei existieren Verbindungen des ersten Sonetts zu anderen Sonetten des Zyklus, und seine Erststellung läßt auf seine Wichtigkeit schließen. Es wird auch vermutet, daß dieses Sonett später als andere Sonette des Zyklus entstanden ist. Doch das erste Sonett soll an dieser Stelle – so umfassend wie möglich – als Einzelsonett untersucht werden.

3. Analyse des Sonetts Nummer I

„It would be absurd to believe that Shakespeare, the most hyperconscious of writers, was inscribing lines and words in a given sonnet more or less at random.“[11]

3.1. Formale Aspekte

Das Sonett besteht aus 14 Verszeilen, deren Versmaß durch­gehend ein fünfhebiger Jambus ist. Es ist aufgeteilt in drei Quartette und ein abschließendes Reim­paar, das sogenannte Couplet. In den drei Kreuzreimquartetten finden wir das Reimschema abab, cdcd, efef, und im Couplet finden wir das Reimschema gg. Shakespeare reimt in den Quartetten folgende Wortpaare miteinander: increasedecease, diememory, eyeslies, fuelcruel, ornamentcontent, springniggarding, und im Couplet reimt er be mit thee.

Dabei fällt auf, daß sich bei heute gebräuchlicher englischer Aussprache die und memory sowie fuel und cruel nicht miteinander reimen. Daraus könnte man zweierlei schließen, entweder Shakespeare hat in diesen beiden Fällen unreine Reimpaare ver­wendet oder die Aussprache der Worte hat sich im Laufe der Zeit verändert. Letzteres scheint plausibler.

Die erste Zeile des Sonetts beginnt mit der Alliteration from fairest. Weitere Alliterationen finden sich in der achten Zeile – sweet self – und in der elf­ten Zeile – bud buriest.

Die einzelnen Zeilen eines Quartetts sind durch Enjambements miteinander verbunden. Jedes Quartett bildet einen Satz. Die beiden Zeilen des Couplets sind ebenfalls mittels Zeilensprung miteinander verknüpft und bilden einen Satz.

Da „der Reim nicht nur die Verse zu Versgruppen [...], sondern durch die Reimwörter auch Bedeutungen“[12] verbindet, kann man die reimenden Wortpaare auch in Hinblick auf eventuell vorhandene semantische Zusammenhänge untersuchen.

Increase (Vermehrung) reimt sich mit decease (Sterben). Increase kann ebenfalls Wachstum bedeuten, so daß mit diesen beiden Worten, mit dem Gegensatzpaar WachsenSterben, auf einen elementaren Naturprozeß hingewiesen wird. Das nächste Reimpaar des ersten Quartetts ist die (sterben) und memory (Erinnerung). Erinnerungen können sterben bzw. verblassen, wenn sie nicht stets aufs Neue aufgefrischt, erneuert werden. So finden wir im ersten Quartett allein in den Endreimen bereits zweimal das Sterben erwähnt. Es ist demzufolge gerechtfertigt, zu behaupten, daß dieser Begriff ein zentrales Thema des Sonetts darstellt.

Eyes (Augen) reimt sich mit lies (liegen). In Augen kann vieles liegen. Es ist zum Beispiel ein alter Volksglaube, daß sich in den Augen eines Menschen seine Seele, sein Wesen zeigt. Das nächste Reimpaar ist fuel (Brennmaterial) und cruel (grausam). Self-substantial fuel – sich selbst verbrauchender Brennstoff, Brennstoff der schwindet, der sich verzehrt, ist ein Symbol für Vergänglichkeit und Vergänglichkeit als naturgegebenes Schicksal ist etwas Grausames.

[...]


[1] Mönch, Walter: Das Sonett. Gestalt und Geschichte. Heidelberg: Kerle 1955. S. 130.

[2] Ebd. S.134.

[3] Kindlers Neues Literaturlexikon. Bd. 15. Scho – St. Hg. von Walter Jens. München: Kindler 1991. S. 359.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Pfister, Manfred: „Mein Lebenszins, er liegt in dieser Schrift“. Essay von Manfred Pfister. In: Shakespeare. Die Sonette. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Christa Schuenke. 3. Aufl. Mün­chen: dtv 2002. S. 184.

[7] Pfister, Manfred: „Mein Lebenszins, er liegt in dieser Schrift“. Essay von Manfred Pfister. In: Shakespeare. Die Sonette. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Christa Schuenke. 3. Aufl. Mün­chen: dtv 2002. S. 175.

[8] William Shakespeare. Sonette. englisch und deutsch. Aus dem Englischen übertragen von Gottlob Regis. Nachwort von Anselm Schlösser. Leipzig: Reclam 1987. S. 345.

[9] http://www.shakespeares-sonnets.com/icomm.htm vom 20. 07. 2002

[10] Vendler, Helen: The Art of Shakespeare Sonnets. Cambridge, London: The Belknap Press of Harvard University Press 1997. S. 47.

[11] Vendler, Helen: The Art of Shakespeare Sonnets. Cambridge, London: The Belknap Press of Harvard University Press 1997. S. XIV.

[12] Frank, Horst J.: Wie interpretiere ich ein Gedicht? 2. durchgesehene A. Tübingen: Francke 1993. S. 30.

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Details

Titel
"That thereby beauty's rose might never die": William Shakespeares Sonett Nummer I – Versuch einer Auslegung
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Das Sonett
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V69171
ISBN (eBook)
9783638612906
ISBN (Buch)
9783640868698
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
That, Sonett
Arbeit zitieren
Anja Elstner (Autor), 2002, "That thereby beauty's rose might never die": William Shakespeares Sonett Nummer I – Versuch einer Auslegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69171

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