Lessings Minna von Barnhelm und die Interpretation von Günter Saße


Seminararbeit, 2006

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Historische Erläuterungen
1.1 Kontributionen
1.2 Tellheim und die Kontributionen

2. Ältere Deutungen
2.1 Minnas Perspektive
2.2 Tellheims Perspektive

3. Saße
3.1 Die Saße-These
3.1.1 Familie und Gesellschaft
3.1.2 „Die Ehre ist – die Ehre“
3.1.3 Pessimismus Tellheims
3.1.4 Minna und die Inhaftierung
3.1.5 Mitleid
3.1.6 Minna führt ihre Intrige weiter
3.2 Kritik an der Saße-These
3.2.1 Minna ist inhalts- und gedankenleer?
3.2.2 Ist Minna wirklich so emanzipiert?
3.2.3 Die Wendung in der Beschimpfung?

4. Fazit

Literatur

0. Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die Saße-Interpretation[1] von Lessings Minna von Barnhelm auf das Werk zutrifft.

Im Verlauf der Arbeit werden vorerst historische Erläuterungen zum Stück gegeben, woran ältere Interpretationsweisen gestellt werden, die entweder den Standpunkt der Minna genauer beleuchteten oder den des Tellheim.

Aus diesen beiden Interpretationsmodellen wird schließlich der Deutungsversuch von Günter Saße zusammengesetzt, welcher im letzten Teil der Arbeit mit Hilfe neuerer Forschungsliteratur kritisch beleuchtet wird.

Diese Forschungsliteratur sieht das Saße-Modell als überholt an, was in der folgenden Arbeit versucht wird zu belegen.

1. Historische Erläuterungen

1.1 Kontributionen

Friedrich II. bediente sich während des Siebenjährigen Krieges dem Mittel der Kriegskontributionen, also Kriegssteuern, die er von seinen Kriegsgegnern forderte, um den Krieg finanzieren zu können. Der Nebeneffekt dieser Steuern war, dass die Gegner Preußens erheblich geschwächt wurden.[2]

Oft stiegen diese Kontributionen in enorme Höhen, und die eroberten Länder konnten die Einforderungen nicht zahlen. Aus dieser Notlage heraus bildete sich eine Institution der Zwischenfinanzierung, in welcher private Geldgeber die Kontributionssumme vorschossen.[3]

Hierbei war es möglich, einen erheblichen Gewinn zu erzielen, indem schlechtes neues Geld verliehen wurde und gutes altes Geld wieder zurückgezahlt.[4] Dass das neue Geld vom Wert her schlechter war, lag am Missbrauch des staatlichen Privilegs der Münzprägung, die Friedrich II nutzte, um aus seiner Finanzknappheit heraus zu kommen.[5]

Unmittelbar nach Kriegsende gab es eine Wirtschaftskrise, die die Kriegsfinanziers auf zahlungsunfähige Schuldner stoßen ließ. Aufgrund dieser Lager schuf Friedrich II. eine Immediate Wechselkommission am 22. August 1763.[6] Dort konnten die Geldgeber ihre Zahlungen zurückfordern.[7]

1.2 Tellheim und die Kontributionen

Der Major von Tellheim hatte den Befehl bekommen, bei den thüringischen Ständen Sachsens Kontributionen einzuziehen.[8] Er streckte die Differenz zwischen dem, was die thüringischen Stände zahlen konnten, und dem, was von ihnen eingefordert wurde, vor.[9] Dabei handelte es sich um genau 2000 Pistolen.[10] Die Stände gaben Tellheim einen Wechsel, durch den sie sich verplichteten, die Schulden zu einem bestimmten Zeitpunkt zurück zu zahlen. Diesen Wechsel reichte er bei der preußischen Behörde, die seine Ansprüche gegen die sächsischen Schuldner vertrat. Er hat also den Wechsel an die preußische Finanzbehörde „Fond d’Amortissement“ verkauft und ihn somit auch gesichert, denn sonst würde der Wechsel unter den im Friedensvertrag festgelegten allgemeinen Verzicht auf Schuldentilgung ungültig werden.[11] Tellheim wird nun vorgeworfen, dass er die Differenzsumme nicht vorgeschossen und sich mit dem Wechsel hat bestechen lassen, damit er sich mit der geringstmöglichen Kontributionssumme zufrieden gab.[12] Dieser Vorwurf bedeutet einerseits einen erheblichen finanziellen Verlust, andererseits eine Anklage wegen „passiver Bestechlichkeit in Tateinheit mit Unterschlagung und Betrug“[13] für Tellheim.[14] Er muss also damit rechnen, für längere Zeit inhaftiert, eventuell sogar wegen Landesverrats verurteilt zu werden. Auch sein Aufenthalt in Berlin ist alles andere als freiwillig, denn er wartet dort das Urteil der Kriegskommission ab.[15]

2. Ältere Deutungen

Bevor Günter Saße sein Interpretationsmodell veröffentlichte gab es immer wieder Ansätze, die entweder Tellheim in seiner Position recht gaben oder für Minna Verständnis hatten. Bei diesen Interpretationen war immer eine der beiden Figuren die weniger tugendhafte, sozusagen der „Verlierer“ des Lustspiels. Beide Interpretationsansätze werden an dieser Stelle nun kurz erläutert.

2.1 Minnas Perspektive

Dieses Interpretationsmodell sieht im Zentrum des Stücks eine Überwindung des zu viel an Stolz und Ehre in Tellheims Charakter. Hierbei werden die historischen Umstände im Drama weitgehend ausgeblendet. Als Beispiel soll Renate Wägers Interpretation der Minna von Barnhelm dienen.[16]

Nach Wäger wendet sich Lessings Minna von Barnhelm gegen eine „Parteinahme für eine überpersönliche Allgemeinheit, der gegenüber die Reflexion auf individuelles Glück schwindet“[17], also zum Beispiel gegen eine Heirat, die nur aus Ehrgefühl und nicht aus Liebe geschlossen wird.

Tellheim unterliegt zu Beginn des Lustspiels dem Eigensinn des „Nur-Geben-Wollens“[18]. Dies wird schon zu Beginn klar, als er Just entlassen will und auch von Werner kein Geld annimmt. Just allerdings schafft es, dass er in Tellheims Diensten bleiben kann. Dies sieht Renate Wäger als erste Lektion in Menschlichkeit für Tellheim. Er müsse nun erkennen, dass er durch seine Haltung, von einem geliebten Menschen nichts annehmen zu wollen, unmenschlich wird. Werner dagegen versucht durch eine List, Tellheim Geld zu geben, indem er vorgibt, die Schulden des Rittmeisters Marloff zurückzuzahlen. „Und wirst du dich schämen?“[19] verlangt Tellheim von Werner, obwohl er selbst erst in I, 6 der Witwe Marloff durch eine List Geld geschenkt hat.

In seiner Weigerung, Minna zu ehelichen sieht Renate Wäger einen Widerspruch. Er werde dadurch, dass er sich seinem Unglück unterwerfe und niemanden sonst damit behelligen wolle, unmenschlich. Hierbei führt Minna an, für sie sei die Ehre „ein ehrenhaftes Mädchen, das Sie liebt, nicht sitzen zu lassen“[20].

Doch Tellheim meint:

„Es ist eine nichtswürdige Liebe, die keine Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zärtlichkeit –“[21].

Für Minna ist dies, nach Renate Wäger, ein Herabsetzen von ihrer Liebe. Sie merke, dass Tellheim mit Argmumenten allein nicht mehr beizukommen sei und beginne ihr Spiel, welches die Intension habe, Kritik an der Disproportion zwischen Geben und Nehmen bei Tellheim zu üben. Sie gebe ihm vor, selbst hilfsbedürftig zu sein, um seine Gefühle zu reaktivieren. Nun ist Tellheim plötzlich bereit, sich Geld bei Werner zu leihen, und er entwickelt ein Desinteresse am eigenen Unglück. Jedoch bringe ihm das noch keine Einsicht in sein Missverhalten. Die Bereitschaft, Minna zu heiraten, komme nun durch die äußere Gleichheit zwischen den Partnern zustande. Minna fixiere ihn also in dieser Lage und führe ihm sein eigenes Verhalten vor Augen, indem sie sich weigert, seine Hilfe anzunehmen.

Das Schreiben des Königs mache wieder unsicher, ob Tellheims Glück nicht doch an seiner Rehabilitierung anstatt an Minna hänge. Doch als Tellheim sich entschließt, nicht mehr in die Dienste des Königs einzutreten, werde eine Läuterung deutlich. Tellheim vertrete nun auch Minnas Position: „Der Standpunkt Minnas, die ihn von jeher um seiner selbst willen geliebt hat und sich daher von Verleumdung ihr Glück nicht zerstören lassen wollte, vertritt nun auch Tellheim.“[22] Minnas weiteres Spiel diene nur dazu, sich Gewissheit darüber zu verschaffen. Tellheim erkenne schließlich seine Aussagen als falsch und nehme sie zurück.

Minna selbst werde durch die Erweiterung des Ringspiels geläutert, nicht allzu übermütig mit ihren Streichen umzugehen.

[...]


[1] Saße, Günter: Liebe und Ehe. Oder: Wie sich die Spontaneität des Herzens zu den Normen der Gesellschaft verhält. Lessings Minna von Barnhelm, Tübingen 1993 (=Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur Bd. 40).

[2] Vgl. Schönborn, Sibylle: Erläuterungen und Dokumente. Gotthold Ephraim Lessing. Minna von Barnhelm, Stuttgart 2003, S. 50.

[3] Vgl. Ebd. S. 51.

[4] Vgl. Ebd. S. 54.

[5] Vgl. Ebd. S. 59.

[6] Vgl. Ebd. S. 57f.

[7] Vgl. Kagel, Martin: Aufklärung, Kriegserfahrung und der Ort des Militärs in Gotthold Ephraim Lessings Minna von Barnhelm, in: Lessing Yearbook 25 (2003), S. 20.

[8] Vgl. Saße, S. 66.

[9] Vgl. Kagel, S. 19.

[10] Vgl. Saße, S. 67.

[11] Vgl. Ebd. S. 68f.

[12] Vgl. Ebd. S. 71.

[13] Kagel, S. 20.

[14] Vgl. Ebd. S. 20.

[15] Vgl. Ebd. S. 20.

[16] Für das Folgende vgl. Wäger, Renate: Lessings Minna von Barnhelm : Gattungsgeschichtliche Errungenschaften auf dem Hintergrund der Komödientradition. (Mit einem Versuch der Revision bisheriger Deutungsmuster), Erlangen 1983, S. 32.

[17] Ebd. S. 32.

[18] Ebd. S. 52.

[19] Lessing, Gotthold Ephraim: Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Verfertiget im Jahre 1763, Stuttgart 2004, S. 55.

[20] Ebd. S. 76.

[21] Ebd. S. 83.

[22] Wäger, S. 67.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Lessings Minna von Barnhelm und die Interpretation von Günter Saße
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Lessings Dramen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V69490
ISBN (eBook)
9783638601368
ISBN (Buch)
9783638793810
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessings, Minna, Barnhelm, Interpretation, Günter, Saße, Proseminar, Dramen
Arbeit zitieren
Melanie Lenk (Autor), 2006, Lessings Minna von Barnhelm und die Interpretation von Günter Saße, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69490

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