Über Gottfried Benns Lyrik und Prosa


Hausarbeit, 1996
59 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Epoche des Expressionismus
2.1. Kunstwende als Weltwende
2.2. Das neue Menschenbild
2.3. Der Künstler als Botschafter

3. Gottfried Benn – Künstler im Schnittpunkt zweier Traditionen: Vom Eindruck zum Ausdruck
3.1. Kindheit und Jugend
3.2. Die Akademie
3.3. 1910
3.4. Ein brüchiger Roué
3.5. Doktor Benn
3.6. Dr. med. Werff Rönne
3.7. Der Erste Weltkrieg
3.8. Rückkehr und Chaos
3.9. 35 Jahre und total erledigt…
3.10. Welch ein Zyniker!
3.11. 1924 bis 1956

4. Gottfried Benns Lyrik und Prosa
4.1. Lyrik
4.2. Prosa

5. Resümee

6. Bibliographie

1. Einleitung

Die expressionistische Bewegung zu Beginn unseres Jahrhunderts stellt mit den literarischen Werken ihrer Vertreter ein sehr umfangreiches Themengebiet dar. Der Expressionismus, als Samme-lbezeichnung für eine besonders innerhalb der Literatur revolutionäre Denkrichtung zu verstehen, läßt sich nicht wie andere Epochen, falls man ihn als isoliert stehende Epoche bezeichnen kann, klar umreißen. Zu vielschichtig sind hierfür die einzelnen Ströme innerhalb des Expressionismus, vor allem auf dem Gebiet der Literatur. Eine exakte Datierung ist ebenso zweifelhaft, haben doch viele Literaten schon vor dieser Phase, deren Einsetzen um das Jahr 1910 angesiedelt wird, in ihren Werken dem Expressionismus vorausgegriffen und ließen so das Aufkommen eines neuen Literaturstils erahnen. Ebenso brachten zahlreiche, zumeist darstellende Künstler lange nach Ende des Expressionismus seine typischen Elemente in ihren Werken, wenn auch mit gehaltlichen Unterschieden, zum Ausdruck, man denke hier nur an die Malerei der »Neuen Wilden« seit 1978. Die Übergänge zwischen einzelnen Epochen sind stets fließend. In meinen Ausführungen möchte ich daher nicht den Expressionismus in seiner Gesamtheit darstellen, was bei dem geringen Umfang der Arbeit wohl kaum möglich ist und ihren Rahmen zwangsläufig sprengen würde, sondern mich auf die Charakterisierung der grundlegenden epochalen Tendenzen beschränken. Zudem wirft das Thema dieser Arbeit, Gottfried Benns Lyrik und Prosa, einige Probleme auf bezüglich der Einordnung in die expressionistische Zeit. Benn ist sicherlich nicht ausschließlich dem Expressionismus zuzuordnen. In der Sekundärliteratur wird häufig auf diesen Umstand hingewiesen, die Meinungen der Literaturwissenschaftler gehen angesichts dieser Problematik weit auseinander. Doch um die Frage, inwieweit nun seine frühe Literatur streng expressionistisch ist und er mit anderen zeitgenössischen Literaten gleichzusetzen ist, soll es in meiner Arbeit nicht gehen, vielmehr setze ich den Hauptaspekt auf eine reine Textinterpretation und -analyse zweier ausgewählter Werke Gottfried Benns.

Im Verlauf meiner Ausarbeitung werde ich zunächst versuchen, einen Eindruck von den epochentypischen Merkmalen des Expressio-nismus zu vermitteln, hauptsächlich im Hinblick auf seine Diktion und die Gedankenwelt dieser Zeit. Dabei richte ich das Augenmerk auch auf die Schwierigkeiten, mit denen der Leser heute bei der Lektüre expressionistischer Literatur konfrontiert wird, daß er sich freimachen muß von gewohnten realitätsbezogenen Denkmustern, um sich einer ihm völlig unbekannten Sichtweise der Wirklichkeit zu öffnen. Anschließend soll eine, bei der für diese Arbeit relevanten Zeit eingehendere, Betrachtung der persönlichen Entwicklung Gottfried Benns verstehen helfen, welche Art Mensch er war, wie er vom Zeitgeschehen, also auch von der expressionistischen Bewegung, beeinflußt wurde und welche Auswirkungen dies auf seine Persönlichkeit, sein künstlerisches Schaffen gehabt hat. Dies ist, so meine ich, unbedingt notwendig für das Verstehen von Benns Literatur. Nach dieser systematischen Annäherung an das Thema werde ich im vierten Kapitel speziell auf die beiden Texte Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke sowie Gehirne eingehen.

2. Die Epoche des Expressionismus

Kaum eine andere Bewegung wirft so viele Fragen auf und ist aus heutiger Sicht so schwer zu fassen wie die als Expressionismus bezeichnete Epoche zwischen 1910 und 1925. Ihre enorme Gedankenfülle und die daraus resultierenden höchst unterschiedlichen literarischen Werke machen es dem heutigen Betrachter nicht einfach, im Expressionismus eine Art roten Faden auszumachen, den es natürlich gibt. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, die Vielgestaltigkeit dieser avantgardistischen Bewegung in einer verständlichen Weise aufzuzeichnen und zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.

2.1. Kunstwende als Weltwende

Insgesamt ist die expressionistische Kunst als Gegenbewegung zu dem vor allem im 19. Jahrhundert sehr beschleunigten Zivilisations-prozeß zu sehen. Sie ist gleichsam ein Versuch, der wissenschaftlich enträtselten Welt, der von Technik beherrschten Wirklichkeit zu entfliehen und den Ausbruch in die irrationale Phantasie zu wagen: »Neuentdeckung der Seele als Revolte des Irrationalismus«.[1]

Positivismus und Materialismus ließen nur noch das wissenschaftlich Gesicherte gelten, Metaphysik und Theologie wurden zu bloßen Begriffsdichtungen herabgewürdigt. Deren Fragen nach dem menschlichen Dasein, seinem Wesen und ihre Betrachtungsweisen wurden streng abgelehnt, da sie nicht auf empirischen Erkenntnissen beruhen und daher zu unlösbaren Kontroversen führen. Jedwede Transzendenz wurde ausgelöscht, die Um-Welt zerfiel in eine Realität sinnloser Einzelheiten, ein übergeordneter Zusammenhang ließ sich nicht mehr feststellen. Von der Wirklichkeit und sich selbst entfremdet stand der Mensch ohne Glauben und ohne Halt in einem Trümmerhaufen, die Welt war ein sinnloses Chaos geworden. Was ihm blieb war einzig sein sinnliches Empfinden. »Wir sind alle hineingestellt in eine fürchterliche Unübersehbarkeit,« schreibt Franz Werfel bezeichnend für dieses Gefühl der Entfremdung in einem Aphorismus zum Jahr 1914, »der Reichtum der Einsichten und Organismen trug Verzweiflung und Wahnsinn in uns hinein, wir stehen machtlos der Einzelheit gegenüber, die keine Ordnung zur Einsicht macht, es scheint, das ›Und‹ zwischen den Dingen ist rebellisch geworden, alles liegt unverbindbar auf dem Haufen, und eine neue entsetzliche Einsamkeit macht das Leben stumm.«[2] Eine enträtselte Welt, zur Tatsachenwirklichkeit profaniert, ihre Menschen beherrscht vom bedingungslosen Glauben an die Wissenschaften und die Erklärbarkeit der menschlichen Existenz, war den Angehörigen der expressionistischen Bewegung Aufforderung zur revolutionären Wandlung. In der expressionistischen Literatur spiegeln sich diese negativen Erfahrungen der Zeit wider. Ohnmacht und Orientierungslosigkeit angesichts der entrückten, chaotischen Wirklichkeit, Isolation als Resultat von Egoismus und Partikularismus innerhalb der Gesellschaft, Entfremdung, Angst als eines der elementarsten Gefühle des Menschen sowie Ekel sind Kennzeichen dieser neuen Literatur. Besonders in der frühexpressionistischen Großstadtlyrik, zu nennen wäre hier allen voran Georg Heym, werden diese Erfahrungen vermittelt, hier stehen Faszination und Grauen direkt nebeneinander und bedingen sich gegenseitig. Eine derartige Literatur wollte das menschliche Dasein keinesfalls verschönen, im Gegenteil, sie beunruhigte und provozierte ihre Leser.

Die Erkenntnis von der Unmöglichkeit dieser Menschheit, welche sich von ihrer eigenen Schöpfung, den Wissenschaften und der Technik, abhängig gemacht hat, führte zu der für den Expressionismus so bezeichnenden Utopie des »Neuen Menschen«.

2.2. Das neue Menschenbild

Umdenken war gefordert, die Hinwendung zum Geistigen, auf daß der Mensch wieder zu sich selbst finde. Den Expressionisten war die Wirklichkeit, so wie sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte nicht länger erträglich. Doch der Expressionismus beschränkte sich nicht wie andere künstlerische Bewegungen nur auf die Kunst an sich, vielmehr sollte auf die Wandlung des Geistes die gesellschaftlich-politische Revolution folgen. Eine Wiedergeburt der Gesellschaft mit allen Mitteln der Kunst zu erreichen war also gleichermaßen erklärtes Ziel der expressionistischen Literatur. Es galt der sich im Menschen befindlichen, der inneren Wirklichkeit zum Ausdruck zu verhelfen, die Kunst sollte nicht länger die Um-Welt reproduzieren, sondern selbst zur Schöpfung werden. Durch die schöpferische Zerstörung des positivistischen Weltbildes wurden neue (oder alte?) Dimensionen der Wirklichkeit freigelegt.

»Der Mensch in der Mitte!« lautete das Postulat der meisten Expressionisten, Aufbruchs- und Revolutionsthematik, Verbrüde-rungs- und »Oh Mensch«-Pathos zeugen von der Sehnsucht, der Vision eines »Neuen Menschen«, der wieder zum Mittelpunkt der Schöpfung wird. Nun darf man aber zwischen diesen ins Positive gerichteten Themen und den oben geschilderten existentiellen Leiderfahrungen keinen Widerspruch sehen. Gerade die Entfremdungserfahrung macht das Bild vom selbstherrlichen und machtbewußten Menschen verständlich, der in Ekstase und Rausch sich eine neue, geistige Realität schafft, sich auf sein Ich zurückzieht. Die Utopie vom unendlichen Menschen ermöglichte auch ein neues religiöses Empfinden und weckte das Verlangen nach einer »Wiederbehausung im kosmisch-transzendenten Bezug«.[3]

Gleichzeitig bedeutet dies auch den Wunsch nach Vertrautheit und Heimatlichkeit, die Welt zeigte sich als zu abstrakt, sie hatte ihren Zuschnitt auf den Menschen verloren. Soziologisch betrachtet: Die großen Wirkungszusammenhänge, auch oder vor allem in Politik und Wirtschaft, waren den Menschen ungreifbar geworden, die Welt hatte sich selbständig gemacht. Überindividuelle Verbindlichkeiten, für jeden gleich, fehlten, unzählige Meinungen und Betrachtungs-möglichkeiten standen nebeneinander und relativierten sich gegenseitig. Jeder hatte von seinem Standpunkt aus betrachtet recht, daher waren alle Standpunkte beliebig austauschbar, so daß Individualität zu einer zufälligen Besonderheit reduziert wurde. Dieter Wellershoff spricht hier von einem »Verlust der kulturellen Stabilität«, welcher zur Suche nach einem neuen Halt führte.[4] Dieses Resultat einer aufgeklärten und zivilisierten Gesellschaft wird besonders in Gottfried Benns Novelle Diesterweg von 1918 deutlich, in der von der Persönlichkeit der gleichnamigen Hauptfigur nur noch die persönliche Note, der »Tick«, als belangloser Rest übrigbleibt.

Den tradierten Verhaltensmustern hatten die Expressionisten entsagt, doch sie besaßen die gemeinsame Vision eines »Neuen Menschen«, der nicht isoliert von allem in der Welt steht. Mit der Forderung, sich gegen Egoismus und Partikularismus zu wenden verband sich jedoch die Notwendigkeit einer für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit verbindlichen Ethik. Die von Wissenschaften und versagter Religion hinterlassene Leere sollte mit eben dieser neuen Gesinnung, Rückbesinnung auf den Geist, als das einzige der Menschheit gebliebene und zugleich menschlichste am Menschen, gefüllt werden.

2.3. Der Künstler als Botschafter

Dem Künstler kam somit die Rolle des Botschafters einer neuen Gedankenwelt zu, er hatte mit seinem Werk die bürgerliche Gesellschaft zu demaskieren und zugleich Neues zu stiften. Gewiß ein hoher, wenn nicht zu hoher Anspruch an die Kunst. Das Wesenhafte der menschlichen Existenz wollte erfaßt werden, wobei der Verwirklichungsprozeß nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen zu gehen hatte. Aus einer gewandelten Kunst hatte sich eine gewandelte Gesellschaft zu ergeben. Widersprüchlich ist bei den zahlreichen expressionistischen Manifesten, in denen die Schriftsteller die neuen Maßstäbe der Kunst verkündeten, die Erwartung, daß Kunst einerseits in einer der Allgemeinheit verständlichen Sprache die Menschen erreichen sollte, andererseits aber nicht ihre Geheimnisse preisgeben durfte. Hier stand also der Versuch, jener inneren Wirklichkeit zum Ausdruck zu verhelfen in einem Gegensatz zu der auf die Realität bezogene Zielsetzung. Verkannt wurde ebenso die übliche Wirkungsweise, nach der sich eine neuartige Kunst aus einer veränderten Gesellschaft ergibt und nicht umgekehrt. Denn man muß eines berücksichtigen: Kunst bleibt stets auf einen bestimmten Kreis innerhalb einer Gesellschaft beschränkt, sei sie auch noch so humanistisch oder populär. Künstler sind allzu oft Außenseiter, denen zwar Beachtung geschenkt wird, dies aber nicht in einem derartig hohen Maß, als daß sie mit ihren Ideen die Gesellschaft revolutionieren könnten. Pessimistisch ist diese Betrachtungsweise keineswegs, realistisch schon eher.

Zwei unterschiedliche Stilrichtungen waren das Ergebnis der neuen Kunst. Während die meisten Vertreter des literarischen Expressionismus auf die neue Form der Kunst zugunsten der Verwirklichung ihres ethischen Ideals eines »Neuen Menschen« verzichteten, akzentuierten andere, wie Gottfried Benn oder Carl Einstein, in ihren Werken das rein Ästhetische, die neue Form. Einstein wagte mit seinem Prosastück Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders den ersten Versuch sogenannter »absoluter Dichtung«, welche schließlich von Benn mit seinen Rönne-Novellen zur Perfektion vollendet wurde.

Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte die expressionistische Bewegung ihren Höhepunkt, es war ihre produktivste Phase. Doch mit dem Krieg veränderte sich das Weltbild völlig, die expressionistische Literatur nahm einen anderen Ton an, nihilistische Gedanken verdrängten nach und nach die anfängliche Euphorie von der gesellschaftswandelnden Kraft des Geistes. Der inhaltslose Mensch wird zum dominierenden Bild, so beispielsweise in Benns beiden Szenenfolgen Der Vermessungsdirigent und Karandasch, die allerdings schon in den Jahren 1916/17 entstanden sind. Im November 1918 brach Deutschland auseinander, chaotische politische Zustände waren die Folge.[5] Der Expressionismus hatte in seiner Zielsetzung versagt, er konnte weder die Politik revolutionieren, noch war er in der Lage, die Gesellschaft zu wandeln. Parallel zum Expressionismus mit seinen übersteigerten Erwartungen an die Kunst vollzog sich im Dadaismus als Grotesk-Kunst die Reaktion auf das Ausbleiben dieser Wandlung, durch die Hinwendung zur reinen Kunst, losgelöst von jedem Anspruch, von jeder Sinngebung.

Viele Kritiker haben die gesellschaftliche Relevanz des expressionistischen Jahrzehnts in Frage gestellt, so bezeichnete der ungarische Literarhistoriker und Philosoph Georg Lukács den Expressionismus als »quantitative Steigerung der Verlorenheit und Verzweiflung«, in dem einzig und allein die »Ratlosigkeit einer wurzellosen und zersetzten kleinbürgerlichen Intelligenz, als kleinbürgerliche Großstadtpoesie« zum Ausdruck komme.[6] Derartige Kritik, marxistisch gefärbt, lenkt aber von der enormen Bedeutung ab, die der Expressionismus für die moderne Kunst gehabt hat. Zweifelsfrei haben die künstlerischen Schöpfungen dieser Epoche ein neues Realitätsbewußtsein bis in die heutige Zeit hinein zur Erscheinung gebracht. Befaßt man sich in der heutigen Zeit mit den literarischen Werken des Expressionismus, so sieht man sich vor die Schwierigkeit gestellt, daß auch wir zwischen Wissenschaften und Technik einerseits sowie der Suche nach uns selbst andererseits stehen. Die expressionistische Gedankenwelt läßt sich auch heute nur erschließen, wenn man bereit ist, sein selbstgeschaffenes oder von der Gesellschaft aufoktroyiertes Weltbild beiseite zu legen und sich auf diese andersartige, den Menschen betonende Sicht einzulassen. Nur dann versteht man den Expressionismus und kann sich von seinen literarischen Produkten provozieren lassen. Distanz und Sachlichkeit müssen aufgegeben werden, eine nüchterne Analyse trägt bei einer Kunst wie der des Expressionismus keine Früchte. Zudem stellt es sich aus heutiger Sicht als zu leicht heraus, die Vergangenheit scheinbar besserwissend zu beurteilen, doch im Grunde genommen hat die Menschheit nichts dazugelernt. Daher muß sie weiterhin provoziert werden, bis irgendwann die herbeigesehnte Wandlung tatsächlich eintritt.

3. Gottfried Benn – Künstler im Schnittpunkt zweier Traditionen: Vom Eindruck zum Ausdruck

Dieses Kapitel widmet sich ganz der persönlichen Entwicklung Benns. Anhand vieler Selbstzeugnisse und Dokumente des Schriftstellers, entnommen sind sie hauptsächlich den Gesammelten Werken, soll ein Bild seines Wesens skizziert werden, das selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit hegt. Eine Untergliederung des Kapitels in einzelne Stationen und Perioden Benns Leben zeigte sich aufgrund der Fülle an Informationen als sinnvoll. Die Daten ab etwa 1923 sind nur noch in Stichpunkten festgehalten, da sie für die expressionistische Phase im Leben Gottfried Benns nicht von immenser Bedeutung sind.

3.1. Kindheit und Jugend

Gottfried Benn kommt am 2. Mai 1886 als zweites von acht Kindern des protestantischen Pfarrers Gustav Benn (1857 bis 1939) im Dorf Mansfeld/Westpriegnitz zur Welt. Er wird in ärmliche Verhältnisse hineingeboren: »[…] ein Pfarrhaus aus Lehm und Balken, […] von einem Schafstall nicht zu unterscheiden«.[7]

Benn schätzt und verehrt seinen Vater sehr: »Mein Vater […] war ein ungewöhnlicher Mann: orthodox, vielleicht nicht im Sinne der Kirche, aber als Persönlichkeit; heroisch in der Lehre, heroisch wie ein Prophet des Alten Testaments […]«[8], »[…] es ging von ihm eine Stärke aus, wie ich sie nie wieder an irgendeinem Menschen erlebt habe«[9]. In einem Brief an den Bremer Kaufmann und Juristen Friedrich Wilhelm Oelze, zu dem Benn eine lebenslange Brief- und Freundschaftsbeziehung unterhielt, schreibt er ebenso voller Bewunderung über seinen Vater: »Es strömte etwas von ihm aus, dem ich mich selbst in meinen extremsten und explosivsten Jahren nie entziehen konnte, und das ich als eine überwältigende unfaßliche Reinheit bezeichnen möchte. Unerreichbar für eine zerrissene städtische Natur.«[10] Gustav Benn besaß als Pfarrer den Glauben an einen Weltzusammenhang, welcher ihm durch Gott, die übermenschliche Existenz gegeben war. Vor diesem Hintergrund wird auch Gottfried Benns Bewunderung deutlich, denn für seinen Vater machte die Welt, das Leben einen Sinn.

Über seine Mutter Caroline (1858 bis 1912), geb. Jequier, schreibt Benn rückblickend: »Meine Mutter war französische Schweizerin, sprach nie richtig Deutsch, eine rein romanische Familie aus Fleurier, bei Yverdon, Kanton Neuchâtel, ich bin also nur 50 % germanisch, daher meine Mischlingsmelancholie.«[11]

Im Winter 1886 zieht die Familie nach Sellin/Neumark um, hier wächst Benn auf. Vom Vater erhält er ersten Unterricht im Pfarrhaus und besucht dann von 1893 bis 1896 die Dorfschule. Schon in den folgenden Jahren von 1896 bis 1903 zeichnet sich Benns lebenslange Außenseiterposition ab. Er, der arme Sohn eines Landpfarrers, geht in Frankfurt/Oder auf ein humanistisches Gymnasium, wo er Umgang hat mit adligen Söhnen und deren Lebensweise bewundert.

Am 11. September 1903 macht Benn sein Abitur am Friedrichs-Gymnasium und studiert auf ausdrücklichen Wunsch des Vaters vom Herbst 1903 bis zum Sommer 1904 zwei Semester Theologie und Philosophie in Marburg. Zu dieser Zeit sendet er seine ersten lyrischen Versuche an die Berliner Romanzeitung: »Ich wartete zitternd einige Wochen auf das Urteil. Es kam und lautete: ›G.B. – freundlich in der Gesinnung, schwach im Ausdruck. Senden Sie gelegentlich wieder ein.‹«[12] Daß Gottfried Benn in zehn Jahren der literarische Durchbruch gelingen würde, konnte noch niemand wissen. Er verläßt nach dem Sommersemester 1904 Marburg und wechselt nach Berlin, wo er zwei weitere Semester Philologie studiert.

[...]


[1] Otto F Best. (Hrsg.): Expressionismus und Dadaismus, Stuttgart 1994 (= Die deutsche Literatur in Text und Darstellung, Bd. 14), S. 16.

[2] Franz Werfel: Aphorismus zu diesem Jahr, zit. n.: Thomas Anz: Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus, Stuttgart 1977 (= Germanistische Abhandlugen, Bd. 46), S. 68.

[3] Best, S. 16.

[4] Vgl. Dieter Wellershoff: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde, Köln2 1986, S. 47 ff.

[5] Vgl. Bodo Harenberg (Hrsg.): Chronik des 20. Jahrhunderts, Braunschweig 1982, S. 238-243.

[6] Best, S. 17.

[7] Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden, hrsg. v. Dieter Wellershoff, Bd. 1: Essays, Reden, Vorträge, Wiesbaden 1959, S. 231.

[8] Ebd., Bd. 4: Autobiographische und vermischte Schriften, Wiesbaden 1961, S. 235.

[9] Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe, Wiesbaden2 1959, S. 265.

[10] Gottfried Benn: Briefe, hrsg. v. Harald Steinhagen u. Jürgen Schröder, Bd. 1: Briefe an F.W. Oelze 1932-1945, Wiesbaden 1977, S. 220.

[11] Benn: Ausgewählte Briefe, S. 101.

[12] Benn: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 532.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Über Gottfried Benns Lyrik und Prosa
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Grundseminar "Die Epoche des Expressionismus"
Note
1,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
59
Katalognummer
V69746
ISBN (eBook)
9783638622424
ISBN (Buch)
9783638933926
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit mit breitem Rand (Anm. der Red.)
Schlagworte
Gottfried, Benns, Lyrik, Prosa, Grundseminar, Epoche, Expressionismus
Arbeit zitieren
Dirk Bessell (Autor), 1996, Über Gottfried Benns Lyrik und Prosa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69746

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