Die japanische Schrift


Hausarbeit, 1995

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Aufbau der japanischen Schrift
2.1. Historischer Überblick
2.2. Übernahme chinesischer Schriftzeichen
2.3. Die phonetische Adaption - Entwicklung der manyôgana - Schrift
2.3.1. Die hiragana
2.3.2. Die katakana
2.4. Die semantische Adaption - Entstehung der kanji
2.4.1. Das go-on
2.4.2. Das kan-on
2.4.3. Das tô-in bzw. tô-sô-on
2.4.4. Piktogramme
2.4.5. Ideogramme
2.4.6. Bildkombinationen
2.4.7. Phono-Logogramme
2.5. Transkriptionssysteme

3. Anwendungsprobleme
3.1. Die Sprachstruktur des Japanischen
3.2. Das Problem der Homophonie
3.3. Verschriftlichungsproblematik
3.4. Die Versuche einer Schriftreform in Japan

4. Resümee

5. Bibliographie

1. Einleitung

Aufgrund der Tatsache, daß die Entstehung und Entwicklung der japanischen Sprache und Schrift ein komplexes Themengebiet darstellt, möchten wir uns in unserer Ausarbeitung auf die wichtigsten Aspekte beschränken. Deshalb werden wir uns zunächst mit der historischen Entwicklung der japanischen Schrift beschäftigen und dabei aufzeigen, wie es zur Entstehung der drei japanischen Schriften (kanji, hiragana und katakana) gekommen ist und uns später kurz mit den Transkriptionsschriften des Japanischen befassen. Im weiteren Verlauf werden wir auf Besonderheiten der japanischen Sprache eingehen, da Sprache und Schrift ein System bilden, sie somit eine untrennbare Einheit bilden. Danach werden wir einige Anwendungsprobleme im Japanischen aufzeigen, wie zum Beispiel das Problem der Homophonie. Abschließend werden wir uns noch mit den aktuellen Versuchen einer Schriftreform in Japan beschäftigen, wobei die Komplexität dieses eigenständigen Themenbereiches bei einer gründlichen Untersuchung den Rahmen einer derartig kurzen Arbeit zwangsläufig sprengen würde. Im Verlauf dieser Ausarbeitung soll gezeigt werden, wie stark japanische Schrift und Sprache miteinander verwoben sind.

2. Entstehung und Aufbau der japanischen Schrift

In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, wie es zur Entstehung der heutigen japanischen Schrift gekommen ist. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Übernahme chinesischer Schriftzeichen durch die Japaner gelegt.

2.1. Historischer Überblick

Die japanische Schrift basiert auf dem chinesischen Schriftsystem, welches zu Beginn des 5. Jahrhunderts im Verlauf des sich ausbreitenden japanischen Interesses am buddhistischen Glauben von koreanischen Einwanderern nach Japan getragen wurde. Dies führte jedoch nicht direkt zur Entwicklung einer eigenständigen japanischen Schrift, sondern zunächst kam es zu einer limitierten Verwendung chinesischer Schriftzeichen, da es nur der gelehrten Oberschicht vorbehalten war, diese in Wort und Schrift zu benutzen.

Ein Großteil der Sprachforscher ist sich darüber einig, daß die Japaner vor der Übernahme der chinesischen Schrift kein eigenes Schriftsystem besaßen. ROY ANDREW MILLER schreibt dazu: » Not until the historical period and the introduction of Chinese script is there any written evidence bearing on the earliest stages of the Japanese Language. « 1 Einige wenige japanische Linguisten sind von der Existenz sogenannter »Götterschriften« überzeugt, die bereits vor der Adaption chinesischer Schriftzeichen verwendet worden sein sollen.2 Dies sei aber nur am Rande erwähnt, da es für diesen Sachverhalt keine stichhaltigen Beweise gibt.

2.2. Übernahme chinesischer Schriftzeichen

Mit der Entwicklung von chinesisch-japanischen Beziehungen im 5. Jahrhundert wurde das Interesse der Japaner für die chinesische Schrift geweckt. Als Übersetzer fungierten hierbei eingewanderte Altkoreaner (s.o.), die in ihrer Heimat schon über Generationen mit dem Chinesischen vertraut waren, da das Chinesische bereits im 1. Jahrhundert in Korea verbreitet war und als Lehnsprache für die Entwicklung der koreanischen Schrift verwendet worden war. Diese fubito (Schriftkundige) bildeten während der Yamato-Dynastie (3. bis 6. Jahrhundert) sogenannte fumibe (Schreibergilden) und sahen es als ihre Aufgabe an, den Japanern das Chinesische nahezubringen. Wegen ihrer Kenntnisse des Chinesischen erledigten sie auch den aufgrund entstehender diplomatischer Beziehungen wachsenden Schriftverkehr zwischen Japan und China.3 Zur Erforschung der chinesischen Kultur schickte Japan ab 604 wiederholt Missionen nach China. Diese Unternehmungen waren jedoch der gebildeten Oberschicht vorbehalten, was dazu führte, daß die japanische Oberschicht zu Beginn des 7. Jahrhunderts problemlos chinesisch lesen und schreiben konnte und Chinesisch bald zur japanischen Amtssprache avancierte.4

2.3. Die phonetische Adaption - Entwicklung der manyôgana-Schrift

Parallel zum Chinesisch-Studium der Oberschicht suchte die weniger gebildete »breite Masse« eine Möglichkeit zur Verschriftlichung der japanischen Sprache. Diese wurde in der manyôgana -Schrift gefunden, welche chinesische Schriftzeichen lediglich aufgrund ihrer Lautung verwendete. Der Name manyôgana wurde aus dem Titel der um 765 entstandenen Gedichtsammlung Manyôsh û, die teilweise in manyôgana geschrieben ist, abgeleitet. Das Manyôsh û (»Zehntausend-Blätter-Sammlung«) stellt die älteste erhaltene Sammlung von insgesamt 4.500 japanischen Gedichten dar.

Den zugrundeliegenden Prozeß bezeichnet man als phonetische Adaption. Dabei blieb die Bedeutung der zu adaptierenden chinesischen Schriftzeichen völlig unberücksichtigt. Aufgrund der starken Homophonie der chinesischen Sprache gab es verschiedene Schriftzeichen, die zur Bezeichnung einer japanischen Silbe verwendet werden konnten. Da der weniger gebildeten Schicht jedoch die notwendigen Kenntnisse der chinesischen Sprache fehlten, wurde die Auswahl an homophonen Varianten stark eingeschränkt. Durchgesetzt haben sich schließlich nur eine begrenzte Anzahl an manyôgana.5

Zur Verdeutlichung der phonetischen Adaption sollen folgende Beispiele genügen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.1. Die hiragana

Aus dem Zeichensatz der manyôgana entstand zu Beginn des 9. Jahrhunderts zunächst der hiragana -Zeichensatz, etwas später der katakana -Zeichensatz. Der manyôgana -Schreibstil verlor mit Beginn der Heian-Zeit (794 bis 1186) allmählich seine Vormachtstellung. Während dieser Epoche war es den Frauen untersagt, andere chinesische Schriftzeichen außer den manyôgana zu erlernen. Die ursprünglichen manyôgana -Zeichen waren allerdings sehr komplex und daher für ein schnelles, schwungvolles, kursives Schreiben mit einem Pinsel ungeeignet, so daß sie im Laufe der Zeit von ihren Benutzerinnen durch alltäglichen Gebrauch vereinfacht wurden. Weil die hiragana eine reine Schreibschrift bildeten, wurde das Kursive der Schriftzeichen immer stärker betont und somit zum differenzierenden Merkmal. Die neuentstandene Schrift wurde als onamoji (»Frauenschrift«) bezeichnet. Erst im 17. Jahrhundert setzte sich der heute gebräuchliche Terminus hiragana durch.

2.3.2. Die katakana

Im Gegensatz zu den Frauen, die man als Schöpfer der hiragana bezeichnen kann, geht die Entstehung der zweiten Silbenschrift, der katakana, auf Männer, meist buddhistische Mönche, zurück, die diese Zeichen allerdings ausschließlich als Lesehilfe komplizierter chinesischer Texte entwickelten.6 Hierbei schrieben sie ihre Übersetzungen spaltenweise neben den Originaltext. Basierend auf den manyôgana entstand ein völlig neues Zeicheninventar, wobei im Gegensatz zu den hiragana das Kursive der Schriftzeichen immer weiter vernachlässigt worden ist, so daß nicht-kursive Bestandteile als differenzierendes Merkmal der katakana gelten.

2.4. Die semantische Adaption - Entstehung der kanji

Rund zwei Jahrhunderte nach Aufkommen der Beschäftigung mit der chinesischen Sprache unternahmen die Japaner erste Versuche, längere zusammenhängende japanische Texte mit Hilfe chinesischer Schriftzeichen niederzuschreiben.7 Diese relativ lange Zeitspanne läßt sich durch die Wertstellung der chinesischen Sprache erklären, da es besonders angesehen war, diese zu benutzen. Unbeachtet von der gelehrten Oberschicht vollzog sich folglich ein Wandel innerhalb der breiten Bevölkerungsschicht, deren Vertreter sich immer mehr auf ihre eigene Nationalität besannen und so, wenn auch unbewußt, die Entstehung einer unabhängigen japanischen Schrift vorantrieben. Bevor man jedoch von einem selbständigen Japanisch reden konnte, wurden zunächst wiederum chinesische Schriftzeichen übernommen.

Nun aber war die Bedeutung der Wörter ausschlaggebend, die semantische Adaption setzte ein. Bei dieser Übernahmemethode wurden die Zeichen » unabh ä ngig von ihrem Lautwert entsprechend ihrer Bedeutung zur Wiedergabe sinngleicher oder sinnverwandter japanischer Wörter verwendet und dementsprechend japanisch gelesen. « 8

Die chinesische Lesung fiel bei der semantischen Adaption nicht ins Gewicht, vielmehr wurden chinesische Schriftzeichen aufgrund ihrer Bedeutungen ausgewählt, um japanische Begriffe niederzuschreiben. So wird im Chinesischen das Wort für ›Wasser‹ sui ausgesprochen, während es im Japanischen mizu ausgesprochen wird, beide werden aber mit demselben Schriftzeichen geschrieben. Die so entstandene japanische Lesung chinesischer Schriftzeichen wird als kun -Lesung bezeichnet, chinesische on -Lesungen werden noch zur Kennzeichnung der jeweiligen chinesischen Lehwörter verwendet. Jedes kanji besitzt demnach häufig zwei unterschiedliche Lesarten, einmal die sino-japanische on -Lesung und eine oder mehrere rein-japanische kun -Lesungen; das kanji für den Begriff ›ergreifen‹ besitzt zum Beispiel fünf on - und sechs kun -Lesungen; genausogut aber gibt es kanji, die nur eine on - und keine kun -Lesung besitzen; es existiert jedoch kein kanji, das nicht zumindest eine on - Lesung hat.9

Sino-japanische on -Lesungen unterscheidet man wiederum in drei differierende Lesungen: Das go-on, das kan-on sowie das tô-in.

[...]


1 Roy Andrew Miller: The Japanese Language, Rutland/Vt. 1980, S. 27 f.

2 Vgl. Marion Grein: Einf ü hrung in die Entwicklungsgeschichte der japanischen Schrift, Mainz 1994, S. 9. Siehe auch Hans Jensen: Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin (Ost) 1984, S. 190 f.

3 Vgl. Bruno Lewin: Sprachbetrachtung und Sprachwissenschaft im vormodernen Japan, hrsg. v. d. Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Opladen 1982 (= Vorträge Geisteswissenschaften, Nr. 258), S. 15.

4 Vgl. Grein, S. 30 f.

5 Ebd., S. 35.

6 Ebd., S. 49.

7 Ebd., S. 31.

8 Wolfgang Hadamitzky (Hrsg.): Langenscheidts Lehrbuch und Lexikon der japanischen Schrift, Berlin 1987.

9 Vgl. Anthony E. Backhouse: The Japanese Language. An Introduction, Melbourne 1993., S. 50.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die japanische Schrift
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Thematisches Proseminar "Sprache und Schrift"
Note
1,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
26
Katalognummer
V69776
ISBN (eBook)
9783638628815
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schrift, Thematisches, Proseminar, Sprache, Schrift
Arbeit zitieren
Dirk Bessell (Autor:in), 1995, Die japanische Schrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69776

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die japanische Schrift



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden