Predigtentwurf mit Vorarbeiten zu 2. Korinther 12, 1-10 für den Gottesdienst am Sonntag


Examensarbeit, 2006

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

0. zur Textabgrenzung

1. Übersetzung
1.1. Text
1.2. zur Übersetzung

2. Exegese
2.1. Textkritik
2.2. Kontext
2.3. Gliederung
2.4. Historischer Kontext
2.5. Einzelbeobachtungen

3. persönliche Assoziationen

4. Dogmatische Besinnung
4.1. Prolegomena
4.2. Dogmatische Themen des Predigttextes

5. Die Menschen heute
5.1. in Deutschland und der Welt
5.2. in meiner Gemeinde

6. Liturgische Besinnung
6.1. Kirchenjahr
6.2. Raum
6.3. Gottesdienst

7. Die Predigt
7.1. Zwischengedanken
7.2. Text

Anhang
Fürbittengebet (Entwurf)
Literatur
Quellen
Hilfsmittel
Predigten über 2Kor 12,1-10
Weitere Literatur

Ergänzung: Die Predigt in der Februar-Version

0. zur Textabgrenzung

Die kirchliche Leseordnung gibt als Text 2Kor (11,18.23b-30,) 12,1-10 an [1] . Ich habe mich entschieden, als Grundlage nur Kapitel 12,1-10 zu nehmen. Das ist in den Hörgewohnheiten meiner Gemeinde begründet, für die 10 gelesene Verse an der Grenze des Aufnehmbaren liegen. Zweifellos sind auch die eingeklammerten Verse für das Verständnis wichtig und müssen in der Vorbereitung berücksichtigt werden. Das gilt aber genauso für 2Kor 11,19-23a.31-33, im Grunde die gesamte Narrenrede, im weiteren Sinne auch den ganzen Brief, alle Paulinen und die gesamte Heilige Schrift. Irgendwo aber muss man eine Grenze machen, und die Entscheidung für Kap. 12,1-10 erscheint mir organischer als die etwas eklektische Verssammlung der Perikopenordnung.

1. Übersetzung

1.1. Text

1 Sich rühmen ist nötig, nicht nützlich zwar, aber ich werde zu den Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn kommen.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren – ob im Leib, weiß ich nicht, ob außerhalb des Leibes, weiß ich nicht, Gott weiß es – entrückt wurde in den dritten Himmel.
3 Und ich weiß von demselben Menschen – ob im Leib, ob ohne den Leib, weiß ich nicht, Gott weiß es –,
4 dass er entrückt wurde in das Paradies, und unsagbare Worte hörte, die zu reden einem Menschen nicht freisteht.
5 Für diesen werde ich mich rühmen, für mich selber aber werde ich mich nicht rühmen, außer betreffs der Schwachheiten.
6 Wenn ich mich nämlich rühmen wollte, wird es nicht sinnlos sein, ich würde nämlich Wahrheit sagen; ich enthalte mich aber, damit nicht jemand auf mich <etwas> halte über <das hinaus>, was er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und darum, dass ich mich wegen des Übermaßes der Offenbarungen nicht überhebe, ist mir ein Spitzpfahl ins Fleisch gegeben, ein Engel des Satans, damit er mich prügle, damit ich mich nicht überhebe.
8 Über diesen flehte ich dreimal zum Herrn, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Es genügt dir meine Gnade, die Kraft nämlich vollendet sich in Schwachheit. Am liebsten also werde ich mich <umso> mehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir ihr Zelt aufschlage.
10 Darum habe ich Wohlgefallen in Schwachheiten, in Freveln, in Ängsten, in Verfolgungen und Bedrängnissen für Christus; wann immer ich nämlich schwach bin, bin ich stark.

1.2. Zur Übersetzung:

Zu überlegen wäre, ob V.1a auch als rhetorische Frage übersetzt werden kann: „Gerühmt muss werden?“ Schließlich ist Paulus ja nicht dieser Meinung.

V. 2 könnte ein AcP sein, aber der Sinn bleibt der gleiche.

Schwierigkeiten bietet nur Vers 7a, kai. th/| u`perbolh/| tw/n avpokalu,yewn. Das NT Graece zieht ihn zu Vers 6, es ist aber unklar, worauf er dort bezogen ist. Eine Möglichkeit ist, ihn auf fei,domai zu beziehen, etwa „ich will mich des Übermaßes der Offenbarungen enthalten.“ Das wäre jedoch das einzige Mal in der Bibel, dass fei,domai in der Bedeutung „sich enthalten“ mit bloßem Dativ gebraucht würde. Man müsste dann das kauch,sasqai aus Vers 6a als Bezugsverb nehmen („ich enthalte mich, mich zu rühmen wegen des Übermaßes der Offenbarungen“). Das hätte auch semantisch mehr Sinn, denn Paulus enthält sich ja nicht der Offenbarungen, sondern nur des Rühmens darüber. Allerdings steht kauch,sasqai im ganzen übrigen Text auch nicht mit bloßem Dativ, sondern immer mit Präposition. Außerdem wäre in diesem eher prosaischen Text eine solche Sperrung ungewöhnlich.

Die dritte Möglichkeit wäre, es auf avkou,ei zu beziehen („außer dem, was er … von mir hört, auch über das Übermaß der Offenbarungen“). Das würde aber keinen Sinn ergeben, will Paulus ja nicht über dieses Übermaß reden.

Die Elberfelder Bibel löst das Problem mit der Übersetzung, Paulus wolle sich des Rühmens enthalten, „auch wegen des Außerordentlichen der Offenbarungen“. Paulus geht jedoch gerade in den Korintherbriefen auch mit dem Rühmen wegen (Ich rede in Torheit!) weniger außergewöhnlicher Offenbarungen hart ins Gericht.

Damit sind die Versuche, sich der Zeichensetzung des Nestle anzuschließen, gescheitert. Vers 7a wird besser auf den Rest von Vers 7 bezogen, wie in der Übersetzung getan.

2. Exegese

2.1. Textkritik

Die textkritischen Varianten sind allesamt nicht sinnverändernd und können daher für die Predigtarbeit außer Acht gelassen werden. Das gilt auch für die fehlenden oder hinzugefügten Possessivpronomina in VV. 5 und 9. Auch ohne sie ist klar, von wessen Kraft oder Schwachheit die Rede ist. Es ändert also den Sinn nicht, ob sie fehlen oder da stehen.

2.2. Kontext

Die Perikope steht im Kontext der sog. „Narrenrede“ 2Kor 11,16-12,13[2]. Paulus setzt sich hier mit Gegnern auseinander, die offenbar ihn in seinem Apostolat übertreffen wollen (u`perli,an avposto,lwn 12,11). Sie rühmen sich mit ihrer Herkunft und ihrer Arbeit für Christus, vielleicht auch mit ihren Offenbarungen, da Paulus eher widerwillig auf seine zu sprechen kommt. Über den Hintergrund der Gegner lässt sich dem Text nur entnehmen, dass sie jüdischer Abstammung sind (11,22). Im Übrigen spielt für das Verständnis des Textes ihr religionsgeschichtlicher Hintergrund keine Rolle. Sie beeindrucken die Gemeinde mit Herkunft sowie religiösen und anderen Erfahrungen, von denen die Gemeinde bei Paulus nichts weiß.

Paulus schreibt, dass er diese Art des Rühmens für töricht hält, aber sich dennoch auf diese Gesprächsebene einlassen will, um zu zeigen, dass er etwas zu bieten hätte, wenn er wollte. Das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, sondern wohl auch auf die Redeweise, die ja ebenfalls Streitgegenstand war. Er imitiert Inhalt und Redeweise seiner Gegner und zeigt, dass er ihnen auch auf der törichten Ebene überlegen ist. Damit zeigt er 1., dass sein Verzicht auf „hohe“ Rhetorik und Selbstruhm nicht aus Unfähigkeit herrührt, sondern aus einer bewussten Entscheidung, 2. entlarvt er durch die Imitation die Rede seiner Gegner als töricht und theologisch fruchtlos.

Die Perikope ist klar abgegrenzt. Mit 12,1 setzt ein neuer Abschnitt ein, da Paulus vorher über sein Leid als Apostel spricht und nun über die Offenbarungen redet. In 12,11 beginnt der Schlussteil der Rede. 12,1-10 bilden eine innere Einheit, wenn auch eine weitere Gliederung möglich ist.

Für die Predigtarbeit ist dieser Kontext aus zwei Gründen wichtig: 1. Paulus will als jemand verstanden werden, der unwillig schreibt. Das Gesprächsthema ist ihm aufgezwungen. Es wäre für die Predigt also unangemessen, die Offenbarungen an Paulus zum dominierenden Thema zu machen. 2. Es darf mit Ironie gerechnet werden.

2.3. Gliederung

V. 1-6 Die Offenbarungen des Paulus
V. 1 Einleitung
V. 2-5 Beschreibung der Offenbarungen
V. 6 Abschluss: Sinnlosigkeit, von Offenbarungen zu reden.

V. 7-9 Das Leid des Paulus
V. 7a Der Sinn des Leides
V. 7b Beschreibung des Leides
V. 8 Pauli Gebet an Christus
V. 9 Christi Antwort an Paulus

V. 10 Fazit: Leid ist mehr Grund zur Freude als Offenbarungen

Beide Teile sind parallel gestaltet. Paulus stellt sie einander gegenüber, das ergeben z.B. die Passiva Divina in V. 2, 4 und 7, vielleicht auch die Dreizahl der Himmel V. 2 und der Gebete V. 8. In jedem Fall gibt er eindeutig der Leidenserfahrung den Vorrang.

2.4. Historischer Kontext

Paulus kann sich einen solchen Tonfall nur leisten, weil er die Gemeinde kennt. Er hat sie gegründet, zwei Jahre bei ihr gelebt und schon mindestens zwei Briefe an sie geschrieben. Im Römerbrief wäre dieser Schreibstil weder möglich noch nötig gewesen. Er kann also in der Predigt nur so weit gespiegelt werden, wie wir mit unserer Gemeinde vertraut sind und ähnliche Probleme vorliegen sollten.

Die Gemeinde in Korinth bestand wahrscheinlich vorwiegend aus Heidenchristen. Das hat vor allem im 1Kor seinen Anhalt, wo kaum judenchristliche Themen besprochen werden. Heidenchristen sind auch unsere Adressaten, wenn auch mit mehr Tradition.

Korinth war eine synkretistische Stadt mit vielfältigen Kulten. Religiöse Erfahrungen gab es also nicht nur im Christentum. Das mag einer der Gründe sein, warum Paulus sich nur ungern auf dieses Thema einlässt. Dieser Grund leuchtet auch heute noch ein.

2.5. Einzelbeobachtungen

V. 1 sumfe,ron: Bei Paulus nur in den Korintherbriefen. Offenbar passt der Begriff speziell in die Situation in Korinth. Vielleicht bedeutet das Fehlen in den anderen Paulinen sogar, dass Paulus ihn, genauso wie oivkodomei/n[3], von den Korinthern übernommen hat, wo er eine Rolle im Konflikt zwischen den „Starken“ und den „Schwachen“ gespielt haben könnte. Erstere wollten dann letzteren im Glauben sumfe,rein, indem sie – mit der Parole pa,nta e;xestin – sie nötigten, gegen ihr Gewissen zu handeln. Paulus gibt ihnen die Parole zurück, betont aber: Pa,nta e;xestin avllV ouv pa,nta sumfe,rei\ (1Kor 6,12; 10,23). Es ist bei ihm, genauso wie oivkodomei/n, ein Terminus der Erbauung der Gemeinde. Im Zusammenhang von 2Kor 12 heißt das: Die rühmende Rede von persönlichen Offenbarungen ist für die Erbauung der Gemeinde nutzlos.

V. 2 und 3 oi=da … a;nqrwpon: Es ist unumstritten und von Vers 7 her deutlich, dass Paulus hier von sich selbst redet. Die Rede in der dritten Person erklärt sich aus dem Kontext der Narrenrede: Er redet ironisch, töricht, will in seiner Funktion als Apostel deutlich Distanz dazu halten. Es ist Paulus offenbar peinlich, sich damit zu rühmen – oder er will diesen Eindruck erwecken.

V. 4 a;rrhta: hapax legomenon in NT und LXX. Der Kontext macht deutlich, dass es nicht um Ausspracheschwierigkeiten geht, sondern um ein göttliches Verbot, davon weiter zu erzählen. Vielleicht ein kultischer Begriff[4], der den Korinthern aus anderen Arkandisziplinen bekannt war.

V. 5, wo Paulus offenbar zwischen sich und dem „Menschen in Christus“ unterscheidet, ist entweder weiter ironisch, oder er trifft tatsächlich eine Unterscheidung zwischen sich selbst und sich als Mensch in Christus. Am einleuchtendsten ist die Deutung, dass Paulus von sich selbst als Apostel redet (als der er ja schreibt, und eben nicht als Privatperson), der „Mensch in Christus“ „zwar mit dem Apostel identisch ist, dessen besonderes Offenbarungserlebnis aber seine Vollmacht als Apostel in keiner Weise berührt oder gar steigert“[5]. Der „Mensch in Christus“ ist Paulus als „Privatchrist“, „ich selbst“ ist Paulus als Apostel, und nur als solcher will er gehört werden.

V. 7 evdo,qh: Passivum Divinum. Ein anderer Täter kommt nicht in Frage.

Ebd. a;ggeloj satana/: Wir wissen nicht, wie sich das körperliche Leiden des Paulus geäußert hat. Er erkennt darin einen Engel Satans, der ihm von Gott geschickt wurde, um ihn vor Überheblichkeit zu bewahren. Paulus widerspricht hier zwei heute häufigen Ansichten und sagt: 1. Den Satan gibt es. 2. Der Satan und sein Reich sind keine von Gott unabhängige Macht, die mit ihm im Streit liegt, sondern unterstehen der Gewalt Gottes. Gott gibt Paulus den Engel des Satans. Und es ist angemessen, zu Christus um Befreiung davon zu bitten. Das macht den Umgang mit dem Satan freilich nicht einfacher.

V. 8 tri.j: dreimaliges Bitten betont die Endgültigkeit. Danach ist das Gebet erhört oder anders beantwortet.

Ebd. ku,rioj: Bei Paulus immer Christus, der nach Phil 2, 10-11 den at. Gottesnamen bekommen hat.

Ebd. pareka,lesa: Das Verb parakalei,n benutzt Paulus mal für Trösten (so 2Kor. 1,4; 1,6; 2,7; 7,6, 7,7; 7,13;), mal für Ermahnen (so 2Kor 2,8; 5,20; 6,1; 9,5; 10,1; 13,11; ähnliche Beispiele auch in anderen Briefen), hier für die inständige Bitte. Für Paulus sind diese drei Dinge so nahe beieinander, dass er dasselbe Wort für sie verwenden kann. In jedem Fall ist sowohl das Reden als auch die erwünschte Wirkung emotional gefüllt.

[...]


[1] Evangelisches Gottesdienstbuch, 3. Aufl. Berlin 2003, S. 288.

[2] Vgl. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 3. Aufl. Göttingen 1999, S. 91.

[3] Vgl. Volker Gäckle, Die Starken und die Schwachen in Korinth und Rom. Zu Herkunft und Funktion der Antithese in 1Kor 8,1-11,1 und in Röm 14,1-15,13, Tübingen 2005 (Die Jahresangabe 2004 im Buch ist ein Druckfehler.), S. 42. Für weitere persönliche Hinweise zur Exegese dieses Textes habe ich Herrn Dr. Gäckle zu danken.

[4] So Fritz Rienecker, Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament, 19. Aufl. Gießen 1992, S. 430, dem Telegrammstil des Buches entsprechend leider ohne Belege.

[5] Gäckle, Die Starken, 494.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Predigtentwurf mit Vorarbeiten zu 2. Korinther 12, 1-10 für den Gottesdienst am Sonntag
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
32
Katalognummer
V69373
ISBN (eBook)
9783638602211
ISBN (Buch)
9783638673419
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Examensgottesdienst für die Zweite Theologische Prüfung, also im Vikariat.
Schlagworte
Predigtentwurf, Vorarbeiten, Korinther, Gottesdienst, Sonntag
Arbeit zitieren
Andreas Wendt (Autor), 2006, Predigtentwurf mit Vorarbeiten zu 2. Korinther 12, 1-10 für den Gottesdienst am Sonntag , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69373

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