Stehen die Dialekte in Deutschland kurz vor ihrer endgültigen Zurückdrängung durch eine einheitlich normierte Standardsprache? Schon vor zweihundert Jahren prognostizierten »Sprachwissenschaftler« den deutschen Mundarten ein baldiges Ende, welches sich jedoch bis in die heutige Zeit nicht, zumindest nicht in dem erwarteten Umfang, bewahrheitet hat. Gerade in den letzten Jahren ist sogar eher eine Art »Dialektrenaissance« zu verzeichnen, man besinnt sich zurück auf die Mundart als eine in der Heimat verwurzelten Sprache mit eigenem kulturellen Erbe. Ob dieses neuerliche Interesse am Dialekt als Zeichen einer Angst vor der konkreten Bedrohung seiner Verdrängung zu werten ist, oder aber als bewusst vollzogene Aufwertung desselben innerhalb der Gesellschaft gesehen werden muss, soll jedoch nicht Hauptaspekt dieser Arbeit sein. Vielmehr wird es im weiteren Verlauf um die zentrale Frage gehen, ob – und wenn ja, in wieweit – Dialekt sprechende Kinder aufgrund ihrer Primärsprache schulische Probleme haben. Unterrichtssprache ist das so genannte Hoch- oder Standarddeutsche, sprachlich bedingte Normenkonflikte auf Seiten Dialekt sprechender Schüler sind daher fast immer vorprogrammiert; sprachliche und meist auch soziale Schwierigkeiten sind eine häufige Folge.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Dialekt? – Versuch einer Begriffsbestimmung
3. Historische Entwicklung von Dialekt und Einheitssprache
4. Dialekt-Standardsprache-Situation heute: Eine Nachkriegserscheinung
4.1. Bemerkungen zum Begriff der Sprachbarriere
4.2. Zur sozialen Verteilung des Dialektes im deutschen Sprachraum
4.3. Statistische Angaben zur Dialektverbreitung
4.4. Dialekt und Schule
4.4.1. Situative Betrachtung der Dialektproblematik in der Schule
4.4.2. Phonetisch-phonologischer Komplex
4.4.3. Grammatikalischer Komplex
4.4.4. Lexikalischer Komplex
4.5. Standpunkte der Dialektdidaktik
4.5.1. Zielsetzung
4.5.2. Inhalte und Methoden der funktionalen Dialektdidaktik
4.5.3. Lehrmittel
4.5.4. Kritik dialektdidaktischer Lehrmaßnahmen
5. Resümee
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentralen Herausforderungen und schulischen Probleme, mit denen Dialekt sprechende Kinder in einem primär am Standarddeutschen orientierten Bildungssystem konfrontiert sind. Dabei wird analysiert, inwieweit sprachliche Unterschiede zwischen Mundart und Standardsprache zu Barrieren in der schulischen Leistung und sozialen Integration führen.
- Historische Genese der Dialekt-Standardsprache-Situation
- Soziolinguistische Konzepte von Sprachbarrieren
- Empirische Untersuchung der Dialektproblematik im Schulkontext
- Analyse und Kritik bestehender dialektdidaktischer Ansätze
- Einfluss des familiären Sprachmilieus auf den Spracherwerb
Auszug aus dem Buch
4.4.2. Phonetisch-phonologischer Komplex
Dieser Sprachbereich steht im Hinblick auf die Häufigkeit Dialekt bedingter Fehler nach dem lexikalischen Bereich mit etwa einem Drittel an zweiter Stelle. Umsetzungsschwierigkeiten vom Sprachsystem ›Dialekt‹ zum Sprachsystem ›Standarddeutsch‹ zeigen sich hier zwar in erster Linie auf dem Gebiet der Mündlichkeit durch eine falsche, d.h. nicht lautreine Aussprache der Wörter, doch ist damit zwangsläufig auch eine hohe Fehlerquote im Schriftlichen verbunden. Aufgrund des zum Teil sehr verschiedenartigen Lautsystems von Dialekt und Standardsprache haben Dialektsprecher verstärkt Probleme mit der Orthographie. So berichten Lehrer oft davon, dass Dialekt sprechende Schüler während eines Diktates sich beim Nachsprechen ihres dialektalen Systems bedienen, obwohl sie das Gehörte in Standarddeutsch niederschreiben müssen.
Hierbei interferiert die lautliche Struktur des Dialektes mit der des Standarddeutschen, eine lineare Umsetzung vom dialektalen Laut zum einheitssprachlichen Schriftzeichen ist nicht möglich. Der Dialekt sprechende Schüler kann seine dialektale Aussprache nicht als Grundlage des Schreibens oder zur Kontrolle für orthographische Zweifelsfälle zu Hilfe nehmen. Ausgangspunkt für jedes Dialekt sprechende Kind muss daher der einzelne Buchstabe und das geschriebene Wort sein; es reproduziert anfänglich noch die im Unterricht gelernten Buchstabenkombinationen, also Silben und Wörter, welche gleichzeitig seinen gesamten aktiven standardsprachlichen Wortschatz bilden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung des Fortbestehens deutscher Dialekte trotz Standardisierung und Einführung der zentralen Forschungsfrage nach den schulischen Problemen Dialekt sprechender Kinder.
2. Was ist Dialekt? – Versuch einer Begriffsbestimmung: Linguistische Annäherung an den Dialektbegriff unter Abgrenzung zur Standardsprache und regionalen Umgangssprachen.
3. Historische Entwicklung von Dialekt und Einheitssprache: Skizzierung des Entwicklungsprozesses der deutschen Schriftsprache und der zunehmenden Verdrängung der Mundarten seit dem Mittelalter.
4. Dialekt-Standardsprache-Situation heute: Eine Nachkriegserscheinung: Analyse der soziologischen Faktoren und der veränderten Schulsituation, die den Dialekt zu einem didaktischen Problemfeld machten.
5. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Notwendigkeit einer reflexiven Dialektdidaktik, die den Dialekt nicht als Defizit, sondern als Teil regionaler Identität begreift.
6. Bibliographie: Verzeichnis der herangezogenen linguistischen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Dialekt, Standardsprache, Sprachbarriere, Dialektdidaktik, Sprachdidaktik, Schulschwierigkeiten, Sprachnormen, Sprachvarietät, Soziolinguistik, Schriftsprache, Mundart, Lernziele, Sprachmilieu.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die spezifischen Schwierigkeiten von Schülern, deren Primärsprache ein Dialekt ist, in einem schulischen Umfeld, das das Standarddeutsche als verbindliche Sprachnorm voraussetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Standardsprache, die Soziologie der Sprachbarrieren, die spezifischen phonetischen und grammatikalischen Probleme sowie die Kritik an dialektdidaktischen Lehrmaterialien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die sprachliche und soziale Benachteiligung von Dialektsprechern aufzuzeigen und zu prüfen, welche didaktischen Ansätze geeignet sind, diese Nachteile abzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse linguistischer Fachliteratur sowie der Auswertung empirischer Forschungsberichte zur Sprachbarrierenproblematik und zur Effektivität von Lehrmethoden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der Dialektproblematik in der Schule (phonetisch, grammatikalisch, lexikalisch) sowie eine kritische Vorstellung verschiedener didaktischer Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Dialekt, Sprachbarriere, Standardsprache, Spracherziehung und Dialektdidaktik charakterisiert.
Warum stellt der Genitiv-Dativ-Wechsel für Dialektsprecher ein Problem dar?
Dialektsprecher nutzen im Dialekt häufiger den Dativ anstelle des Genitivs. Dieser Kasusabbau wird im Standarddeutschen jedoch als Fehler gewertet, was beim schriftlichen Gestalten in der Schule zu gehäuften orthographischen oder grammatikalischen Abweichungen führt.
Was ist der Kern der Kritik von Ulrich Ammon an den Sprachheften?
Ammon kritisiert, dass die Sprachhefte den Dialekt zu positiv bewerten, ohne den Schülern den funktionalen Nutzen und die Notwendigkeit des Erlernens der Standardsprache für ihre berufliche und gesellschaftliche Zukunft ausreichend zu verdeutlichen.
Welche Bedeutung hat das Elternhaus für den Spracherwerb?
Das Elternhaus prägt durch das gewählte Sprachmilieu und das Sprachwertsystem entscheidend die Einstellung des Kindes gegenüber der Mundart und seine Fähigkeit, Standardsprache als notwendiges Werkzeug zu begreifen.
- Quote paper
- Dirk Bessell (Author), 1996, Schulschwierigkeiten von Dialektsprechern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69745