Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche


Seminararbeit, 2006
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Kater sind eben so – eine Einleitung

2. Der Traum von einem wahren Miteinander – Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche
2.1 Von den Anfängen und den Besonderheiten der Arche
2.1.1 Der Weg einer Berufung
2.1.2 Das Projekt Arche zieht Kreise
2.1.3 Ziele und Grundlagen der Gemeinschaft
2.2 Eine etwas andere Geistliche Gemeinschaft
2.2.1 Selig, die arm sind vor Gott
2.2.2 Alltagsleben und Festtagssegen
2.2.3 Glauben und Leben als Geistliche Gemeinschaft
2.3 Die Arche be-wegt…
2.3.1 … Menschen mit geistiger Behinderung
2.3.2 … die Assistenten
2.3.3 … die Kirche
2.4 Ein Traum, der Wirklichkeit wird
2.4.1 Miteinander leben – die Arche macht’s möglich
2.4.2 Alles hat seinen Preis
2.4.3 Von Chancen und Herausforderungen

3. Von Adam und anderen – Leben lernen

Literaturliste

Internetliste

1.Kater sind eben so – eine Einleitung

Es ist die Geschichte von einem Drachen und einem Kater. Die Drachendame „Hab-mich-lieb“ lernt Ferdinand, einen äußerst lebenslustigen Kater, kennen und lieben. Dabei erfährt sie, dass das gar nicht so einfach ist, jemand gern zu haben und mit ihm zu leben, der so ganz anders als man selbst ist.

Die Schriftstellerin Andrea Schwarz erzählt im zweiten Teil ihres „Märchen[s] für große Leute“[1] von einem Drachen und einem Kater, von Unterschieden und Verschiedenheiten, von Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten, von Wachstum, Liebe und Erkenntnis. Die Problematik des wechselseitigen Unverständnisses und des Sicht-Aufeinander-Einlassens ziehen sich durch dieses Buch, in dem der Drache begreift: „Kater sind eben so“[2], aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ebenso liebenswert.

Diese Arbeit hat keine Drachen und keine Katzen und deren Gefühlsleben im Blick, sondern das Leben von Menschen mit und ohne (geistiger) Behinderung, die in Gemeinschaft miteinander leben. Kaum in Kontakt mit geistig behinderten Menschen, weil sie gleichsam wie Aussätzige lange Zeit weggesperrt wurden und immer noch werden, in Zeiten der NS-Diktatur auszurotten versucht wurden, und in unserer Leistungs- und Perfektionsgesellschaft kein Platz für sie ist, mag die Begegnung und das Leben mit ihnen ähnlich wie das der beiden Hauptakteure des Märchens voll Verständnisschwierigkeiten sein.

Jean Vanier hat sich auf eine solche Begegnung mit Menschen, die “anders“ waren, eingelassen. Daraus entstand die weltweite Bewegung der “L’Arche International“ als Lebensgemeinschaften, in denen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander leben und arbeiten. Im Miteinander mit geistig behinderten Menschen erkannte Vanier, dass neben all den Verständnisschwierigkeiten, die keineswegs zu leugnen sind, v.a. Wachstum und Liebe das gemeinsame Leben bereichern. Die Gemeinschaft der Arche ist eine integrative „Lebensform mit eigener Dynamik, eigene Regeln, schönen und schwierigen Seiten.“[3]

Im Folgenden soll diese Geistliche Gemeinschaft[4] intensiver betrachtet werden, ausgehend von ihrer Gründungsgeschichte über ihre Ziele und Grundlagen hin zu den Chancen, die sie den verschiedensten Menschen bietet.

2. Der Traum von einem wahren Miteinander – Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche

2.1 Von den Anfängen und den Besonderheiten der Arche

2.1.1 Der Weg einer Berufung

Am 10. September 1928 in Genf geboren, wagt Jean Vanier 1964 einen Neuanfang, der Kreise zieht.[5] In Trosly bei Paris nimmt er Raphael Simi und Philippe Seux, zwei Männer mit geistiger Behinderung, in sein Haus auf und legt so den Grundstein für die weltweite Gemeinschaft der Arche. Dieser Schritt war kein allzu lange geplanter oder das Ziel einer Lebensgeschichte. Bis zu Vaniers Begegnung mit dem Dominikaner-Pater Thomas Philippe, der Hausgeistlicher eines Heims für geistig behinderte Männer, dem Val Fleuri, war, schien sein Lebensweg ein ganz anderer zu sein.[6]

Mit 15 Jahren der kanadischen Marine beigetreten[7], verließ er diese 1950, um das Studium der Philosophie aufzunehmen. Seiner Promotion folgte eine kurze Lehrtätigkeit am St. Michaels College der Universität Toronto. Als er bei einem Besuch Pater Thomas Philippe die menschenunwürdigen Bedingungen in den Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wahrnahm, war er aufs Tiefste entsetzt und spürte die innere Überzeugung und den Ruf Gottes, sich für diese Menschen einzusetzen.[8] So nahm er Abstand von einer universitären Karriere und wagte die Wohngemeinschaft zusammen mit Raphael und Simi (s.o.).[9] Ohne jegliche heilpädagogische Ausbildung und Lebenserfahrung ließ er sich auf das gemeinsame Leben ein. Sein Glaube und Idealismus bewegten ihn, eine andere Form des Miteinanders zu schaffen, um so Menschen mit geistiger Behinderung das Leben in Anstalten zu ersparen. Vanier sah in dieser Entscheidung die Möglichkeit gegeben, das Evangelium tiefer zu leben und Jesus Christus nachfolgen zu können.[10]

Die Wohn- und Lebensgemeinschaft wurde auf den Namen „Arche“, franz. „L’Arche“, getauft. Diese Bezeichnung hat im Französischen zweierlei Bedeutung. Zum einen meint es in Anlehnung an Noah die „Arche“ (Gen 6-10), die den Menschen mit geistiger Behinderung in der „Sintflut unserer Zivilisation“[11] als Zufluchtsstätte dient. Zum anderen kann der Begriff mit „Bogen“ übersetzt werden, der an den Bund erinnert, den Gott mit den Menschen geschlossen hat (Gen 9, 8-16). Zuerst bezeichnete dieser Name nur die Hausgemeinschaft der drei Männer, dann die größere Gemeinschaft in Trosly und dann die weltweite Förderation der L’Arche International.

Jean Vanier verstand das Projekt der Arche zuerst als das Seine, wie er sich auch als Retter und Befreier der beiden Männer sah, und sich ihnen so ein Stück weit erhaben fühlte. Doch er lernte bald, dass er sich in dieser Sichtweise täuschte. Die Arche war auch die Sache von Raphael und Philippe, und all jenen, die ihnen folgten, und er konnte mehr von ihnen lernen, als er glaubte, ihnen je zurückgeben zu können.[12] Er lernte, Geduld zu lernen[13] und machte die Erfahrung, dass die Gemeinschaft der Arche zu einer Vertiefung des Glaubens führt.[14]

Vanier ging diesen Weg nicht allein. Viele waren bereit ihm zu helfen und ihn zu unterstützen, sodass die Gemeinschaft sich stetig vergrößert. Ende 1964 übernahm er zusätzlich die Leitung des Behinderten Heimes Val Fleuri, in dem 32 Männer mit Behinderung untergebracht waren.[15] Ihm begegneten Menschen, die sehr gewaltbereit und äußert depressiv waren, aber nach einer kurzen Zeit der eigenen Überforderung kehrte Ruhe im Heim ein, denn er ließ ihnen ihren nötigen Freiraum, sodass sie sich z.B. frei im Dorf bewegen konnten. Es entstand die Idee einer intensiven Zusammenarbeit von Dorf- und Heimgemeinschaft und Eltern.[16]

Derweilen vergrößerte sich die Arche-Bewegung beständig, zuerst in Trosly, dann in weiteren Regionen Frankreichs, bis hin nach Kanada. Die Motivation und der Einsatz für einen Traum von einem wahren Miteinander begründete sich sowohl bei Vanier als auch bei all jenen, die von seiner Arbeit begeistert waren und zum Teil in ihrer Heimat ebenfalls das Arche-Projekt initiierten, meist einem tiefen Glauben.[17]

2.1.2 Das Projekt Arche zieht Kreise

Diesen ersten Gründungen folgen viele weitere, sodass die Arche heute weltweit etwa 126 Gemeinschaften mit ca. 300 Häuser, die unterschiedlich groß sind, in ca. 30 Ländern umfasst.[18] Die vier Gemeinschaften der deutschen Region gehören zur Zone Nordeuropa,[19] alle 9 Regionen sind zusammengefasst in der „Fédération Internationale des Communautés de l’Arche“.[20] Die Arche zählt zu den Geistlichen Gemeinschaften der Katholischen Kirche und ist „eine offene, christliche Bewegung, zu der auch interreligiöse Gemeinschaften in Indien und Afrika gehören.“[21] Dabei ist sie keine hierarchisch organisierte internationale Organisation, sondern die einzelnen Gemeinschaften stehen im Mittelpunkt, und die notwendigen Strukturen dienen ihrer Stärkung und ihrem inneren Wachstum.[22]

Jede einzelne gleicht in ihrem Aufbau und ihrer Idee den anderen: Menschen mit geistiger Behinderung, die das Herz der Gemeinschaft bilden, leben mit Menschen ohne geistiger Behinderung, die als Assistenten bezeichnet werden, zusammen und gestalten ihren Alltag aus dem Glauben heraus. Sie verstehen sich als von Gott ins Leben gerufene Gemeinschaften, deren Verbundenheit in dem gemeinsamen Traum und demselben Geist der Gastfreundschaft, des Miteinander-Teilens und der Einfachheit deutlich wird. Und doch gibt es nicht “die ideale Hausgemeinschaft“, jede ist in ihrer konkreten Lebensform anders, und in jeder leben die unterschiedlichsten Menschen, die ihr ein jeweils originelles Gesicht verleihen.

Jede weitere Neugründung sieht ihr Anliegen darin, „eine Gemeinschaft zu schaffen, in der die behinderten Menschen gleichberechtigte Mitglieder sind, tiefe Beziehungen mit ihnen einzugehen, die heilend für sie sind – und darum auch für die Assistenten.“[23] Die Assistenten entscheiden sich, begrenzt oder unbegrenzt in einer Gemeinschaft zu leben, in ihrem Miteinander mit den Menschen mit Behinderung werden sie unterstützt von verschiedenen Fachkräften wie Logopäden oder Krankenschwestern, besuchen Seminare und nehmen an Supervisionen teil. Denn obgleich das Leben mit Menschen mit geistiger Behinderung für viele zum Gewinn wird und ihr Leben bereichert, ist es doch auch sehr anspruchsvoll. Wie für Jean Vanier wird auch für viele Assistenten die Arche zu einer Berufung, die ihren Lebensweg entscheidend prägt.

So kam es auch in Deutschland zu vier Gründungen, deren jüngste die Arche Landsberg ist. Die Arche Ravensburg umfasst heute zwei Häuser, nachdem sich ein Kreis von Freunden regelmäßig traf, anschließend ein Trägerverein gegründet und ein Haus erworben wurde, in dem heute sieben Frauen und Männer mit Behinderung und mehrere Assistenten wie Geschwister miteinander leben. In Tecklenburg bei Osnabrück leben zwei Hausgemeinschaften, einmal acht Personen mit und fünf Personen ohne geistiger Behinderung, im zweiten Haus vier geistig Behinderte, vier Assistenten und einem Gemeinschaftsverantwortlichen. Jedes Mitglied hat ein eigenes Zimmer, in den Gemeinschaftsräumen wird miteinander gegessen, Zeit miteinander verbracht, und eine Hauskapelle lädt ein zum gemeinsamen Gebet und Gottesdienst feiern. Die Arche Volksdorf unterscheidet sich ein wenig von den anderen, da neben den zwei Häusern in einem dritten die Mitbewohner sogar jeder in einer eigenen kleinen Wohnung leben. Der Arche Deutschland e.V. unterstützt die einzelnen Gemeinschaften und ihre Trägervereine, fördert diese und steht im Kontakt mit den ausländischen Vereinen der Arche.[24]

Jean Vanier, der bis heute immer noch in einer Arche lebt, ist selbst überrascht von dem Wachstum der Arche, das er nicht explizit so geplant hatte. Vielmehr versteht er diese Entwicklung als Führung[25], sieht aber auch die Gefahr – aufgrund weniger Geldsorgen, dem großen Freundeskreis und der beeindruckenden Wirkung nach außen – selbstgefällig zu werden und das Wirken des Geistes zu übersehen.[26] Die Anziehungskraft der Arche liegt unter anderem für viele darin, hier die Erneuerung der Kirche zu erleben, wie sie das II. Vatikanum propagiert hat.[27]

[...]


[1] Schwarz, A.: Der kleine Drache Hab-mich-lieb; S. 3

[2] Schwarz, A.: Kater sind eben so; S. 3

[3] Heinrichsmeier, Ch.: „Camphill“ und „Arche“; Online-Publikation: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-6-00-lebensqualitaet.html

[4] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/L%27Arche

[5] Vgl. Heinrichsmeier, Ch.: „Camphill“ und „Arche“; Online-Publikation: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-6-00-lebensqualitaet.html

[6] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 5-6

[7] Vgl. Kobold, C.: Zu Gast in der Lebensgemeinschaft der Arche; in: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein; S. 176

[8] Vgl. Heinrichsmeier, Ch.: „Camphill“ und „Arche“; Online-Publikation: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-6-00-lebensqualitaet.html

[9] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 6

[10] Vgl. Vanier, J.: Gemeinschaft; S. 9

[11] Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 14

[12] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 6

[13] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 7

[14] Vgl. Vanier, J.: Gemeinschaft; S. 9

[15] Vgl. Heinrichsmeier, Ch.: „Camphill“ und „Arche“; Online-Publikation: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-6-00-lebensqualitaet.html

[16] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 7

[17] Vgl. Heinrichsmeier, Ch.: „Camphill“ und „Arche“; Online-Publikation: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-6-00-lebensqualitaet.html

[18] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/L%27Arche

[19] Vgl. http://arche-deutschlan.de/archdeu.html

[20] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 11

[21] http://de.wikipedia.org/wiki/L%27Arche

[22] Vgl. http://arche-deutschlan.de/archdeu.html

[23] Vanier, J.: Zusammenfassung; in: Herausfordernde Gemeinschaft; S. 148

[24] Vgl. http://arche-deutschlan.de/archdeu.html

[25] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 11

[26] Vgl. Vanier, J.: Einleitung; in Herausfordernde Gemeinschaft; S. 12

[27] Vgl. Philippe, Th.: Eine Gemeinschaft der Seligpreisungen; in: Herausfordernde Gemeinschaft; S. 41

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Details

Titel
Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung in Vollzeiteinrichtungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V69847
ISBN (eBook)
9783638607780
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Traum von einem wahren Miteinander - Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche
Schlagworte
Jean, Vanier, Lebensgemeinschaft, Arche, Betreuung, Menschen, Behinderung, Vollzeiteinrichtungen
Arbeit zitieren
Steffi Hoffmann (Autor), 2006, Jean Vanier und die Lebensgemeinschaft der Arche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69847

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