Die vorliegende Arbeit entstand auf Grundlage des Seminars „Zwischen preußischer Tradition und europäischem Aufbruch: Brandenburger Identität“ unter der Leitung von Frau Dr. Kletzin im Sommersemester 2005 an der Universität Potsdam. Schwerpunkt des Seminars war die Darstellung einer Brandenburger Identität im Kontext politischer Theorie. Wie sich im Verlauf des Seminars zeigte, lassen sich mit dem Land Brandenburg spontan mehrere Stichwörter unterschiedlicher Natur verbinden; so reicht die Palette von Spreewaldgurken und Fontane über den muffligen Märker bis hin zu blühenden Landschaften ohne Frankfurter Chipfabrik, dafür mit Lausitzring. Genauer betrachtet bleibt aber die Identität des fünft-grössten Bundeslandes in Deutschland und des flächen-grössten unter den neuen Bundesländern sehr diffus und lässt keine einfachen Verknüpfungen aus Erklärungsmustern sortiert nach regionalen Spezialitäten, berühmter Literatur oder gescheiterten Investitionsobjekten zu. Identität eines Landes entsteht vornehmlich durch seine Bewohner, letztendlich durch die Historie, welche die Bevölkerung in und mit ihrer Heimat erlebt. Der Ansatz dieser Arbeit soll daher eine Untersuchung der Entwicklung der für das Land Brandenburg typischen Milieustrukturen von Arbeiter- und Bauerngesellschaft in der Zeit nach von 1950 bis heute darstellen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Kurzer Überblick über historische Besonderheiten Brandenburgs
II.1 Brandenburg heute – wirtschaftliche und politische Lage
III. Brandenburgs Bevölkerung als Spiegelbild der Brandenburger Identität
III.1 Milieustrukturen in DDR-Zeiten – Werteprägung für die Generation mit dem heute größten Bevölkerungsanteil im Land Brandenburg
III.2 Werteprägung bei der Arbeiter- und Bauerngesellschaft
III.3 Werteprägung bei den Geschlechtern, Familien und Jugend
III.4 Fazit der DDR-Werteprägung – Gleichmacherei im Geiste?
IV. Brandenburg Identität nach der Wende & heute – Gesellschaft unter Einfluss von Problemen aus DDR und Bundesrepublik
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung der spezifischen Milieustrukturen der Arbeiter- und Bauerngesellschaft in Brandenburg im Zeitraum von 1950 bis heute zu untersuchen, um Identitätskonflikte und die Selbstwahrnehmung der Bevölkerung nach der deutschen Wiedervereinigung besser verständlich zu machen.
- Historische Prägung Brandenburgs durch preußische Traditionen.
- Sozialisationsfaktoren der frühen DDR-Generationen (1950–1969).
- Bedeutung von Milieustrukturen für die kollektive Identitätsbildung.
- Soziale und wirtschaftliche Folgen der Transformationszeit nach 1990.
- Identitätskonflikte und das Gefühl der Perspektivlosigkeit im vereinigten Deutschland.
Auszug aus dem Buch
III.2 Werteprägung bei der Arbeiter- und Bauerngesellschaft
Vorerst sollten andere milieukonstituierende Faktoren wichtigen Einfluss auf die o.g. Generationskohorten haben. Zunächst sollten die durch die Machtelite und Führungskader der DDR propagierten sozialistischen Werte und Ideologien der Jugend in der DDR das Gefühl geben, sowohl ernst genommen als auch mit Freiheiten ausgestattet zu sein. Gerade in Brandenburg, wo die Umgebung entweder ländlich oder von Schwerindustrie geprägt war, spielte das eine wichtige Rolle. Es fehlten die Vergleichsmöglichkeiten zu alternativen Lebensarten, wie es in Großstädten der Fall war. Ein politisch-alternatives Submilieu war ebenfalls nicht vorhanden; dafür aber rurale Traditionen, beschränkte Bildungsmöglichkeiten und ein relativ homogenes Sozialgefüge. Neben den Bauern innerhalb der LPGs bildeten insbesondere die Stahlarbeiter einen der größten Kreise von Werktätigen, die den Habitus der Gesellschaft bestimmten.
Der Werdegang der Mitglieder dieser Kohorten war häufig durch den Abschluss der (zumeist) 10. Klasse gekennzeichnet, dann folgte eine Facharbeiterausbildung in einem der Volkseigenen Betriebe. Interessant und auffällig ist hier der hohe Anteil von Frauen mit entsprechender Ausbildung. Die hohe Frauenquote bei beruflicher Erwerbsarbeit hatte mehrere Ursachen, allerdings nicht vornehmlich die durch das DDR-Regime propagierte Geschlechtergleichstellung. Es waren vielmehr wirtschaftliche Probleme die dazu führten, dass insbesondere in Brandenburg auch viele Frauen auf dem Feld oder in der Fabrik standen. So war die Folge, dass Frauen verstärkt in Berufsfelder drangen, die vormals durch Männer dominiert wurden. Dieser soziale Wandel innerhalb der Arbeiter- und Bauernstruktur führte zu einer recht einzigartigen Geschlechtergleichstellung über Jahrzehnte, bei denen Frauen aktiv für das Familieneinkommen sorgten. Im Gegensatz zu Westdeutschland war das Vorhandensein von Frauen in dieser Arbeitswelt Normalität in der DDR und veränderte ebenso familiäre Strukturen. Nach der Wende sollte sich dieser Umstand für viele in der DDR arbeitstätige Frauen als ein gefühlter „sozialer Abstieg“ herausstellen – mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und des Einkommens sank auch das Selbstwertgefühl.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Entstehung der Arbeit aus einem Seminar an der Universität Potsdam und definiert das Forschungsziel, die Entwicklung der Milieustrukturen als Basis für das Verständnis heutiger Brandenburger Identität zu untersuchen.
II. Kurzer Überblick über historische Besonderheiten Brandenburgs: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung Brandenburgs, ausgehend vom preußischen Staatsverständnis über den Einfluss der Kriege bis zur Integration in die DDR-Strukturen und der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.
II.1 Brandenburg heute – wirtschaftliche und politische Lage: Hier wird die wirtschaftliche Situation des Landes nach der Wiedervereinigung beleuchtet, wobei strukturelle Probleme, Arbeitslosigkeit und das Bevölkerungswachstum im Berliner Umland im Vordergrund stehen.
III. Brandenburgs Bevölkerung als Spiegelbild der Brandenburger Identität: Das Kapitel begründet, warum die Sozialisation der Kohorten, die zwischen 1950 und 1969 geboren wurden, zentral für das Verständnis der heutigen kollektiven Identität ist.
III.1 Milieustrukturen in DDR-Zeiten – Werteprägung für die Generation mit dem heute größten Bevölkerungsanteil im Land Brandenburg: Es wird analysiert, wie das Arbeiter- und Bauernmilieu in der DDR durch den Rückzug ins Private und durch spezifische Arbeitslebensstrukturen geprägt wurde.
III.2 Werteprägung bei der Arbeiter- und Bauerngesellschaft: Dieses Kapitel thematisiert die Rolle der Schwerindustrie und der Landwirtschaft sowie den Einfluss der hohen Frauenwerbstätigkeit auf die familiären Strukturen.
III.3 Werteprägung bei den Geschlechtern, Familien und Jugend: Die Auswirkungen staatlicher Familienpolitik, des Geburtenrückgangs und die unterschiedliche Sozialisation der "Integrierten" gegenüber der "Distanzierten" Generation stehen hier im Mittelpunkt.
III.4 Fazit der DDR-Werteprägung – Gleichmacherei im Geiste?: Hier wird resümiert, dass die "innere Emigration" und die mangelnde politische Emanzipation der Bevölkerung eine Folge des geschlossenen Systems waren.
IV. Brandenburg Identität nach der Wende & heute – Gesellschaft unter Einfluss von Problemen aus DDR und Bundesrepublik: Das abschließende Kapitel analysiert die Transformationsschwierigkeiten nach der Wende, den Verlust sozialer Sicherheit und die daraus resultierende Identitätskrise.
Schlüsselwörter
Brandenburg, DDR-Sozialisation, Arbeiter- und Bauernmilieu, Identität, Wiedervereinigung, Transformationsgesellschaft, DDR-Werteprägung, Sozialstruktur, Generationskohorten, Arbeitslosigkeit, DDR-Geschichte, Bürger zweiter Klasse, Ostdeutschland, Kollektivierung, Preußische Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Prägung der Brandenburger Bevölkerung, insbesondere der Generation, die in der DDR sozialisiert wurde, und wie diese Erfahrungen die heutige Identität im wiedervereinigten Deutschland beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf historischen Traditionen Brandenburgs, den Milieustrukturen der DDR-Zeit, den Auswirkungen der Transformationsphase nach 1990 sowie den soziologischen Hintergründen der heutigen Identitätsproblematik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch die Analyse sozialisationsbildender Faktoren der frühen DDR-Generationen zu erklären, warum sich viele Brandenburger als "Bürger zweiter Klasse" wahrnehmen und welche Identitätskonflikte durch den Systemwechsel entstanden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Modelle, ergänzt durch historische Abrisse und die Auswertung statistischer Bevölkerungsdaten aus dem Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Brandenburg.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Vorprägung durch Preußen, der spezifischen Milieubildung in DDR-Betrieben und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sowie den Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs nach der Wende für die soziale Struktur des Landes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Brandenburg, DDR-Sozialisation, Arbeiter- und Bauernmilieu, Identität, Wiedervereinigung, Transformationsgesellschaft und Generationskohorten.
Warum spielt die Kohorte der 1950–1969 Geborenen eine so zentrale Rolle?
Diese Altersgruppe stellt heute den Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in Brandenburg dar. Ihre gesamte prägende Sozialisationsphase fand unter DDR-Bedingungen statt, was ihre heutigen Werteinstellungen und ihre Sicht auf den Transformationsprozess maßgeblich beeinflusst.
Welche Rolle spielt die hohe Frauenquote in der Brandenburger Arbeitswelt?
Die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen in der DDR war ökonomisch notwendig und schuf in Brandenburg ein spezifisches Familien- und Rollenbild. Der Verlust dieser Erwerbsbiografien nach der Wende führte zu einem besonders starken Gefühl des sozialen Abstiegs bei vielen Brandenburgerinnen.
Wie bewertet der Autor den Begriff der "Ostalgie"?
Der Autor stellt fest, dass es sich bei der Identität der Brandenburger nicht bloß um Ostalgie handelt. Vielmehr ist es eine notwendige Auseinandersetzung mit der gelebten Geschichte der Heimat, die als Antwort auf die als abwertend empfundenen Transformationsprozesse dient.
- Citar trabajo
- Dipl. Verwaltungswissenschaftler Moritz von Münchhausen (Autor), 2005, Erklärungsversuch einer Brandenburger Identität unter Zuhilfenahme sozialisationsbildender Faktoren bei den Kohorten der frühen DDR-Generationen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69253