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Johann Wolfgang Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - Der Harfner, Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn?

Title: Johann Wolfgang Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - Der Harfner, Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn?

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 28 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Heike Esser (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Diese Arbeit setzt sich mit der erst in der jüngeren Forschung aufgeworfenen Frage auseinander, ob Goethes "Lehrjahre" einen Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn beschreiben, und konzentriert sich dabei auf die Darstellung der Harfner-Figur.
Wie ein roter Faden durchziehen Melancholie und Wahnsinn den Roman, denn so verschiedene Figuren wie Laertes, der Graf und die Gräfin, Aurelie, Mignon, Sperata und der Harfner leiden unter melancholischen Anfällen, die sich im Falle des Harfners bis in eine Eskalation des Wahnsinns steigern. In der Krankheits- und Heilungsgeschichte des Harfners wird eine Veränderung im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn besonders deutlich, denn bei ihm lässt sich die Entwicklung von einem melancholischen Gemütszustand über den ausbrechenden Wahnsinn bis hin zur Therapie verfolgen.
In Anlehnung an die Lebensgeschichte des Harfners teilt sich diese Arbeit in zwei Teile. Im ersten Teil stehen die europäische Melancholietradition und der Genie-Gedanke des Sturm und Drangs im Fokus und zwar im Hinblick darauf, wie und warum Goethe beides in seine Darstellung des Harfners hat einfließen lassen. Des Weiteren wird dessen Krankheitsgeschichte analysiert. Im zweiten Teil steht die Therapie des Harfners im Mittelpunkt. Der medizinische Diskurs der Melancholie und des Wahnsinns am Ende des 18. Jahrhunderts und Goethes Verhältnis zu diesem wird vorgestellt und mit der Therapie und den Therapiemaßnahmen am Harfner verglichen.
In dieser Arbeit wird nachgewiesen, dass Goethe sowohl mit der europäischen Melancholietradition als auch mit den zeitgenössischen medizinischen und psychologischen Diskursen vertraut war und belegt, dass die "Lehrjahre" und insbesondere die Darstellung des Harfners von einer intensiven Auseinandersetzung mit Melancholie und Wahnsinn, ihren Ursachen, Symptomen und Konsequenzen, geprägt wurden.




















Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Melancholie und Wahnsinn – Die Krankheitsgeschichte des Harfners

2.1 Goethes Bezug zur europäischen Melancholietradition

2.2 Das Auftreten und die Lieder des Harfners als Ausdruck der Melancholie und ihr Bezug zur Genie-Poetik

2.3 Die Vorstellung des Fluches als erste Zeichen des Wahnsinns

2.4. Die versuchte Opferung als Moment der Eskalation des Wahnsinns

3. Die Therapie von Melancholie und Wahnsinn beim Harfner

3.1 Goethe und der medizinische Diskurs zum Wahnsinn und zur Melancholie am Ende des 18. Jahrhunderts

3.2 Die Therapierung des Harfners nach den zentralen Grundsätzen des „moral management“

3.3 Die neue Rolle des Arztes in der Therapie

3.4 Der Wechsel des äußeren Erscheinungsbildes als finales Element der Therapie

4. Fazit – Goethes Roman als Beschreibung eines Diskurswechsels

Zielsetzung & Themen

Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht, inwieweit Johann Wolfgang Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ einen Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn dokumentiert, wobei die Entwicklung der Figur des Harfners als zentrales Fallbeispiel dient.

  • Analyse der europäischen Melancholietradition und des Einflusses der Genie-Poetik auf die Harfner-Figur.
  • Rekonstruktion der Krankheitsgeschichte und der Eskalation des Wahnsinns bis hin zur versuchten Opferung.
  • Untersuchung des zeitgenössischen medizinischen Diskurses (Ende des 18. Jahrhunderts) und der Rolle des "moral management".
  • Bewertung der therapeutischen Ansätze und der Medizinisierung von psychischem Leiden im Roman.

Auszug aus dem Buch

2.2 Das Auftreten und die Lieder des Harfners als Ausdruck der Melancholie und ihr Bezug zur Genie-Poetik

„Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen“, so wird die Reaktion der Theatergesellschaft um Wilhelm im elften Kapitel des zweiten Buches beschrieben. Mit wenigen Worten wird hier die Besonderheit des Harfners deutlich gemacht: Er unterscheidet sich schon rein äußerlich vom Rest der Gesellschaft. Auffällig ist hierbei, dass der Harfner sogar eine Theatergruppe in Erstaunen setzten kann, denn diese ist wohl ungewöhnliches Betragen und Aussehen gewohnt. Sein Aussehen erregt aber nicht nur Aufsehen, sondern schon kurze Zeit später machten viele Mitglieder der Gesellschaft „halblaut einige alberne Anmerkungen und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei“(130). Der Harfner möchte sich anscheinend ganz bewusst durch seine Kleidung, seine Haar- und Barttracht von der Gesellschaft unterscheiden. Schon hier findet also eine Ausgrenzung statt.

Trotzdem scheint der Harfner noch fröhlich zu sein. Er singt vom Glück des Barden und geselligen Leben, um zuletzt in einer sechsstrophigen Ballade (131) das ideale Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft zu umreißen. Auf den ersten Blick verkörpert der Harfner in dieser Szene geradezu jenes Dichterideal, das Wilhelm am Beginn des zweiten Buches im Gespräch mit Werner (81-84) beschworen hatte. Innerhalb dieser Dichterkonzeption und durch die Figur des Harfners wird die Sturm und Drang-Poetik des jungen Goethe noch einmal aufgerufen, allerdings durch die Darstellung des Harfners „auf ihre Defizite hin fokussiert“. Der Harfner beschwört nicht nur selbst in seiner Ballade die Genie-Kozeption, sondern auch Wilhelm, von einem Gefühl tiefer Seelenverwandtschaft durchdrungen, preist den Harfner als segensreichen Genius (130). Wilhelm knüpft, indem er in seiner Lobrede den Dichter als „vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt“(81f.) beschreibt, an die Zentralbegriffe der Genie-Poetik wie „innere Glut“, „innere Wärme“ usw. wie sie auch in „Wandrers Sturmlied“, dem Genie-Manifest des Sturm und Drangs, enthalten sind.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob die „Lehrjahre“ einen Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn beschreiben und skizziert das methodische Vorgehen anhand der Figur des Harfners.

2. Melancholie und Wahnsinn – Die Krankheitsgeschichte des Harfners: Dieses Kapitel analysiert die theoretischen Hintergründe der Melancholie sowie die spezifische Krankheitsentwicklung des Harfners, von ersten Anzeichen bis hin zur Eskalation.

3. Die Therapie von Melancholie und Wahnsinn beim Harfner: Hier werden die medizinischen Behandlungsmethoden des 18. Jahrhunderts, insbesondere das „moral management“, sowie deren Anwendung auf den Harfner und die Rolle des Arztes untersucht.

4. Fazit – Goethes Roman als Beschreibung eines Diskurswechsels: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und argumentiert, dass der Roman den Übergang von einer traditionellen Genie-Konzeption hin zu einer medizinisch-psychiatrischen Normalisierung verdeutlicht.

Schlüsselwörter

Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Harfner, Melancholie, Wahnsinn, Diskurswechsel, Genie-Poetik, moral management, Medizinisierung, Psychopathologie, Krankheitsgeschichte, Therapie, Aufklärung, Sturm und Drang, Normalisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Krankheits- und Heilungsgeschichte des Harfners in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Diskurses über Melancholie und Wahnsinn.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die europäische Melancholietradition, die Genie-Poetik des Sturm und Drang sowie die aufkommende reformpsychiatrische Behandlungsmethode des „moral management“ im 18. Jahrhundert.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Autorin untersucht die Frage, ob die Darstellung des Harfners einen Diskurswechsel im Roman beschreibt, der die Melancholie von einer künstlerischen Auszeichnung zu einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung umdeutet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär den Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ interpretiert und diese Deutung mit zeitgenössischen medizinischen und psychopathologischen Diskursen des 18. Jahrhunderts vergleicht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert den Krankheitsverlauf des Harfners, inklusive seiner Wahnvorstellungen und der eskalierenden Opferungs-Szene, sowie die anschließende Therapie durch einen Landgeistlichen und einen Arzt unter Gesichtspunkten der Normalisierung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Melancholie, Wahnsinn, Diskurswechsel, Genie-Poetik, moral management und Medizinisierung charakterisieren.

Wie deutet die Autorin den „Knaben“ im Wahn des Harfners?

Das Knabenbild wird als psychologisiertes Symbol für Schuldgefühle verstanden, ähnlich den antiken Erinnyen, wobei es kein reales äußeres Objekt, sondern ein Produkt des inneren Wahns des Harfners darstellt.

Welche Rolle spielt das „moral management“ für den Harfner?

Das „moral management“ fungiert als therapeutischer Rahmen, der den Harfner durch Landleben, geregelte Tätigkeit und ein vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt aus der destruktiven Isolation zurück in die soziale Realität führen soll.

Warum ist die „Opferungs-Szene“ ein Wendepunkt?

Die Szene stellt den Höhepunkt der psychischen Eskalation dar, die den Harfner komplett von der Wirklichkeit entfremdet und die Notwendigkeit einer ernsthaften medizinischen Intervention für die anderen Romanfiguren unumgänglich macht.

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Details

Title
Johann Wolfgang Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - Der Harfner, Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn?
College
University of Trier  (Neuere deutsche Literatur)
Course
Goethes Lehr- und Wanderjahre
Grade
2,0
Author
Heike Esser (Author)
Publication Year
2006
Pages
28
Catalog Number
V69461
ISBN (eBook)
9783638613477
ISBN (Book)
9783638673525
Language
German
Tags
Johann Wolfgang Goethe Wilhelm Meisters Lehrjahre Harfner Diskurswechsel Umgang Melancholie Wahnsinn Goethes Lehr- Wanderjahre
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Heike Esser (Author), 2006, Johann Wolfgang Goethe: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" - Der Harfner, Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69461
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