Exegese von 2. Könige 20,1-7: Hiskias Krankheit und Genesung


Seminararbeit, 1998

50 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Formales Vorwort

1. Übersetzung 2. Könige 20,1-7

2. Textkritik anhand der Anmerkungen des textkritischenApparates der BHS

3. Literarkritik
3.1. Vorarbeiten
3.1.1. Sprach- und Strukturanalyse 2. Könige 20,1-7
3.1.2. Vergleich mit Jesaja 38, 1-22
3.2. Ist der Text 2. Könige 20,1-7 einheitlich?
3.2.1 Ist der Text homogen?
3.2.1.1. Doppelungen
3.2.1.2. Brüche
3.2.1.3. Ungereimtheiten
3.2.1.4. Widersprüche
3.2.2. Ist der Text einheitlich?
3.2.2.1. Thesen aus 100 Jahren Theologiegeschichte
3.2.2.2. Persönliches Urteil
3.3. Die Perikope im Kontext
3.3.1. Der Kontext der Königebücher
3.3.2. Der Kontext des Berichtes über Hiskias Königszeit

4. Formgeschichte
4.1. Gattung des Textes
4.2. „Sitz im Leben“
4.3. Kleinere Gattungen im Text
4.4. Resümee

5. Überlieferungsgeschichte
5.1. bei historischer Zuverlässigkeit des Textes
5.2. bei Wachstum des Textes ohne historische Grundlage

6. Traditionsgeschichte

7. Redaktionsgeschichte
7.1. bei historischer Zuverlässigkeit des Textes
7.2. bei Wachstum des Textes ohne historische Grundlage

8. Einzelexegese

9. Theologische Auswertung

10. literarische Quellen
10.1 Kommentare
10.2. Formgeschichtliche Abhandlung
10.3. Bibelausgaben
10.4 Monographien
10.5. Methodenlehre
10.6. Wörterbücher und Lexikonartikel

Formales Vorwort

Mir ist bewusst, dass diese Arbeit die normale Länge eine Proseminararbeit übersteigt, aber im Gegensatz zu meiner letzten exegetischen Arbeit (NT-Proseminar bei Tim Schramm) kann ich es hier begründen:

1. hielt ich es für nötig, den Text unter zwei verschiedenen Aspekten der Geschichtsdeutung historisch-kritisch auszulegen: unter dem, welcher die Historizität biblischer Geschichten, speziell Wundergeschichten, mit der Begründung des „wissenschaftlichen Zweifels“ für unmöglich hält, und unter dem, der versucht, die Geschichte unabhängig vom eigenen Erfahrens-, Verstehens- und Vernunfthorizont so lange wie möglich für historisch zu halten. (s. S. 19 / 20). Hierbei umgehe ich allerdings ein Urteil über die Richtigkeit der Thesen über das „Deuteronomistische Geschichtswerk“, da eine Sprach- und Strukturanalyse des Deuteronomiums und der vorderen Propheten in den für diese Arbeit vorgegebenen 6 Wochen nicht zu bewerkstelligen war.
2. habe ich die Deutungsversuche des Textes im Wandel der letzten 100 Jahre in Deutschland und im englischsprachigen Raum exemplarisch dargestellt und zu deuten versucht, um so die oft fast als verbalinspiriert geltenden wissenschaftlichen Meinungen in ihrem historischen und geographischen Kontext greifbar zu machen, als menschliche Ansichten aufgrund einfacher, meist nachvollziehbarer Annahmen zu erkennen und an ihnen meine eigene menschliche Ansicht zu überprüfen und ebenfalls greifbar zu machen.
3. habe ich die in den Richtlinien für Proseminararbeiten vorgegebenen Randbreiten überschritten, und zwar

- links um 1,5 cm, da so trotz Klemmschiene und umgeblätterten Seiten immer noch 5 cm Schreibrand zur Verfügung stehen dürften
- rechts um 1 cm, damit die Blätter notfalls ohne Verluste kopiert werden können.
- unten um 0,5 cm, da sonst mein Drucker den unteren Rand vorenthalten hätte.

1. Übersetzung 2. Könige 20,1-7

1 In jenen Tagen erkrankte Hiskia zum Tode; und Jesaja, der Sohn des Amoz, der Prophet, kam zu ihm und sprach zu ihm: „So hat JHWH gesprochen: Ordne deine Angelegenheiten,[1] denn sterbend bist du, und du wirst nicht <weiter> leben.“
2 Und er wandte sein Angesicht zur Wand, und er betete zu JHWH folgendermaßen:
3 „Ach JHWH, gedenke doch dessen, wie ich gewandelt bin vor deinem Angesicht, mit Treue und mit ungeteilt ergebenem Herzen, und das in deinen Augen Gute tat.“ Und Hiskia weinte, ein großes Weinen <war das>.
4 Und es geschah: Jesaja war <noch> nicht aus dem mittleren Vorhof[2] herausgegangen;[3] und das Wort JHWHs geschah zu ihm folgendermaßen:
5 „Kehre um; und du sollst zu Hiskia, dem Häuptling meines Volkes, sprechen: So hat JHWH, der Gott deines Vaters David gesprochen: Ich habe dein Gebet gehört, ich habe deine Tränen gesehen; siehe, ich heile dich; am dritten Tage wirst du hinaufsteigen zum Haus JHWHs.
6 Und ich werde zu deinen Tagen fünfzehn Jahr hinzufügen, und aus der Faust des Königs von Assur werde ich dich reißen - und diese Stadt! Und ich werde über dieser Stadt wachen, meinetwegen und meines Knechtes David wegen.“
7 Und Jesaja sprach: „Nehmt einen Fladen von Feigen!“ Und sie nahmen <einen>, und sie legten <ihn> auf das Geschwür, und er lebte.

2. Textkritik anhand der Anmerkungen des textkritischen pparates der BHS

In Bezug auf die verschiedenen Lesarten bedarf es keiner Erklärung, warum wir die Anmerkungen der BHS zugrunde legen[4]. Die Handschriften liegen mir nicht vor, ich muss dem Apparat glauben. Darüber hinaus enthält er aber auch ein paar interessante Erwägungen, denen wir hier nachgehen müssen.

Insgesamt gehen wir hier davon aus, dass die vom Jesajatext abweichende Fassung die ursprünglichere ist, da eine nachträgliche Angleichung verständlicher ist als eine nachträgliche Abweichung. Daher gehen wir in der Textkritik nicht darauf ein, wenn der Apparat lediglich den Unterschied in der Jesajaparallele anführt.

V.2 ergänzen einige Hss den Namen Hiskias, so wie auch der Jesajatext liest. Die Lesart ohne Hiskia ist sowohl die lectio brevior als auch die lectio difficilior. Außerdem ist eine nachträgliche Änderung, die von der Jesajaparallele abweicht, schwerer denkbar als eine nachträgliche Angleichung. Daher entscheide ich mich für den Masoretischen Text.

Im selben Vers lassen wenige Hss die Formulierung wyn"P'-ta, aus. Die überwiegende Mehrheit der Texte hat sie allerdings, und es spricht nichts für die Lesart ohne sie.

V.4 lässt die LXX die Formulierung ac'y" al{ aus. Es gibt jedoch keinen hebräischen Beleg dafür. Inhaltlich ist es sowieso dasselbe, ob Jesaja im Vorhof war oder noch nicht aus ihm hinausgegangen. Die LXX hat also einfach freier übersetzt.

Viele Handschriften lesen mit Qere nicht ry[ih, sondern rcex. Auch die Editoren des Codex L favorisieren diese Lesart. Für ry[ih spräche, dass Substantiv ohne und folgendes Adjektiv mit Artikel kein gutes Hebräisch sind. Allerdings ist die Rede von der äußeren Stadt nirgendwo sonst in der Hebräischen Bibel belegt. Der äußere Vorhof ist viel logischer. Bis zum archäologischen Erweis einer inneren und einer äußeren Stadt im altertümlichen Jerusalem folgen wir also dem Qere.

In V. 6 fragt der Apparat, ob die Formulierung ynI[]m;l. taZOh; ry[ih'-l[; ytiANg:w yDIb.[; dwID' ![;m;l.W hier hinzugefügt ist, weil sie auch in 2. Kön 19,34 vorkommt. Es gibt jedoch keinen Beleg für die Lesart ohne sie. Es ist auch nicht unvorstellbar, dass Gott zweimal dasselbe verheißt. Die Tendenz wäre eher, die ursprüngliche Doppelung zu eliminieren. Darin waren die Abschreiber des hebräischen Textes aber zurückhaltender als seine modernen Herausgeber. Dass die Doppelung ihnen unangenehm auffiel, heißt nur, dass sie die lectio difficilior ist. Wir behalten darum die Formulierung bei. Dasselbe gilt auch für das sperrige taZOh; ry[ih' taew>.

Alle weiteren Varianten des Apparates lassen sich entsprechend erklären: Es sind entweder nachträgliche Angleichungen an die Jesajaparallele oder reine Minderheitentexte. Die Lesart des Masoretischen Textes ist, abgesehen vom Ketib in V. 4, durchgehend die wahrscheinlichere.

3. Literarkritik

3.1. Vorarbeiten

3.1.1. Sprach- und Strukturanalyse 2. Könige 20,1-7

Vers 1: - Zeitangabe: in jenen Tagen[5]

- Verbalsatz: Subjekt Hiskia; wird todkrank (Perfekt)
- Verbalsatz: Subjekt Jesaja, kommt und spricht (beides Narrativ)
- wörtl. Rede: - Botenformel: „So spricht (Perfekt) JHWH“
- Befehl, „Haus zu bestellen“ (Imperativ)
- Begründung des Befehls: - Partizipialsatz: Subjekt „du“, liegt im Sterben (Partizip)
- Verbalsatz: Subjekt „du“, wird nicht <weiter> leben (Imperfekt)

Vers 2: - Verbalsatz: Subjekt „er“, wendet sein Gesicht (Narrativ)

- Verbalsatz: Subjekt „er“, betet (Narrativ) zu JHWH
- Überleitung zur wörtl. Rede: „folgendermaßen“

Vers 3: - Anrede an JHWH

- Relativsatz: - Aufforderung zu gedenken (Imperativ / Adhortativ)
- Inhalt dieses Gedenkens: - Verbalsatz: Subjekt „ich“, ist gewandelt (Perfekt) vor JHWH mit Treue und ungeteiltem Herzen
- Verbalsatz: Subjekt „ich“, hat das in JHWHs Augen Gute getan (Perfekt)
- Verbalsatz: Subjekt Hiskia, weint (Narrativ)
- Ausruf („Ein großes Weinen!“) oder Nominalsatz („Ein Weinen war groß“)

Vers 4: - Einschnitt: „und es geschah“

- Verbalsatz: Subjekt Jesaja, war noch nicht ganz draußen (Perfekt)
- Verbalsatz: „Subjekt“ das Wort JHWHs, geschieht zu ihm (Perfekt)
- Überleitung zur wörtl. Rede: „folgendermaßen“

Vers 5: - Befehl umzukehren (Imperativ) und zu sprechen (Imperfekt / Jussiv) zu Hiskia + Apposition

- Inhalt dieses Sprechens: - Botenformel: „So spricht (Perfekt) JHWH + Apposition“
- Verbalsatz: Subjekt „ich“, hat gehört (Perfekt)
- Verbalsatz: Subjekt „ich“, hat gesehen (Perfekt)
- Partizipialsatz: „Siehe“ + Suffix des Subjektes „ich“, heilt (Partizip) + Suffix des Objektes „dich“
- Zeitangabe: am dritten Tag
- Verbalsatz: Subjekt „du“, wird steigen (Imperfekt) zum Haus JHWHs

Vers 6: - Verheißung: - Verbalsatz: Subjekt „ich“, wird hinzufügen (Perfectum consecutivum)

- Verbalsatz: Subjekt „ich“, wird befreien (Imperfekt) + Suffix des Objektes „dich“ + Akkusativobjekt „diese Stadt“
- Verbalsatz: Subjekt „ich“, wird „diese Stadt“ beschirmen (Perfectum consecutivum)
- Begründung der Verheißung: „meinetwegen und meines Knechtes Davids wegen“

Vers 7: - Verbalsatz: Subjekt Jesaja, spricht (Narrativ)

- Inhalt dieses Sprechens: - Befehl, Feigenfladen zu nehmen (Imperativ)
- Verbalsatz: Subjekt „sie“, nehmen und legen (beides Narrativ)
- Verbalsatz: Subjekt „er“, lebt (Narrativ)

3.1.2. Vergleich mit Jesaja 38,1-22

Vers 1 ist in beiden Fassungen gleich

In Vers 2 hat die Jesaja-Fassung das Subjekt Hiskia, die 2.-Könige-Fassung nicht.

Vers 3 ist fast identisch. Nur das hebräische Wort für „Herz“ hat in der Jesaja-Fassung ein Beth (bleb.W), in der 2. Könige - Fassung zwei (bb'leb.W)

In Vers 4 fehlt in der Jesaja-Fassung die Ortsangabe Jesajas. Der Leser erfährt also nicht, dass Jesaja das Krankenzimmer des Königs schon wieder verlassen hat. Dafür hat die Jesaja-Fassung die Angabe, dass JHWHs Wort zu Jesaja geschieht, während in 2. Könige nur „zu ihm“ steht.[6]

In Vers 5 hat die Jesaja-Fassung den Befehl zu gehen. Jesaja ist offenbar schon längere Zeit vom König entfernt. Die 2.-Könige-Fassung hat den Befehl umzukehren, Jesaja ist ja gerade erst losgegangen. Die Bezeichnung Hiskias als „Häuptling meines Volkes“ fehlt im Jesajabuch. Der Partizipialsatz mit dem Inhalt, dass JHWH Hiskia heilt, fehlt ebenfalls.

Die Verheißung aus 2. Könige 20,6, dass JHWH Hiskias Leben verlängern wird, steht in Jesaja 38 bereits in Vers 5 als Partizipialsatz, durch „Siehe“ eingeleitet, also in derselben Konstruktion, in der in 2. Könige 20,5 die Verheißung der Heilung steht. Die Begründung der Heilung mit JHWH selbst und David fehlt im Jesajabuch, steht aber Jes 37,35, an der Parallelstelle zu 2. Kön 19,34.

2. Könige 20,7 steht in Jesaja 38 erst in Vers 21, allerdings eher in der Lesart, welche die LXX auch in der 2.-Könige-Fassung hat, mit dem Unterschied, dass in Jesaja der Prophet als sprechendes Subjekt genannt ist, Befehl und Verheißung also wörtliche Rede Jesajas über die Diener ist und nicht wörtliche Rede Gottes zu Jesaja. Das „Nehmen“ ist in 2. Könige eine Form von xql, in Jesaja eine von afn, in 2. Könige wird der Fladen auf das Geschwür gelegt (WmyfiY"w), in Jesaja soll er darauf gestrichen werden (Wxr>m.yIw>).

Jesaja 38,7-8 entspricht stark gekürzt in etwa 2. Könige 20,9-11.

Jesaja 38,9-20 behandeln einen Psalm Hiskias, der keine Parallelstelle hat.

Jesaja 38,22 entspricht gekürzt 2. Könige 20,8.

Eine genauere Untersuchung dieser Passagen würde en Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es genügt zu beachten, dass sie in der Jesaja-Fassung mit unserer Perikope vermischt sind.

3.2. Ist der Text 2. Könige 20,1-7 einheitlich?

3.2.1. Ist der Text homogen?

Brüche, Wiederholungen, Sprünge und Widersprüche im Text beeinträchtigen die Homogenität des Textes und können ihn als uneinheitlich erscheinen lassen. Ich will diese Merkmale zunächst auflisten und in mich in einem nächsten Arbeitsschritt mit ihren Deutungsmöglichkeiten befassen.

3.2.1.1. Doppelungen

In Vers 1 heißt es zunächst, dass Hiskia todkrank wurde. Dann wird berichtet, wie Jesaja Hiskias Sterben konstatiert. Danach kündigt Jesaja an, Hiskia werde nicht am Leben bleiben. Hiskias bevorstehender Tod wird also allein im ersten Vers dreimal in Worte gefasst.

In Vers 3 erinnert Hiskia JHWH an seinen (Hiskias) Lebenswandel. Dieser sei 1. in Treue und 2. mit ungeteiltem Herzen vonstatten gegangen, 3. habe Hiskia das getan, was in JHWHs Augen gut ist. Die ersten beiden Punkte meinen zweifellos dasselbe, wenn nicht sogar alle drei letztlich nur Hiskias untadeligen Lebenswandel umschreiben sollen. Eine Doppelung liegt aber mindestens vor.

Derselbe Vers 3 berichtet dann davon, dass Hiskia weinte; das Weinen wird als „groß“ charakterisiert. Das Motiv des Weinens kommt also in zwei verschiedenen Formulierungen vor.

3.2.1.2. Brüche

Ohne dass in den Versen 1 und 2 von Jesajas Weggang berichtet würde, ist in Vers 4 auf einmal davon die Rede, er sei schon im mittleren Vorhof, so dass JHWH ihn dann in Vers 5 zum Umkehren auffordern muss.

In Vers 6 kündigt JHWH an, sowohl Hiskia als auch Jerusalem aus der Abhängigkeit von Assur zu befreien. Hiskias Befreiung wird durch das Objektsuffix beschrieben (^l.yCia;), die Befreiung der Stadt allerdings als Akkusativobjekt, eingeleitet durch tae.

Der Text berichtet nicht davon wie Jesaja die ihm in Vers 5-6 von JHWH gegebene Aufgabe ausführt und zurückgeht. Stattdessen steht er in Vers 7 auf einmal wieder im Krankenzimmer.

3.2.1.3. Ungereimtheiten

In Vers 1 geht es nur um Hiskias Krankheit. In Gottes Verheißung Vers 6 geht es auch noch um die Belagerung durch die Assyrer und um JHWHs Beziehung zur Stadt Jerusalem im Allgemeinen, also um viel mehr. Hiskias Gebet Vers 3 hat keines dieser Probleme beim Namen genannt.

In Vers 1 steht die Botenformel nur mit dem Namen JHWHs, in Vers 5 wird dieser Name in der Botenformel durch die Apposition „der Gott deines Vaters David“ erläutert.

In Vers 1 ist JHWH fest entschlossen, Hiskia sterben zu lassen, in Vers 5 bezeichnet er ihn als den „Häuptling meines Volkes“ und ist nicht etwa zähneknirschend, sondern liebevoll fest entschlossen, ihn zu heilen.

JHWH bedient sich in Vers 1 und 5-6 eines Mittlers, um zu Hiskia zu reden, Hiskia ist jedoch in Vers 2-3 fähig, ohne Mittler zu JHWH zu sprechen. Kann Hiskia etwas, das JHWH nicht kann?

3.2.1.4. Widersprüche

In Vers 3 bittet Hiskia, JHWH möge sich an Hiskias Lebenswandel erinnern. Vers 5 erwähnt JHWH Hiskias Gebet und Weinen, auf welches hin er offensichtlich nun antwortet. JHWHs Heilsverheißung Vers 6 wird aber nicht mit Hiskias Lebenswandel begründet, sondern mit JHWH selbst und dessen Knecht David.

In Vers 5-6 beauftragt JHWH Jesaja, Heil und Heilung für Hiskia und die Stadt zu verkündigen. Was Jesaja dann in Vers 7 sagt, hat damit fast gar nichts zu tun.

3.2.2. Ist der Text einheitlich?

Einige der Merkmale für mangelnde Homogenität des Textes waren für die meisten Exegeten Anlass, von einer Uneinheitlichkeit des Textes auszugehen. Andere ließen sich auch auf theologische Weise erklären.

Welche Teile des Textes als redaktionelle Erweiterungen anzusehen seien, hing sehr davon ab, ob man das in den Versen 8-11 berichtete Ereignis für noch zu unserer Perikope gehörig hielt oder für eine ursprünglich eigenständige Tradition. In Vers 8 bittet Hiskia um ein Zeichen dafür, dass JHWH ihn heilen werde, er bedient sich hierbei des Vokabulars, das wir in der Endgestalt des Textes bereits aus Vers 5 kennen. Daraufhin lässt Jesaja ihn wählen, ob der Schatten an den „Stufen des Ahas“ vor- oder zurückgehen soll. Hiskia wünscht sich, dass er zurückgeht, und so geschieht es. Wenn er jedoch in Vers 7 schon genesen ist, hat die Bitte um ein Zeichen für seine Heilung keinen Sinn.

Entweder also man hält Vers 7 für redaktionelle Erweiterung. Oder das Schattenwunder war ursprünglich eine Tradition, die mit Hiskias Krankheit nichts zu tun hatte, der vorigen Geschichte nur redaktionell angeschlossen wurde. Oder beides. Wobei dann zu fragen ist, ob Verse 8-11 angeschlossen wurden, bevor oder nachdem Vers 7 in der Geschichte erschienen war. Oder aber man sucht nach einer theologischen oder philologischen Erklärung.

3.2.2.1. Thesen aus 100 Jahren Theologiegeschichte

Dieser sehr lange Durchgang durch die deutsche und angelsächsische Theologie ist nicht repräsentativ,[7] aber exemplarisch; er erscheint mir wichtig, um nicht nur den Text, sondern auch seine verschiedenen Ausleger geschichtlich greifbar zu machen. Da die meisten von ihnen literarkritische Entscheidungen redaktionsgeschichtlich begründen und ich auf ihre Begründungen nicht verzichten möchte, geht dieser Punkt über die reine Literarkritik bereits hinaus, und ich werde auch in der redaktionsgeschichtlichen Untersuchung auf ihn zurückkommen.

Benzinger hielt 1899, also lange bevor Martin Noth mit seiner Entdeckung des „deuteronomistischen Geschichtswerkes“ auf den Plan trat, die Verse 1-11 für eine in sich geschlossene Prophetenlegende, die allerdings heute in einer stark überarbeiteten Fassung vorliegt. Sie stamme aus einer Jesajageschichte „in Analogie der Elia- und Elisa-Geschichten“.[8] Vers 7 erzähle „die Heilung als vollendete Thatsache ... Nur kann nicht ursprünglich erzählt worden sein, dass darauf hin erst Hiskia ein Zeichen verlangt habe dafür, dass er gesund werde.“[9] Vers 7 sei also redaktionelle Erweiterung. Außerdem schreibt Benzinger dem einen von ihm angenommenen Redaktor die Formulierungen ~lev' bb'le und ^yn<y[eB. bAJh hf[ zu, die „beim Redaktor beliebte Ausdrücke“ seien.[10] Immerhin seien sie schon öfter in den Königebüchern aufgetaucht, so 1. Kön 8,61; 11,38; 15,3.14 und in den jeweiligen Formeln zu Beginn der Berichte über die Könige. Das „in jenen Tagen“ in Vers 1 kommt nach Benzingers Meinung nicht vom Redaktor der Endgestalt, sondern „geht natürlich auf die in der Jesajageschichte vorangehende Erzählung, die wir nicht kennen ... Der Redaktor hat ... eine Umstellung der Reihenfolge seiner Quelle vorgenommen.“[11]

Scheint letztere These mir auch anhand des Textbefundes begründet zu sein, so glaube ich, dass Benzinger das Motiv des Hausmittels für später hinzugekommen hält, weil er das ursprüngliche für wertvoller hält und daher das theologisch wertvollere für ursprünglicher halten muss. Diese „Ursprünglichkeitsromantik“ passte gut in die Zeit um die Jahrhundertwende, wo das „ad fontes!“ der humanistischen Bildung noch laut tönte.

1912 war das schon anders, und so teilte Šanda den Text folgendermaßen ein: Für ihn sind die Verse 8-11 anderen Ursprungs als 1-7. Denn andernfalls wäre die Nachricht über Hiskias Genesung nicht schon in Vers 7, sondern erst in Vers 11 eingefügt worden.[12] Vers 7 muss also schon dagewesen sein, bevor Verse 8-11 angeschlossen wurden. Außerdem wird Hiskia in Vers 10 anders geschrieben als im übrigen Text (WhY"qiz>xiy>), was ebenfalls auf einen anderen Ursprung schließen ließe. Insofern müsste Vers 8 vom Redaktor stammen.

„In jenen Tagen“ in Vers 1 ist für ihn „eine allgemeine Anknüpfung“. Sie stammt seiner Meinung nach offensichtlich von dem von ihm angenommenen Autor der Verse 1-7 und 12-19, den er im 6. Jahrhundert ansiedelt, da er die Nachteile der Befreiung von Assur nicht thematisiert, sondern das babylonische Exil als „Endgericht“ darstellt.[13] Die bereits Benzinger aufgefallenen Formulierungen in Hiskias Gebet schreibt auch Šanda dem Redaktor zu, ebenso den „Fürst meines Volkes“ und den „Gott deines Vaters David“ in Vers 5.

Für noch später hinzugekommen hält Šanda den „dritten Tag“ in Vers 5. „Dann würde man besser verstehen, warum Hiskia noch ein besonderes Zeichen für das Eintreten der Genesung forderte. Es hätte sonst genügt, ihn auf die drei Tage zu vertrösten.“[14] Dieses Argument Šandas trüge aber nur, wenn seiner Meinung nach Verse 1- 11 eine Einheit wären. Das sind sie aber nicht. Insofern ist auch Šandas Text nicht homogen. Die Worte könnten auch vor der Verknüpfung der Texte hineingekommen sein.

[...]


[1] wörtl.ca. „Befehlige dein Haus“.

[2] Übersetzung folgt Qeré.

[3] möglich ist auch die Übersetzung „in den mittleren Vorhof hinausgegangen“.

[4] Der Teil „Textkritik“ aus der Originalarbeit ist beim Übertagen auf meinen neuen Computer verloren gegangen. Die hier vorliegenden Überlegungen sind von 2007.

[5] Ich werde mich hier der in den Wörterbüchern üblichen grammatischen Begrifflichkeit bedienen, da ich nicht in Hamburg Hebräisch gelernt habe, also mit der in Hamburg üblichen Begrifflichkeit nicht vertraut bin.

[6] Beides scheint mir einander zu bedingen: Da Jesaja bisher im Vers nicht vorgekommen ist, muß er nun erwähnt werden, damit deutlich wird, daß JHWHs Wort zu ihm geschieht und nicht zu Hiskia.

[7] Es fehlen die literarkritischen Modelle von Kittel, Rofé und Hobbs, weil ich sie mir nicht beschaffen konnte; sowie von Noth , weil er vor Abfassung gestorben ist.

[8] Immanuel Benzinger; Die Bücher der Könige; Kurzer Hand-Commentar zum AT 9; Freiburg i.B. / Leipzig / Tübingen 1899; S. 177.

[9] Benzinger S. 185.

[10] Benzinger S. 186.

[11] ebd.

[12] vgl. Albert Šanda; Das 2. Buch der Könige; Exegetisches Handbuch zum Alten Testament 9,2; Münster i. W. 1912; S. 313.

[13] ebd.

[14] Šanda S. 302.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Exegese von 2. Könige 20,1-7: Hiskias Krankheit und Genesung
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Ev. Theologie - Institut für Altes Testament und Biblische Archäologie)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die alttestamentliche Exegese
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
50
Katalognummer
V69667
ISBN (eBook)
9783638613934
ISBN (Buch)
9783638688864
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Leicht überarbeitete Fassung meiner Proseminararbeit: Anmerkungen der Dozentin eingearbeitet, neue Rechtschreibung, missverständliches geändert. Die griechische und hebräische Schrift sind die von BibleWorks. Respektloses Machwerk eines arroganten Zweitsemesters, der dachte, er wüsste alles besser als die Profs. Wenn ich sie heute lese, muss ich zugeben: Er hatte recht.
Schlagworte
Exegese, Könige, Hiskias, Krankheit, Genesung, Proseminar, Einführung, Exegese
Arbeit zitieren
Andreas Wendt (Autor), 1998, Exegese von 2. Könige 20,1-7: Hiskias Krankheit und Genesung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69667

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