Das Jahr 1816 gilt als Geburtsjahr des Vampirs in der englischen Literatur. Der Arzt John William Polidori, Mary Godwin und ihr späterer Ehemann Percy Shelley treffen sich in Lord Byrons Villa am Genfer See. Gemeinsam liest man deutsche Gespenstergeschichten. Byron schlägt schließlich den Anwesenden vor, jeder solle versuchen etwas Derartiges zu schreiben. Während die spätere Mary Shelley hierauf ihren „Frankenstein“ entwickelt, schreibt Polidori mit Anleihen aus einem Fragment von Byron die Novelle „Der Vampyr“ („The Vampyre“). Nach ihrer Veröffentlichung 1819 wird sie ein großer Erfolg und gilt seitdem als erste bedeutende literarische Verwertung des später so fruchtbaren Vampir-Motivs. Knapp zwanzig Jahre vor der Entstehung von „The Vampyre“ finden wir den Vampir bereits in Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ von 1797. Nur der weniger bekannte deutsche Lyriker Heinrich August Ossenfelder hatte den Stoff bereits 1748 in einem Gedicht poetisch verarbeitet. Dieses und Goethes Gedicht bleiben also lange die einzigen fiktionalen Texte, die den Stoff aufnahmen.1 Wenn es in der Forschung heißt, dass Polidoris Vampir-Novelle so eine rasche Verbreitung fand, weil damals „die Zeit erst für das Vampir-Motiv präpariert war“2, war Goethe seiner Zeit offenbar voraus. Auch wenn das Wort „Vampir“ in der Ballade selbst nicht vorkommt, spricht Goethe ihm in Tagebucheinträgen eine zentrale Rolle zu. Am 4. und 5. Juni 1797 notiert er Beginn und Abschluss der Produktion und bezeichnet die Ballade wiederholt als „Vampyrisches Gedicht“3. An Christiane schreibt er am 6. Juni er habe „eine große Gespensterromanze für den Almanach“ fertiggestellt. Mit der Gespensterballade knüpft Goethe an Bürgers populäre Ballade „Lenore“ aus dem Jahr 1773 an. Seitdem sind das Magische und Geisterhafte dem Gattungscharakter der Ballade zuzuschreiben. Goethe selbst hält dies für ein zentrales Merkmal der Gattung. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Vampir im 18. Jahrhundert
2. 1 Die Verbreitung des slawischen Vampirglaubens in Europa
2.2 Der Vampir in zeitgenössischen Publikationen
3. Die antiken Quellen des Vampirs in „Die Braut von Korinth“
3.1 Die antike Wiedergängerin Philinion
3.2 Die antiken Lamien und Empusen
4. Der Vampir in „Die Braut von Korinth“
4.1 Die vampirische Perspektive
4.2 Der Vampir zwischen heidnischer Antike und Christentum
4.2.1 Der Motivkomplex des Blutes
4.2.2 Der Vampir als anti-christliche Rächergestalt?
4.3 Goethes „Braut von Korinth“ als Vampir der Aufklärung
4.4 „Die Braut von Korinth“ als Liebestragödie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion und Bedeutung des Vampirmotivs in Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ (1797). Dabei wird analysiert, wie Goethe das Motiv gegenüber zeitgenössischen slawischen Aberglaubensvorstellungen sowie antiken Quellen transformiert und welche Rolle es in der Thematisierung von Liebe, Sexualität und dem Konflikt zwischen Lebensfreude und asketischen Lebensmodellen spielt.
- Historische Einordnung des Vampirglaubens im 18. Jahrhundert.
- Analyse antiker Quellen (Philinion, Lamien, Empusen) und deren Einfluss auf Goethes Werk.
- Untersuchung der Perspektivwechsel und der vampirischen Darstellung in der Ballade.
- Erörterung der Bedeutung von Blutmetaphorik sowie des Spannungsfeldes zwischen Heidentum und Christentum.
- Interpretation der Ballade als Liebestragödie und Aufbegehren gegen menschliche Unterdrückung.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die vampirische Perspektive
Wie wir gesehen haben, war der Vampir den Zeitgenossen aus den slawischen Sagen als todbringendes, furchteinflößendes Gespenst bekannt, das sich nur mit brutalen Vernichtungsmaßnahmen bekämpfen ließ. Ähnliches gilt für die antiken Lamien und Empusen. Wie verhält sich nun Goethes Vampir hierzu?
Dass Goethe nicht daran interessiert sein konnte die Vorbilder in ihrem nackten archaischen Schrecken nachzuahmen, sondern in seiner Ballade auf Allgemein-Menschliches verweisen wollte, zeigt bereits seine Ablehnung gegenüber dem Vampirismus, die er einmal selbst ausgedrückt hat. Er kritisiert hier die Vampirgestalten der romantischen Literatur Frankreichs und England und rückt sie in die Nähe des Krankhaften:
„Das Grässlichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu denken. Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Körper, die bei Leibesleben faulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres Verwesens erbauen, Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben und ihren Tod am Lebendigen ernähren: dahin sind unsere Produzenten gelangt!“31
Dementsprechend fällt zunächst auf, dass die Perspektive der Ballade die Vampirsage grundlegend umkehrt. Steht dort die Furcht vor den Untoten aus Sicht der Lebenden im Mittelpunkt, ist es bei Goethe der Blick auf Not und Schicksal des Vampirmädchens. Zwar beginnt das Gedicht aus der Perspektive des Bräutigams und seiner Ankunft im Haus, doch setzt die direkte Rede erst mit dem Auftreten des Mädchens in der sechsten Strophe ein und gibt sofort unmittelbaren Einblick in ihre Gefühlswelt. Die zunehmende aber schleichende Offenbarung des todbringenden Drangs in ihr ist immer wieder gebrochen durch Gefühle wie Liebe, Schmerz, Verzweiflung und Wut gegenüber ihrem Schicksal. Die letzten sechs Strophen sind ausnahmslos in der direkten Rede des Vampirmädchens geschrieben und eröffnen so die Perspektive auf das Geschehen allein von ihrem Standpunkt aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Vampirmotiv in der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts ein und verortet Goethes „Die Braut von Korinth“ als ein Werk, das seiner Zeit in der literarischen Bearbeitung des Stoffes voraus war.
2. Der Vampir im 18. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet den slawischen Ursprung des Vampirglaubens und wie Berichte über diesen Aberglauben im 18. Jahrhundert in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs Westeuropas gelangten.
3. Die antiken Quellen des Vampirs in „Die Braut von Korinth“: Hier werden die mythologischen Vorbilder, insbesondere die Geschichte der Philinion sowie die Gestalten der Lamien und Empusen, als Quellen für Goethes Ballade analysiert.
4. Der Vampir in „Die Braut von Korinth“: Dieses Hauptkapitel untersucht die Umgestaltung des Vampirmotivs durch Goethe, die religiöse Symbolik sowie die Darstellung der Ballade als Liebestragödie und Kritik an lebensfeindlicher Askese.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und betont, dass Goethe das Vampirmotiv als Medium nutzt, um über das Stoffliche hinaus einen allgemein-menschlichen Konflikt zwischen individuellem Liebesanspruch und gesellschaftlichen Zwängen darzustellen.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Braut von Korinth, Vampirismus, Ballade, slawischer Vampirglaube, Philinion, Lamien, Empusen, Blutmetaphorik, Christentum, Heidentum, Liebestragödie, Aufklärung, Sinnlichkeit, Askese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die literarische Gestaltung des Vampirmotivs in Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“ und analysiert dessen Funktion innerhalb des Werkes sowie dessen kulturhistorische Wurzeln.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Vampirmotivs im 18. Jahrhundert, die antiken mythologischen Bezüge, das Spannungsfeld zwischen christlicher Moral und heidnischer Lebensfreude sowie die Thematisierung der Liebe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe das Vampirmotiv von einem rein furchterregenden Gespenst in eine Figur mit eigener Gefühlswelt transformiert, um allgemein-menschliche Konflikte darzustellen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte (Rezeption von Vampirberichten), mythologische Quellenforschung und textimmanente Interpretationsmethoden kombiniert.
Was steht im Zentrum des Hauptteils?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifische Sichtweise des Vampirmädchens, den Einsatz von Symbolen wie dem Blut und die Deutung der Ballade als Kritik an institutionalisierter, lebensfeindlicher Askese.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Vampirismus, Liebestragödie, Klassik, Antike, Christentum, Autonomie des Menschen und Sinnlichkeit sind die prägenden Begriffe.
Inwieweit spielt die Mutter des Vampirmädchens eine Rolle?
Die Mutter verkörpert in der Interpretation der Arbeit den dogmatischen Glauben, der durch erzwungenes Zölibat die Natur der Tochter unterdrückt und so den tragischen Konflikt innerhalb der Ballade erst auslöst.
Warum wird die Ballade als „Liebestragödie“ bezeichnet?
Die Arbeit argumentiert, dass das Vampirmädchen und der Jüngling durch ihre unterschiedlichen Welten zueinander finden, ihre Liebe jedoch aufgrund der vampirischen Natur der Protagonistin und der gesellschaftlichen Umstände notwendigerweise tragisch endet.
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- Alice Ahlers (Author), 2004, Das Vampirmotiv in Goethes Ballade "Die Braut von Korinth", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69204