„Merket wohl, alle nachdenklichen
Gemüter: Das schnellste Roß, das
Euch zur Vollkommenheit trägt, ist
Leiden ... Nichts ist so gallebitter
wie leiden und nichts so honigsüß
wie gelitten haben.“
Meister Eckehart
(1260-1327)
Um das Leiden der jungen Seele, die Krisen junger Menschen, die Gefühle der Ausweglosigkeit bis hin zu den suizidalen Gedanken und Absichten Jugendlicher und um die Hilfe hinaus aus dem Labyrinth der Verzweiflung, soll es in dieser Diplomarbeit gehen. Ich will den schmalen Grat zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit beschreiben, den jugendliche Suizidanten und mit Ihnen ihre „Retter in der Not“ gehen. Ich will versuchen, ein Licht in das Dunkel der jungen Seele zu bringen, indem ich aufzeige, wie sich schwer wiegende Krisen in der Zeit der Adoleszenz entwickeln können und wie mit ihnen die Gefahr der Suizidalität steigen kann.
Der erste Teil meiner Diplomarbeit soll einen theoretischen Überblick über die Entstehung von Krisen im Allgemeinen und anschließend über die Krisen speziell im Jugendalter, also den Adoleszententenkrisen, vermitteln. In einem weiteren Schritt werde ich, mit Hilfe von biologischen, soziologischen und psychologischen Erklärungsmodellen und mit der Beschreibung des „präsuizidalen Syndroms“ des Wiener Suizidforschers Erwin Ringel (1921-1994), die Entwicklung von der Krise bis zur Suizidalität aufzeigen.
Ich werde die jungen Menschen selbst, mit ihren eigenen Erlebnissen, Selbstmordabsichten und -versuchen, ihren Ausdrucksmöglichkeiten und ihrem Umgang mit dem Thema Suizid, betrachten und sie in einem gesonderten Kapitel zu Wort kommen lassen.
Diese Sammlung von Liedtexten, Erfahrungsberichten, Briefen und Bildern bildet den Impuls für den zweiten und damit den praktischen Teil meiner Arbeit - der Krisenintervention bei Suizidgefahr mit ihren Grundsätzen und Handlungsmodellen und der Krisenintervention bei jugendlichen Suizidanten im Kontext sozialer Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Aus dem Lot geraten - Krisengebiet Seele
1.1 Der Krisenbegriff
1.2 Krisenkriterien
1.3 Chancen und Gefahren von Krisen
1.4 Psychosoziale Krisen
1.4.1 Traumatische Krisen
1.4.2 (Lebens-) Veränderungskrisen
2. Die „unerträgliche Schwierigkeit“ des Erwachsenwerdens - Krisenherd Adoleszenz
2.1 Entwicklungskrisen in der Adoleszenz
2.1.1 Sexuelle Entwicklungskrisen
2.1.2 Identitäts- und Autoritätskrisen
2.1.3 Narzisstische Krisen
2.2 Weitere Risikofaktoren in der Adoleszenz
3. Das Labyrinth der Verzweiflung - Von der Krise zur Suizidalität
3.1 Jugendliche Suizidalität
3.2 Erklärungsmodelle zur Entwicklung von Suizidalität
3.2.1 Biologische Theorien
3.2.2 Soziologische Theorien
3.2.3 Psychologische Erklärungsansätze
3.3 Das präsuizidale Syndrom
3.4 Die suizidale Krise - Alarmsignale von Jugendlichen
4. Dem Tod so nah - Songtexte, Erfahrungsberichte, Briefe & Bilder
4.1 Die Leiden der jungen Seele - „Jetzt reden wir!“
4.2 Texte deutscher Punk-Bands
4.3 Erfahrungsberichte
4.4 Abschiedsbriefe von Jugendlichen
4.5 Bilder
5. Schutzwall gegen den Tod - Krisenintervention bei Suizidgefahr
5.1 Krisenintervention - Definition
5.2 Ziele und Grundsätze der Krisenintervention
5.3 Der erste Kontakt - das erste Gespräch
5.4 Fragen zur Abklärung der Suizidalität
5.5 Handlungsmodelle der Krisenintervention
5.5.1 Problembearbeitung in der Krisenintervention
5.5.2 Das „BELLA“-System - Interventionskonzept für akute Krisensituationen
5.6 Umgang mit Suizidgefährdeten
5.7 Fehler im Umgang mit Suizidgefährdeten
6. Kriseninterventionen bei jugendlichen Suizidanten im Kontext sozialer Arbeit
6.1 Wo trifft die soziale Arbeit auf suizidgefährdete junge Menschen?
6.2 Sozialpädagogische Krisenintervention - Spezielle Interventionstechniken
6.3 Das Versorgungssystem - Institutionelle Krisenintervention
6.3.1 Ambulante Krisenintervention
6.3.2 Stationäre (Krisen-) Hilfe - Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
6.3.3 Ambulante oder stationäre Krisenintervention? - Ein Fallbeispiel
6.4 Krisenberatung online - Chatberatung für suizidgefährdete junge Menschen
6.4.1 Die Beratungsstelle neuhland in Berlin
6.4.2 Online-Beratung bei neuhland
6.4.3 Ein Fallbeispiel
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Feld suizidaler Krisen bei Jugendlichen und die Möglichkeiten professioneller Krisenintervention im Kontext der sozialen Arbeit. Dabei steht die Forschungsfrage im Vordergrund, wie betroffene junge Menschen unterstützt werden können, um aus ihrer oft als ausweglos empfundenen Situation herauszufinden und einen stabilen „Schutzwall gegen den Tod“ aufzubauen.
- Theoretische Grundlagen zur Entstehung und Dynamik von Krisen im Adoleszenzalter.
- Analyse psychologischer, soziologischer und biologischer Erklärungsmodelle suizidalen Verhaltens.
- Empirische Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt Jugendlicher anhand von Erfahrungsberichten und Abschiedsbriefen.
- Darstellung konkreter methodischer Handlungsmodelle für die sozialpädagogische Krisenintervention.
- Bewertung von Versorgungssystemen sowie moderner Beratungsformate wie Online-Chatberatung.
Auszug aus dem Buch
Die suizidale Krise - Alarmsignale von Jugendlichen
Suizidale Krisen sind bei Jugendlichen nicht immer sofort erkennbar. Meurer (2004, S. 201-202) hat in dem Fachbuch Praxis Krisenintervention einige dieser Alarmzeichen und Signale, die Hinweise auf eine mögliche Suizidgefährdung geben können, sehr ausführlich dargestellt. Diese Hinweise möchte ich nachfolgend zusammenfassen.
Soziale Isolierung: Oft ziehen sich Menschen in schwer wiegenden Krisen zurück. Sie brechen Kontakte ab oder vermeiden diese. Auch schränkt sich die Kommunikationsfähigkeit immer weiter ein. „Jugendliche ziehen sich aus familiären Aktivitäten zurück, wirken lustlos, antriebslos. Für Außenstehende ist ihr Verhalten oft nicht nachvollziehbar."
Aggressiv-abwehrendes Verhalten: „Insbesondere suizidgefährdete Jugendliche zeigen nicht selten nach außen ein abwehrendes, auch aggressives Verhalten. Ihre selbstzerstörerischen Impulse führen zu Abwehr und Ablehnung gegen die Außenwelt.“ (ebd.) Mit Äußerungen wie „Lasst mich doch alle in Ruhe“ oder „Ich will mit niemandem sprechen“ stoßen sie ihre Mitmenschen zurück, die sich aufgrund dessen ebenfalls zurückziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Aus dem Lot geraten - Krisengebiet Seele: Einführung in den Krisenbegriff und die verschiedenen Krisentypen, insbesondere traumatische Krisen und Lebensveränderungskrisen.
2. Die „unerträgliche Schwierigkeit“ des Erwachsenwerdens - Krisenherd Adoleszenz: Analyse der spezifischen Entwicklungsrisiken und Krisen, die mit dem Erwachsenwerden und der körperlichen sowie seelischen Reifung verbunden sind.
3. Das Labyrinth der Verzweiflung - Von der Krise zur Suizidalität: Untersuchung der Faktoren, die von einer Krise in die Suizidalität führen, inklusive der Vorstellung des präsuizidalen Syndroms nach Erwin Ringel.
4. Dem Tod so nah - Songtexte, Erfahrungsberichte, Briefe & Bilder: Eine Sammlung direkter Ausdrucksformen von Jugendlichen in suizidalen Krisen, die als Grundlage für das Verständnis ihrer inneren Not dienen.
5. Schutzwall gegen den Tod - Krisenintervention bei Suizidgefahr: Erläuterung der fachlichen Grundlagen, Ziele und methodischen Interventionsmodelle (wie BELLA) zur praktischen Arbeit in Krisensituationen.
6. Kriseninterventionen bei jugendlichen Suizidanten im Kontext sozialer Arbeit: Anwendung theoretischer Konzepte in der sozialen Arbeit, vom stationären Versorgungssystem bis hin zu modernen Online-Beratungsangeboten.
7. Resümee: Zusammenfassende Reflexion der Arbeit mit Fokus auf der Notwendigkeit spezialisierter Hilfsangebote für Jugendliche und dem Bedarf an fortlaufender Qualifizierung sozialpädagogischer Fachkräfte.
Schlüsselwörter
Krisenintervention, Adoleszenz, Suizidalität, Jugendhilfe, präsuizidales Syndrom, soziale Arbeit, psychische Krise, Online-Beratung, Selbstwertkrise, Sozialpädagogik, Suizidprävention, Krisentagebuch, Notfallpsychiatrie, Entwicklungsaufgabe, Beratung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet das Phänomen suizidaler Krisen bei Jugendlichen und zeigt auf, wie Sozialarbeiter und Pädagogen diesen jungen Menschen professionell beistehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Diplomarbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Verständnis von Krisen, den theoretischen Hintergründen der Suizidalität im Jugendalter sowie den praktischen Methoden der Intervention.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für suizidale Krisen zu schaffen und konkrete Handlungsleitlinien für die Praxis der sozialen Arbeit zu etablieren, um suizidgefährdete Jugendliche effektiver zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung fachwissenschaftlicher Literatur sowie der explorativen Analyse von Erfahrungsberichten und qualitativen Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Erklärungsmodelle zur Suizidalität als auch konkrete therapeutische und pädagogische Interventionsstrategien im ambulanten und stationären Bereich detailliert erarbeitet.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere die Krisenintervention, Adoleszenzkrisen, das präsuizidale Syndrom nach Ringel sowie die Rolle der Sozialarbeit im Kontext psychiatrischer Versorgung.
Welche Bedeutung hat das „BELLA“-System in diesem Dokument?
Das BELLA-System dient als strukturiertes Interventionskonzept für akute Krisensituationen, das die Phasen der Beziehung, Situation, Symptomlinderung, Unterstützung und Problembewältigung umfasst.
Wie unterscheidet sich Online-Beratung von klassischen Angeboten?
Online-Beratung nutzt die Anonymität des Internets, um eine geringere Hemmschwelle für Jugendliche zu schaffen, während sie gleichzeitig eine erste Orientierung bietet, jedoch face-to-face-Angebote meist ergänzen muss.
Welche Fehler werden laut der Arbeit im Umgang mit Suizidgefährdeten oft gemacht?
Häufige Fehler sind latentes Übersehen, Bagatellisierung, der Einsatz abgenutzter Beschwörungsformeln sowie vorschnelle, unprofessionelle Orientierung an positiven Veränderungen.
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- Diplom-Sozialpädagogin Verena Scherling (Author), 2005, Die Leiden der jungen Seele. Kriseninterventionen bei jugendlichen Suizidanten im Kontext sozialer Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69724