Isabelle Eberhardts Reisebeschreibungen - Eindrücke zur afrikanischen Wüste und ihren Einwohnern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

36 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zu Isabelle Eberhardt

3 Reiseintentionen

4 Afrikanische Orte
4.1 Die Wüste
4.2 Städte
4.2.1 Afrikanische Städte
4.2.2 El-Oued
4.2.3 Europäische Städte

5 Menschen
5.1 Männer
5.2 Frauen

6 Abschlussbetrachtungen

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Isabelle Eberhardt ist mit dem Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert in eine Zeit einzuordnen, in der durch die Eroberung Algiers 1830 in Europa eine Orientmode aufkam, wodurch orientalische Standardthemen Einzug in die europäische Literatur und Malerei erhielten. Sie wurde von diesem Einfluss geprägt, schrieb über aktuell interessante Themen und bereiste Afrika, was zu der Zeit unter Autoren nicht unüblich war. Doch ihre Beziehung zu orientalischen Themen bzw. zu Afrika ist wesentlich komplexer und privater, was in der vorliegenden Arbeit herausgearbeitet werden soll.

Ich werde mich mit der Raum- und Menschendarstellung Eberhardts befassen, da sie in ihren Texten zentrale Themen einnehmen. Zunächst soll ein kleiner Überblick über ihre Biographie der Übersichtlichkeit dienen, wobei kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht. Anschließend gehe ich auf Eberhardts Reiseintentionen ein, die bezüglich der weiteren Ausführungen wichtig sind. Im vierten Kapitel werden Räume, die sie thematisiert – die Wüste, afrikanische und europäische Städte - untersucht. Da europäische Städte nicht so eine zentrale Rolle spielen wie afrikanische, werde ich nur die beiden wichtigsten – Marseille und Genf – behandeln. Bei den Darstellungen von Menschen ist eine Unterscheidung zwischen Männer- und Frauendarstellungen interessant und notwendig, weil sie vor allem in Afrika auf unterschiedliche Bereiche verteilt sind, was Eberhardt nicht anerkennt. Sie bricht aus der ihr zugeordneten weiblichen Rolle aus und verkleidet sich seit ihrer Kindheit immer wieder als Mann. Dies bietet ihr die Möglichkeit sich freier in Afrika zu bewegen. In diesem Kapitel beschränke ich mich auf die Menschen in Afrika, da sie für Eberhardt wichtiger als das Darstellen von Europäern waren. Dies beruht wohl auf ihrer Aversion gegen Europa und europäischen Einfluss in Afrika sowie gegen die bürgerliche Gesellschaft, die Bourgeoisie.

Beim ersten Lesen Eberhardts Texte zwingt sich der Eindruck auf, dass sie durch ihre persönliche Sichtweise und ihren Gesundheits- bzw. Gemütszustand geprägt zu sein scheinen.

Hans Christoph Buch bezeichnet ihre Erzählungen scheinbar treffend als „äußerst verdichtete atmosphärische Stimmungsbilder, die mit einem Minimum an Handlung auskommen“[1]. Aus Eberhardts Tagebüchern geht hervor, dass sie immer wieder von Depressionen und Fieberanfällen heimgesucht wurde. Bei den folgenden Untersuchungen wird aus diesen Gründen auch der Frage nachgegangen, inwieweit ihre Stimmungen bzw. ihre derzeitige persönliche Lage ihre Texte beeinflusst haben. Ich beschränke mich neben ihren Tagebüchern auf ihre Novellen, Kurzgeschichten und Reisenotizen. Es existieren zwei Romanfragmente, deren Berücksichtigung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2 Zu Isabelle Eberhardt

Eberhardt hatte früh ein ausgeprägtes Interesse für fremde Kulturen und beherrschte schon in ihrer Jugend viele Sprachen. Zu der Zeit setzte sich bereits mit arabischer Philosophie auseinander[2]. Darüber hinaus stand sie in Kontakt zu einem in der Sahara stationierten Kolonialoffizier, um sich mit der arabischen Kultur vertraut zu machen. Später wurde sie von einem arabischen Gelehrten, der in Paris im Exil lebte in religiösen Fragen unterwiesen. 1987 reiste sie mit ihrer Mutter nach Bône, wo sie sich von der Kolonialgesellschaft fern hielten und zum Islam konvertierten. Nach dem Tod ihrer Mutter blieb Eberhardt in Afrika, wo sie ihrem Reisedrang nachging und das Leben der Nomaden führte. Sie reiste in der Verkleidung eines arabischen Studenten oder Gelehrten mit Soldaten, Fremdenlegionären und Matrosen durch das Land und verkehrte dabei mit Prostituierten, Zwangsarbeitern und Sklaven[3]. Eberhardt setzte sich immer wieder durch ihre Reisen, die steten Geldsorgen und ihre bescheidene nomadische Lebensweise sowie durch den Konsum von Drogen und Alkohol Extrembedingungen aus. Sie litt ständig unter gesundheitlichen Problemen wie starken Fieber- und Schwächeanfällen. Vor allem aus finanziellen Gründen kehrte sie öfter nach Genf, Paris und Marseille zurück, um entsprechende Kontakte für ihre schriftstellerische Tätigkeit knüpfen zu können.

Auf monatelangen Wüstentouren, die sie teils allein unternahm, entstanden ihre Tagebücher, Kurzgeschichten, Novellen, Aufzeichnungen und zwei unvollendete Romane. Durch ihre finanzielle Notsituation nahm sie immer wieder verschiedene Verdienstmöglichkeiten an und arbeitete beispielsweise als Kriegsreporterin. Die französische Kolonialgesellschaft überwachte sie durch ihr Anderssein misstrauisch. Nachdem ein Mordanschlag auf sie ausgeübt wurde, verwieß man sie zeitweise des Landes. Im Marseiller Exil hielt sie sich bei ihrem Bruder auf. Aufgrund ihrer Heirat mit Slimène Ehni, einem algerischen Leutnant, erhielt sie die französische Staatsbürgerschaft und konnte nach Afrika zurückkehren.

Nach weiteren Reisen durch die afrikanische Wüste ließ sie sich mit Slimène am ausgetrockneten Fluss Aϊn-Sefra nieder, wo sie 1904 in einer Sturmflut umkam.

3 Reiseintentionen

Isabelle Eberhardt stammt aus einer Epoche, in der eine große Sehnsucht nach der Ferne allgegenwärtig war. Ihr persönlicher Drang nach dem Fremden erklärt sich an ihrer Kindheit. Sie lebte als Russin mit ihrer Familie in Genf. Die Genfer Gesellschaft missbilligte die Andersartigkeit dieser Familie allgemein und vor allem, dass ihre Mutter unverheiratet mit dem Hauslehrer Trofimofski zusammen lebte. In der Familie herrschten durch Trofimofski große Unruhen. Scheinbar hat Eberhardt durch diese Umstände kein Heimatgefühl vermittelt bekommen. In ihrem Tagebuch erwähnt sie ihre Faszination an der Fremde bereits als Kind empfunden zu haben:

Nomadin war ich schon als Kind; damals träumte ich, den Blick auf die Straße gerichtet, die anziehende weiße Straße, die unter der mir besonders strahlend scheinenden Sonne geradewegs ins zauberhafte Unbekannte führte … Nomadin werde ich mein ganzes Leben lang bleiben, verliebt in wechselhafte Horizonte, in noch unerforschte Fernen[.][4]

Marie-Odile Delacour und Jean-René Huleu geben an, dass sie mit dem Wunsch aus Genf aufbricht, nie wieder zurückzukehren, weil sie mit einem Jahrhundert, mit der Zivilisation und ihrer Familie abschließen möchte[5]. Eberhardt drückt in ihren Texten an verschiedenen Stellen ihre Abneigung über ihre Heimat und über die Bourgeoisie aus sowie über die Kolonialgesellschaft und die Zivilisation. Demnach befindet sie sich scheinbar stets auf der Suche nach einer anderen Heimat, was u. a. daran deutlich wird, dass sie Afrika als ihr „Adoptivland[]“[6] betrachtet. Des Weiteren ist wohl auch ihre innere Unruhe eine Ursache für den mehrfachen Aufbruch.

Das Reisen bedeutet für Eberhardt Freiheit. In ihren Texten suggeriert sie den Aufbruch: «Rompre un jour bravement toutes les entraves dont la vie moderne et la faiblesse de notre cœur, sous prétexte de liberté, ont chargé notre geste, s´armer du bâton et de la besace symbolique, et s´en aller !»[7] Hier wird deutlich, dass der Ablauf des Lebens in der Heimat als Einschränkung betrachtet wird. Sie geht in diesem Text auf das Leben des Landstreichers ein, den sie als Herrscher der Welt, des Wassers und des Himmels darstellt, weil seinem Bereich keine Grenzen gesetzt sind und Gesetze an Gültigkeit verlieren, wodurch er dem Schlossherrn überlegen ist. Das geregelte Alltagsleben, in dem es um die Erlangung materieller Werte und um öffentliche Funktionen geht, sieht sie in bestimmten Punkten als veränderte Form der Sklaverei an. Diejenigen, die nicht aufbrechen, beschreibt sie folgendermaßen:

Ne pas éprouver le torturant besoin de savoir et de voir ce qu´il y a là-bas, au delà de la mystérieuse muraille bleue de l´horizon... Ne pas sentir l´oppression deprimante de la monotonie des décors... Regarder la route qui s´en va toute blanche, vers les lointains inconnus, sans ressentir l´impérieux besoin de se donner à elle, de la suivre docilement, à travers les monts et les vallées, ressemble à la résignation inconsciente de la bête, que la servitude abrutit, et qui tend le cou vers le harnais.[8]

Hier wird eine Kritik an der Gesellschaft und an denen deutlich, die sich ohne Protest in sie fügen. Die einzige Alternative, die sie dem Leser bietet und suggeriert, ist der Aufbruch. Es geht ihr bei ihrem Ausbruch darum, unabhängig von der Gesellschaft zu leben. Durch die Unzufriedenheit am Herkunftsland kann man auch die Neugier auf Neues bzw. Fremdes und den Wunsch nach dem Ausbruch aus der Routine als Reisemotivation betrachten. Sie scheint allerdings nie richtig an ihr Ziel zu kommen, was im folgenden Zitat bei ihrer Ankunft in El-Oued deutlich wird:

Alles lebt auf. Auch meine Seele belebt sich wieder … Aber wie immer empfinde ich gleichzeitig die grenzenlose Traurigkeit, die meine Seele überschwemmt, ein unausdrückliches Verlangen nach etwas, was ich nicht benennen kann, eine Sehnsucht nach einem Woanders, das ich nicht beschreiben kann.[9]

Dadurch bricht sie immer wieder auf. Ihre Texte bzw. der Aufbruch sind durch eine Erwartungshaltung geprägt, die immer wieder zu Enttäuschungen führt. Demnach könnte man ihre Bewegung in Afrika als unruhiges Umherirren betrachten auf der Suche nach einem scheinbar unerreichbaren Ziel. Dadurch stellt sie resigniert fest, dass sie vielmehr von der Fremde durchdrungen ist als andersrum:

J´ai voulu posséder ce pays, et ce pays m´a possédée. A certaines heures, je me demande si la terre du Sud ne ramènera pas à elle tous les conquérants qui viendront avec des rêves nouveaux de puissance et de liberté, comme elle a déformé tous les anciens. N´est-ce pas la terre qui fait les hommes ?[10]

Die Raumbewegung wird bei ihr zur literarischen Inspirationsquelle, da europäische Städte sie nicht inspirieren. Zugleich durchläuft sie beim Reisen eine Selbstfindung. In ihrem Reisedrang kann man die Flucht vor verschiedenen Bereichen sehen. Dazu gehören die Zivilisation, die Konfrontation mit Menschen, ihre Rolle als Frau, ihre Depressionen und Probleme.

4 Afrikanische Orte

4.1 Die Wüste

Nur die Wüste Afrikas scheint Isabelle Eberhardts Freiheitsdrang stillen zu können. Sie bewundert an ihr vor allem die Weite, die sie in ihren Texten immer wieder positiv hervorhebt. Sie bevorzugt den Blick in weite, konturlose, unendliche Räume vor eingeschränkten Räumen wie Städten, Zimmern und Häusern[11]. Mit dem Genuss an der Weite sind bei ihr Rauschzustände verbunden. Im ersten Beispiel beschreibt sie in «Vers les horizons bleus», wie sie mit Gläubigen in die Wüste reitet und sich an ihrer Weite berauscht. Das Berauschen findet sich auch in der Novelle «Dans la dune», dem zweiten Beispiel, wo sie mit ihrem Pferd Souf die Weite genießt:

Et c´est un galop furieux au milieu de la foule admirative, puis dans la vaste plaine, des cercles et des courbes décrits à toute vitesse, de plus en plus vertigineux. (...) Ils donnent enfin libre cours, et ils fuient comme s´ils ne devaient plus s´arrêter jamais. L´ivresse de toutes ses âmes violentes m´a gagné, et comme les autres cavaliers, j´achève de me griser dans la course folle.[12]

Longtemps nous courûmes ainsi, à une vitesse vertigineuse, ivres d´espace, dans le calme serein du jour naissant.[13]

Rauschzustände thematisiert sie mehrfach in ihren Texten. Sie stehen nach Boomers meist damit in Verbindung, dass im Rausch Normen und Regeln aufgehoben zu sein scheinen, ebenso wie das Denken und die Zeitwahrnehmung[14]. Diese Zustände ergeben sich durch die Natur bzw. durch ihren Genuss oder den Einfluss von Drogen und Alkohol. Ueckmann weist darauf hin, dass Eberhardts Charakterisierung des Orients als Rausch zu der Zeit nicht ungewöhnlich war. Während man in den beiden oberen Beispielen sehen kann, wie sie ihren eigenen Rausch an der Weite bzw. dem Land darstellt, ist diese Tendenz auch in der Novelle «Le Major» zu finden, in der ein junger Franzose eine Beziehung zu einer arabischen Prostituierten führt und dadurch in Konflikt mit dem Kolonialsystem gerät.

[...]


[1] Buch, 2004: 23.

[2] Vgl. Boomers, 2004: 98.

[3] Vgl. ebd. 116.

[4] Eberhardt, Isabelle (E,I), 2004: 214.

[5] Vgl. Delacour / Huleu, 1988 : 12.

[6] Ebd. 237.

[7] E.I., 1988: 27.

[8] Ebd. 28.

[9] E.I., 2004: 90.

[10] E.I., 1988 : 296.

[11] Vgl. Ueckmann, 2001: 200.

[12] E.I., 1988: 81.

[13] E.I., 1986: 241.

[14] Vgl. Boomers, 2004: 116.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Isabelle Eberhardts Reisebeschreibungen - Eindrücke zur afrikanischen Wüste und ihren Einwohnern
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Der kolonisierte Raum: Die Wüste als Stereotyp von Fremdheit
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
36
Katalognummer
V69679
ISBN (eBook)
9783638621427
ISBN (Buch)
9783638673686
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist gut gegliedert und die Analyse sehr sensibel und gelungen.
Schlagworte
Isabelle, Eberhardts, Reisebeschreibungen, Eindrücke, Wüste, Einwohnern, Raum, Stereotyp, Fremdheit
Arbeit zitieren
Angelina Kalden (Autor), 2005, Isabelle Eberhardts Reisebeschreibungen - Eindrücke zur afrikanischen Wüste und ihren Einwohnern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69679

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