Postpartale psychische Erkrankungen fallen in einen Lebensabschnitt, der im Allgemeinen als glückliches Ereignis betrachtet wird. Gefühle der Traurigkeit lassen sich mit der Geburt eines Kindes nur schwer vereinen. In unserer Gesellschaft herrscht diesbezüglich ein Mythos vor, der den noch unerfahrenen Müttern suggeriert, dass sie in dieser Phase so glücklich sein müssen wie noch nie in ihrem Leben. Diese Annahme erweist sich in der Realität oftmals als Trugschluss.
Mit einer Auftrittswahrscheinlichkeit von bis zu 70 Prozent sind depressive Störungen im Wochenbett keine Seltenheit, sondern sie zählen zu den häufigsten postpartalen Komplikationen, die ersichtlich werden. Dieser Umstand lässt sich vor allem auf die zahlreichen biologischen und psychosozialen Veränderungsprozesse zurückführen, die mit der Geburt eines Kindes einhergehen.
Es ist somit durchaus nachvollziehbar, dass Frauen in dieser Schwellensituation zur Mutterschaft eine erhöhte psychische Vulnerabilität ausgebildet haben, die den Ausbruch einer postpartalen Erkrankung begünstigen kann. Das Störungsbild, was sich diesbezüglich verzeichnen lässt, ist sehr umfassend und weit ausdifferenziert. Die drei klassischen postpartalen Krankheitsformen umfassen den Baby-Blues, die Wochenbettdepression und die Wochenbettpsychose.
Postpartale Erkrankungen fallen in einen Zeitraum, indem Säuglinge fundamental auf die Bedürfnisbefriedigung ihrer primären Bezugsperson, die in der Regel durch die Mutter verkörpert wird, angewiesen sind. Vor allem in den ersten Lebensmonaten ist die psychische Entwicklung eines Kindes noch extrem störungsanfällig, weshalb man eine Erkrankung post partum, als erhöhtes Risiko einstuft.
Angesichts der zahlreichen Belastungsfaktoren, die mit einer mütterlichen Depression einhergehen, ist eine schnelle, präventive Hilfe unabdingbar, um eine Beziehungsstörung zwischen Mutter und Säugling zu vermeiden.
Das Problem was sich diesbezüglich ergibt ist, dass viele Frauen nur geringe Informationen über dieses Krankheitsbild erhalten, weshalb die damit einhergehende Symptomatik oftmals übersehen wird und somit eine Chronifizierung nach sich zieht. Durch diese Arbeit möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Blick für postpartale Depressionen zu öffnen. Die Tabuisierung der Erkrankung und die damit einhergehenden Schuldgefühle, die von vielen Müttern ausgebildet werden, sind ein gesellschaftlich bedingtes Problem, dem nur durch Aufklärung entgegengewirkt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Begriffsbestimmung
2.1 Depressionen
2.2 Pränatal und postpartal/postnatal
2.3 Depressionen in der Postpartalzeit
3. Biologische und psychosoziale Veränderungsprozesse durch den Übergang zur Mutterschaft
3.1 Biologische Faktoren
3.1.1 Körperliche Veränderungen
3.1.2 Hormonelle Umstellungen
3.2 Psychische und soziale Faktoren
3.2.1 Neufindung in die Rolle als Mutter
3.2.2 Partnerschaft und soziale Unterstützung
3.2.3 Beziehung zur eigenen Mutter
3.2.4 Verlusterfahrungen
4. Postpartale depressive Erkrankungen
4.1 Klassifikation
4.2 Postpartale Dysphorie
4.3 Postpartale Depression
4.4 Postpartale Psychose
5. Die Bindungstheorie
5.1 Entwicklungsverlauf von Bindung
5.2 Exploration und sichere Basis
5.3 Das innere Arbeitsmodell
5.4 Konzept der Feinfühligkeit
5.5 Konzept der kindlichen Bindungsqualität „Fremde Situation“
5.6 Adult-Attachment-Interview (AAI)
5.7 Langfristige Effekte früher Bindungsmuster
6. Die frühkindliche Interaktion zwischen Mutter und Kind
6.1 Fantasien über das imaginäre Kind
6.2 Spracherwerb und kognitive Entwicklung
7. Postpartale Depressionen und ihre Folgen für die Kinder
7.1 Psychische Erkrankungen als Familienerkrankungen
7.2 Die Lebenssituation betroffener Kinder
7.3 Auswirkungen von postpartalen Erkrankungen auf die Kinder
7.3.1 Regulationsstörungen in der frühen Kindheit
7.3.1.1 Folgen des exzessiven Schreiens
7.3.2 Störung der Mutter-Kind-Interaktion
7.3.2.1 Still-face-Situation
7.3.3 Deprivationsverhalten
7.4 Schutzfaktoren für die psychische Entwicklung
8. Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten
8.1 Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit
8.2 Psychoanalyse im sozialen Feld
8.3 Gesetzliche Grundlagen
8.4 Kooperation Jugendhilfe und Psychiatrie
8.5 Präventive Hilfsangebote
8.5.1 Geburtsvorbereitungskurse
8.5.2 Edinburgh Postnatal Depression Scala (EPDS)
8.5.3 Feinfühligkeitstraining
8.6 Interventionsangebote für Mütter und ihre Kinder
8.6.1 Schreibaby-Ambulanz
8.6.2 Modellprojekt „Patenschaften“
8.6.3 Kindergruppenprojekt AURYN
8.6.4 Säuglings-Mutter-Psychotherapie
8.6.5 Stationäre Mutter-Kind-Behandlung
9. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen postpartaler Depressionen auf die Mutter-Kind-Beziehung. Das primäre Ziel ist es, den fachlichen Blick für diese Erkrankungen zu öffnen, die Tabuisierung zu durchbrechen und Interventionsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen, um betroffene Mütter und ihre Kinder zu unterstützen.
- Biologische und psychosoziale Belastungsfaktoren beim Übergang zur Mutterschaft
- Klassifizierung und Ursachen postpartaler Erkrankungen (Dysphorie, Depression, Psychose)
- Bindungstheoretische Grundlagen und frühkindliche Interaktionsmuster
- Folgen postpartaler Depressionen für die emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes
- Interdisziplinäre Interventions- und Hilfsangebote im Bereich der Sozialpädagogik
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Neufindung in die Rolle als Mutter
In unserer heutigen Gesellschaft gibt es keine gefestigten Traditionen mehr, an denen sich junge Mütter orientieren können. Die klar definierten Erziehungsziele der damaligen Zeit verschwinden zunehmend und an ihre Stelle treten individuelle und familiäre Entscheidungsprozesse. Viele Frauen fühlen sich in dieser Situation überfordert und greifen zu Erziehungsratgebern oder bitten Freunde und Verwandte um Hilfe. Oftmals werden sie mit einer Flut gut gemeinter Ratschläge überschüttet, die nicht selten an den Bedürfnissen der Babys vorbeilaufen. Viele Mütter vertrauen in dieser Situation nicht mehr ihrem gesunden Menschenverstand, sondern sie lassen sich weitgehend von äußeren Einflüssen leiten, wodurch sie ihren eigenen Kompetenzen enthoben werden (vgl. http://www.liga-kind.de/pages/401riedesser.htm, S. 1).
In der Öffentlichkeit werden Frauen vornehmlich mit der romantischen Seite der Mutterrolle konfrontiert. Die Schattenseiten, die damit einhergehen, werden nur bedingt aufgegriffen oder sogar vollständig ausgeklammert. Vor allem die Medien fördern dieses Bild. Überall sieht man junge strahlende Mütter mit ihren glücklichen Babys. Eine werdende Mutter bekommt somit den Eindruck vermittelt, dass ein „Leben zu Dritt“ nur durch Harmonie und Zufriedenheit gekennzeichnet ist. Sie unterliegt somit einem erheblichen Trugschluss, der oftmals erst dann ersichtlich wird, wenn die Mutter nach der Geburt mit der Realität konfrontiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an das Mutterglück und der Realität depressiver Erkrankungen sowie die Motivation der Autorin für dieses Thema.
2. Allgemeine Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden medizinischen und psychologischen Begriffe rund um Depressionen und die Zeiträume pränatal sowie postpartal.
3. Biologische und psychosoziale Veränderungsprozesse durch den Übergang zur Mutterschaft: Es werden die biologischen, psychischen und sozialen Belastungen beschrieben, die das Krisenpotenzial während der Transition zur Mutterschaft erhöhen.
4. Postpartale depressive Erkrankungen: Dieses Kapitel klassifiziert die drei Hauptformen (Dysphorie, Depression, Psychose) und erläutert deren spezifische Symptomatiken und Ursachen.
5. Die Bindungstheorie: Ein ausführlicher Exkurs in die Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth erklärt die Bedeutung frühkindlicher Bindung für die psychische Entwicklung.
6. Die frühkindliche Interaktion zwischen Mutter und Kind: Hier wird der Fokus auf den affektiven Dialog, die „markierte Affektspiegelung“ und die Bedeutung der „haltenden Funktion“ für die Mutter-Kind-Einheit gelegt.
7. Postpartale Depressionen und ihre Folgen für die Kinder: Das Kapitel arbeitet die tiefgreifenden Auswirkungen mütterlicher Depressionen auf die Lebenssituation und die psychische Entwicklung von Kindern heraus.
8. Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten: Hier werden präventive, pädagogische und therapeutische Ansätze sowie gesetzliche Grundlagen für die Unterstützung betroffener Familien vorgestellt.
9. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Mutter und Kind als Einheit im Kontext der Sozialen Arbeit zu betrachten.
Schlüsselwörter
Postpartale Depression, Mutter-Kind-Beziehung, Bindungstheorie, Wochenbettdepression, Frühkindliche Interaktion, Soziale Arbeit, Prävention, Wochenbettpsychose, Feinfühligkeit, Psychosoziale Belastung, Elternschaft, Bindungsstil, Krisenintervention, Deprivation, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Krankheitsbild der postpartalen Depression und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung, insbesondere unter Berücksichtigung psychosozialer Faktoren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Diplomarbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die psychischen und biologischen Veränderungen nach der Geburt, die Bindungstheorie, die Auswirkungen auf die frühkindliche Entwicklung sowie konkrete Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Tabuisierung von postpartalen Erkrankungen zu durchbrechen, deren komplexe Auswirkungen auf Kinder darzustellen und praxisnahe Ansätze zu finden, um Mütter und ihre Kinder effektiv zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der Aufarbeitung theoretischer Konzepte der Entwicklungspsychologie, Bindungstheorie sowie der Psychoanalyse im sozialen Feld.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Klassifikation postpartaler Erkrankungen, der Bedeutung früher Bindungsmuster, der Analyse der frühkindlichen Interaktion sowie verschiedenen Interventionsmöglichkeiten, von der Schreibaby-Ambulanz bis zur stationären Behandlung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Postpartale Depression, Mutter-Kind-Beziehung, Bindungstheorie, Frühkindliche Interaktion, Krisenintervention und Resilienz sind zentrale Begriffe, die den Inhalt der Arbeit definieren.
Warum ist der Übergang zur Mutterschaft aus Sicht der Arbeit eine "normative Krisensituation"?
Da die Geburt eines Kindes mit gravierenden biologischen und psychosozialen Veränderungen einhergeht, die hohe Anpassungsleistungen der Frau erfordern und Konfliktpotenziale bergen, wird diese Lebensphase als krisenhaft eingestuft.
Was ist unter dem "Containment" und "Holding" in der Mutter-Kind-Interaktion zu verstehen?
Diese Begriffe beschreiben die Fähigkeit der Mutter, das Baby körperlich zu halten (Holding) und seine emotionalen, noch unintegrierten Gefühle "aufzunehmen" und stellvertretend zu verarbeiten (Containment), um das Kind vor Reizüberflutung zu schützen.
Welche Rolle spielt der Vater im Kontext der Arbeit?
Obwohl der Fokus auf der Mutter-Kind-Beziehung liegt, erkennt die Arbeit dem Vater eine wichtige kompensatorische Funktion zu, durch die er kindliche Defizite ausgleichen und das Familiensystem stabilisieren kann.
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- Diplom- Sozialpädagogin Stephanie Herrmann (Author), 2006, Postpartale Depressionen und ihre Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69725