Die Zivilgesellschaft in Großbritannien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Definitionen
a. Zivilgesellschaft
b. Soziales Kapital

2. Das Fallbeispiel: Großbritannien
a. Allgemeine Vorbemerkungen
b. Ehrenamtliche Vereine
c. Wohltätige Unternehmungen
d. Freizeitgestaltung
e. Soziales Vertrauen
f. Generationen-, Bildungs- und Klasseneffekte

3. Die Rational Choice Theory

4. Die Konstitutionentheorie

Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Zivilgesellschaft ist ein viel beschworener Begriff, auf den sich zunehmend auch die Politik beruft, wenn es darum geht, in der Gesellschaft Aufgaben von oben nach unten zu verlagern. Aber man verspricht sich noch einiges mehr von einer in die Verantwortung genommenen Bevölkerung. Beispiele für positive Nebeneffekte einer aktivierten Bevölkerung wären neben einem schlankeren Staat auch eine größere Identifikation der Bevölkerung mit dem Staat und eine stärkere politische Beteiligung des Volkes, womit auch die Demokratie selbst gestärkt würde. Doch ich möchte mich hier nicht primär mit den politischen Vorzügen einer lebendigen Zivilgesellschaft beschäftigen, sondern ich will versuchen, die Zivilgesellschaft selbst näher zu untersuchen, um ihre Funktionszusammenhänge aufzuzeigen.

Ich werde daher anhand des Beispiels Großbritannien versuchen, die Frage zu klären, wie sich die Entwicklung zu dem heutigen Stand der Zivilgesellschaft erklären lässt. Dabei möchte ich auch der Rolle des Staates bei der Errichtung und Unterstützung einer sozial aktiven Bevölkerung Raum geben.

Um mich der Antwort zu nähern, werde ich damit beginnen, die wichtigen Begriffe etwas näher zu umreißen, da gerade bei den Begriffen „Zivilgesellschaft“ und „Soziales Kapital“ nicht immer eindeutig ist, welche Ausprägung gemeint ist. Im zweiten Schritt werde ich näher auf den Zustand in Großbritannien eingehen. Hierbei werde ich mich vor allem auf den Text „Sozialkapital in Großbritannien“[1] von Peter Hall stützen, da sich dieser mit dem Thema sehr ausführlich auseinandergesetzt hat.

In einem dritten und vierten Schritt werde ich versuchen den aufgezeigten Zustand in der Bevölkerung Großbritanniens mit Hilfe zweier Theoriemodelle zu erklären. Wobei ich zuerst die „Rational Choice Theory“ nach James S. Coleman heranziehen werde, um zu untersuchen ob sich die Entwicklung in Großbritannien auf das egoistische Streben von Individuen zurückführen lässt. Danach werde ich die Konstitutionstheorie aufgreifen, da diese sich an einem weit weniger am Markt angelehnten Grundmodell orientiert, als dies James Coleman tut. Abschließend werde ich versuchen in der Zusammenfassung eine Antwort auf die oben gestellten Fragen zu geben.

Die Literaturlage zum Thema der Zivilgesellschaft ist nicht nur durch spezielle soziologische Texte ausreichend gut unterfüttert, sondern wird noch durch die Texte der Politikwissenschaft ergänzt, da gerade in diesem Fachbereich die Frage nach einer Entlastung der staatlichen Seite durch eine Umstrukturierung der Aufgabenlast hin zu einer aktiveren Bevölkerung von besonderem Interesse ist.[2]

1. Definitionen

a. Zivilgesellschaft

Der Begriff Zivilgesellschaft ist eng mit dem Staat selbst verknüpft, da ohne eine Staatlichkeit auch keine dem Staat entzogene Gesellschaftsform entstehen kann. Und als eben solche ist die Zivilgesellschaft zu verstehen, eine freiwillige Verbindung von Menschen. Diese Verbindungen, welche gelegentlich auch als Netzwerke bezeichnet werden, haben sehr unterschiedliche Ziele, sie dienen aber nicht der persönlichen, finanziellen Bereicherung. Vielmehr dienen sie häufig der privaten Freizeitgestaltung in Form eines Sportvereins, oder einem für die gesamte Gesellschaft nützlichen Zweck wie etwa die Umweltschutzvereine. Aber auch politiknahe Bereiche werden von diesen Netzwerken ausgefüllt, so sind Gewerkschaften, Genossenschaften und soziale Bewegungen, die klar auf die Politik in ihrem Gestaltungsspielraum einwirken wollen, ebenfalls in diesen Zusammenhang zu nennen.[3]

Der Staat bildet den Rahmen in dessen Grenzen die Zivilgesellschaft ihre Tätigkeit aufnehmen kann. Als Grenze kann zum Beispiel die Staatsfeindlichkeit eines Netzwerkes verstanden werden, da sie die vorher gesetzten Grenzen sprengen würde.

Der Begriff der Zivilgesellschaft kann aber auch über die Grenzen eines Staates hinausgehen. Betrachtet man die Globalisierung oder auch nur die politische Entwicklung in Europa, könnte man auch von einer globalen oder europäischen Zivilgesellschaft ausgehen, deren Grenzen dann die Grenzen der Europäischen Union wären.[4][5]

b. Soziales Kapital

Neben dem materiellen Kapital und dem neuerdings häufig erwähnten Humankapital bildet das soziale Kapital die dritte Säule bei dem Verständnis des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Neben den greifbaren Produktionsgütern wurde mit einer steigenden Technisierung auch die Bildung der Menschen immer wichtiger, wenn es darum ging die möglichen Potentiale einer Bevölkerung zu bewerten. Doch mittlerweile hat man erkannt, dass neben diesen beiden Werten auch die informellen Beziehungen zwischen den Akteuren einen großen Einfluss auf das Zusammenleben haben können.

Sozialkapital wird demnach als die verschiedenen Aspekte der zwischenmenschlichen Beziehungen definiert, die positiv das Zusammenwirken der Akteure untereinander stärken. Soziales Kapital kann ebenso als Verbindung zwischen den verschiedenen Formen des Humankapitals dienen und diese fördern.[6]

Der Begriff soziales Kapital umfasst neben dem Verhalten der Akteure auch deren innere Einstellung und die über die Jahre erlernten Strukturen, die familiär oder gemeinschaftlich begründet sind. Diese Einstellungen und Strukturen bestimmen zu einem großen Maße die Beziehungen der Menschen.[7]

Ein wichtiger Punkt, der als soziales Kapital verstanden werden kann, ist das Vertrauen. Dies kann sich auf das Vertrauen zwischen einzelnen Personen beziehen, kann aber auch das Vertrauen zwischen einer Person und einem korporativen Akteur betreffen. Dies ist gerade in diesem Kontext von Bedeutung, da der Staat selbst ein korporativer Akteur ist.[8]

2. Das Beispiel: Großbritannien

a. Allgemeine Vorbemerkungen

Großbritannien ist nicht nur durch die Insellage ein Sonderfall auf der politischen Landkarte. Aufgrund der Tatsache, dass Großbritannien eine Kolonialmacht war, welche sich zu einem kooperativen Umgang mit der Bevölkerung der ehemaligen Kolonien entschieden hat, wurde aus dem britischen Empire der Commonwealth und aus dem Mutterland Großbritannien ein Zuwanderungsland. Gerade in den Großstädten ist es schwer nicht ständig an diese Tatsache durch verschiedene Zuwanderer erinnert zu werden. Es ist unter diesen Bedingungen nur schwer vorstellbar, dass dieses Land über ein umfangreiches und lebendiges Gemeinwesen verfügt. Dennoch bestätigen viele Untersuchungen, dass die Briten eine ausgeprägte Neigung zur Vereinsbildung haben.[9] Selbst die Zuwanderung wird nicht als Hemmschuh betrachtet, es scheint sogar die gesellschaftlichen Bemühungen noch zu forcieren, was sich vor allem im Bildungssystem bemerkbar macht.[10]

In der Untersuchung von Peter Hall zum Thema Sozialkapital in Großbritannien wird vorwiegend der Begriff des Vertrauens herangezogen, um das soziale Kapital in der Bevölkerung zu messen. Peter Hall geht davon aus, „es (das Vertrauen, Anm.d.Verf.) sollte sich sowohl im allgemeinen Niveau des Vertrauens der Menschen untereinander widerspiegeln als auch ihrem Engagement für ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde.“[11]

Dementsprechend ist es nicht nur Teil der Untersuchung, eine Befragung der Bevölkerung durch zuführen, in der man sie direkt auf das Vertrauen zu anderen Menschen und Institutionen anspricht, sondern ein wichtiger Teil ist auch die statistische Auswertung der Mitgliederzahlen der verschiedenen Vereine. Dabei werden nicht nur Freizeitvereine in Betracht gezogen, sondern auch Clubs und Zusammenschlüsse, die sich aktiv mit dem Umweltschutz, der Gleichstellung der Frau oder anderen Dienstleistungen beschäftigen.

Auch wenn Großbritannien schon zu Beginn des Textes als ein Land beschrieben wird, welches eine lange Tradition des Vereinslebens besitzt, geht Hall von einem Ergebnis aus, dass ihm, ähnlich wie in den USA, einen deutlich negativen Trend aufzeigt. Peter Hall entschied sich für eine mehrstufige Analyse des Vertrauens der Bevölkerung.

b. Ehrenamtliche Vereine

In einem ersten Schritt untersucht er die Beteiligung der Menschen in ehrenamtlichen Vereinigungen. Darunter trennt Hall nochmals zwischen Jugendvereine, Service- und Dienstleistungsvereine, Umweltschutzvereine, Vereine für Freizeitaktivitäten und traditionelle Frauenvereine. Der Untersuchungszeitraum der Daten reicht von den frühen Fünfziger Jahren bis in die Neunziger Jahre hinein und spiegeln somit auch mehrere Generationen wider. Die Zahlen zeigen, dass sich die Mitgliederzahlen in fast allen Vereinstypen erhöht haben.[12] Die große Ausnahme bilden die traditionellen Frauenvereine, deren Größe ist stark zurückgegangen. Doch darf dies nicht weiter verwundern, da diese vor allem die Hausfrauen als Zielgruppe haben und mit der steigenden Frauenerwerbstätigkeit ihrer Basis beraubt worden sind. Eine zweite Ausnahme ist in den Gewerkschaften zu finden, den diese konnten bis in die Achtziger Jahre ein Wachstum verzeichnen, welches sie bis in die Neunziger wieder verloren haben. Insgesamt aber sind die Zahlen in Bezug zum Bevölkerungswachstum seit den Fünfziger Jahren stabil geblieben, beziehungsweise sind in einzelnen Bereichen stark genug gestiegen, um die Verluste anderer Gruppierungen aufzufangen. Besondere Aufmerksamkeit kann in diesem Zusammenhang den Service- und Dienstleistungsvereinen auf der einen Seite und den Umweltschutzvereinen auf der anderen Seite gewidmet werden, da diese mehr als die anderen in ihrer Größe und Häufigkeit zugenommen haben.

[...]


[1] Vgl.: Peter Hall: Sozialkapital in Großbritannien, in: Robert Putnam (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn, Gütersloh 2001, S. 45 – 114.

[2] Vgl.: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament).

[3] Vgl.: Werner Schiffbauer (u.a.) (Hrsg.): Staat – Schule – Ethnizität. Politische Sozialisation von Immigrantenkindern in vier europäischen Ländern, Münster (u.a.) 2002, S. 5f.

[4] Vgl.: Gregor Fitzi: Chancen und Risiken der „selbstregulierenden Zivilgesellschaft“. Eine begriffsgeschichtliche Betrachtung anhand der Kategorien von Gemeinschaft und Gesellschaft, in: Wolfgang Bruncken / Barbara Frenz (Hrsg.): Vom Betreuungsstaat zur Bürgergesellschaft – Kann sich die Gesellschaft selbst regeln und erneuern?. Forschungsergebnisse im Überblick, VII Kongreß „Junge Kulturwissenschaft und Praxis“ Köln 14.-16. Juni 2000, Köln 2000, S. 54f.

[5] Vgl.: Wolf-Dietrich Bukow / Markus Ottersbach (Hrsg.): Die Zivilgesellschaft in der Zerreißprobe. Wie reagieren Gesellschaft und Wissenschaft auf die postmoderne Herausforderung?, Opladen 1999, S.218ff.

[6] Vgl.: James S. Coleman: Grundlagen der Sozialtheorie. Band 1 Handlungen und Handlungssysteme, München Wien 1995, S. 389ff.

[7] Vgl.: Claus Offe / Susanne Fuchs: Schwund des Sozialkapitals?. Der Fall Deutschland, in: Putnam, Robert (Hrsg.): Gesellschaft und Gemeinsinn, Gütersloh 2001, passim.

[8] Vgl.: Anthony Giddens: Jenseits von Rechts und Links. Die Zukunft radikaler Demokratie, Frankfurt/Main 1997, S.135f.

[9] Vgl.: Peter Hall: a.a.O., S.45-114.

[10] Vgl.: Werner Schiffbauer / Gerd Baumann: a.a.O., S.26f.

[11] Vgl.: Peter Hall: a.a.O., S.47f.

[12] Vgl.: ebenda, S.48f Abbildung 1 und Abbildung 2.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Zivilgesellschaft in Großbritannien
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V69705
ISBN (eBook)
9783638621458
ISBN (Buch)
9783640325344
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilgesellschaft, Großbritannien, Soziologie, Ländervergleich, Bürgerliches Engagement, Bürgergesellschaft
Arbeit zitieren
Matthias Schönfeld (Autor), 2006, Die Zivilgesellschaft in Großbritannien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69705

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