Seit 16 Jahren gibt es mittlerweile eine sozialistische Partei „neuen Typs“ in der deutschen Parteienlandschaft. Die Partei des Demokratischen Sozialismus, die 1990 aus der realsozialistischen SED heraus entstand, konnte sich innerhalb eines Jahrzehnts von einem Kreis verschmähter Ex-SEDler zu einer Partei mit einem festen Wählerstamm und beachtlichen Wahlerfolgen auf Landes- und Bundesebene profilieren.
Mit dem Zusammenbruch der DDR und der Auflösung ihrer staatlichen und wirtschaftlichen Struktur glaubten viele, das Thema Sozialismus habe sich von selbst erledigt. Das „Gespenst in Europa“ schien verschwunden .
Mit der Gründung einer neuen sozialistischen Partei, die sich mehr oder weniger von der DDR-Vergangenheit distanzierte, begann auch der Kampf um die Legitimation einer totgesagten Ideologie und Weltanschauung, deren Akzeptanz innerhalb der Parteienlandschaft sich erst und bis heute erkämpft werden musste. Die Wurzeln der PDS erwiesen sich einerseits als Legitimations-Hindernis (Extremismusdebatte) und boten eine große Angriffsfläche für Polemiken (z.B. Rote-Socken-Kampagne ), andererseits sicherten sie aber auch das politische Überleben der neuen Partei, die sich auf Teile des alten Wählerstamms berufen konnte. In den neunziger Jahren wurde immer mehr klar, dass das „Gespenst“ nicht verschwunden war, sondern die Zeit für seine Wiederauferstehung arbeitete (Wahlerfolg 1998).
Diese Arbeit soll sich damit beschäftigen, wie viel von der sozialistischen Tradition der PDS nach 16 Jahren sozialer Marktwirtschaft noch besteht und auf welches ideologische Fundament die Partei ihre politische Zukunft baut. Zu hinterfragen ist, welche ideologische Transformation sich in den letzten 16 Jahren vollzogen hat und wie die Partei auf die neuen politischen Herausforderungen reagierte, um sich neue Wählerschichten zu erschließen, um ihr Bestehen zu sichern und sich in der Parteienlandschaft langfristig zu etablieren.
Inwiefern füllt die neukonstituierte Linkspartei mittlerweile einen politischen Leerraum aus, der sich durch die neue Ausrichtung der SPD unter Schröder aufgetan hat (Vakuumtheorie )? Daran schließt sich die Frage an, welche Anpassung die Partei durchlaufen hat, seit sich ehemalige SPD-Politiker ihr mehr oder minder anschließen. Ein wichtiger Punkt ist demnach, welche Tendenzen auf eine Normalisierung der PDS hindeuten, was Normalisierung überhaupt bedeutet und an welchen Parametern die verschiedenen politischen Akteure diese festmachen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Ideologischer Wandel, Normalisierung oder „Gewöhnung“
1.1 Schwächen, Probleme, Entwicklungstendenzen der Partei
1.2 Der Hegemoniegedanke und die Neufindung des Sozialismusbegriffs
1.3 Wandel der programmatischen Ansätze seit 1993–2003 – ein Vergleich
2. Programmatische Änderungen und Liberalisierung des Sozialismusbegriffs – Tendenzen einer Normalisierung?
2.1 Unterschiedliche Bewertungen der Liberalisierung und Einschätzungen im Vorfeld der WASG - Option
2.2 Die neue Linkspartei (2005) – Entradikalisierung und Anpassung auf dem Weg zur gesamtdeutschen Volkspartei
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den ideologischen Transformationsprozess der PDS über einen Zeitraum von 16 Jahren, um zu analysieren, inwieweit sozialistische Traditionen zugunsten einer parlamentarischen Etablierung und Normalisierung aufgegeben wurden.
- Wandel des Sozialismusbegriffs von 1993 bis 2003
- Die Rolle der „Vakuumtheorie“ im Kontext der SPD-Politik
- Einfluss der Theorie von Antonio Gramsci auf die Parteistrategie
- Konflikt zwischen Traditionalisten und Reformern („Flügelkampf“)
- Positionierung der Linkspartei im Vorfeld der WASG-Fusion
Auszug aus dem Buch
1.2 Der Hegemoniegedanke und die Neufindung des Sozialismusbegriffs
Im Programm der PDS von 2003 heißt es: „Die Erfahrungen der DDR einschließlich der Einsicht in die Ursachen ihres Zusammenbruchs verpflichten uns, unser Verständnis von Sozialismus neu zu durchdenken.“ Zudem sieht sich die Partei laut dem Programm dem marxistisch-leninistischem Erbe „kritisch verbunden“.
So gesehen ist eine Neudefinition des Sozialismusbegriffs zentraler Gegenstand der PDS-internen Debatten – jenseits der DDR-Ideologie und traditionell-marxistischen Anschauungen. Das heißt in erster Linie, dass sich die Partei ideologisch flexibel gibt und nach einer pluralistischen Öffnung strebt.
Programmatisch ist die PDS vor allem dem Antifaschismus (als Traditionslinie) und dem „Neomarxismus“ oder der Kapitalismuskritik verpflichtet. Darunter fallen Positionen verschiedener Gebiete wie: Ökologie, Friedenspolitik, Frauenpolitik, Gewerkschaftspolitik und alternative Wirtschaftspolitik.
Die Suche nach einem neuen Sozialismusbegriff wird von der Partei selbst als auch als Baustelle des demokratischen Sozialismus verstanden. Kritiker wie Viola Neu bezeichnen die Strategiedebatte als „Finden des einzigen richtigen Weges“ und als Diskussionen um „wahre“ Interpretationen der geistigen Urväter. Meinhard Meusche-Mäker hingegen bezeichnet die PDS dagegen als pluralistische Partei, „wobei die Vielfalt allerdings häufig in Form von Graben- und Glaubenskämpfen zutage tritt“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die ideologische Entwicklung der PDS seit ihrer Entstehung aus der SED und hinterfragt, wie viel sozialistische Tradition nach 16 Jahren fortbesteht.
1. Ideologischer Wandel, Normalisierung oder „Gewöhnung“: Das Kapitel analysiert die parteiinternen Konflikte zwischen Traditionalisten und Modernisierern sowie die strategische Neuausrichtung unter Rückgriff auf Gramscis Hegemoniekonzept.
1.1 Schwächen, Probleme, Entwicklungstendenzen der Partei: Es wird der „Flügelkampf“ innerhalb der PDS thematisiert und dargelegt, wie die Partei versucht, sich als Milieupartei zu professionalisieren und neue Wählerschichten zu gewinnen.
1.2 Der Hegemoniegedanke und die Neufindung des Sozialismusbegriffs: Dieses Kapitel erläutert, wie die PDS versucht, den Sozialismusbegriff pluralistisch neu zu definieren, um sich von dogmatisch-marxistischen Positionen zu lösen.
1.3 Wandel der programmatischen Ansätze seit 1993–2003 – ein Vergleich: Hier werden die Parteiprogramme von 1993 und 2003 gegenübergestellt, um den Prozess der ideologischen Liberalisierung und Entradikalisierung nachzuzeichnen.
2. Programmatische Änderungen und Liberalisierung des Sozialismusbegriffs – Tendenzen einer Normalisierung?: Die Analyse befasst sich mit der innerparteilichen Debatte über die Liberalisierung und deren Bewertung durch verschiedene politische Akteure.
2.1 Unterschiedliche Bewertungen der Liberalisierung und Einschätzungen im Vorfeld der WASG - Option: Das Kapitel untersucht die Kritik an der programmatischen Wende der PDS und vergleicht diese mit der Entwicklung der SPD nach Godesberg.
2.2 Die neue Linkspartei (2005) – Entradikalisierung und Anpassung auf dem Weg zur gesamtdeutschen Volkspartei: Es wird die Entstehung der Linkspartei im Kontext der Zusammenarbeit mit der WASG und die daraus resultierende Gefahr der Preisgabe sozialistischer Positionen analysiert.
Zusammenfassung: Die Autorin resümiert, dass die PDS ihr Ziel der Etablierung als gesamtdeutsche Volkspartei weitgehend erreicht hat, dies jedoch mit der Aufgabe traditionell-sozialistischer Ideale erkauft wurde.
Schlüsselwörter
PDS, Linkspartei, WASG, Sozialismusbegriff, Normalisierung, Ideologie, Parteiprogramm, Transformation, Hegemonie, Antonio Gramsci, Kapitalismuskritik, Parteienlandschaft, Flügelkampf, Reformer, Sozialdemokratisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie sich die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) von einer Partei, die aus der SED hervorging, zu einer modernen Kraft entwickelte und dabei ihre ideologischen Fundamente transformierte.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Die Untersuchung konzentriert sich auf programmatische Änderungen, den internen „Flügelkampf“ zwischen Traditionalisten und Reformern sowie die Annäherung an gesamtdeutsche Regierungsoptionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu hinterfragen, wie viel der ursprünglichen sozialistischen Tradition nach 16 Jahren im parlamentarischen Betrieb noch vorhanden ist und ob eine „Normalisierung“ der Partei stattgefunden hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine komparative Analyse von Parteiprogrammen (1993 vs. 2003) sowie auf eine Auswertung von Sekundärliteratur und internen Strategiedokumenten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des ideologischen Wandels, die Debatte um den Begriff des Sozialismus sowie die programmatische Anpassung im Vorfeld der Fusion mit der WASG.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind die „Vakuumtheorie“, der „Hegemoniegedanke“ nach Gramsci, die „Entradikalisierung“ und die „Professionalisierung“ der Partei.
Inwiefern beeinflusste die SPD die Entwicklung der PDS?
Laut der im Text zitierten „Vakuumtheorie“ nutzte die PDS den durch die neoliberale Ausrichtung der SPD freigewordenen politischen Raum, um sich als neue linke Kraft zu positionieren.
Welche Rolle spielt die Theorie von Antonio Gramsci für die PDS?
Die PDS nutzt Gramscis Hegemoniekonzept, um von einer revolutionären Systemtransformation abzurücken und stattdessen durch die Durchdringung der Zivilgesellschaft schrittweise politischen Einfluss zu erlangen.
Warum wird die „Godesberger Wende“ im Text erwähnt?
Der Vergleich dient dazu, die Entwicklung der PDS hin zu einer „sozialdemokratisierten“ Partei zu verdeutlichen, die ihre radikalen Wurzeln zugunsten der Regierungsfähigkeit aufgibt.
- Quote paper
- Susanne Götze (Author), 2006, Chancen der Linkspartei aus programmatischer Sicht - Aufgabe sozialistischer Ideale?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69400