Warum sind einige Menschen risikofreudiger als andere? Welche Ursprünge kennzeichnen die individuelle Risikobereitschaft? Sind die Deutschen wirklich ein risikoscheues Volk?
Der Autor befasst sich mit dem Aufdecken der Determinanten individueller Risikopräferenzen. Als Ausgangspunkt werden die Grundlagen der ökonomischen Entscheidungstheorie unter Unsicherheit rekapituliert und ein Überblick geboten über deren Vertiefungen, die geeignet sind unser risikobeeinflusstes Verhalten zu erklären.
Das Hauptaugenmerk dieser mit "sehr gut (1,0)" bewerteten Diplomarbeit bildet die Suche nach den Einflussfaktoren der menschlichen Risikobereitschaft. Die wahrscheinlichen Wirkungsweisen einer Vielzahl sozio-ökonomischer Faktoren werden auf der Grundlage einer umfangreichen Literaturbetrachtung ökonomischer aber auch psychologischer und neurobiologischer Studien – ergänzt um originäre Überlegungen zu den kausalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen – thematisiert. Diese Analyse erlaubt das Ableiten von expliziten Hypothesen, welche empirisch mit deskriptiven und induktiven statistischen Methoden getestet wurden auf der Datenbasis von ca. 22.000 befragten Personen des Sozio-Oekonomischen Panels SOEP, geführt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Insbesondere nutzt der Autor eine innovative Methodik zur Analyse des potentiellen Einflusses der Nationalität auf die Risikobereitschaft, indem Emigranten nach Deutschland gezielt betrachtet werden.
Alle theoretisch abgeleiteten Hypothesen konnten durch die statistische Auswertung bestätigt werden. Die Ergebnisse zeigen:
(1) Die Bereitschaft Risiken einzugehen, ist in der Bevölkerung heterogen verteilt
(2) Risikoaversion ist eine überwiegende Einstellung
(3) Frauen sind risikoscheuer als Männer
(4) die Risikowilligkeit sinkt mit zunehmendem Alter
(5) größere Personen sind risikobereiter als kleinere
(6) höher gebildete Menschen sind gewillter Risiken einzugehen
(7) Personen mit höheren Einkommen sind risikofreudiger
(8) Menschen religiösen Glaubens sind risikoscheuer als Atheisten
(9) Konservative Religionen befördern Risikoaversion
(10) Nationalität ist kein bestimmender Faktor der individuellen Risikobereitschaft – sie zeigt sich als Amalgam zugrunde liegender Faktoren, die daher gegliedert betrachtet werden sollten
(11) trotz der vielen Zusammenhänge können sozio-ökonomische Faktoren nicht mehr als ein Drittel der Unterschiede in den zwischenmenschlichen Risikoeinstellungen erklären.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung
1 Einführung
2 Zielsetzung
3 Gang der Betrachtung
B Theoretische Analyse
1 Entscheidungstheoretische Grundlagen
1.1 Präferenzordnung, Nutzen und Entscheidungen unter Sicherheit
1.2 Entscheidungen unter Risiko
1.2.1 Unsicherheit i.e.S. – Entscheidungen unter Ungewissheit
1.2.2 Erwartungsnutzentheorie
1.2.2.1 Bernoulli-Prinzip
1.2.2.2 von Neumann/Morgenstern/Savage-Axiome
1.2.2.3 Risikopräferenzen
1.2.2.4 Risikomaße
1.2.3 Erweiterungen der klassischen Erwartungsnutzentheorie
1.3 Stabilität von Präferenzen
1.3.1 Stabilität versus Kontextabhängigkeit
1.3.2 Stated versus revealed Preferences und deren Beeinflussung
1.3.2.1 Repräsentativität
1.3.2.2 Informationsverfügbarkeit
1.3.2.3 Beeinflussung durch Problemstellung
1.3.2.4 Affekte
2 Bestimmungsfaktoren individueller Risikopräferenzen
2.1 Literaturüberblick
2.1.1 Grundlegende Arbeiten
2.1.2 Diskussion einzelner Determinanten
2.1.2.1 Geschlecht
2.1.2.2 Alter
2.1.2.3 Körpergröße
2.1.2.4 Bildung
2.1.2.5 Einkommen/Vermögen
2.1.2.6 Religion
2.1.2.7 Nationalität
2.1.3 Weitere Aspekte
2.2 Problematik der Endogenität
3 Zwischenfazit und Hypothesenzusammenfassung
C Empirische Validierung
1 Datengrundlage
1.1 Problematik internationaler Vergleichbarkeit
1.2 Das SOEP
2 Untersuchungsmodell
2.1 Das Risikomaß
2.2 Variablendefinitionen
2.3 Untersuchungsmethode
3 Empirische Ergebnisse
3.1 Deskriptive Analyse
3.2 Korrelationsanalyse
3.3 Regressionsanalyse
4 Zwischenfazit und Hypothesenbewertung
D Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Determinanten individueller Risikopräferenzen im internationalen Vergleich, um zu erklären, warum Individuen in vermeintlich gleichen Entscheidungssituationen unterschiedlich risikoaffin agieren. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, inwiefern sozio-ökonomische Faktoren, psychologische Heuristiken und insbesondere die Nationalität eine Rolle bei der Ausbildung dieser Präferenzen spielen.
- Theoretische Fundierung von Entscheidungen unter Risiko
- Identifikation von Determinanten der individuellen Risikobereitschaft
- Empirische Analyse auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)
- Untersuchung des Einflusses der Nationalität als Bestimmungsgröße
Auszug aus dem Buch
B 1.2 Entscheidungen unter Risiko
Für eine sichere Umwelt ist das vorgestellte Konzept der Nutzenmaximierung angemessen. Im Alltag sind jedoch weder alle entscheidungsrelevanten Alternativen bekannt – hiervon wird im Folgenden jedoch abstrahiert – noch sind die Wunschmengen der Wunschgüter risikolos zu erhalten. Vielmehr ist jeglicher Konsum eines Gutes nur mit bestimmter Wahrscheinlichkeit möglich. Als augenscheinliches Beispiel sei der oft erstrebte nutzenschaffende Lottogewinn genannt. Unklar ist auch, ob der Lebenspartner die eigene Freizeit am Abend wie geplant bereichern wird, oder ob beim Einkauf das Geschäft die erstrebten Bananen heute in adäquater Qualität führt.
Dieses Kapitel geht nachfolgend der Frage nach, wie ein Akteur in diesem Kontext sein Güterbündel schnüren sollte, unter bestmöglicher Beachtung seiner Risikopräferenzen.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Risikoentscheidungen ein, definiert das Forschungsziel der Bestimmungsfaktoren für Risikopräferenzen und erläutert den Aufbau der Untersuchung.
B Theoretische Analyse: Dieser Teil erörtert entscheidungstheoretische Grundlagen, analysiert verschiedene Risikomaße und diskutiert mögliche Determinanten sowie die Stabilität von Präferenzen.
C Empirische Validierung: Hier werden die theoretischen Hypothesen mittels Paneldaten des SOEP empirisch getestet, deskriptiv sowie mittels Korrelations- und Regressionsanalysen ausgewertet.
D Schlussbetrachtung: Das letzte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Bedeutung der nationalen Einflüsse sowie sozio-ökonomischer Determinanten und gibt einen Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Risikopräferenzen, Risikoaversion, Erwartungsnutzentheorie, Risikobereitschaft, SOEP, Sozio-ökonomische Faktoren, Nationalität, Entscheidungen unter Unsicherheit, Nutzenfunktion, Verhaltensökonomik, empirische Validierung, Risikomaße, Risiko-Wert-Modell, Individuelle Unterschiede, Determiniertenanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Einflussfaktoren auf die individuelle Risikobereitschaft von Menschen und prüft, ob und wie diese Faktoren interindividuell sowie im internationalen Vergleich variieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft klassische ökonomische Entscheidungstheorie mit verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen, um Faktoren wie Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen, Religion und Nationalität als Determinanten des Risikoverhaltens zu untersuchen.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist die Aufdeckung möglicher Bestimmungsfaktoren für die individuelle Risikobereitschaft und insbesondere die Beantwortung der Frage, ob die Nationalität einer Person eine signifikante Rolle bei der Bildung von Entscheidungspräferenzen spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine theoretische Literaturanalyse mit einer empirischen Auswertung auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Hierbei werden deskriptive Statistik, Korrelationsanalysen sowie OLS- und ordinale Regressionen eingesetzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Analyse der Erwartungsnutzentheorie und deren Erweiterungen sowie eine umfangreiche empirische Validierung der daraus abgeleiteten Hypothesen anhand großer Datensätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Risikopräferenzen, Risikoaversion, Erwartungsnutzentheorie, SOEP, sozio-ökonomische Determinanten, Nationalität und empirische Validierung.
Welche besondere Rolle spielt die Nationalität in dieser Arbeit?
Die Arbeit widmet der Nationalität als Determinante besonderes Augenmerk und verwendet einen innovativen Ansatz, indem sie Migranten in Deutschland untersucht, um kulturelle Einflüsse von den Rahmenbedingungen des Gastlandes zu isolieren.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Erklärbarkeit von Risikobereitschaft?
Der Autor stellt fest, dass sozio-ökonomische Variablen das Risikoverhalten nur partiell erklären können und dass neben messbaren Faktoren auch psychologische und neurobiologische Aspekte von entscheidender Bedeutung sind.
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- Dipl.-Volkswirt Stephan Bartke (Author), 2006, Bestimmungsfaktoren individueller Risikopräferenzen im internationalem Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69791