Black Box BRD - Der politische Dokumentarfilm


Hausarbeit, 2005
49 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

Vorgehensweise

1. Zum Genre des Dokumentarfilms

2. Filmanalyse von „Black Box BRD“
2.1 Der Regisseur Andres Veiel
Leben
Filmografie
2.2 Die narrative Ebene
2.2.1 Thema und Inhalt von „Black Box BRD“
2.2.2 Wolfgang Grams
2.2.3 Der Polizeieinsatz in Bad Kleinen
2.2.4 Alfred Herrhausen
2.2.5 Der Anschlag auf Alfred Herrhausen
2.2.6 Die Rote Armee Fraktion - RAF
2.2.7 Vergleichsmomente zwischen Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen
2.3 Exkurs zum Aufbau des Sequenzprotokolls
2.4 Die Dramaturgie
2.4.1 Authentizität und Nähe durch die Art der Befragung
2.4.2 Montage

3. Die filmische Präsentation
3.1 Visuelle Gestaltungsmittel
3.1.1 Perspektive
3.2 Auditive Gestaltungsmittel
3.2.1 Geräusche
3.2.2 Musik

4. Fazit

Bibliografie
Literatur RAF
Literatur Filmtheorie
Internet
Filmographie

Anhang
Filmdaten
Gesprächspartner im Film „Black Box BRD“
Sequenzprotokoll

0. Einleitung

Die beiden vorangegangenen Zitate lassen erahnen, wie die Charaktereigenschaften der beiden Personen gewesen sein mögen, die der Regisseur Andres Veiel in seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ gegenüberstellt und die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Einen Weg konsequent zu beschreiten schien beiden ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Was Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen darüber hinaus verbunden haben könnte, soll unter anderem Gegenstand der Untersuchungen dieser Arbeit sein.

Indem Veiel zwei deutsche Biografien schildert, wird „Black Box BRD“ ein Film über die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland. Abwechselnd werden die Lebensläufe, Charaktere, Vorstellungen und Ziele von Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen durch verschiedene Personen nacherzählt, so dass die Ereignisse anhand ihrer Biografien rekapitulierbar sind, allerdings ohne dass der Film die Ereignisse aufklären könnte und wollte. Es berichten sowohl die Eltern von Wolfgang Grams, seine politischen Weggefährten als auch die Witwe von Alfred Herrhausen und Topmanager der Deutschen Bank. Veiel, so heißt es in vielen Rezensionen, beurteile nicht, er stelle einfach gegenüber ohne zu werten. Durch diese Präsentationsform erschließen sich dem Zuschauer zunehmend Parallelen in den zwei Lebensläufen, deren abruptes Ende jeweils durch einen gewaltsamen Tod kam.

Veiel zeigt auf, dass die Thematik der Rote Armee Fraktion (RAF) scheinbar noch immer aktuell und keinesfalls überwunden ist. Leben doch die jeweiligen Angehörigen immerfort in ihrer persönlichen Tragödie und mit ungeklärten Umständen weiter. Denn eines zeigt der Film überdeutlich: Trotz der vergangenen Zeit ist kein Vergessen eingekehrt. „Der Kampf ist vorbei, die Wunden sind offen“ heißt es bezeichnenderweise schon auf dem Filmplakat.

Der vielfach ausgezeichnete Film ist auch deshalb interessant, weil er für einen Dokumentarfilm zahlreiche unterschiedliche Stilmittel aufweist. Schon zu Beginn mutet er durch die Kamerafahrt und die eingespielte Musik wie ein Spielfilm an, welches im Folgenden dadurch unterstützt wird, dass dem Zuschauer die Fragen des Regisseurs verwehrt bleiben. Im gesamten Film präsentieren sich die befragten Personen nur mit ihren Antworten. Darauf und auf die Verwendung von unterschiedlichen Materialen und filmischen Mitteln – Originalaufnahmen, nachgestellte Szenen, grobkörniges Super8-Material, Zeitlupe – soll in dieser Arbeit eingegangen werden.

Es stellt sich daher die Frage, inwieweit im Genre Dokumentarfilm inszeniert werden kann, ohne dass der Film an der gewünschten Authentizität einbüßt. Veiel hat in vielerlei Hinsicht einen Film geschaffen, der Ambivalenzen hervorruft und sich an manchen Stellen trügerisch präsentiert. Dem soll in dieser Ausarbeitung ein Teil der Aufmerksamkeit zukommen.

Vorgehensweise

Zunächst soll eine knappe Abgrenzung des Genres Dokumentarfilm vorgenommen werden. Daran schließt die Analyse des Films an, die den Hauptteil der Arbeit ausmacht. Sie beginnt mit der Biografie des Regisseurs Andres Veiel, sowie mit Angaben zu seinem Werk. Auf der narrativen Ebene fährt sie fort mit einer Inhaltsangabe des Films und Kurzbiografien zu Grams und Herrhausen. Dabei bilden, zum besseren Verständnis, die Schilderungen der Ereignisse zum Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen und zum Anschlag auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg einen jeweiligen Unterpunkt. Dem folgt eine Einordnung der Aktivitäten der RAF, um die Ereignisse in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang bringen zu können. Danach werden Vergleichsmomente zwischen Grams und Herrhausen herausgearbeitet.

Zum besseren Verständnis der folgenden Ausführungen, schließt hieran ein Exkurs zum erstellten Sequenzprotokoll. Es folgt die Darstellung der Dramaturgie in „Black Box BRD“ und anschließend die filmische Präsentation, aufgeteilt in eine visuelle und auditive Ebene. Dazu werden einzelne Filmsequenzen beispielhaft untersucht und analysiert.

Im Fazit soll überprüft werden, inwieweit der Film dem von seinen Kritikern an ihn erhobenen Anspruch der Objektivität und Wertungsneutralität gerecht werden kann.

Im Anhang befinden sich Angaben zu den Filmdaten, eine Auflistung der im Film auftretenden Personen, sowie ein Sequenzprotokoll des gesamten Films.

1. Zum Genre des Dokumentarfilms

Was kennzeichnet die Gattung Dokumentarfilm und unterscheidet sie vom Spielfilm? Den Besonderheiten des filmischen Dokumentierens soll an dieser Stelle kurz nachgegangen werden, um für die nachfolgenden Teile der Arbeit eine Verständnisgrundlage zu bieten.

Der fiktionale Film filmt eine Welt, die er selbst konstruiert, die er für seine Zwecke erfindet, während der dokumentarische Film eine Welt filmt, die bereits existiert, […] die ihm […] auf jeden Fall vorausgeht.[1] Diese kurze Definition fasst den wesentlichen Unterschied von fiktionalen und dokumentarischen Filmen im Kern zusammen, wobei die Charakterisierung des Dokumentarfilms nicht allein auf diese Aussage reduziert werden darf. Knut Hickethier beschreibt zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Dokumentarische. Zum einen sei die dokumentierende Kamera eine „[] Realität beobachtende, registrierende Vermittlungsinstanz".[2] Demnach dürfe in das filmende Geschehen nach Möglichkeit nicht eingegriffen werden, um diese Realität nicht zu verfälschen. Dazu gehöre auch, bemerkenswerte aber von der Kamera nicht erfasste Situationen nicht nachzustellen, weil dies die Authentizität des Dargestellten verfälschen würde.[3] Filmisches Dokumentieren ist nach dieser Theorie wirklichkeitsorientiert, wobei sich der Autor beobachtend im Hintergrund hält und die Filmbilder für sich sprechen lässt. Voraussetzungen hierfür sind eine sorgfältige Recherche und eine seriöse journalistische bzw. wissenschaftliche Bearbeitung des Stoffes.

Die andere von Hickethier aufgezeigte Grundhaltung geht davon aus, dass eine bloße Darstellung von Beobachtetem die Realität verfälscht zeige. Eine wirklichkeitsgetreue Abbildung könne nur dadurch erreicht werden, indem der Filmende bewusst in die Realität eingreife und mittels Montage Schwerpunkte setze. Ihm komme somit die Funktion eines Erzählers zu, der das zu Zeigende organisierend steuere.[4]

Weiterhin grenzt er dokumentarisches von fiktionalem Erzählen durch sich unterscheidende Kameraperspektiven voneinander ab. Während die Kamera beim fiktionalen Erzählen, wissend um die Handlung, vor- und mitagieren kann, Akteure schon erwartet und durch ihren Einsatz ins Geschehen eingreift, so ist die dokumentierende Kamera abwartend, ohne dass man ihr ein Wissen deshalb absprechen müsste.[5] Aber „[…] das Geschehen […] bleibt dem Film gegenüber autonom“,[6] die Kamera hat keine derartige Einflussmöglichkeit wie beim fiktiven Erzählen.

Traditionell wird der Spielfilm als Produkt der Einbildungskraft des Regisseurs gesehen, wohingegen der Dokumentarfilm Tatsachen darstellt, die auch unabhängig von der Vorstellung des Regisseurs existieren.[7] Dem kann entgegen gehalten werden, dass diese „Tatsachen“ nicht in ihrer ganzen Komplexität festgehalten werden können, sondern immer nur perspektivisch durch die Art der Aufnahme beleuchtet werden. Wird ein Dokumentarfilm demnach immer eine Selektion von Bildern darstellen, die lediglich kleine Ausschnitte der Realität zeigen und somit nur eine Interpretation sein kann? Zahlreiche Theoretiker sind dieser oder ähnlichen Fragestellungen nachgegangen und im Detail zu keinem Konsens gekommen. Denn Noël Carroll schreibt „[] da wir weder die Physik noch die Geschichte aufgrund ihrer Selektivität von Objektivität ausschließen, sollten auch die Zeugnisse des Dokumentarfilms nicht automatisch und grundsätzlich in Zweifel gezogen werden, nur weil er selektiv ist.[8] und fügt doch ein paar Zeilen später hinzu, dass „[] einige Filmtheoretiker […] diese Antwort als zu überstürzt betrachten [werden, d. Verf.].“[9]

Im Folgenden soll von der Annahme ausgegangen werden, dass eine Abgrenzung vom dokumentarischen zum fiktionalen Erzählen tatsächlich darin liegt, die uns umgebende Welt möglichst objektiv und meist ohne Schauspieler, sondern mit Menschen und Orten, die mit der erzählten Geschichte behaftet und in ihr integriert sind, darzustellen. Dies soll einen Teil der angestrebten Authentizität sicherstellen. Uta Berg-Ganschow schreibt gar von einem „Augenzeugenversprechen“,[10] das durch unterschiedliche Filmmittel, wie lange Kameraeinstellungen, Montage oder Verzicht auf Kommentare und Musik entstehe und dem Zuschauer suggeriere, es sei nicht in das filmische Geschehen eingegriffen worden.[11]

Die Beantwortung der Frage, ob eine grundsätzliche Authentizität in Dokumentarfilmen gegeben ist oder überhaupt gegeben sein kann, ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Es soll hier vielmehr untersucht werden, wie der Regisseur Andres Veiel in seinem Film „Black Box BRD“ mit seinem Material umgeht, wie er die Bilder einsetzt, ergänzt und hervorhebt und ob ihm durch seine Bearbeitung des Materials eine objektive Darstellung unterschiedlicher Meinungen, sowie die Herstellung von Authentizität gelungen ist.

2. Filmanalyse von „Black Box BRD“

Es folgt der Hauptteil der Arbeit, bei dem der Film „Black Box BRD“ auf verschiedenen Ebenen analysiert werden soll. Die Biografie von Andres Veiel ist kein direkter Teil der Analyse, doch da das Filmprojekt durch seine eigenen Erfahrungen, Interessen und vorherigen Projekte begründet ist, und weil seine Biografie einen direkten Bezug zum Film hat, wird sie den anderen Teilen vorangestellt.

2.1 Der Regisseur Andres Veiel

Leben

Andres Veiel, geboren am 16. Oktober 1959 in Stuttgart und auch dort aufgewachsen, studierte ab 1982 Psychologie in Berlin und erlangte 1988 sein Diplom. Allerdings war er der festen Überzeugung den Beruf des Psychologen niemals ausüben zu wollen. Vielmehr interessierten ihn die Inhalte der Regie- und Dramaturgieausbildung, welche er zwischen 1985 und 1989 im Rahmen der internationalen Regieseminare am Berliner Künstlerhaus Bethanien absolvierte. Nachhaltigen Eindruck im Rahmen dieser Seminare hinterließ vor allem die Begegnung mit Krzysztof Kieslowski, der Veiel viel beibrachte.

Heute lebt Veiel in Berlin, wo er nach mehreren Inszenierungen am Gefängnistheater Berlin-Tegel, seit 1988 an eigenen Drehbüchern und Kinofilmen arbeitet. Daneben nimmt er Lehraufträge an Filmhochschulen und Universitäten, zum Beispiel an der Universität Zürich, wahr. Veiel führt heute vor allem Regie, verfasst Drehbücher und Theaterstücke. Er ist Mitglied der Europäischen Filmakademie und wurde für seine Filme mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen geehrt.[12]

Filmografie

Der Dokumentarfilm „Winternachtstraum“ von 1991/92 war Veiels erste filmische Regiearbeit die veröffentlicht, allerdings auch halbzensiert wurde. Andere Arbeiten von ihm sind „Balagan“ von 1993, im darauf folgenden Jahr mehrfach ausgezeichnet, sowie die ebenfalls mit Preisen versehene Dokumentation „Die Überlebenden“ (1995/96), ein Film über drei seiner ehemaligen Klassenkameraden, die sich das Leben nahmen. Nach einem Klassentreffen, bei dem die drei Mitschüler fehlten, beschloss er deren Biografien filmisch nachzuzeichnen. Durch Aussagen und Erinnerungen von Freunden, Eltern und Kollegen leuchtete er die drei Schicksale aus und porträtierte daneben das Leben in der deutschen Provinz in einem Stuttgarter Vorort in 1970er Jahren.

Wie er selbst sagt, liegen in diesem Projekt auch die Wurzeln für den nachfolgenden Film, „Black Box BRD“ begründet. Denn mit einem der Klassenkameraden besuchte er damals die Prozesse der in Stammheim inhaftierten RAF-Aktivisten und setzte sich erstmals mit der Thematik des linken Protestes auseinander. Doch anders als jener Thilo, der ihm später „Feigheit und einen Mangel an Entschlossenheit[13] vorwarf, erkannte Veiel schnell, dass die Form des Widerstandes, wie die RAF ihn leistete, nicht der richtige Weg sein konnte. Der Dokumentarfilm „Black Box BRD“ brauchte insgesamt vier Jahre bis zur Fertigstellung[14] und lief 2001 in den Kinos an. Er bekam zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrere Filmpreise für den besten Dokumentarfilm.

Im Jahre 2004 kam der Film „Die Spielwütigen“ ins Kino. Hierin begleitete und dokumentierte Veiel sieben Jahre lang vier junge Schauspieler auf ihrem Weg von der Aufnahmeprüfung bis zu ihren ersten Engagements.[15]

In Vorbereitung sind ein Theaterstück mit dem Titel „Der Kick“, in dem Veiel als Regisseur eingebunden ist, sowie der Spielfilm „Vesper, Ensslin, Baader“, wofür er das Buch in Zusammenarbeit mit Gerd Koenen schreiben und ebenfalls Regie führen wird.[16]

2.2 Die narrative Ebene

Auf der Ebene des Narrativen soll erzählt werden was Inhalt und Thema des Filmes sind. Weil es sich hier um keinen fiktionalen Film handelt, gestaltet sich dies als eine Nacherzählung von historischen Daten und wird damit zu der Beschreibung einzelner, kleiner Ausschnitte deutscher Geschichte. Diese werden an den Biografien von Grams und Herrhausen sowie an der Datenauswahl zur RAF deutlich.

2.2.1 Thema und Inhalt von „Black Box BRD“

Andres Veiel stellt in seinem Dokumentarfilm „Black Box BRD“ zwei gegensätzliche deutsche Biografien gegenüber, die auf den ersten Blick keine gemeinsamen Schnittpunkte zu haben scheinen. Anhand unterschiedlicher Aussagen zeichnet er das Leben des erfolgreichen Bankiers Alfred Herrhausen und das des RAF-Mitgliedes Wolfgang Grams nach, deren Verbindung vorerst nur in dem gewaltsamen und ungeklärten Tod beider besteht. Dabei kommen Familien, Freunde und Kollegen zu Wort, durch deren Aussagen die Charaktere, Vorstellungen und Ziele der beiden lebendig werden. Veiel rekapituliert außerdem wie nebenbei, durch seine Auswahl des gezeigten Materials, einen Abriss der jüngsten deutschen Geschichte und versucht dabei objektiv und für keine der beiden Parteien wertend zu sein. Es scheint ihm um die Menschen Grams und Herrhausen zu gehen ohne den einen oder anderen verurteilen oder besonders hervorheben zu wollen.

So erfährt der Zuschauer vom Aufwachsen der beiden Protagonisten, von deren Bildungswegen und familiären Hintergründen und später vom erfolgreichen Karriereaufstieg des Älteren sowie von der Politisierung des Jüngeren. Dass es auch um die mysteriösen Todesumstände beider Figuren geht, wird gleich zu Anfang deutlich.

2.2.2 Wolfgang Grams

Wolfgang Grams wurde 1953 in Wiesbaden geboren, wo er aufwuchs und die Schule mit dem Abitur abschloss. Er verweigerte den Wehrdienst und leistete seinen Zivildienst im Krankenhaus ab. Das kurz zuvor begonnene Mathematikstudium auf Lehramt nahm er danach nicht wieder auf. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er sich durch Gelegenheitsjobs.

Bereits gegen Ende der Schulzeit schloss er sich der „Sozialistischen Initiative Wiesbaden“ an und engagierte sich später in der „Roten Hilfe“, die die RAF-Gefangenen während des Hungerstreiks 1974 unterstützte. Als 1978 Willi-Peter Stoll von Polizisten erschossen wurde, fanden sich in dessen Notizbuch Hinweise auf Wolfgang Grams, der daraufhin verhaftet wurde und in Frankfurt 153 Tage in Untersuchungshaft einsaß. Nach seiner Entlassung erhielt er Haftentschädigung.

Gemeinsam mit seiner Freundin Birgit Hogefeld ging er 1984 in den Untergrund, von wo aus seine Eltern gelegentlich ein Lebenszeichen von ihm erhielten und sich sogar einmalig mit ihm treffen konnten. Wolfgang Grams starb am 27. Juni 1993 auf den Gleisen des Bahnhofs von Bad Kleinen bei einem Einsatz von Grenzschutz-Gruppe-9, Bundeskriminalamt und Landespolizei. Die Todesursache lautete „aufgesetzter“ Kopfschuss, wonach Grams den offiziellen Erklärungen zufolge Selbstmord begangen haben soll. Ob dies der Wahrheit entspricht oder ob er erschossen wurde, ist bis heute genauso ungeklärt wie seine Beteiligung an RAF-Attentaten.[17]

Die Figur Wolfgang Grams wird im Film durch seinen Bruder, Rainer Grams, eingeführt. Dieser lenkt den Weg der Kamera zu der Stelle des Bahnhofs in Bad Kleinen, wo sein Bruder Wolfgang im Juni 1993 bei dem Schusswechsel starb, während seine Freundin Birgit Hogefeld sich verhaften ließ. Sie beschreibt Wolfgang Grams als einen

„[…] sehr ruhigen, eher in sich gekehrten Menschen. Schon an seiner Art, sich zu bewegen, war ihm anzumerken, daß Hektik und jede Form von Streß seinem Naturell zuwider lief. […] Und er war ein Mensch, der sich immer um Übereinstimmung zwischen dem, was er sagte, und seinem Handeln bemüht hat.[18]

Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams kannten sich 18 Jahre lang bevor er starb. Sie glaubt selbst, dass sie ihn von allen Menschen wohl am besten einschätzen konnte. Hogefeld wurde im November 1996 zu lebenslanger Haft verurteilt.

2.2.3 Der Polizeieinsatz in Bad Kleinen

Am 15. Februar 1987 wurde, nach dem dreijährigen Untertauchen Grams’ und Hogefelds, über einen Suchaufruf in der Tagesschau auf die beiden hingewiesen und die Bevölkerung zur Mithilfe aufgefordert. Zunehmend wurde die Isolation belastender für sie. Hogefeld äußerte 1993 gegenüber dem Linken Klaus Steinmetz Ausstiegsüberlegungen. Steinmetz, der sich über Jahre in der linken Szene bewegte und dem Verfassungsschutz Informationen zukommen ließ war dessen wichtigster Informant, verstand sich selber aber mehr als Vermittler zwischen den Fronten. Sein Ziel war es, Verständnis gegenüber den Zielen der Linken auf Seiten des Staates zu entwickeln.[19] Dabei galt er unter Freunden als geltungssüchtig und größenwahnsinnig. Mit Hilfe seiner Informationen erarbeitete das BKA schließlich innerhalb von zwei Monaten einen Plan zur Festnahme von Grams und Hogefeld. Steinmetz sollte dabei die entscheidende Schlüsselrolle spielen und in einer Verabredung mit den beiden als Lockvogel fungieren.[20] Der Zugriff sollte außerdem so erfolgen, dass Steinmetz hinterher als Spitzel weiterhin tauglich blieb.

Am 27. Juni 1993 fand zunächst ein Treffen zwischen Steinmetz und Hogefeld in Bad Kleinen statt, doch das BKA wartete mit dem Zugriff nachdem sie über den unwissend abgehörten Steinmetz erfuhren, dass eine weitere Person am Treffpunkt erwartet würde. Hogefeld und Steinmetz trafen Wolfgang Grams schließlich im bahnhofseigenen Cafe, welches sie nach ca. 1,5 Stunden verließen.

Eine verdeckte BKA-Beamtin die mit im Cafe saß, gab das Signal an die übrigen Einsatzkräfte, und so erfolgte der Zugriff durch mehrere GSG-9-Beamte in der Bahnhofsunterführung von Bad Kleinen. Hogefeld und Steinmetz ließen sich widerstandslos festnehmen, Grams flüchtete, verfolgt von Beamten, den Bahnsteig zu den Gleisen hinauf. Der weitere Verlauf der Aktion ist bis heute ungeklärt, umstritten ist auch wer das Feuer eröffnete. Sicher ist nur, dass der 26-jährige Polizeibeamte Michael Newrzella durch mehrere Schüsse tödlich getroffen wurde, zwei weitere Polizisten Schussverletzungen erlitten und Grams angeschossen auf die Gleise stürzte. Dort erhielt er den „aufgesetzten“ Kopfschuss in den Hinterkopf, von dessen Ausführung bis heute zwei Erzählversionen bestehen: Die, dass Grams sich selbst umbrachte und eine andere, nach der einer der Beamten - möglicherweise als Reaktion auf den tödlich verletzten Newrzella - Grams aus unmittelbarer Nähe hinrichtete. Wolfgang Grams starb kurze Zeit später in der Notaufnahme des Universitätskrankenhauses in Lübeck.[21]

Keine der Ermittlungsbehörden und Ämter fühlten sich in den folgenden Tagen für eine klare Stellungnahme zuständig, was den Verdacht auf Vertuschungsversuche laut werden ließ. Dies wurde zusätzlich verstärkt durch die scheinbar unsachgemäße Behandlung von Beweismaterial und Grams’ Leiche, dessen Hände zum Beispiel vor einer Untersuchung nach Schmauchspuren, die seinen Selbstmord bestätigt hätten, abgewaschen wurden. Ob dies alles vorsätzlich und zur Vertuschung des misslungenen polizeilichen Zugriffs geschah, ist ebenso unklar. Die Eltern von Wolfgang Grams versuchten in mehreren Verfahren die Ereignisse von Bad Kleinen aufzuklären, scheiterten jedoch in allen Instanzen.[22]

2.2.4 Alfred Herrhausen

Alfred Herrhausen wurde 1930, zusammen mit seiner Zwillingsschwester Anne, in Essen geboren und wuchs während der Weltwirtschaftskrise in bürgerlichen Verhältnissen mit überdurchschnittlichem Lebensstandard auf. In Feldafing (Bayern) besuchte er als ehrgeiziger und erfolgreicher Schüler eine Eliteschule der NSDAP, deren Prägung und Bedeutung er später immer relativierte. Nach dem Krieg studierte er ab 1949 in nur sechs Semestern Betriebswirtschaftslehre in Köln. Die Promotion zum Doktor der politischen Wissenschaften schrieb er in nur zwei Semestern. Während des Studiums lernte er seine erste Frau Ulla Sattler kennen, die er 1953 heiratete. 1952 begann er als Direktionsassistent bei der Ruhrgas AG in Essen und wechselte 1955 zu den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen AG (VEW) in Dortmund, bei denen er nach vier Jahren, als 29-jähriger, Prokura erhielt. Im Juni 1959 kam seine Tochter Bettina zur Welt.[23]

Im Jahre 1970 wurde Herrhausen im Alter von nur 39 Jahren stellvertretendes Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bank und ein Jahr später ordentliches Vorstandsmitglied, zuständig für das internationale Geschäft und die Außenhandelsfinanzierung. Herrhausen wurde 1974 vom Außenminister in die Bankenstrukturkommission berufen und lernte in diesem Jahr auch seine zweite Frau Traudl Baumgartner kennen. Sie heirateten 1977, nach Herrhausens Scheidung von seiner ersten Frau. Im selben Jahr wurde ihm vom derzeitigen Bundeskanzler Helmut Schmidt die Neuordnung der Luft- und Raumfahrtindustrie überantwortet. Außerdem war Herrhausen 1983 einer der drei „Stahlmoderatoren“, deren Aufgabe die Erarbeitung eines Konzeptes zur Sanierung der deutschen Hüttenkonzerne war. Während der Weltbank-Tagung reiste er im September 1987 nach Mexiko, wo er eine eindrucksvolle Begegnung mit dem damaligen mexikanischen Präsidenten hatte, der ihm die schwierige Situation verschuldeter Länder vor Augen führte. Herrhausen begann, ohne Absprache mit der Bank, Schuldenerlasse gegenüber den Ländern der Dritten Welt vor der Presse zu thematisieren, was intern auf heftige Kritik stieß.

Herrhausen wurde 1985 zu einem der Vorstandssprecher der Deutschen Bank und 1988 dann zum alleinigen Sprecher des Vorstands bestellt. Zum ersten Mal seit Hermann Josef Abs hatte damit wieder ein einzelner Manager die Sprecherfunktion inne.

[...]


[1] Scheinfeigel, Maxime: Abzeitige Bilder (1995). In: Hohenberger, Eva (Hrsg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie de Dokumentarfilms. Berlin 1998, S. 235

[2] Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Stuttgart; Weimar, 3. Auflage April 2001, S. 201

[3] Vgl.: Ebd.

[4] Vgl.: Ebd., S. 202

[5] Vgl.: Ebd., S. 193

[6] Ebd.

[7] Schillemans, Sandra: Die Vernachlässigung des Dokumentarfilms in der neueren Filmtheorie. In: Hattendorf, Manfred (Hrsg.): Perspektiven des Dokumentarfilms. diskurs film 7. Münchner Beiträge zur Filmphilologie. München 1995, S. 17

[8] Carroll, Noël: Dokumentarfilm und postmoderner Skeptizismus (1996). In: Hohenberger, Eva (Hrsg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Berlin 1998, S. 36

[9] Ebd.

[10] Berg-Ganschow, Uta: Das Problem der Authentizität im Dokumentarfilm. In: Heller, Heinz-B.; Zimmermann, Peter (Hrsg.): Bilderwelten-Weltbilder. Dokumentarfilm und Fernsehen. Marburg 1990, S. 85

[11] Vgl.: Ebd.

[12] Vgl.: Volk, Stefan: Materialien – Andres Veiel. In: Institut für Kino und Filmkultur (IKF), (Hrsg.). Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB): Film-Heft „Blackbox BRD“. Köln 2001, S. 18

[13] Veiel, Andres im Interview mit Schäfer, Annette. In : X Verleih (Hrsg.).

Auf: http://www.black-box-brd.de/interview.html

[14] Vgl.: Veiel, Andres im Interview mit Sobolla, Bernd. Auf: http://www.freitag.de/2001/23/01231401.php

[15] Vgl.: Presseheft „Die Spielwütigen“. Berlin 2003, S. 3. Auf: http://www.die-spielwuetigen.de

[16] Vgl.: Ebd., S. 11

[17] Vgl.: Volk, Stefan: Wolfgang Grams. Film-Heft „Blackbox BRD“. Köln 2001, S. 19 und X Verleih, (Hrsg.). Auf: http://www.black-box-brd.de/grams.html

[18] Hogefeld, Birgit: Portrait von Wolfgang Grams. Auf: http://www.nadir.org

[19] Vgl.: Peters, Butz: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Berlin 2004, S. 687

[20] Vgl.: Veiel, Andres: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Frankfurt am Main 2004, S. 273ff

[21] Vgl.: Ebd., S. 275

[22] Vgl.: Ebd., S. 279

[23] Vgl.: Veiel, S. 42ff

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Black Box BRD - Der politische Dokumentarfilm
Hochschule
Universität Lüneburg  (Bereich: Medien und Öffentlichkeitsarbeit)
Veranstaltung
Dokumentarfilm
Note
2,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
49
Katalognummer
V69473
ISBN (eBook)
9783638613521
ISBN (Buch)
9783638717311
Dateigröße
786 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält im Anahng ein zehnseitiges Sequenzprotokoll des Films "Black Box BRD". Dieses gibt Informationen über die Anzahl der Einstellungen, sowie die visuellen und auditiven Ebenen in den jeweiligen Szenen.
Schlagworte
Black, Dokumentarfilm, Box, BRD, politisch, RAF, Herrhausen, Alfred, Wolfgang, Grams, Andres, Veiel, Bad, Kleinen, Narration, Dramaturgie, Film, Gattung, Anschlag, Vergleich, Authentizität, Befragung, Montage, auditiv, visuell, Musik, Gestaltungsmittel, Objektivität
Arbeit zitieren
Therese Hochhuth (Autor), 2005, Black Box BRD - Der politische Dokumentarfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69473

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