Untersuchung des Zusammenhangs von Elternbeziehung und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern von alleinerziehenden und verheirateten Müttern


Diplomarbeit, 2005
135 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zusammenfassung

2. Theoretischer Ausgangspunkt: Partnerschaftskonflikte als Risikofaktoren für Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern
2.1 Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern
2.1.1 Definition, Erscheinungsformen und Auftretenshäufigkeiten
2.1.2 Altersunterschiede
2.1.3 Geschlechtsunterschiede
2.1.4 Verlaufsmuster
2.1.5 Komorbidität
2.1.6 Erklärungsmodelle
2.2 Partnerschaftszufriedenheit
2.2.1 Stress und Belastungen
2.2.1.1 Stress: Auswirkungen und Bewältigung
2.2.1.2 Übergang zur Elternschaft
2.2.2 Erklärungsmodelle
2.2.3 Auswirkungen auf die Kinder
2.2.4 Zufriedenheit in der Partnerschaft
2.3 Konflikte zwischen den Eltern
2.3.1 Art der Konflikte
2.3.2 Inhalte von Konflikten
2.3.3 Auffälligkeiten der Kinder
2.3.3.1 Geschlechtsunterschiede
2.3.3.2 Alter der Kinder
2.3.4 Vermittelnde Faktoren zwischen Elternkonflikten und dem
Verhalten von Kindern
2.3.4.1 Theorien und Modelle
2.3.4.2 Erziehungsverhalten
2.3.4.3 Eltern-Kind-Beziehungen
2.3.4.4 Emotionale Sicherheit
2.3.4.5 Konflikte und Trennung
2.4 Scheidung
2.4.1 Scheidungsrisiken
2.4.2 Auswirkungen auf die Kinder
2.5. Alleinerziehende und ihre Kinder

3. Forschungsfragen

4. Methode
4.1 Stichprobenbeschreibung, Untersuchungsdurchführung
4.2 Versuchsplan
4.2.1 Prädiktorvariablen
4.2.2 Kriteriumsvariable
4.2.3 Hypothesen
4.3 Instrument
4.3.1 Strength and Difficulties Questionnaire (SDQ)
4.3.2 Zufriedenheit in Paarbeziehungen (ZIP)
4.3.3 Sozialfragebogen
4.3.4 Trennungsfragebogen (T-FB)
4.4 Statistische Auswertungstechniken (Inferenzstatistik)

5. Ergebnisse
5.1 Deskriptive Statistik zu soziodemographischen Variablen
5.2 Hypothesengeleitete inferenzstatistische Analysen
5.2.1 Hypothese 1: Partnerschaftsqualität
5.2.2 Hypothese 2: Verhaltensauffälligkeiten
5.2.3 Hypothese 3: Geschlecht des Kindes
5.2.4 Hypothese 4: Konfliktpotential
5.2.5 Hypothese 5: Trennungszeitpunkt
5.2.6 Hypothese 6: Konfliktlösung

6. Diskussion
6.1 Deskriptive Statistik
6.2 Hypothese 1: Partnerschaftsqualität
6.3 Hypothese 2: Verhaltensauffälligkeiten
6.4 Hypothese 3: Geschlechtsunterschiede
6.5 Hypothese 4: Konfliktpotential
6.6 Hypothese 5: Trennungszeitpunkt
6.7 Hypothese 6: Konfliktlösung
6.8 Zusammenfassung

7. Literatur

8. Anhang

1. Zusammenfassung

Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher wenige Untersuchungen, welche die Part­ner­schaftszufriedenheit bei Vergleichen von Verheirateten und Alleinerzieh­en­den berücksichtigen. In Bezug auf die Entwicklung von Verhaltensstörungen bei Kindern fand dieser Faktor ebenfalls kaum Beachtung. Ziel dieser Untersuchung war es, ei­nen Beitrag zu der Beantwortung der Forschungsfragen zu leisten, die sich aus dem Ein­fluss der Elternbeziehung auf die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten bei Kin­dern von Alleinerziehenden und Verheirateten ergeben.

An einer großen epidemiologischen Stichprobe von alleinerziehenden und ver­hei­ra­te­ten Müttern (N = 1124) wurden durch Selbstauskünfte mittels Fragebögen die Part­ner­schaftszufriedenheit und soziodemographische Faktoren erhoben. Die Allein­erzieh­enden wurden zusätzlich zur Trennungssituation befragt, insbesondere zu Kon­flikten im Jahr vor der Trennung. Es wurde untersucht, ob diese Variablen im Zusammenhang mit den ebenfalls an beiden Stichproben erhobenen Daten zu Ver­hal­tenauffälligkeiten der Kinder stehen. Außerdem wurde geprüft, ob sich das Ver­halten der Kinder von Verheirateten und Alleinerziehenden unterscheidet.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwi­schen der Partnerschaftsqualität der Eltern und Verhaltensauffälligkeiten bei Kin­dern, unabhängig von den soziodemographischen Variablen Alter und Bildung der Mutter. Je geringer die Partnerschaftsqualität war, desto mehr Verhaltens­auf­fäl­lig­kei­ten der Kinder wurden berichtet. Auch die eigenen Scheidungserfahrungen, wel­che die Mütter bei ihren Eltern gemacht hatten, standen damit nicht in Zusammen­hang. Die Beziehungsqualität war im Vergleich zu den Verheirateten bei den Allein­erzieh­en­den deutlich geringer, jedoch nur in der Beziehung zum leiblichen Vater der Kin­der. Dieser Unterschied zeigte sich nicht bei der Partnerschaftszufriedenheit der Allein­erziehenden in Bezug auf einen neuen Partner. Alleinerziehende schätzten ihre Kinder als verhaltensauffälliger ein. Dies gilt insbesondere für die Jungen und bei die­sen vor allem im Bereich externalisierender Auffälligkeiten. Für die Allein­erziehenden konnte der Zusammenhang zwischen elterlichen Konflikten und dem Ver­halten der Kinder nachgewiesen werden. Hier waren auch die Konfliktthemen von Bedeutung.

Aus den Ergebnissen lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Eltern­beziehung und den Verhaltensauffälligkeiten der Kinder ableiten. In Bezug auf zukünftige Untersuchungen ergibt sich die Notwendigkeit, diese Variable stärker im Kon­text der Scheidungsforschung, aber auch in Bezug auf Zweielternfamilien zu berück­sich­tigen, um weitere Erkenntnisse zur Entstehung und Prävention von Verhal­tens­störungen bei Kindern zu gewinnen.

2. Theoretischer Ausgangspunkt: Partnerschafts­konflikte als Risikofaktoren für Verhaltensauffällig­keiten bei Kindern

In der Forschungsliteratur wird seit einigen Jahren der Einfluss der Elternbeziehung auf die Entwicklung der betroffenen Kinder verstärkt diskutiert. Hier soll nun ein Überblick über aktuelle Ergebnisse der vorliegenden Studien gegeben werden.

Zunächst wird über die Erscheinungsformen und Prävalenz von Verhaltens­auffäl­lig­keiten bei Kindern berichtet (Kap. 2.1.1). Anschließend werden Alters- und Geschlechts­unterschiede (Kap. 2.1.2 und Kap. 2.1.3), Verlaufsmuster (Kap. 2.1.4), Ko­mor­bidität (Kap. 2.1.5) und Erklärungsmodelle (Kap. 2.1.6) dargestellt.

Nachfolgend wird im Kapitel 2.2 ein Überblick über den Forschungsstand zur Part­ner­schaftszufriedenheit gegeben und im Anschluss daran der Bereich der Konflikte zwischen den Eltern beleuchtet (Kap. 2.3).

Der Zusammenhang zwischen Elternbeziehung und Verhalten der Kinder gewinnt besondere Bedeu­tung in Trennungs- und Scheidungsfamilien. Deshalb werden zum Schluss in Kap. 2.4 und 2.5 Ergebnisse zur Scheidungsforschung und zur Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder dargestellt.

2.1 Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern

2.1.1 Definition, Erscheinungsformen und Auftretenshäufigkeiten

Zeigen Kinder von den zeit- und kulturspezifischen Erwartungsnormen ab­wei­chen­de, maladaptive bzw. dysfunktionale Verhaltensweisen, welche in ihrem Schwere­grad die Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Inter­aktions­geschehen in der Umwelt beeinträchtigen und nicht oder nur unzureichend ohne pro­fessionelle Hilfe überwunden werden können, werden sie als verhaltensauffällig bzw. verhal­tens­gestört im klinischen Sinne bezeichnet (Myschker, 2002).

Die Erscheinungsformen der Verhaltensauffälligkeiten konnten empirisch in zwei Haupt­faktoren, die „Externalisierenden Störungen“ und die „Internalisierenden Störungen“ differen­ziert werden. Während sich die externalisierenden Symptome eher gegen die Umwelt richten und sich in Form von zum Beispiel Aggressivität, Hyper­­aktivität und Auf­merk­sam­keits­störungen zeigen, sind die Verhaltensweisen der internalisierenden Störungen eher nach innen gerichtet und zeigen sich in Symp­to­men wie Zurückgezogenheit, Ängstlichkeit, Depressivität und psycho­soma­ti­schen Be­lastungen (Myschker, 2002; Petermann, Döpfner, Lehmkuhl & Scheithauer, 2002).

Die Prävalenzrate für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen liegt nach verschiedenen Literaturübersichten zwischen 17% und 27% (Anderson & Werry, 1994; Peter­mann et al., 2002). Methodische Inkonsistenzen bedingen die Variation der Prävalenzraten (Petermann et al., 2002). In einer aktuellen Literaturübersicht von Ihle und Esser wurden 19 epidemiologische Längsschnittstudien zur Prävalenz psy­chischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen einbezogen. Mit repräsentativen Stich­proben wurden bei jeder dieser Studien strukturierte Interviews von klinisch erfahrenen Personen an jeweils mindestens Eltern und Kindern bzw. Jugendlichen durchgeführt. Es wurden nur solche Studien ausgewertet, welche bei mindestens zwei Messzeitpunkten eine hohe Wiederteilnahme aufweisen konnten. Nach dieser Literaturübersicht liegen ¾ der Prävalenzraten zwischen 15% und 22% mit einem Mittelwert bei 18% (Ihle & Esser, 2002). In einer Über­sichts­arbeit von Roberts, Attkinson & Rosenblatt (1998), in welche 52 Studien der letzten vier Jahr­zehnte mit ver­schiedenen Alters­gruppen des Kindes- und Jugendalters einflossen, wird ein Mittel­wert von 15,8% bei einem Median von 18% berichtet. Im Vergleich zum Erwach­­senenalter sind damit psychische Störungen bei Kindern und Jugend­lichen in etwa genauso häufig anzutreffen (Robins & Regier, 1991).

Insgesamt ist innerhalb der letzten Jahrzehnte eine generelle Zunahme psychischer Stö­­rungen bei Kindern und Jugendlichen über verschiedene Diagnoseebenen, so­wohl für Normal- als auch für klinische Stichproben, zu verzeichnen (Petermann et al., 2002).

2.1.2 Altersunterschiede

Für die Altersgruppe der Vorschulkinder, in welche die Altersgruppe der vor­lie­gen­den Untersuchung fällt, wurden von Roberts et al. (1998) insgesamt 10 Studien aus­gewer­tet. Die mittlere Prävalenz im Vorschulalter beträgt dabei 10,2%. Eine Aus­wer­tung von 37 internationalen Studien zur Prävalenz ergab für das Vor­schul­alter eine mittlere Prävalenzrate von 15,8% psychischer Auffälligkeiten (Kuschel, 2001). Eine Zunahme der durchschnittlichen Gesamtprävalenzraten von 10,2% (Vor­schul­alter), über 13,2% (Schulalter) bis zu 16,5% (Jugendalter) berichten Roberts et al. (1998), welche von Ihle &Esser (2002) in ihrer Übersicht ausgewählter Studien aller­dings nicht bestätigt werden konnte. Hingegen gehen Petermann et al. (2002) von ei­ner kontinuierlich zunehmenden Störungsbelastung mit steigendem Alter der unter­such­ten Kinder und Jugendlichen aus. Sie berichten zudem für eine Reihe psychi­scher Störungen (Depression, Aggression und Delinquenz, Substanzmissbrauch etc.) ein zunehmend früheres Alter bei Erstmanifestation unter Kindern und Jugendlichen.

In Bezug auf spezifische Störungsbilder ergeben sich bei Kindern im Alter von bis zu 13 Jahren durchschnittliche Prävalenzraten von 7% für Angststörungen, 6,5% dis­sozia­le Störungen, 3,5% hyperkinetische Störungen sowie 1,5% depressive Störun­gen. In dieser Altersspanne sind deutlich niedrigere Raten internalisierender Stö­run­gen im Vergleich zu diesen Störungen bei allen Altersstufen des Kindes- und Jugend­alters zu finden (Prävalenz der Angststörungen von durch­schnittlich 10,4%, der dissozialen Störungen mit 7,5% und der depressiven bzw. hyperkinetischen Störun­gen mit jeweils 4,4%; Ihle & Esser 2002).

Insgesamt gibt es vergleichsweise wenige epidemiologische Studien mit Kindern im Vorschulalter, obwohl dieser Altersbereich aus entwicklungspsychologischer Sicht besonders bedeutsam ist (Oerter & Montada, 1998).

Grundsätzlich ist zu beachten, dass Verhaltensauffälligkeiten nie rein deskriptiv zu erfassen sind, weil soziale Einstellungen und kulturelle Präferenzen eine bedeutende Rolle spielen und in standardisierte Erhebungsinstrumente, wie zum Beispiel den SDQ (Strengths and Difficulties Questionnaire) mit einfließen (Dickey & Blumberg, 2004). Zudem beruhen die Prävalenzschätzungen auf unter­schied­lichen Infor­ma­tions­quellen und es existiert keine einheitliche Operationalisierung von Beein­träch­tigungen, Schweregradeinstufung von Störungen bzw. Behandlungs­bedürftigkeit. Dennoch betonen Ihle und Esser, dass methodisch hochwertige, sorg­fältig geplante Studien mit klinisch erfahrenen Beurteilern weltweit zu vergleich­baren Schätzungen der Gesamtprävalenz kommen (Ihle & Esser, 2002).

2.1.3 Geschlechtsunterschiede

Hinsichtlich der Geschlechtsverteilung werden Jungen häufiger als verhaltens­auffällig eingeschätzt als Mädchen. In Bezug auf Störungen mit Beginn in der Kindheit, welche nach dem DSM-IV klassifiziert wurden, stellten Hartung und Widinger (1998, siehe Tabelle 1) eindeutige Geschlechtsunterschiede zu Ungunsten der Jungen fest. Im frühen Kindesalter weisen Jungen ein höheres Risiko für fast die gesamte Bandbreite an Entwicklungsstörungen auf (Jacklin, 1989).

Aggressive und delinquente Verhaltenweisen, die bei Jungen weitaus häufiger ge­fun­den werden als bei Mädchen, fallen auch durch ihren Bedrohungsgehalt eher auf, als gegen sich selbst gerichtete Verhaltensweisen wie Depressionen, Ess- und Angst­störun­gen, welche häufiger bei Mädchen auftreten (Erne & Kavanaugh, 1995; Döpfner, Plück & Lehmkuhl, 1996; Lehmkuhl, Döpfner, Plück, Berner, Fegert, Huss, Lenz, Schmeck, Lehmkuhl & Proustka, 1998; Petermann et al., 2002; Ihle & Esser 2002).

Tabelle 1: Geschlechtsunterschiede im Auftreten von Entwicklungs- und anderen psychischen Störungen (Hartung & Widiger, 1998; Steinhausen, 1992)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Crijnen, Achenbach & Verhulst (1997) berichten eine große Konsistenz in der Ein­schät­zung der Eltern auf der Grundlage von 12 Studien in verschiedenen Staaten und Kulturen, die Jungen häufiger als externalisierend und Mädchen häufiger als internalisierend auffällig beurteilen.

Während des Kleinkindalters werden nur wenige Geschlechtsunterschiede im Auftreten von Verhaltensstörungen ermittelt (Keenan & Shaw, 1997; Shaw & Winslow, 1997). Unterschiede im aggressiven und hyperaktiven Verhalten stellen sich erst nach dem zweiten Lebensjahr ein (Fagot & O´Brien, 1994) und verstärken sich nach dem vierten Lebensjahr, insbesondere mit Eintritt ins Schulalter deutlich zu Ungunsten der Jungen (Rose, Rose & Feldman, 1989). Während depressive Störungen im Ju­gend­alter und frühen Erwachsenenalter mindesten doppelt so häufig beim weib­li­chen Geschlecht vorkommen, sind bei Kindern vor der Pubertät keine signifikanten Geschlechtsunterschiede zu finden. Zudem sind sie im Vorschulalter mit einer Prä­valenz von weniger als 1% kaum anzutreffen und im Schulalter mit einer Prävalenz von 2 % auch eher gering ausgeprägt (Essau, 2000; Essau & Petermann, 1995).

2.1.4 Verlaufsmuster

Berücksichtigt man die konsistent hohen Persistenzraten über alle Altersstufen des Kindes- und Jugendalters von in der Regel über 50%, wird das Ausmaß der Pro­ble­ma­tik von Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen besonders deutlich. Ihle und Esser gehen von einer Rate von 10% chronisch kranker Kinder aus (Ihle & Esser, 2002). Unterschiede hinsichtlich internalisierender und externa­lisie­ren­der Stö­run­gen zeigen sich auch bezüglich der Verlaufsmuster (Kontinuität versus Dis­kon­ti­nui­tät). Besonders ungünstige Verläufe zeigen sich vor allem für dissoziale und hyperkinetische Störungen, die zudem eine große Bedeutung als Vorläufer von Störungen durch Substanzmissbrauch haben (Esser, Ihle, Schmidt & Bilanz, 2000). Allerdings fanden Esser et al. (2000), dass die Persistenz emotionaler Störungen im Jugendalter sowie im Übergang zum Erwachsenenalter zunimmt.

In Untersuchungen zeigt sich auch, dass sowohl Kinder und Jugendliche mit ausgeprägten delinquenten Verhaltensweisen, als auch Heranwachsende mit Anzei­chen ernsthafter depressiver Symptome durchschnittlich schlechtere Schulleistungen als andere Gleichaltrige erzielen (Bandura, Barbaranelli, Caprara & Pastorelli, 1996; Birmaher, Ryan, Williamson, Brent & Kaufman, 1996; Hodapp & Mißler, 1996) und ihre Schul­lauf­bahn über­durch­schnitt­lich häufig vorzeitig abbrechen (Henggeler, 1991). Auch Schröder und Wittrock (2002) berichten von häufiger Kovariation zwischen Lern- und Verhaltens­störun­gen. Caspi, Moffitt, Wright & Silva (1998) zeigen darüber hinaus, dass De­lin­quenz und Depressivität sich auch auf den späteren Einstieg ins Erwerbsleben negativ auswirkt. Insgesamt weisen externalisierende Störungen bei Jungen und internalisierende Stö­run­gen bei Mädchen höhere Persistenzraten auf (Esser, Schmidt, Blanz, Fätkenheuer, Fritz, Köppe, Laucht, Rensch & Rothenberger, 1992; Mc Gee, Fechan, Williams, Partridge, Silva & Kelly,1990).

2.1.5 Komorbidität

Zur Komorbidität psychischer Störungen und Auffälligkeiten im Kindesalter sollen hier die Ergebnisse einiger Studien berichtet werden, in welchen die Child Behaviour Checklist (CBCL; Achenbach, 1991; deutsche Version von Döpfner, Schmeck & Berner, 1994) verwendet wurde. In diesem standardisierten Elternfragbogen zur Er­he­bung von Kompetenzen und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern sind die über­geord­neten Skalen „Internalisierende Störungen“ und „Externalisierende Störungen“ enthalten. Döpfner, Plück, Berner, Fegert, Huss, Lenz, Schmeck, Lehmkuhl, Poustka & Lehmkuhl (2002) haben im Rahmen der „Studie über psychische Auf­fällig­keiten und Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (PAK-KID-Studie; Döpfner, Plück, Berner, Fegert, Huss, Lenz, Schmeck, Lehmkuhl, Poustka & Lehmkuhl, 1997; Lehmkuhl et al., 1998) die Komorbidität psy­chi­scher Auffälligkeiten bei 1760 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 und 18 Jahren untersucht. 15,9% der Kinder und Jugendlichen erreichen auf mindestens zwei Syndromskalen der CBCL auffällige Skalenwerte. Ins­ge­samt liegen die bidirek­tio­nalen Komor­biditätsraten zwischen 7,3% und 34,3%.

Die Ergebnisse einer Metaanalyse von McConaughy und Achenbach (1994) zur Komorbidität psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, in der vier Studien an US-repräsentativen Stichproben zusammenfassend analysiert wurden, zeigen vergleichbare bidirektionale Komorbiditätsraten der Syndromskalenpaare der CBCL von 10,5% bis 30,2%. Hohe unidirektionale Komorbiditätsraten werden zwi­schen Depressiven Störungen und Angststörungen (44%) sowie Störung des Sozial­verhaltens (48%) berichtet. Ebenfalls hohe Raten wurden zwischen Hyperkinetischen Störungen und Störung des Sozialverhaltens (50%) gefunden. Bei Vorliegen einer Störung des Sozialverhaltens wurde am häufigsten eine Hyperkinetische Störung gefunden (31%), bei Angststörungen mit 27% eine Störung des Sozialverhaltens.

Angold, Costello & Erkanli (1999) führten eine Meta-Analyse zur Komorbidität psy­chi­scher Störun­gen im Kindes- und Jugendalter (8-18-jährige) durch. Sie werteten ins­gesamt 21 Feldstudien aus, in denen strukturierte klinische Interviews eingesetzt wurden. Eine hohe Komorbidität weisen Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­aktivitäts­störungen und Störun­gen des Sozialverhaltens (46,9%), Depressive Störun­gen und Angst­störun­gen (38,9%) sowie Depressive Störungen und Störungen des Sozial­verhaltens auf (24,7%). Niedrige Komorbiditätsraten wurden für Angststörungen und Aufmerk­sam­keitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (4,7%), Störungen des Sozialverhaltens und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (8,3%) sowie Aufmerksam­keits­­defizit-/Hyperaktivitätsstörungen und Depressive Störungen berechnet (9,1%).

Insgesamt werden übereinstimmend hohe Komorbiditätsraten sowohl innerhalb inter­­nali­sierender als auch innerhalb externalisierender Störungen gefunden. Die Komorbiditätsraten liegen deutlich über den Prävalenzraten, d.h. bei Vorliegen einer Störung ist das Risiko einer zweiten Störung deutlich erhöht.

2.1.6 Erklärungsmodelle

Die Entwicklung eines Kindes ist von den Entwicklungsbedingungen und Ent­wick­lun­gen seines sozioökonomischen Kontextes nicht abzutrennen (Petzold, 1996).

Für die Ätiologie von Verhaltensauffälligkeiten ist von einem multifaktoriellen Bedingungs­­gefüge auszugehen. Nach dem mehrdimensionalen Risikomodell von Greenberg tragen ver­schie­dene Risikobedingungen (unsichere Bindung, ineffektives Eltern­verhalten, Stress­faktoren in der Familie, atypische Eigenschaften des Kindes) zur Entstehung von Verhaltens­auffälligkeiten bei. Diese wirken kumulativ und inter­aktiv (Greenberg, Speltz und DeKlyen, 1993; Greenberg, 1999). Im inter­personel­len Modell von Cummings und Davies (1994) werden die Wechselwirkungen zwi­schen familien­bezogenen Faktoren und der Entwicklung von Verhaltensauffällig­kei­ten von Kindern beschrieben (s. Abb. 1). Die Eigenschaften der Kinder werden durch die Eigen­­­schaften der Eltern, die Eltern-Kind-Beziehung und Ehekonflikte beeinflusst, wobei diese Faktoren auch untereinander in beide Richtungen wechsel­wirken und so die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten der Kinder ver­ur­sa­chen können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell für den Zusammenhang von Risikofaktoren bei der Ent­wick­lung von Ver­hal­tens­auffälligkeiten von Kindern (modifiziert nach Cummings & Davies , 1994)

Sozio­demographische Faktoren wirken auf das gesamte System, wobei auch hier die Beziehung bidirektional ist, und tragen so zum problematischen Verhalten der Kinder bei. Dieser Einfluss gilt als gesichert. Armut, Arbeitslosigkeit oder schlechte Wohnverhältnisse zählen zu den besonders ungünstigen Bedingungen (z.B. Voydanoff und Donnelly 1998).

Kritisch anzumerken ist an dieser Stelle , dass bei diesem und ähnlichen Modellen das Wirkungsgefüge unklar bleibt, da sehr viele Faktoren miteinander wechselwirken und eine differenziertere Beschreibung notwendig wäre, um z.B. Kriterium und Prädiktor genauer herauszuarbeiten.

Nach Auswertung von Forschungsergebnissen der letzten 30 Jahre zur Genese­for­schung psychischer und körperlicher Erkrankungen bei Kindern und Ju­gend­lichen kom­men Egle, Hardt, Nickel, Kappis. & Hoffmann (2002) zu einer Auflistung fol­gen­der Risikofaktoren:

- Verlust- und Trennungserlebnisse, insbesondere der Tod der Mutter, Scheidung der Eltern oder längere Trennungsphasen
- psychische Störungen oder schwere körperliche Erkrankungen der Eltern oder Geschwister
- ungünstige Familiensituation wie Kriminalität oder Dissozialität eines Elternteils, chronische Disharmonie, Berufstätigkeit der Mutter im ersten Lebensjahr, allein erziehende Mutter oder autoritärer Vater
- Bindungsunsicherheit und häufig wechselnde frühe Beziehungen
- sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung
- ungünstige psychosoziale Faktoren wie niedriger sozioökonomischer Status, schlechte Schul­bildung, Arbeitslosigkeit und beengte Wohnverhältnisse.

Hierbei sind nicht alle Risikofaktoren gleich gravierend und die meisten psychisch Erkrankten weisen eine Vielzahl solcher Faktoren auf.

In zahlreichen Studien haben sich folgende familiäre Risikovariablen für Problem­ver­hal­ten bei Kindern herauskristallisiert: inkonsistentes und bestrafendes Erziehungs­­verhalten, negative familiäre Kommunikationsmuster, Ehekonflikte und Scheidung sowie psychische Störungen der Eltern, insbesondere Depressivität der Mutter (Erel & Burman, 1995; Grych & Fincham, 1990; Spence, 1998).

Es fehlen bislang ausreichende Erkenntnisse darüber, welche Faktoren in welcher Kom­­bi­na­tion und Ausprägung spezifische Verhaltensstörungen generieren. For­schung dies­bezüglich gestaltet sich wegen des anzunehmenden multifaktoriellen Bedingungs­gefüges und nicht zuletzt wegen der methodischen Inkonsistenzen auf­wän­dig und schwierig. So ist z.B. nach Reicher (1999) bislang weitgehend un­er­forscht, welche Risikokonstellationen konkret zur Ent­wicklung einer depressiven Symp­tomatik, aggressiver Verhaltenweisen oder einer ge­misch­ten komorbiden Symp­tomatik führen. Erschwerend kommen Befunde aus der Ent­wicklungs­patho­logie hinzu, nach denen der gleiche Risikofaktor zu verschiedenen Störungen führen kann, und unterschiedliche Ausgangsbedingungen in die gleiche Störung mün­den können (Äquifinalität und Äquikausalität; Sroufe & Rutter 1984). Trotzdem sind etliche Er­kennt­nisse zu Risikovariablen – wie z.B. Elternbeziehung, Konflikte in der Familie und Tren­nung bzw. Scheidung – in Bezug auf Verhaltensstörungen bei Kin­dern zusammengetragen worden, welche im Überblick in den folgenden Kapiteln referiert werden sollen.

In diesem Zusammenhang gewinnen auch protektive Faktoren Bedeutung, die an dieser Stelle kurz ergänzt werden sollen. Nach Werner (1989) lassen sich prinzipiell drei Gruppen zusammenfassen:

1. individuelle Faktoren (z.B. Intelligenz, internale Kontrollüberzeugungen)
2. emotional stabile und einfühlsame Beziehungen (Eltern, Geschwister, Freunde)
3. unterstützende Systeme von außen (Schule, Institutionen).

Auch bei diesen Faktoren zeigen sich Geschlechtsunterschiede: persönliche Eigen­schaf­ten wie internale Kontrollüberzeugungen und Problemlösefertigkeiten wirken sich besonders bei Mädchen positiv aus, während für Jungen eher die Unter­stützung durch andere Personen Bedeutung gewinnt (Werner, 1993). Im Bereich der Bin­dungs­­forschung sind in den letzten Jahren wichtige Erkenntnisse zur Entwick­lungs­psychologie gewonnen worden Eine sichere Bindung stellt demnach einen bedeut­samen Faktor dar, der die individuelle Bewältigung von Belastungen durch eine effek­tive Verhaltens- und Emotionsregulation unterstützen kann und somit protek­ti­ve Wirkung entfaltet (Spangler & Zimmermann, 1999).

2.2 Partnerschaftszufriedenheit

Repräsentative Daten wurden hauptsächlich zur Stabilität bzw. Instabilität von Ehen erhoben, weniger zur Zufriedenheit der Partner. Diese ist im Partnerschaftsverlauf häufig erheblichen Schwankungen unterworfen (Fooken & Lind, 1996). Olson, Russel, McCubbin, Barnes, Larson, Muxen & Wilson (1989) untersuchten die Zufrie­den­heit in der Partnerschaft über den Lebenszyklus der Familie und fanden geschlechts­spezifische Unterschiede, die für eine höhere Zu­frie­denheit seitens der Männer sprechen. In einer repräsentativen Umfrage gaben Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren zu 10% an, dass sie mit ihrer Partner­schaft unglücklich sind, weitere 25% waren „eher unglücklich“ (Döring, Baur, Frank, Freudl & Sottong, 1986). In einer Normierungsstichprobe (N=1580) im Altersbereich von 18 bis 50 Jahren zum Partnerschaftsfragebogen von Hahlweg (PFB), gaben 23,6% der Frauen und 18,7% der Männer an, sehr unglücklich in ihrer Beziehung zu sein. Als sehr glücklich beschrieben sich 4,5% der Frauen und 3,4% der Männer. Das Item („Wie glücklich würden Sie ihre Partnerschaft einschätzen?“) wurde auf einer sechs­stu­figen Skala erhoben (1 = sehr glücklich, 6 = sehr unglücklich). Die meisten Befrag­ten schätzten sich mit 63,1% der Männer und 66,6% der Frauen als eher unglücklich ein (Summe Stufe 5 und 6), der Mittelwert betrug 4,65 (Hinz, Stöbel-Richter & Brähler, 2001).

2.2.1. Stress und Belastungen

2.2.1.1 Stress: Auswirkungen und Bewältigung

Stress wirkt sich negativ auf die Partnerschaftsqualität aus, insbesondere der All­tags­­stress korreliert negativ mit der Beziehungszufriedenheit (Bodenmann, 2000), wo­bei sich direkte Einflüsse vor allem durch die mangelnde Zeit füreinander (Repetti & Wood, 1997) und indirekte Einflüsse hauptsächlich durch eine Ver­schlech­te­rung der Kommunikation unter Stress sowie durch gesundheitliche Beeinträch­ti­gun­gen ergeben (Bodenman, 1995; Bodenmann, Perrez & Gottman, 1996; Boden­mann, 2000; Gottman, 1994; Burman & Margolin, 1992).

Das Kommunikations- und Interaktions­ver­halten, vor allem in Konfliktsituationen, zählt zu den wich­tigsten Einflüssen auf die Beziehungsqualität. Hier haben sich das Beklagen und Kritisie­ren, Herabwürdigen, sich Verteidigen und Abwehren als be­son­ders ungünstige Verhaltens­weisen herausgestellt (Gottman, 1994). Als bester Prä­dik­tor für die Qualität, den Verlauf und die Stabilität der Paarbeziehung innerhalb der verschiedenen Formen der Stress­bewältigung hat sich das dyadische Coping heraus­kristallisiert. Je besser beide Partner gemeinsam mit Belas­tungen umgehen (gemein­­sames dyadisches Coping), sich bei der Bewältigung von Belastung unter­stützen (sup­portives dyadisches Coping) und sich in Situationen der Über­forderung Auf­ga­ben und Tätigkeiten abtreten können (delegiertes dyadisches Coping), desto besser ist die Prognose einer Partnerschaft (Bodenmann, 2000).

2.2.1.2 Übergang zur Elternschaft

Besonders die Phase des Übergangs zur Elternschaft stellt eine Zeit erhöhter Belastung für die Partnerschaft dar. Die Qualität der Ehepartnerbeziehung ist hier eine wesentliche Einfluss­variable, welche die Auswirkungen der Anforderungen dieser veränderungsintensiven Zeit moderiert (Wicki, Messerli & Zehnder, 1995). Eine positive Grundhaltung dem Partner gegenüber und eine realistische Einschätzung der Ehe re­du­ziert das Ausmaß der Belastungen und führt seltener zum Auftreten von Geburts­komplikationen (Lukesch, 1975).

Die zumindest vorübergehend in den Hintergrund tretende Sexualität bestimmt be­son­ders nach­hal­tig die Zufriedenheit der Väter in der Partnerschaft (Reichle, 1994; Werneck, 1997). Es wurde beobachtet, dass die Beziehung des Vaters zum Kind durch Unzufriedenheit in der Ehe beeinträchtigt ist und die Tendenz besteht, sich von Frau und Kind zu­rück­zuziehen (Cummings & O´Reilly, 1997). Belsky, Young­blade, Rovine &Volling (1991) wiesen systematische Zusam­menhänge zwi­schen der Veränderung der Eltern­be­ziehung im Verlaufe der ersten drei Jahre nach der Geburt des Kindes und der Eltern-Kind Interak­tion nach. Das Absinken der Zufriedenheit in der Partnerschaft war ver­bun­den mit einer Zunahme ne­ga­tiven Vaterverhaltens und problematischem Ver­hal­ten des Kindes. Unter­su­chun­gen weisen darauf hin, dass es bei Frauen in der Phase des Über­gangs zur Eltern­schaft eine wesentlich stärkere Ab­nah­me der Ehe­zufrie­den­heit gibt, sowie eine größere erlebte Belastung in der Ar­beit­steilung, aber auch eine größere Rollen­klarheit als bei ihren Partnern (Werneck & Rollett, 1999).

Ein interes­san­tes Ergebnis von Werneck (1998) legt einen bedeutenden Einfluss der Einstellung der Väter auf die Tem­peramententwicklung ihrer Kinder nahe: Bei Kin­dern, welche später durch ihre Mütter als „schwierige Babys“ eingeschätzt wurden, erlebten deren Väter diese schon vor der Geburt hochsignifikant als Belastung. Auch sagen bei intakten Partner­schaften die Güte der Ehequalität und Konflikte schon vor der Geburt die elterliche Einschätzung von Auffälligkeiten der Kinder drei bis fünf Jahre später voraus (Howes & Markman, 1989).

Insgesamt wurde ein Absinken der Zufriedenheit mit der Partnerbeziehung in vielen Studien nachgewiesen, und zwar vor allem in den ersten 3 Monaten nach der Geburt, teilweise auch anhaltend über ein bis zwei Jahre oder sogar fünf Jahre fortdauernd (Mc Hale & Houston, 1985; Nickel, Quaiser-Pohl, Rollet, Vetter & Werneck, 1995; Gloger-Tippelt, Rapkowitz, Freudenberg & Maier 1995; Schneider & Rost, 1996; Jurgan, Gloger-Tippelt & Ruge, 1995). Auch bei kinderlosen Paaren sinkt die Zufrie­den­heit in den er­sten Ehejahren (in diesem Zeitraum werden die meisten Kinder ge­bo­ren). El-Giamal (1997) kommt bei einer Übersicht über verschiedene Kontroll­gruppen­studien aller­dings zu dem Schluss, dass das Absinken der Zu­frie­denheit so­wie die Zunahme von Konflikten bei Ersteltern höher ausfällt als bei kinder­losen Paaren.

2.2.2 Erklärungsmodelle

In dem Resilienz-Modell der Paarbeziehung von Lösel & Bender (1998) wird versucht, verschiedene theoretische Perspektiven zu integrieren (s. Abb. 2). Ver­schie­de­ne Risiken, denen eine Paarbeziehung lang- oder kurzfristig ausgesetzt sein kann, wie zum Beispiel eigene Scheidungserfahrung als Kind, Armut, berufliche Probleme oder Probleme mit den Kindern, wirken sich auf die Interaktion und damit auf die Zufriedenheit mit der Beziehung und damit deren Stabilität ungünstig aus (Hullen, 1998; Laux & Schütz, 1996). Es kann sich aber daraus auch eine Sta­bi­li­sierung der Beziehung ergeben, wenn die Bewältigung mittels persönlicher und/oder sozialer Ressourcen gelingt, wie zum Beispiel sozialer Kompetenzen (z.B. Fähigkeit zu Em­pathie und Ausdruck von Gefühlen) oder posi­ti­ver Rollenvorbilder. Ein siche­rer Bin­dungs­stil kann Risikofaktoren in ihrer ungünstigen Wir­kung abmildern, wohin­gegen eine unsichere Bindung diese, zum Beispiel durch negative Inter­pre­ta­tion des Part­ner­verhaltens, Misstrauen, Eifersucht und Angst vor Ablehnung, noch poten­­zieren kann (Read & Collins, 1992).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Resilienz-Modell der Paarbeziehung adaptiert nach Lösel & Bender (1998)

Eine protektive Funktion haben auch gemeinsame bzw. wechselseitig unterstützte Ziele, Werte und Einstellungen (Grau & Bierhoff, 1998). Positive selbstbezogene Kog­ni­tionen können eine Bedingung für eine gelungene Partner­beziehung sein (Finchham, 1994). Rollenvorbilder und Verhaltensmodelle des sozialen Um­felds können als Leitbilder dienen und sowohl positive als auch negative Auswirkung auf die Beziehungsgestaltung haben (Baucom, Epstein, Rankin & Burnett, 1996). Kom­mu­nikations-, Inter­aktions- und Bewältigungsmuster haben sich als valide Prä­diktoren der Beziehungs­qualität erwiesen (Karney & Bradbury, 1995; Bodenmann, 2000).

Dass Beziehungsqualität nicht zwangsläufig mit Beziehungsstabilität einhergehen muss, ist zunächst nicht augenscheinlich. Jedoch unterscheiden sich Partnerschaften bzw. die Personen in Beziehungen hinsichtlich ihrer Toleranz für Unzufriedenheit erheblich. Gründe dafür sind z.B. intrinsische und extrinsische Investitionen, die psychischen sozialen und materiellen Kosten einer Trennung und die Verfügbarkeit und Bewertung eventueller Alternativen auf dem Partnermarkt (Rusbult, 1983). Inwiefern an dieser Stelle Vorbildwirkungen in den Massen­medien Einfluss haben, ist noch nicht ausreichend erforscht, aber als eine gesell­schaft­liche Rahmen­bedin­gung nicht zu unterschätzen.

2.2.3 Auswirkungen auf die Kinder

Es gilt als gut untersucht, dass sowohl globale Partnerschaftsunzufriedenheit in der Ehe als auch offene Konflikte zwischen den Partnern mit negativen Auswirkungen auf die Kinder verbunden sind (Jouriles, Pfiffner & O´Leary, 1988; Mann & Mac Kenzie, 1996). Chronische Disharmonie zwischen den Eltern gilt als einer der Risiko­faktoren für die spätere Entwicklung der Kinder (Werner & Smith, 1992; Sadowski, Ugarte, Kolvin, Kaplan & Barnesal, 1999; Amato & Booth, 2001). In einer Studie zum Kindheitsglück, in der eine Salzburger Stichprobe mit N=1319 Kindern nach ihrer subjektiven Einschätzung befragt wurde (Bucher, 2001) erklärte der Faktor „Gutes Familienklima, Anerkenn­ung, Lob“, in den auch die Frage nach der Einschätzung der Eltern­bezieh­ung ein­ging, doppelt soviel Varianz wie neun soziodemographische Variablen zusammen.

In einer neueren Studie (Cummings, Keller & Davies, 2005) wurde der Zusammen­hang von Eheproblemen und Depression der Eltern untersucht. Ehepro­bleme wer­den hier als mögliche Reaktion auf die depressive Symptomatik der Eltern zurück­geführt. Umgekehrt gehören Eheprobleme zu den häufigsten kritischen Lebens­ereignissen vor Ausbruch einer de­pres­siven Erkrankung (Paykel & Cooper, 1992). Das Risiko für den Ausbruch einer schweren depressiven Episode ist für un­glück­lich verheiratete Frauen annähernd 25 mal so groß wie für glücklich verheiratete (Halford & Bouma, 1997). Insbesondere nach einer Trennung findet man bei Müttern eine erhöhte Depressivität, welche als Risikofaktor für eine pro­blema­ti­sche Ent­wicklung der Kinder gilt (Franz & Lensche, 2003; Herwig, 2004).

Auch in anderen Studien wurden Korrelationen zwischen einer depressiven Symp­to­matik bzw. anderen psychischen Störungen (z.B. Alkoholismus) und nie­dri­ger Part­ner­­schafts­zufriedenheit gefunden (Assh & Byers, 1996; Halford & Bourma, 1997). In einer aktuellen Studie wurden insgesamt 436 Mütter mit ihren Kindern mittels Frage­bogen befragt, welche an einer Mutter-Kind Maß­nahme teilnahmen. Da die gesundheitliche Situation dieser Frauen gekennzeichnet war durch Erschöpf­ungs­zustände und Depressivität (60% wiesen klinisch relevante Depressionswerte auf, 20% erfüllten die Kriterien einer affektiven Störung), können deren Kinder als eine Risiko­gruppe für die Entwicklung von Verhaltensauffälligkeiten gelten. Ent­ge­gen der ur­sprüng­lichen Annahme eines gleichen Einflusses der vier mütterlichen Fak­to­ren Depres­sivität, Partnerschaftszufriedenheit, soziale Unterstützung und Erzieh­ungs­­verhalten, zeigte sich ein direkter Zusammenhang mit internalen und externa­len Auffällig­keiten nur für die mütterliche Partnerschaftszufriedenheit und das Erziehungsverhalten. Die Depressivität und die wahrgenommene soziale Unter­stützung erwiesen sich als indirekte Prädiktoren (Herwig, Wirtz & Bengel, 2004).

Kinder von Eltern, die in einer guten Ehebeziehung leben, haben eher eine sichere Bindung zu ihren Eltern (Belsky, 1996) und wachsen in einer unterstützenderen häuslichen Umwelt auf (Baharudin & Luster, 1998; Voydanoff & Donelly, 1998). Ehezufriedenheit geht mit elter­licher Kompetenz einher (Webster-Stratton, 1989). Wenn die Ehequalität hoch ist, werden häufig ähnliche Einstellungen der Eltern bezüglich Erziehung und Disziplin, positive Eltern-Kind-Beziehungen, bessere Ein­stellun­­gen zu Kindern und der Elternrolle, koopera­tive­re Kinderbetreuung, emo­tio­na­le Sicherheit des Kindes und hohe soziale Kompetenzen beobachtet (Cummings & O´Reilly, 1997).

Bei dem Zusammenhang zwischen Ehezufriedenheit und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder konnten Grych & Fincham (1990) keine Geschlechts­unterschiede fest­stellen. In einer Studie von Mahoney, Jouriles & Scavone (1997) korrelierten die Einschätzungen der Väter bezüglich ihrer Ehezu­frie­den­heit signifikant mit ex­ter­na­li­sie­renden und inter­nalisierenden Verhaltensauffälligkeiten vor allem bei Kindern im Vorschulalter. Nach Creasey und Jarvis (1994) hatten zweijährige Kinder von Müttern, die stärkeren Stress im Bereich elterlicher Zufriedenheit angaben (z.B. Part­ner­beziehung, soziale Isolation, Gesundheit), in der Verhaltensbeobachtung mehr externalisierende Auf­fällig­keiten und insgesamt mehr Verhaltensprobleme.

2.2.4 Zufriedenheit in der Partnerschaft

Bei einer Vielzahl von Problemen der Kinder sind Konflikte zwischen den Eltern ein besserer Prädiktor als globale Ehezufriedenheit (Jouriles, Murphy, Farris, Smith, Richters & Waters, 1991), wobei eine hohe Partner­schafts­zufriedenheit einen pro­tek­ti­ven Einfluss in Bezug auf die Aus­wir­kun­gen der Konflikte zwischen den Eltern auf die Kinder hat (Davies, Harold, Goeke-Morey, Cummings, Shelton & Rasi, 2002). Der Zusammenhang zwischen Ehekonflikten und kindlicher Psychopathologie bleibt auch nach der statistischen Kontrolle globaler Ehe­zufrie­den­heit deutlich bestehen (Jenkins & Smith, 1991; Jouriles, Murphy & O´Leary, 1989). Zusätzlich sind offene Ehekonflikte mit kindlichen Verhaltensproblemen stärker und direkter verbunden als Ehezufrieden­heit, obwohl beide negativ mit Erziehungsverhalten zusammen­hängen (Cowan, Cowan, Heming & Miller, 1991; Porter & O´Leary, 1980).

Jouriles et al. (1988) erfassten globale Ehezufriedenheit von Müttern sowie offene Ehekonflikte z.B. über Themen der Kindererziehung und Verhaltensprobleme zwei­jähriger Kinder. Dabei standen Ehekonflikte mit den Beobachtungen kindlicher Ver­hal­tensabweichungen und Berichten der Mütter über Verhaltensprobleme stärker im Zu­sammenhang als mit Ehezufriedenheit. Studien von Block, Block & Morrison (1981) sowie Snyder, Klein, Gdowski, Faulstich & LaCombe (1988) zeigten zudem, dass es eher ein spezifischer Faktor der Eltern, wie z. B. Diskrepanzen bei der Kin­der­erziehung, als eine globale Ehe­zufriedenheit ist, der kindliche Probleme vor­her­sagt.

Befunde aus der Bindungsforschung beschreiben einen Generationen übergreifenden Effekt der Bindungsgeschichte der Eltern auf die Partnerschaftsbeziehung ihrer Kinder: Berichteten die Eltern über eine sichere Bindungsrepräsentation in ihrer Kindheit, war ein Einfluss auf die Partnerschaftsrepräsentation ihrer Kinder 13 bzw. 15 Jahre später zu verzeichnen (Stöcker, Selchert & Grossmann, 2001). Somit bietet die Bindungstheorie einen Erklärungsrahmen für die Qualität der Partnerbeziehung, indem sie die Dy­na­mi­ken des Bindungsprozesses aus den Erfahrungen mit früheren Interaktions­partnern zu erklären versucht.

2.3 Konflikte zwischen den Eltern

Konflikte und Unstimmigkeiten sind ein normaler Teil des Familienlebens, wobei die Partnerschaften in den Jahren der Kindererziehung am konfliktreichsten sind (Glenn, 1990). Nach Behrens und Sanders (1994) besteht bei nahezu jedem verheirateten Paar zu einer bestimmten Zeit das Risiko für Ehekonflikte, Trennung und Scheidung, verbunden mit Belastungen für sie selbst und die Kinder. Viele Untersuchungen belegen direkte oder indirekte negative Auswirkungen von Ehekonflikten auf die Schwere oder Häufigkeit von Verhaltens­problemen der Kinder (Cummings & Davis, 1994; Emery & O´Leary, 1982; O´Leary & Emery, 1982).

Allerdings ist auch die Wechselseitigkeit des Zusammenhangs zu beachten: kind­li­che Verhaltensprobleme können zu elterlichen Konflikten beitragen (z.B. Jenkins, Simpson, Dunn, Rasbash & O’Connor, 2005).

2.3.1 Art der Konflikte

Von den Kindern, die starke Feindseligkeit wie Gewalt zwischen den Eltern erleben, haben etwa 40% bis 50% deutliche Verhaltensprobleme (Cummings & Davies, 1994). Kinder haben mehr psychische Probleme, wenn häufige und intensive Konflikte der Eltern in offenem Ärger vor den Kindern ausgetragen werden, Uneinigkeiten über die Erziehung beinhalten, langandauernd sind und ungelöst bleiben (Katz & Woodin, 2002; Cummings, Goeke-Morey & Papp, 2004; Cummings & Davies, 1994; Grych & Finchham, 1990). Kinder reagieren auch auf non­verbalen Ärgerausdruck und be­richten von gestressten oder ärgerlichen Reaktionen, die in ihrer Stärke mit den Reaktionen auf verbalen Ärgerausdruck vergleichbar sind (Cummings, Ballard & El-Sheik, 1991). Anders als bei offenen Konflikten, wird bei einem verdeckten Kon­flikt­stil feind­seliges Verhalten in passiv-aggressiver Weise zwischen den Eltern aus­­getragen. Diese unausgesprochenen Spannungen können bei den Kindern Gefühle der Kon­fu­sion und Angst hervorrufen. Außerdem erleben die Kinder modell­haft, Gefühle nicht aus­zu­drücken. Zudem wird hier eine Lösung der Konflikte weniger wahrscheinlich. Nach Buehler, Krishnakumar, Stone, Anthony, Pemberton, Gerard & Barber (1998) haben die Kinder von Eltern mit ver­deck­tem Konfliktstil ein erhöhtes Risiko für internalisierende Störungen. Werden Konflikte gelöst, haben diese weniger gravierende Auswirkungen auf die Kinder als ungelöste Konflikte (Cummings & Davies, 1994; Davies, Myers & Cummings, 1996). Eine explizite verbale Lösung ist nicht erforderlich, um die emo­tio­nale Unsicherheit der Kinder zu reduzieren, da diese auf die emotionalen Kon­se­quen­zen bei den Eltern reagieren. Feindselige Konfliktausgänge führen dagegen zu dem Versuch, den Eltern zu helfen und mit einem Elternteil gegen den anderen eine Koalition einzugehen (Davies et al., 1996).

In einer Metaanalyse von Buehler, Anthony, Krishnakumar, Stone, Gerard & Pemberton (1997) zur Bedeutung von Elternkonflikten für Anpassungs­schwie­rig­keiten bei den betroffenen Kindern wurde eine Effektstärke von .32 festgestellt, ein Wert zwischen einem kleinen (.20) und einem mittleren (.50) Effekt nach Cohen (1977). Es resultierten unterschiedliche Effektgrössen je nach Art der Konflik­täus­se­rung: Bei offenen Konflikten, also direkter Äußerung von feind­seligem Verhalten, wurden größere Effekte (.35) gefunden als bei Studien, die indirekte Äußerungen (.28), Rückzug vom Konflikt (.27) oder die Häufigkeit der Konflikte (.19) untersuchten. Dies weist darauf hin, dass es nicht die Konflikte an sich sind, die negative Folgen für die Kinder haben, sondern der Umgang mit ihnen.

2.3.2 Inhalte von Konflikten

Der größte Teil der Konfliktforschung hat sich darauf konzentriert, wie Ehepartner mit Konflikten umgehen, und nicht, worüber ein Konflikt besteht. Dabei wurde vor allem davon ausgegangen, dass nicht so sehr der Konfliktinhalt, sondern der Um­gang damit für Stress in der Ehe entscheidend ist (Ridley, Mari & Surra, 2001).

Anders als andere Konflikte, die eher in Zusammenhang mit externalisierenden Störungen stehen, sind Konflikte über die Erziehung auch mit internalisierender Symptomatik verbunden und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Kinder be­son­ders kritisch (Davies & Lindsay, 2004; Jouriles et al., 1991; Snyder et al., 1988; Grych, Fincham, Jouriles & McDonald, 2000). Kinder reagieren auf kindbezogene Konflikte mit stärkerer Scham, Selbstbeschuldigung und Furcht, in die Ausein­an­der­setzung mit hineingezogen zu werden, als auf nicht kindbezogene Auseinander­set­zun­gen (Jouriles et al., 1991).

2.3.3 Auffälligkeiten der Kinder

Kinder von Eltern mit häufigen Konflikten zeigen sowohl mehr externalisierende als auch internalisierende Verhaltensauffälligkeiten als Kinder aus weniger konflikt­reichen Partner­schaften (Carlson, Tamm & Hogan, 1999; Davies & Cummings, 1994; Grych & Finchham, 1990).

Besonders ausgeprägt sind hier jedoch die externalisierenden Störungen mit Aggres­sion, Vandalismus, Delinquenz und fehlender Compliance (Loeber & Dishion 1984). In Studien an Familien mit einem hyperaktiven Kind wurde eine geringere intra­familiäre Ko­hä­sion und eine höhere Konfliktneigung festgestellt (Biederman, Milberger, Faraone, Kiely, Guite, Mick, Ablon, Warburton, Reed & Davies, 1995). In einer Be­obachtungsstudie von Dadds, Sanders, Morrison & Rebgertz (1992) war das Ausmaß an kon­flikt­haften fa­mi­liä­ren Interaktionen bei Kindern mit einer inter­na­li­sierenden Störung geringer als bei de­nen mit einer externalisierenden Störung. Das Risiko, dysfunktionale Be­ziehungen zu Gleichaltrigen sowie mangelhafte soziale Fähig­­keiten zu entwickeln, steigt bei star­ken Ehekonflikten der Eltern (Grych & Finchham, 1990). Auch kommt es dann zu schlech­teren Schulleistungen, und Lehrer berichten von gerin­ge­ren inter­per­sonellen Fä­higkeiten und sozialer Kompetenz im schulischen Kontext (Cummings & Davies, 1994).

2.3.3.1 Geschlechtsunterschiede

Bei Untersuchungen an Familien mit Kindern in klinischer Behandlung werden häufiger Geschlechtsunterschiede bezüglich des Zusammenhangs mit Eltern­kon­flik­ten festgestellt als bei Stichproben, welche nicht aus solchen Familien gewonnen werden. Hier werden häufiger externalisierende Verhaltensauffälligkeiten gefunden, vor allem bei Jungen (Purcell und Kaslow, 1994). Die größere Wahrscheinlichkeit, dass diese Probleme zu klinischen Behandlungen führen, weil sie durch ihren stören­den Charakter eher wahrgenommen werden, bedingt wahrscheinlich die gefundenen Unterschiede.

Bei Jungen und Mädchen besteht eine große Überschneidung bezüglich der ent­wick­el­ten Störungsbilder sowie eine hohe Variabilität innerhalb der Geschlechter. Unter­schie­de zeigen sich zudem weniger in der Stärke der entwickelten Störung, als in der Art ihres Aus­drucks. Jungen reagieren aggressiver und impulsiver als Mäd­chen, wel­che häufiger Depressionen, Ängstlichkeit und sozialen Rückzug zeigen oder sich sehr an­gepasst verhalten (Cummings & Davies, 1994). Jungen und Mäd­chen schei­nen Kon­flik­te der Eltern gleich häufig mitzuerleben und wahrzunehmen (Emery & O´Leary, 1982).

2.3.3.2 Alter der Kinder

Auf Kinder aller Altersgruppen haben starke Konflikte zwischen den Eltern negative Auswirkungen (Cummings & Davies, 1994; Grych & Fincham, 1990). Schon im Alter von sechs Monaten sind Kleinkinder in der Lage, aggressive von anderen Emotionen in ihrem Umfeld zu unterscheiden (Shred, McDonnell, Church & Rowan, 1991; Banerjee, 1997).

Kinder verschiedenen Alters unterscheiden sich in ihren Bewältigungsmöglichkeiten und ihrem Bewusstein für die Ursachen und Konsequenzen der Konflikte. Hier sind jüngere Kinder deutlich benachteiligt (Davies & Cummings, 1994; Grych & Cardoza-Fernandes, 2001). Im Vergleich zu Vorschulkindern haben Schulkinder durch die Erfahrungen in der Schule die Möglichkeit, andere Modelle für den Umgang mit Konflikten zu erleben. Andererseits sind sie insgesamt länger den Konflikten der Eltern ausgesetzt gewesen.

Kleinkinder werden selten direkt in die elterlichen Dispute einbezogen, deutlich häufiger aber ab dem Schulalter mit einem Höhepunkt in der mittleren Adoleszenz (Cummings et al., 1991).

2.3.4 Vermittelnde Faktoren zwischen Elternkonflikten und dem Ver­halten von Kindern

Wie kann man den Zusammenhang von konflikthaften Elternbeziehungen und der Ent­wicklung problematischen Verhaltens bei Kindern erklären? In den folgenden Ab­schnitten werden Theorien vorgestellt und die Bedeutung von Erziehungs­verhalten, Eltern-Kind-Beziehung und emotionaler Sicherheit in diesem Zusammen­hang beschrieben.

2.3.4.1 Theorien und Modelle

In einer Übersicht beschreiben Margolin, Oliver und Medina (2001) sechs verschie­de­ne theoretische Modelle zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Eltern­kon­flik­ten und dem Verhalten von Kindern:

1. Die Familiensystemtheorie versteht die Psychopathologie des Kindes als ein Resultat dysfunktionaler familiärer Prozesse. So können zum Beispiel Auffälligkeiten der Kinder den Fokus der Eltern von ihren Konflikten auf das Kind verlagern (Patterson, 1982). Dieses Problemverhalten wird von den Kindern weitergeführt, um das Streit­verhalten der Eltern zu reduzieren. Eine andere mögliche Folge von Konflikten be­steht in der kompensatorischen Koalitionsbildung eines Elternteils mit dem Kind, welches wegen der Überforderung durch die Rollenvermischung (Kind als Partner­ersatz) pro­blematisches Verhalten entwickelt. Diese dysfunktionale und für die be­trof­fenen Kinder stark belastende Funktion wurde vielfach unter der Bezeichnung „Pa­renti­fizierung“ auch im Zusammenhang mit Scheidung untersucht, worauf in spä­teren Abschnitten Bezug genommen wird. Robinson (1999) berichtet von Pa­ren­ti­fi­zierung durch Elternteile, welche z.B. durch die Alkohol- oder Arbeitssucht des Part­­ners eine belastete Paarbeziehung erleben. Besonders Kinder aus hoch konflikt­haf­ten Eltern­beziehun­gen sind von Parentifizierung betroffen (Cummings, Zahn-Waxler & Radke-Yarrow, 1984).
2. Die Theorie des sozialen Lernens hingegen schreibt problematisches Verhalten dem Modellernen und der Verstärkung von Verhalten in einem sozialen Kontext zu. Kinder neigen dazu, ihre Eltern zu imitieren (Bandura, 1973). So werden zum Bei­spiel aggressive Ver­hal­tens­weisen als mögliche Konfliktlösungsstrategien gelernt, wobei die Eltern als Modelle für die Kinder dienen. Beobachten Kinder effektive Kon­fliktlösungen der Eltern, lernen sie anderer­seits wichtige Fertigkeiten für die Lösung von Differenzen mit Gleichaltrigen oder Geschwistern (Cummings & Davies, 1994). Internalisierende Störungen der Kinder haben dagegen Ängstlichkeit und passives Verhalten mit einem verdeckten Konfliktstil gemeinsam. Kinder, die diesen Kon­fliktstil bei ihren Eltern beobachten, werden eher ängstlich, konfus sowie hilflos und neigen dazu, diese Gefühle zu internalisieren Dies kann zu Rückzug, Depression und somatischen Beschwerden führen. Während eines Elternkonflikts beobachten Jungen und Mädchen verschiedene Verhaltensweisen des jeweils gleich­geschlecht­lichen Eltern­teils. Es wird angenommen, dass Jungen häufiger aggressives Verhalten der Väter wäh­rend der Konflikte imitieren und Mädchen eher ängstliche Reaktionen der Mütter (Emery, 1982).
3. Die Emotionsübertragung (Spillover) von einem Subsystem (z.B. Ehepaar) in ein anderes (Eltern-Kind) ist eine weitere Theorie zur Entwicklung von Verhaltens­auffälligkeiten durch Elternkonflikte. Emotionen und Spannungen während nega­tiver Partnerinteraktionen werden auf die Eltern-Kind-Interaktionen übertragen (Engfer, 1988).
4. Eine weitere Richtung befasst sich mit der genetischen Übertragung. Dabei geht man davon aus, dass Kinder aufgrund genetischer Ähnlichkeiten mit den Eltern und der genetisch bedingten Vulnerabilität einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Zudem sind Auswirkungen von Ehekonflikten bei vulnerableren Kinder möglicherweise einschneidender.

[...]

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Untersuchung des Zusammenhangs von Elternbeziehung und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern von alleinerziehenden und verheirateten Müttern
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
135
Katalognummer
V69248
ISBN (eBook)
9783638601160
Dateigröße
998 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Diplomarbeit untersucht den wenig beachteten Zusammenhang zwischen der Beziehung, welche die Eltern untereinander! haben, und der Entwicklung ihrer Kinder! Eine experimentelle Arbeit mit großer Stichprobe (&gt,1000)!
Schlagworte
Untersuchung, Zusammenhangs, Elternbeziehung, Verhaltensauffälligkeiten, Kindern, Müttern
Arbeit zitieren
Diplom-Psychologin Gabriele Guth (Autor), 2005, Untersuchung des Zusammenhangs von Elternbeziehung und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern von alleinerziehenden und verheirateten Müttern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69248

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