Die Barfüssige Prozession


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
16 Seiten

Leseprobe

Verzeichnis

1. Einleitung

2. Ablauf der Prozession

3.1. Fasten
3.2. Barfüssigkeit
3.3. Jericho- Motiv
3.4. Sakrileg der Muslime
3.5. Der Ölberg

4. Schlussreflexion

1. Einleitung

“Hoc deo beneplacito redimite obsequio, ut delictorum, quibus dominum ad iracundiam provocastis, celerem indulgentiam vobis obtineant hec pietatis Opera et deprecatio collata sanctorum.”[1]

Diese Passage aus dem Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II von der Synode von Clermont könnte als Leitspruch für den gesamten I. Kreuzzug gelten. Er ermutigte nachhaltig die Pilger das Kreuz zu nehmen und das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien.

Andererseits könnte man aber diese Losung auch auf die Situation vor den Toren Jerusalems transferieren. Wahrscheinlich hätte dieser Ausspruch ebenso genug motiviert, sich den bevorstehenden Strapazen der bevorstehenden Bitt- und Sühneprozession hinzugeben.

Die barfüssige Prozession muss als eine der entscheidenden Aktionen im Vorfeld des Angriffes auf die Heilige Stadt angesehen werden. Ähnlich dem Fund der Heiligen Lanze in der Kathedrale St. Peter von Antiochia war dies die entscheidende Motivation um den Soldaten wieder Siegesgewissheit zu geben.

Die barfüssige Prozession ist in der Wissenschaft noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Der Markt ist übersäht von allgemeinen überblicksartigen Gesamtdarstellungen, jedoch liegt bis dato keine weit reichende Untersuchung zu diesem Thema vor.

Die folgende Arbeit wird versuchen diese Diskrepanz etwas zu minimieren. Es wird zu zeigen sein, wie der Festumzug ablief und an welchen typisch religiösen Mustern man sich orientierte, bzw. wie man sie abwandelte. Ferner werden die Überlieferungen der Chronisten in Bezug auf die speziellen Einzelhandlungen einer Kritik unterzogen.

2. Der Ablauf der Prozession

Als die Kreuzfahrer nach fast einem Monat Belagerung, einem erfolglosen Erstürmungsversuch, bei Wassermangel und Hungersnot und unter der erdrückenden Belastung des immer näher rückenden fatimidischen Entsatzerheeres keinen weiteren Rat mehr wussten, da kam der einfache Mönch Peter Desiderius zu den Kreuzzugsführern und unterrichtete sie von einer Vision, die in der vorhergehenden Nacht gehabt haben soll. Erscheinungen waren zwar nichts außergewöhnliches, besagter Desiderius hatte während des gesamten 1.Kreuzzugs sechs solcher Visionen,[2] jedoch schildert Albert von Aachen, im Gegensatz zu allen anderen Chronisten, die Situation genau unter anderen Vorzeichen. Seiner Auffassung nach waren die Fürsten diejenigen, die die Hilfe beim Mönch ersuchten.[3] Der Mediävist Friedrich Wilken koppelt beide Varianten.[4] Ihm zufolge entschieden sich die Kreuzfahrer zu der Prozession nach dem Herantreten Desiderius und der Konsultation mit dem Einsiedler im alten Turm auf dem Ölberg. Beide Varianten sind unwahrscheinlich, da in dem Kreuzzugstross hierarchisch höhergestellte Kleriker mitzogen als der Priestermönch. Zwar hebt der Autor Riley- Smith Desiderius in den Stand eines Kaplans, namentlich von Isoard von Dies, dennoch gab es andere kirchliche Würdenträger, beispielsweise den apostolischen Legat und späteren 1.Patriarchen von Jerusalem Arnulf von Rohes. So ist dem Chronist, wie auch Wilken, zu widersprechen und Heinrich Hagenmeyer zuzustimmen, der ebenfalls nur Desiderius als Initiator der Unterredung sieht.[5]

Die Prophezeiung bot den Führern die Chance die Siegesgewissheit der Pilger wieder zu stärken, so dass sie unverzüglich eine Generalversammlung einberiefen. Hagenmeyer datiert die Zusammenkunft auf den 6.Juli zurück, da der Umzug nach dem dreitägigen Fasten am „sexta feria“ (8.Juli) stattfand. Hier verkündete Desiderius die Anweisungen, die er von dem verstorbenen Bischof Adhemar von Puy in seiner Erscheinung erhalten hatte. Die Pilger hätten „aufrichtig Busse zu thun, zu fasten und mit nackten Füssen um Jerusalem zu processionieren, dann werde Gott ihnen 9 Tage nach dieser Offenbarung die Stadt übergeben.“[6]

Die Fürsten erkannten wahrscheinlich die religiöse Tragweite dieser Vision und schätzten die Wirkung auf das Heer als ausreichend ein. Ähnlich dem Fund der Heiligen Lanze in Antiochia sollte sie „die Kraft der religiösen Begeisterung, der schrankenlosen Hingabe im Bewusstsein des Gottesstreitertums“[7] entfesseln. Wollte man die Heilige Stadt einnehmen, so brauchte man den vollkommenen Kampfesenthusiasmus.

Am Ende des dreitägigen Fastens kam es, wie angewiesen, zu einem feierlichen Umzug- barfüssig und im Büßergewand, unter Trompetenstößen und heiligen Gesängen um die Stadtmauern hinauf zur Kuppe des Ölbergs. Als erstes kamen die Bischöfe und der restliche Klerus, Kreuze und Relikte tragend, dann die Kreuzzugsführer und Ritter, dann die einfachen Fußsoldaten und die Pilger. Niemand der prozessieren konnte war abwesend.[8] Die Muslime auf den Mauern beobachteten das Schauspiel und begannen die Pilger durch Schändung von Kreuzen und obszönen Zurufen zu verhöhnen. Auf dem Ölberg angekommen, hielten nacheinander der eloquente Peter von Amiens und Legat Arnulf von Rohes Predigten. Durch ihre Redegewandheit konnten sie die „Begeisterung und den Kampfeswillen noch um ein Bedeutendes“[9] steigern. Außerdem ermahnten die Geistlichen in der Feierlichkeit der Szenerie zur brüderlichen Versöhnung, so dass der Streit zwischen Raimund und Tankred beigelegt wurde. Den Abschluss der Prozession bildete ein gemeinsamer Marsch zum Berg Zion in die Marienkirche.

[...]


[1] Willelmus Tyrensis archiepiscopus, Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, in: RecHistCroisades.HistOcc I, Paris, 1844, 1, 14ff.

[2] Vgl. Jonathan Riley- Smith, The First Crusade and the Idea of Crusading, The Athlone Press, London, 1986, S. 109.

[3] Alberti Aquensis, Historia Hierosolymitana, in RecHistCroisades.HistOcc IV, Historia Liber VI, c.7, Paris, 1879. hier: Unde, hac sitis pestilentia ingravescente, populoque catholico diu in obsidione laborante, visum est primatibus populi, ex consilio episcoporum et cleri qui aderant, ut consulerent quendam virum Dei, qui erat in antiqua turri procerae altitudinis in monte olivarum solitarius, quid agerent, quid primum insisterent

[4] Friedrich Wilken: “Geschichte der Kreuzzüge nach morgenländischen und abendländischen Berichten”, Band 1, Siegfried Lebrecht Crusius Verlag, Leipzig, 1807, S.286.

[5] Heinrich Hagenmeyer, Chronologie de la Première Croisade 1094-1100, Georg Olms Verlag, Hildesheim/ New York, 1973. hier S. 248: Cette décision fut prise à l’instigation du pretre Pierre Didier.

[6] Reinhold Röhricht: Geschichte des 1.Kreuzzuges, Scienta Verlag, Aalen, 1968, S.189.

[7] Adolf Waas: Geschichte der Kreuzzüge, Herder Verlag, Freiburg, Band 1, 1956, S.152.

[8] vgl. Kenneth M. Setton: A history of the Crusades, University of Pennsylvania Press, Philadelphia, 1955, Band 1, S. 336.

[9] Adolf Waas: Geschichte der Kreuzzüge, Herder Verlag, Freiburg, Band 1, 1956, S.152.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Barfüssige Prozession
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geschichte)
Veranstaltung
1. Kreuzzug
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V69799
ISBN (eBook)
9783638614030
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es geht um die barfüssige Prozession bei der Belagerung Jerusalems 1099. Hierbei werden christliche Prozessionspraktiken benannt, ihr Ursprung erläutert und in die Ereignisse eingebettet.
Schlagworte
Barfüssige, Prozession, Kreuzzug
Arbeit zitieren
Thomas Kuhn (Autor), 2007, Die Barfüssige Prozession , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69799

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