Im heutigen Spanisch bildet die Konstruktion haber und Partzip als analytisches Perfekt eine untrennbare Einheit. Sie hat eine festetablierte Funktion im spanischen
Tempussystem. In ihren lateinischen Ursprüngen aber finden wir die zwei Elemente als voneinander unabhängige selbstständige Einheiten. Wie entwickelt sich die Konstruktion im Laufe der Zeit bis hin zum zusammengesetzten Perfekt, wie wir es heute kennen? Die vorliegende Arbeit macht es sich zum Ziel das zusammengesetzte Perfekt im Spanischen auf seine Ursprünge zurückzuführen und die verschiedenen Stufen der Entwicklung auf dem Wege zur Grammatikalisierung zu verfolgen. Der Begriff der Grammatikalisierung orientiert sich dabei vor allem am Status von haber als Auxiliar und dem damit verbundenen semantischen Verlust.
„Para distinguir si un verbo está empleado como auxiliar basta fijarse en si ha perdido su significado proprio. (…) El sentido habrá de decidir en cada oración en que aparezcan tales perífrasis si su significación se ha perdido o se ha oscurecido en grado suficiente para estimarlos como verbos auxiliares. “
Hierbei sollen zwei methodische Ansätze für die diachronische Beschreibung herangezogen werden: Zum einen die traditionelle Forschung, die die Beschreibung mit Hilfe von „zeitlogischen“ Begriffen vornimmt. Zum anderen soll auch der neuere pragmatische Ansatz Beachtung finden. Beide Herangehensweisen werden im Anschluss zunächst näher erläutert.
In einem kurzen Exkurs soll auch ein Blick auf die Konstruktion tener und Partizip geworfen werden, da tener und haber in ihrer lexikalischen Bedeutung in Konkurrenz stehen.
Im kleinen Rahmen dieser Arbeit kann nur auf die indikativischen Formen der zusammengesetzten Vergangenheit eingegangen werden. Auch die parallele Entwicklung von ser und Partizip muss außen vor bleiben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ebenen der Analyse des zusammengesetzten Perfekt
2.1 Traditionelle Ebene der Beschreibung
2.2 Die pragmatische Ebene
3 Habere und Partizip im Lateinischen
3.1 Der possessive Ursprung des Perfekts
3.2 Metaphorische Übertragbarkeit
3.3 Die pragmatische Ebene der lateinischen Konstruktion
4 Aver und Partizip im Altspanischen
4.1 Der resultative Aspekt
4.2 Die Vorzeitigkeit
4.3 Formale Aspekte
4.4 Übereinstimmung zwischen Partizip und Objekt
4.5 Pragmatische Ebene der altspanischen Konstruktion
4.6 La Celestina
5 Historische Betrachtung von tener und Partizip
6 Das moderne Spanisch
6.1 Das Problem der „current relevance“
7 Fazit
Zielsetzung und Forschungsfokus
Diese Arbeit untersucht die diachronische Entwicklung der spanischen Verbalperiphrase aus haber und Partizip Perfekt, von ihren lateinischen Ursprüngen bis hin zu ihrer heutigen Funktion im Tempussystem. Ziel ist es, den Grammatikalisierungsprozess, den damit verbundenen semantischen Verlust des Auxiliars sowie den Übergang von einem possessiven zu einem resultativen und schließlich temporalen Ausdruck zu analysieren.
- Analyse der Grammatikalisierung von haber
- Vergleich traditioneller zeitlogischer und neuerer pragmatischer Erklärungsmodelle
- Diachronische Untersuchung der morphosyntaktischen Strukturveränderungen
- Konkurrenzverhältnis zwischen haber und tener
- Beurteilung der Entwicklung zur vollständig integrierten Tempusform
Auszug aus dem Buch
3.3 Die pragmatische Ebene der lateinischen Konstruktion
Jacob sieht die Verwendung der habere-Periphrase im Lateinischen auf eine konkrete Sprechsituation bezogen. Er meint, „dass die Periphrase eine Handlung bezeichnet, die von dem an Subjektposition genannten Referenten ausgeführt wird und aus der sich eine Schuld, ein Verdienst, ein Anrecht, eine Verpflichtung des Handelnden gegenüber anderen Personen ableitet. Handlungen also, bei denen der Agens nicht nur Agens ist, sondern sozial, moralisch oder juristisch, also im weitesten Sinne ethisch besonders gebunden oder betroffen ist.“
Es handelt sich also um einen sehr spezifischen Resultativismus, nämlich um eine Verpflichtung oder Berechtigung, die aus einer Handlung erwächst und für das Subjekt von Relevanz ist. Diese Funktion sieht Jacob vor allem in mittelalterlichen lateinischen und spanischen Urkunden erfüllt. Hier beschränkt sich die Anwendung der Periphrase auf die Referenten, die etwa in einem Rechtsakt als Partei auftreten. Er nennt diese Sprechaktbeteiligte.
Diese Belege sind zwar später, als die anfangs betrachteten Beispiele aus dem klassischen Latein, die als „Urbedeutung“ angenommen werden. Sie können aber vielleicht als eine Art Übergang dienen im Hinblick auf die Lücke eines Jahrtausends, die sich in vielen Beschreibungen zwischen dem klassischen Latein und den ersten altspanischen Belegen auftut.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die diachronische Entwicklung von haber und Partizip Perfekt zu verfolgen, und stellt die methodischen Ansätze vor.
2 Ebenen der Analyse des zusammengesetzten Perfekt: Es werden die traditionelle zeitlogische Beschreibung und der neuere pragmatische Forschungsansatz zur Analyse des Perfekts gegenübergestellt.
3 Habere und Partizip im Lateinischen: Dieses Kapitel beleuchtet den possessiven Ursprung der Konstruktion im Lateinischen und ihre metaphorische Übertragbarkeit.
4 Aver und Partizip im Altspanischen: Die Entwicklung im Altspanischen wird anhand resultativer Aspekte, formaler Kriterien und pragmatischer Ebenen detailliert analysiert.
5 Historische Betrachtung von tener und Partizip: Eine Analyse des konkurrierenden Verbs tener und seiner Entwicklung zur Ausdrucksform für durative Zustände.
6 Das moderne Spanisch: Untersuchung der heutigen Funktion der Konstruktion unter besonderer Berücksichtigung der „current relevance“.
7 Fazit: Das Fazit fasst die diachronen Erkenntnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die weitere sprachliche Entwicklung.
Schlüsselwörter
Spanisch, Verbalperiphrasen, haber, Partizip Perfekt, Grammatikalisierung, Diachronie, Tempussystem, Resultativismus, aktuelle Relevanz, Sprachgeschichte, tener, Syntax, Morphologie, Sprachwandel, Pragmatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die sprachhistorische Entstehung und Entwicklung der spanischen Perfekt-Konstruktion aus dem Hilfsverb haber und einem Partizip Perfekt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Prozess der Grammatikalisierung, der semantische Wandel von haber, morphosyntaktische Fixierungen sowie das Konkurrenzverhältnis zum Verb tener.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der Konstruktion vom lateinischen possessiven Ursprung bis zum modernen analytischen Perfekt im Spanischen diachronisch nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt sowohl die traditionelle Forschung mit zeitlogischen Kategorien als auch einen neueren pragmatischen Ansatz zur diachronischen Beschreibung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil werden lateinische Ursprünge, die Entwicklung im Altspanischen, der formale Wandel sowie die spezifische Rolle von tener und das moderne Verständnis der „current relevance“ behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text?
Wichtige Begriffe sind haber, tener, Grammatikalisierung, Perfekt, Resultativismus, diachronische Linguistik und Pragmatik.
Warum ist das "Cantar de Mío Cid" für diese Untersuchung problematisch?
Da es ein epischer Text ist, wurde die Form oft durch poetische Gestaltungskriterien oder reimtechnische Emendationen beeinflusst, was die Auswertung für morphosyntaktische Studien erschwert.
Welche Rolle spielt der Begriff der „current relevance“ im modernen Spanisch?
Er dient zur Erklärung des subjektiven Gefühls des Sprechers für die Gegenwartsrelevanz einer Handlung, was klassische zeitlogische Kategorien zur Beschreibung des Perfekts oft übersteigt.
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- Alice Ahlers (Author), 2003, Vom Latein zum modernen Spanisch: Die Entwicklung von haber und Partizip Perfekt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69202