I. Zum Bildprogramm am südlichen Querhaus des Straßburger Münsters
In diesem Semester beschäftigte sich ein Seminar ausschließlich mit der Ausstattung des mittelalterlichen Kirchenraumes. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der Engelspfeiler, der um 1230 im Straßburger Münster entstanden ist und die Szenen des Jüngsten Gerichts an einer Säule darstellt. Auch das Marienportal am südlichen Querhaus, zeigt in ihrem Bildprogramm Szenen, die im weitesten Gerichtsszenen sind, auf ungewöhnliche Weise. Diese beiden Bildwerke sollen im Folgenden in ihrer Erscheinung und ihrem Zusammenhang näher erläutert werden.
Die ältesten Mauern des Straßburger Münsters gehen auf eine von Bischof Werinherr von Straßburg erbaute Basilika im Jahre 1015 zurück. Nach den Vorstellungen des Bischofs von Werinherr sollte die neue Kirche ein langes, flach gedecktes Hauptschiff, sowie zwei durch jeweils zehn Säulen abgetrennte Seitenschiffe besitzen. Die spitzen Türme sollten bei klarem Wetter bis weit in die Rheinebene zu sehen gewesen sein und zeugten vom Stolz des Patriziats sowie des durch Handel reich gewordenen Bürgertums. Von diesem frühen Bau ist die damals entstandene Krypta in den Grundmauern des heutigen Gebäudes noch erhalten.1
Nach einem verheerenden Brand um 1190 folgte ein erster Wiederaufbau im Zuge dessen weitere Teile entstanden. Dazu gehörten die nördliche Querhausfassade, wesentliche Teile des Obergeschosses des nördlichen Querhausarmes, sowie das südliche Portal, um dessen Ausschmückung es sich im Folgenden handeln wird. Die Arbeiten am südlichen Querhaus wurden vermutlich zwischen 1225 und 1240 ausgeführt. Im Gegensatz zum nördlichen Portal öffnet sich das Münster in Richtung Süden in einem Doppelportal.
Straßburg war, zusammen mit Bamberg, Magdeburg und Naumburg, eine der wenigen Bischofskirchen, die mit einem monumentalen Bildprogramm ausgestattet wurde.
Der Meister, dem man den Großteil der Ausschmückungen am Südportal, sowie die Arbeiten am Engelspfeiler im südlichen Querhausarm zuschreibt, ist uns namentlich nicht bekannt und wird auf Grund seiner einzigartigen Ausarbeitung der Statue der Ecclesia im Folgenden der „Ecclesia Meister“ genannt.
Inhaltsverzeichnis
I. Zum Bildprogramm am südlichen Querhaus des Straßburger Münsters
II. Der Marienzyklus
III. Der Engelspfeiler
IV. Gerichtsthematik
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das monumentale Bildprogramm am südlichen Querhaus des Straßburger Münsters und dessen kunsthistorische Bedeutung im Kontext der mittelalterlichen Kirchenausstattung. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie theologische Inhalte wie das Jüngste Gericht und mariologische Zyklen durch eine spezifische Figurengestaltung und räumliche Anordnung vermittelt wurden.
- Analyse des Südportals als Träger mariologischer Bildprogramme
- Untersuchung des Engelspfeilers als Darstellung des Jüngsten Gerichts
- Rezeption der Ecclesia und Synagoge als Allegorien im mittelalterlichen Rechtsverständnis
- Einfluss des Hohen Liedes auf die ikonographische Gestaltung
- Diskussion zur Urheberschaft des sogenannten „Ecclesia Meisters“
Auszug aus dem Buch
III. Der Engelspfeiler
Im dämmrigen Licht des südlichen Querhauses steht der Engelspfeiler (Abb. 5) mit seinen zwölf Figuren, der auf einzigartige Weise das Jüngste Gericht darstellt: nicht in epischer Breite, sondern konzentriert auf die wichtigsten Personen und Symbole. Diese sind in drei Ebenen übereinander um einen kantonierten, achtkantigen Pfeiler gesetzt. Der Pfeiler erstreckt sich auf einer Länge von 18 Metern, bevor er sich in der Kuppel in acht Gurtbögen und Rippen zerteilt.
Das erste Figurenensemble ist in ungefähr 3 Meter Höhe angebracht, was sie vor der Zerstörung während der französischen Revolution gerettet hat, sodass die Bildwerke heute in relativ gutem Zustand sind. Das unterste Quartett bilden die vier Evangelisten Lukas, Johannes, Matthäus und Markus. Sie stehen auf trommelförmigen Konsolen, in die in feiner Steinmetz-Arbeit die jeweiligen Symbole Stier, Adler, Engel und Löwe eingemeißelt sind. Als Hinweis auf ihre Tätigkeit als Evangelisten halten alle ein Spruchband in der Hand.
Beim Eintreten schaut uns die Figur des Mathäus an, was darauf zurückzuführen ist, dass die Szene vermutlich dem Matthäus Evangelium entnommen wurde. Anders als bei den drei anderen Evangelien beschränkt sich das Geschehen im Matthäus-Evangelium auch am Engelsfeiler auf die Ankündigung – durch die vier Evangelisten, die Verkündigung – durch die vier Posaunenengel, und die Auferstehung - durch die Engel mit den Arma Christi, den Leidenswerkzeugen der Kreuzigung, und den thronenden Weltenherrscher.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Zum Bildprogramm am südlichen Querhaus des Straßburger Münsters: Dieses Kapitel führt in die historische Baugeschichte des Münsters ein und erläutert die besondere Bedeutung der skulpturalen Ausstattung am südlichen Querhaus sowie die Rolle des sogenannten „Ecclesia Meisters“.
II. Der Marienzyklus: Hier wird das ikonographische Programm des Marienportals analysiert, wobei insbesondere der Marientod und die Krönung Mariens unter Berücksichtigung des Einflusses des Hohen Liedes betrachtet werden.
III. Der Engelspfeiler: Dieses Kapitel beschreibt die plastische Gestaltung des Engelspfeilers, der das Jüngste Gericht in konzentrierter Form darstellt und durch seine Anordnung die Evangelisten und Engel als Vermittler himmlischer Ereignisse in Szene setzt.
IV. Gerichtsthematik: Die abschließende Untersuchung widmet sich der rechtshistorischen und theologischen Interpretation der Skulpturen, wobei die Gegenüberstellung von Ecclesia und Synagoge sowie die Rolle des richtenden Salomo hervorgehoben werden.
Schlüsselwörter
Straßburger Münster, Engelspfeiler, Bildprogramm, Marienzyklus, Ecclesia, Synagoge, Jüngstes Gericht, Mittelalter, Skulptur, Ikonographie, Rechtsgeschichte, Hohes Lied, Kathedralbau, Süderquerhaus, Steinmetzkunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kunsthistorischen Interpretation und der inhaltlichen Bedeutung des skulpturalen Bildprogramms am südlichen Querhaus des Straßburger Münsters.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themenfelder umfassen den Marienzyklus am Portal, die Ikonographie des Engelspfeilers sowie die Darstellung rechtlicher und heilsgeschichtlicher Allegorien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Erscheinung und den theologischen Zusammenhang der Bildwerke, insbesondere in Bezug auf die Gerichtsthematik und die Marienverehrung, zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die formale Bildbetrachtungen mit ikonographischen Vergleichen und zeitgenössischen theologischen sowie rechtshistorischen Quellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Südportals, die detaillierte Beschreibung des Marienzyklus, die Analyse des Engelspfeilers und die Einbettung in die mittelalterliche Gerichtsthematik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Straßburger Münster, Engelspfeiler, Ecclesia, Synagoge, Marienzyklus und mittelalterliche Ikonographie geprägt.
Warum wird der Künstler als „Ecclesia Meister“ bezeichnet?
Aufgrund seiner einzigartigen und herausragenden Ausarbeitung der Statue der Ecclesia wird der namentlich nicht bekannte Bildhauer in der Forschung als „Ecclesia Meister“ geführt.
Welche Rolle spielt das Hohe Lied in der Arbeit?
Das Hohe Lied dient als zentraler hermeneutischer Schlüssel, um den Zusammenhang zwischen der bräutlichen Liebe Christi und der Darstellung der Marienkrönung sowie der Allegorien von Ecclesia und Synagoge zu erklären.
Wie deutet der Autor die Figuren der Ecclesia und Synagoge?
Sie werden als Personifikationen des Neuen bzw. Alten Testaments interpretiert, wobei die Ecclesia als siegreiche Allegorie und die Synagoge als besiegte Figur dargestellt wird, was den Triumph der Kirche unterstreicht.
- Quote paper
- May Naka (Author), 2006, Das Bildprogramm des Engelspfeilers und des Marienzyklus am Südportal des Straßburger Münster, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69327