“Hoc deo beneplacito redimite obsequio, ut delictorum, quibus dominum ad iracundiam provocastis, celerem indulgentiam vobis obtineant hec pietatis Opera et deprecatio collata sanctorum.”
Diese Passage aus dem Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II von der Synode von Clermont könnte als Leitspruch für den gesamten I. Kreuzzug gelten. Er ermutigte nachhaltig die Pilger das Kreuz zu nehmen und das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien. Andererseits könnte man aber diese Losung auch auf die Situation vor den Toren Jerusalems transferieren. Wahrscheinlich hätte dieser Ausspruch ebenso genug motiviert, sich den bevorstehenden Strapazen der bevorstehenden Bitt- und Sühneprozession hinzugeben. Die barfüssige Prozession muss als eine der entscheidenden Aktionen im Vorfeld des Angriffes auf die Heilige Stadt angesehen werden. Ähnlich dem Fund der Heiligen Lanze in der Kathedrale St. Peter von Antiochia war dies die entscheidende Motivation um den Soldaten wieder Siegesgewissheit zu geben.
Die barfüssige Prozession ist in der Wissenschaft noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Der Markt ist übersäht von allgemeinen überblicksartigen Gesamtdarstellungen, jedoch liegt bis dato keine weit reichende Untersuchung zu diesem Thema vor.
Die folgende Arbeit wird versuchen diese Diskrepanz etwas zu minimieren. Es wird zu zeigen sein, wie der Festumzug ablief und an welchen typisch religiösen Mustern man sich orientierte, bzw. wie man sie abwandelte. Ferner werden die Überlieferungen der Chronisten in Bezug auf die speziellen Einzelhandlungen einer Kritik unterzogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ablauf der Prozession
3.1. Fasten
3.2. Barfüssigkeit
3.3. Jericho- Motiv
3.4. Sakrileg der Muslime
3.5. Der Ölberg
4. Schlussreflexion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die historische und symbolische Bedeutung der barfüßigen Prozession im Vorfeld der Belagerung Jerusalems während des Ersten Kreuzzugs. Dabei wird analysiert, wie religiöse Muster der Buße und Sühne gezielt genutzt wurden, um den Kampfeswillen der Kreuzfahrer zu stärken und die Legitimation der militärischen Eroberung durch eine religiöse Rahmung zu stützen.
- Analyse der religiösen Symbolik und Riten (Fasten, Barfüßigkeit).
- Untersuchung der biblischen Analogien wie dem Jericho-Motiv.
- Kritische Würdigung der zeitgenössischen Chronistenberichte.
- Bewertung des Gegensatzes zwischen christlichen Pilgern und muslimischen Besatzern.
- Militärstrategische Bedeutung des Ölbergs als ritueller Abschlussort.
Auszug aus dem Buch
3.1. Fasten
In diesem Abschnitt soll verdeutlicht werden, wie sehr das Fasten einen festen Bestandteil der christlichen Bußehandlung darstellte und wie es in Bezug auf die Situation vor den Toren Jerusalems zu bewerten ist.
Unter dem jejunium versteht man in der allgemeinen kirchlichen Tradition die Enthaltung von leiblicher Nahrung aus sittlich- reiligiösen Gründen. Im Vordergrund stehen drei Bedeutungen, die Beherrschung der Sinnlichkeit, die Erhebung des Geistes und die Reinigung und Busse der Sünden.
Im Falle der Kreuzfahrer muss das Buß- Fasten jedoch um weitere Motive ergänzt werden. Es ging zum einen um die Versöhnung mit der Gottheit. Während der langwierigen Kriegsvorbereitungen mussten die religiösen Aktivitäten in den Hintergrund gerückt werden, so dass man, nach Auffassung der Heerführer, Christus gezürnt hatte. Raimund erklärte damit das Versagen des ersten Erstürmungsversuchs; ohne göttliche Segnung war diese Stadt nicht zu erobern. Des Weiteren fasteten die Kreuzfahrer, und dieses Argument scheint viel plausibler, zur Erflehung göttlichen Beistands, Mit dessen Hilfe sollte man nicht nur den äußeren Mauerring durchbrechen können, sondern die Stadt komplett einnehmen.
Im Sinne der kirchlichen Auffassung handelte es sich bei dem Fasten im Vorfeld der Prozession um ein strenges Fasten. Vom strengen Fasten wird gesprochen, wenn die Nahrungsenthaltung von der Barfüßigkeit und dem Tragen eines Trauergewands (Bußsack) begleitet wird. Durch die Kopplung der drei Riten kommt es zu einer Akkumulation der Buß- und Sühneeffekte, was in einer vollständigen Katharsis mündet.
In der Situation der Kreuzfahrer war das Fasten ein notwendiges Übel. Notwendig, weil es dem Bitt- und Sühneprozess die gewisse Nachhaltigkeit gab, ein Übel, weil die einfachen Fußsoldaten schon seit Tagen chronisch unterernährt waren. Dennoch ist das Fasten in dieser Situation auf das Schärfste zu verurteilen, da ein Kirchenerlass das Fasten bei Gefährdung der Gesundheit aufhebt. Wie viele der Pilger umsonst bei dieser Prozedur ums Leben kamen ist nicht bekannt, man kann aber davon ausgehen, dass es in dieser Situation wenig förderlich war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung des Kreuzzugsaufrufs ein und stellt die barfüßige Prozession als entscheidende motivationale Handlung dar.
2. Ablauf der Prozession: Dieses Kapitel schildert den historischen Hergang des Umzugs, initiiert durch Visionen, und beleuchtet die Rolle der beteiligten Akteure.
3.1. Fasten: Das Kapitel erläutert das Fasten als Bußritus zur Versöhnung mit der Gottheit und dessen ambivalente Auswirkungen auf die Gesundheit der Kreuzfahrer.
3.2. Barfüssigkeit: Hier wird die biblische Symbolik der Barfüßigkeit als Demutsgeste und Zeichen der Heiligkeit im Kontext mittelalterlicher Sühnerituale analysiert.
3.3. Jericho- Motiv: Die Untersuchung zeigt auf, wie die biblische Erzählung von der Eroberung Jerichos als Analogie für die eigene Belagerung adaptiert wurde.
3.4. Sakrileg der Muslime: Das Kapitel behandelt die propagandistische Darstellung der sarazenischen Schmähungen und deren Funktion zur Abgrenzung und Mobilisierung der Christen.
3.5. Der Ölberg: Hier wird die strategische und sakrale Bedeutung des Ölbergs als Ort der abschließenden Predigten und der Versöhnung der Führungselite beschrieben.
4. Schlussreflexion: Das Fazit fasst die Symbiose aus religiöser Rhetorik und militärischer Notwendigkeit zusammen, die den finalen Sturm auf Jerusalem vorbereitete.
Schlüsselwörter
Erster Kreuzzug, Jerusalem, Prozession, Barfüßigkeit, Fasten, Buße, Sühne, Jericho-Motiv, Blasphemie, Sarazenen, Ölberg, Religiöse Symbolik, Chronisten, Kampfeswille, Mittelalter
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die religiöse und militärische Bedeutung der barfüßigen Prozession der Kreuzfahrer vor der Eroberung Jerusalems im Rahmen des Ersten Kreuzzugs.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Im Zentrum stehen die Bußriten wie Fasten und Barfüßigkeit, die biblische Anlehnung an das Jericho-Motiv sowie die propagandistische Darstellung der Muslime durch zeitgenössische Chronisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie durch die Inszenierung religiöser Rituale die Siegesgewissheit und der Kampfeswille der Kreuzfahrer vor dem Angriff auf die Heilige Stadt gestärkt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellenkritische Analyse der Berichte mittelalterlicher Chronisten, die in den Kontext historischer und theologischer Überlieferungen gestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung einzelner ritueller Elemente der Prozession, deren biblische Vorbilder und die Funktion der Fremdbilddarstellung der muslimischen Gegner.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der Erste Kreuzzug, Bußrituale, religiöse Symbolik, das Jericho-Motiv sowie die instrumentelle Nutzung von Religion in militärischen Kontexten.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Fastens während der Belagerung?
Das Fasten wird als notwendig für die rituell-theologische Legitimation des Angriffs gesehen, jedoch aufgrund der bereits bestehenden Hungersnot als gesundheitlich äußerst riskant und kritisch bewertet.
Warum wird die Barfüßigkeit als so zentral für die Kreuzfahrer beschrieben?
Die Barfüßigkeit diente als Zeichen absoluter Demut gegenüber Gott und sollte alle christlichen Teilnehmer, unabhängig von ihrem sozialen Status, in einem Akt der Buße und Eintracht vereinen.
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- Thomas Kuhn (Author), 2007, Die Barfüssige Prozession , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69799