Beschäftigt man sich mit feministischer Sekundärliteratur zu Frauenfiguren im Werk von Heinrich Böll, stößt man häufig auf negative Urteile, die seine Darstellung der Frauen als zu unemanzipiert und klischeehaft kritisieren. Diese Bewertungen differenzieren zumeist nicht zwischen den Frauen in den verschiedenen Texten, sondern beziehen sich pauschal auf die Gesamtheit der untersuchten Werke und nivellieren so Besonderheiten der einzelnen Figuren zugunsten einer allgemeinen Typisierung. So konstatiert Graßmann, dass Böll „trotz seiner Einordnung als gesellschaftskritischer Autor [...] in seinen Romanen ein konservatives Frauenbild [entwirft]“ , „die Frau ausschließlich als Gegenüber des Mannes [imaginiert]“ und sie als Heilige und Retterin des Mannes verklärt. Clasen resümiert: „Weil Bölls Heldinnen Trägerinnen von Eigenschaften sind, die in der patriarchalischen Gesellschaft [...] hoch im Kurs stehen, sind sie aus feministischem Gesichtspunkt nicht emanzipatorisch zu nennen.“ Sie sieht Bölls Protagonistinnen als „Projektionen männlicher Sehnsüchte und Behälter patriarchalischer Wunschvorstellungen.“
Gefragt wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit , ob Urteile dieser Art über Bölls Frauenfiguren angemessen sind. Grundlage für die Untersuchung bilden die Werke "Und sagte kein einziges Wort" (Kapitel I), "Ansichten eines Clowns" (Kapitel II) und "Gruppenbild mit Dame" (Kapitel III).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. „Und sagte kein einziges Wort“ – Käte Bogner
I.1 Die doppelte Ich-Perspektive
I.2 Aktive Frau, passiver Mann
II. „Ansichten eines Clowns“ – Marie Derkum
II.1 „Die abwesende Heldin“
II.2 Der Beginn der Liebesgeschichte
II.3 Das gemeinsame Leben
II.4 Die Trennung
III. „Gruppenbild mit Dame“ – Leni Pfeiffer geb. Gruyten
III.1 Der Verfasser
III.2 Leni als Madonna und „verkanntes Genie der Sinnlichkeit“
III.3 Leni und die Bildung
III.4 Leni und die Liebe
III.5 Leni und die Kunst
III.6 Leni und die Politik
Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, ob die Frauenfiguren Käte Bogner, Marie Derkum und Leni Pfeiffer in den Romanen Heinrich Bölls tatsächlich als Vertreterinnen eines konservativen, unemanzipierten Frauenbildes gelten können, indem sie die individuellen Charaktereigenschaften und Geschlechterverhältnisse der jeweiligen Protagonistinnen analysiert.
- Kritische Auseinandersetzung mit der feministischen Sekundärliteratur zu Bölls Frauenbild.
- Analyse der Geschlechterrollen und der Eigenständigkeit der Protagonistinnen.
- Untersuchung narrativer Erzählperspektiven und deren Einfluss auf die Charakterzeichnung.
- Bedeutung von gesellschaftlichen und historischen Kontexten der 50er Jahre bis hin zur Gegenwart.
- Differenzierte Betrachtung von Individualität versus allgemeiner Typisierung.
Auszug aus dem Buch
I.2 Aktive Frau, passiver Mann
Auch Käte ist durch den Krieg, vor allem durch den Tod ihrer Zwillinge, traumatisiert, sie ist sich „der Bitternis des Lebens bewußt geworden“ (KW, 44). Anders als Fred, der sich einfach von seinen Verpflichtungen für die Familie zurückgezogen hat und sich einredet, seine Familie sei ohne ihn glücklicher (KW, 121), sorgt Käte bis an die Grenzen ihrer Leitungsfähigkeit für diese. Hess-Liechti zufolge wird Kätes Mütterlichkeit auch unter den schwersten Bedingungen nie in Frage gestellt.18 Bellmann schreibt über Fred und Hans Schnitzler, den Protagonisten aus Der Engel schwieg:
Den beiden männlichen Romanfiguren eignet etwas Unstetes und Unbehaustes, es mangelt ihnen an Vitalität und Lebens-Energie, beide sehen ihre Existenz durch eine lähmende ‚Langeweile’ bestimmt und haben Schwierigkeiten, sich in der Alltagsrealität zurechtzufinden. Die Frauen Regina und Käte verbindet hingegen ein durchaus pragmatischer Zug, der Mut und das Bemühen, das Leben nicht nur auszuhalten, sondern ungeachtet aller Widrigkeiten zu meistern.19
Allerdings weist das titelgebende Lied, das sich auf die Leiden Jesu bezieht, eher in die Richtung eines stillen Ertragens: „...sie schlugen ihn ans Kreuz, schlugen ihn ans Kreuz [...] ...und er sagte kein einziges Wort“ (KW, 50).
Käte leidet darunter, dass ihren Kinder durch die beengte Wohnsituation ein normales Kinderdasein nicht möglich ist: „Die Kinder spielen im Flur. Sie sind so daran gewöhnt still zu sein, daß sie nicht einmal mehr laut werden, wenn es gestattet ist.“ So vermischt sich Kätes Schmerz über den Tod ihrer Zwillinge auch mit „Genugtuung“ darüber, dass ihnen ein solches Leben erspart geblieben ist (vgl. KW, 44). Käte erlebt schöne Momente mit ihren Kindern, in denen sie ihr Mutter-Sein positiv erleben kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kritische feministische Debatte über Bölls Frauenfiguren und stellt die Forschungsfrage der Arbeit vor.
I. „Und sagte kein einziges Wort“ – Käte Bogner: Dieses Kapitel analysiert Käte Bogners Rolle als aktive, leidende, aber verantwortungsbewusste Ehefrau und Mutter in einem schwierigen sozialen Umfeld.
II. „Ansichten eines Clowns“ – Marie Derkum: Das Kapitel untersucht die Erzählweise des Clowns Hans Schnier und dessen subjektive, oft einschränkende Sichtweise auf Marie Derkum.
III. „Gruppenbild mit Dame“ – Leni Pfeiffer geb. Gruyten: Die Untersuchung befasst sich mit der komplexen, multiperspektivischen Darstellung von Leni Pfeiffer zwischen Sinnlichkeit, Naivität und gesellschaftlicher Unangepasstheit.
Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass eine pauschale Verurteilung der Frauenfiguren als unemanzipiert der Komplexität der Böllschen Werke nicht gerecht wird.
Schlüsselwörter
Heinrich Böll, Frauenbild, Käte Bogner, Marie Derkum, Leni Pfeiffer, Emanzipation, Geschlechterrollen, Feminismus, Patriarchat, Literaturanalyse, Erzählperspektive, Subjektivität, Schuldfrage, Nachkriegsliteratur, Individuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob die Frauenfiguren Käte Bogner, Marie Derkum und Leni Pfeiffer ein konservatives, unemanzipiertes Frauenbild repräsentieren, wie oft in der feministischen Kritik behauptet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Rollenverständnis von Frauen in der Nachkriegsgesellschaft, die Wahrnehmung durch den Partner, die erzählerische Vermittlung dieser Figuren und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die pauschale Kritik an Bölls Frauenfiguren als „unemanzipiert“ angesichts der individuellen Stärken und Bewältigungsstrategien der Protagonistinnen haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Textanalyse der Primärquellen sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit der vorhandenen feministischen Sekundärliteratur zu den Werken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist in drei Kapitel unterteilt, die sich jeweils einer Romanfigur widmen, deren Charakteristika beleuchten und kritische Stimmen aus der Forschungsliteratur einbeziehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Böll-Rezeption, Emanzipation, Geschlechterrollen und die spezifischen Namen der untersuchten Protagonistinnen geprägt.
Warum spielt die Erzählperspektive bei Marie Derkum eine so große Rolle?
Da der Roman „Ansichten eines Clowns“ monoperspektivisch aus der Sicht des Clowns erzählt wird, ist das Bild von Marie massiv durch dessen subjektive, teils egozentrische Wahrnehmung gefiltert.
Wie unterscheidet sich Leni Pfeiffer von den anderen beiden Figuren?
Leni wird als eine legendenhaft-symbolische Figur gezeichnet, deren Handeln oft instinktiv erfolgt und die im Zentrum der Frage nach kollektiver Schuld im Nationalsozialismus steht.
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- Judith Blum (Author), 2006, Heinrich Bölls Figuren Käte, Marie und Leni - Vertreterinnen eines konservativen Frauenbilds?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69223