Wenn in Kriminalromanen Geistliche zu Detektiven werden, drängt sich die Frage auf, ob diese Tatsache einen Verbrecher automatisch zum Sünder macht oder es sich trotz der widersprüchlichen Mischung dennoch um einen Kriminalfall im herkömmlichen Sinne handelt, in dem es schlicht einen Täter und den Ermittler gibt. Ohne den Kriminalroman moralisch in Frage stellen zu wollen, muss man sich doch mit der Tatsache konfrontiert sehen, dass die Kriminalliteratur hauptsächlich unterhalten will und ihren Erfolg den unzählig beschriebenen Verbrechen verdankt. Zweifelsohne finden sich unter ihnen solche, die harmloserer Natur sind wie Diebstahl oder Betrug, doch handelt es sich auch in unblutigen Fällen ohne Leiche um begangene Tabubrüche. Es wird zu untersuchen sein, inwiefern sich spätere Kriminalromane an den Bedingungen der Zeit orientieren, Provokationen gesucht werden, Tabubrüche immer extremer ausfallen und sich die Kriminalliteratur in Bezug auf die Brutalität der Realität angepasst hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Vorgehensweise und Intention
1.2 Forschungsstand, vorhandene Literatur zum Thema
1.3 Probleme der Abgrenzung
2. Hintergrund
2.1 Der katholische Pater als Ausgangspunkt zu Beginn des Jahrhunderts
2.2 Der jüdische Rabbi als detektivischer Nachfolger in den sechziger Jahren
2.3 Der evangelische Pfarrer im Ruhestand zum Ende des Jahrhunderts
2.4 Zusammenfassung und Besonderheiten dieses neuen Ermittlertyps
3. Die Protagonisten
3.1 Charaktereigenschaften der Geistlichen
3.2 Akzeptanz in der Gemeinde
4. Zufällige Situationen der Verbrechensermittlung
4.1 Das Hineingeraten in den Fall
4.2 Verdachtsmomente gegen die Geistlichen
4.3 Zusammenfassung
5. Die Ermittlung
5.1 Parallelen in den Ermittlungsmethoden
5.2 Verfolgte Güter und Ziele der Verbrechensaufklärung
5.3 Unterstützung von offizieller Seite durch die Polizei
6. Das dargestellte Weltbild gemessen an der Realität
6.1 Die Moral
6.2 Brutalität und Tabubrüche
6.3 Frauenfiguren unter erotischen Gesichtspunkten
7. Fazit
7.1 Ergebnis
7.2 Ausblick und These
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert die Figur des geistlichen Ermittlers in Kriminalromanen des 20. Jahrhunderts anhand von drei Fallbeispielen, um aufzuzeigen, wie sich der klerikale Detektiv als neuer Ermittlertyp entwickelt hat, welche Rolle sein Glaube bei der Verbrechensaufklärung spielt und wie diese Romane den Wandel gesellschaftlicher Moralvorstellungen und Tabubrüche widerspiegeln.
- Vergleich der Ermittlungsmethoden von Pater Brown, Rabbi Small und Pfarrer Reichert.
- Untersuchung der Vereinbarkeit von Glauben und der Konfrontation mit Verbrechen.
- Analyse des Wandels in der Darstellung von Gewalt und Tabubrüchen im Zeitverlauf.
- Betrachtung der sozialen Rolle und Akzeptanz des geistlichen Detektivs innerhalb seiner Gemeinde.
- Einfluss der Autoren-Biografien und deren religiöser Hintergründe auf die Charaktergestaltung.
Auszug aus dem Buch
6.2 Brutalität und Tabubrüche
Anhand der ausgewählten Textbeispiele kann aufgezeigt werden, dass eine Entwicklung der klerikalen Detektivgeschichte im Laufe des 20. Jahrhunderts vor allem in der zunehmenden Auflösung von Tabus gegeben ist. Es werden immer extremere Tabubrüche präsentiert. Auch der von religiösen Motiven getriebene Ermittler, ist einer Werteverschiebung innerhalb der Zeit unterlegen. Die Verbrechen werden nicht nur immer gewalttätiger, sondern beinhalten vor allem brutaler werdende Probleme: hatte Pater Brown in der Erzählung „lediglich“ einen Diebstahl aufzudecken, so ermittelt Rabbi Small bei Kemelman schon wegen Mordes aufgrund von Ehebruch. Zahlreiche Pater-Brown-Geschichten kommen ohne Leiche aus, die beschriebenen Tabubrüche sind oft unblutiger Natur. Wenn die Erzählungen einmal doch Mord zum Inhalt haben, dann wird dieser nicht in allen Einzelheiten ausgeleuchtet. Sprache und ein feiner Erzählstil sind bei Chesterton noch von Bedeutung. Dabei geht es nicht um eine möglichst detailgetreue und grausame Beschreibung eines Verbrechens zur Hervorrufung von Entsetzen bei den Lesern. Das mag an der eingeschränkten Länge der Erzählung als solcher liegen, doch lässt sich tendenziell eine wachsende Schaulust in der Kriminalliteratur beobachten, was sich auch an neueren Bezeichnungen wie dem „Thriller“ oder gar „Psycho-Thriller“ innerhalb der Gattung ablesen lässt.
Bei Kemelman geht es um ein zu der Zeit noch skandalöses Delikt, gemessen an damals prüden amerikanischen Verhältnissen. Besonders durch die Einbettung der Handlung in ein Kleinstadtmilieu und ein Verbrechen, das von einem Gesetzeshüter ausgeführt wurde, ist der Fall zumindest für die Beteiligten eine Schande und wirkt dadurch authentisch. Der Mordszene selbst kommt aber auch hier kaum Bedeutung zu. Sie wird lediglich in einem kurzen Abschnitt geschildert, sachlich und ohne weitere Einzelheiten. Der Rabbi mag zwar Mitleid mit dem Opfer empfinden, doch verfolgt ihn nicht die Grausamkeit des Verbrechens, so wie es den Ermittlern in vielen aktuellen Kriminalromanen ergeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Rolle geistlicher Detektive und deren Umgang mit Sünde und Verbrechen innerhalb des Kriminalromans.
2. Hintergrund: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des geistlichen Ermittlers vom katholischen Pater über den jüdischen Rabbi bis zum evangelischen Pfarrer im Ruhestand nach.
3. Die Protagonisten: Hier werden die Charaktereigenschaften und die soziale Stellung der drei Geistlichen in ihren jeweiligen Gemeinden detailliert untersucht.
4. Zufällige Situationen der Verbrechensermittlung: Dieses Kapitel analysiert, wie die Geistlichen in Kriminalfälle verwickelt werden und wie sie selbst teilweise in den Verdacht der Polizei geraten.
5. Die Ermittlung: Hier werden die spezifischen Ermittlungsmethoden, Ziele der Verbrechensaufklärung und die Zusammenarbeit mit offiziellen Polizeikräften beleuchtet.
6. Das dargestellte Weltbild gemessen an der Realität: Dieses Kapitel setzt sich kritisch mit der Darstellung von Moral, der Zunahme von Gewalt und Tabubrüchen sowie der Rolle von Frauenfiguren auseinander.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung des geistlichen Ermittlers in einer sich wandelnden Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Geistliche Ermittler, Kriminalroman, Pater Brown, Rabbi Small, Pfarrer Reichert, Kriminalliteratur, Religion, Verbrechensaufklärung, Tabubrüche, Moral, Mord, Detektivgeschichte, Theologie, Literaturanalyse, Gesellschaftsroman.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Funktion von Geistlichen als Ermittler in der Kriminalliteratur des 20. Jahrhunderts unter Berücksichtigung religiöser und gesellschaftlicher Aspekte.
Welche Autoren und Werke stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die Analyse konzentriert sich auf G. K. Chestertons "Pater Brown", Harry Kemelmans "Am Freitag schlief der Rabbi lang" und Annette Döbrichs "Abendfrieden".
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, Übereinstimmungen und Unterschiede in der theologischen Herangehensweise der Ermittler aufzuzeigen und den Wandel des Genres in Bezug auf Brutalität und gesellschaftliche Tabus darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit genutzt?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der die literarischen Texte vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit und der Biografien der Autoren analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Charakterisierung der Ermittler, den Umständen ihrer Fallbeteiligung, ihren spezifischen Methoden (wie dem Talmud-Studium) und der gesellschaftlichen Realität in den Romanen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Studie?
Zentrale Begriffe sind geistliche Ermittler, Kriminalroman, Religion, Moral, Tabubrüche und die spezifische "Sünder-Perspektive" bei der Verbrechensaufklärung.
Wie unterscheidet sich die Ermittlungsmethode des Rabbiners von der des Paters?
Während Pater Brown intuitiv und theologisch argumentiert, nutzt Rabbi Small die logisch-analytische Methode des "Pilpul" zur Anwendung des Talmud auf die jeweilige Kriminalgeschichte.
Welche Rolle spielen Frauenfiguren in den analysierten Romanen?
Die Arbeit stellt fest, dass Frauen in moderneren Werken wie denen von Annette Döbrich eine wichtigere Rolle einnehmen und auch als erotische Projektionsfläche in die Gedankenwelt des Ermittlers Eingang finden.
Warum wird im Fazit ein Wandel des geistlichen Ermittlers prognostiziert?
Die Autorin argumentiert, dass angesichts einer enttabuisierten Gesellschaft und zunehmender Brutalität einfache Seelsorge künftig nicht mehr ausreicht, was eine Anpassung der Ermittler an eine komplexere, teils religiös motivierte Kriminalität erfordert.
- Quote paper
- Therese Hochhuth (Author), 2003, Vergleich von geistlichen Ermittlern in Kriminalromanen des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69478