Mein Haus, mein Auto, mein Pool - George Herbert Mead und die Konsumgesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Die Sonderstellung des Menschen

2. Meads geistesgeschichtliche Stellung

3. Das Konzept symbolvermittelter Interaktion

4. Die Genesis der Identität

5. Das Markenimage volkswirtschaftlicher Güter – Prestige als intersubjektiv konstituiertes Symbol

6. Fazit: Die Pragmatik symbolischer Interaktion

7. Bibliographie

„Der Mensch steht durch die vollendete Zweckmäßigkeit und Schönheit seiner Körperbildung, durch die ihn beseelenden Geisteskräfte und als ein vorzugsweise sprachbegabtes Wesen an der Spitze der gesammten irdischen Thierwelt.“[1]

1. Einleitung: Die Sonderstellung des Menschen

Laut der darwinistischen Evolutionslehre hat alles Leben auf dieser Erde einen einzigen gemeinsamen Ursprung. Mittels Mutationen und „natürlicher Auslese“[2] entwickelte sich so eine Vielzahl von Lebensformen, die sich den spezifischen Anforderungen ihrer Umwelt immer wieder von Neuem anpassten.

Auch die Genese des Menschen lässt sich nach dieser Theorie bis zur prähistorischen „Ursuppe“ zurückverfolgen[3]. Trotz aller Gemeinsamkeiten – homo sapiens „hat eine eigenartige Stellung im Tierreich“[4]: Als hoch entwickeltes Säugetier verfügt er über einen vergleichsweise unterentwickelten Instinktapparat[5]. Instinkte sowie deren Weiterentwicklung sichern jedoch die Anpassung an die jeweilige Umwelt und somit letztlich das Überleben einer Spezies. Seine Instinktarmut hinderte den Menschen aber nicht daran, sich auf der gesamten Erde erfolgreich einzurichten. Folglich ist er nicht an eine „artspezifische Umwelt“[6] gebunden – er hat offenbar andere Techniken gefunden, um auf der Erde nicht nur zu überleben, sondern sie mehr oder minder als sein eigen zu reklamieren[7].

Eine weiteres Unikum findet sich in der menschlichen Physiologie: Eine S-förmige Wirbelsäule sorgt u. a. dafür, dass der Körperschwerpunkt oberhalb der Füße liegt. Das befähigt den Menschen zur bipeden Fortbewegung und er muss seine Hände nicht mehr dazu benutzen, sein Körpergewicht abzustützen. Die nunmehr „freigewordenen“ Gliedmaßen können anderweitig eingesetzt werden. Darüber hinaus versetzt die funktionell weiterentwickelte Hand mit einem opponierbaren Daumen den Menschen in die Lage, Gegenstände zu greifen, Werkzeuge zu benutzen, Hausarbeiten zu tippen – kurzum: sich die Welt Untertan zu machen.

Neben der rein evolutionistisch-physiologischen Betrachtungsweise lässt sich der Mensch aber auch soziologisch oder sozio-kulturell abgrenzen: Zum einen kreiert er Kultur, sei es Religion, Kunst, Wissenschaft oder ganz allgemein die Kultivierung seiner geistigen Fähigkeiten – zum anderen wirkt Kultur gleichsam formend auf ihn zurück. Eine vergleichbare Reziprozität offenbart sich, betrachtet man den Menschen innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges: Das Individuum wirkt als Teil dieser Gruppe auf sie ein, ebenso wie die Gruppe auf das Individuum zurückwirkt[8]. Von diesem Ansatz ausgehend entwickelte der amerikanische Soziologe[9] George Herbert Mead eine Sozialpsychologie, die die „sozialen Bedingungen und Funktionen der Selbstreflexivität von Individuen“[10] aufklären will[11]: Mead sieht die „individuelle Handlung [.] innerhalb der gesellschaftlichen Handlung“[12], symbolische Interaktion führt er als Funktionsprinzip menschlichen Verhaltens und Vorbedingung für die Entstehung von Selbstreflexivität ein[13]. Diese Grundüberzeugung, die jedoch kein Axiom ist und somit erst eines Beleges bedarf, bildet für Mead den Rahmen innerhalb dessen er versucht, die Frage danach zu lösen, wie menschliche Organismen einen Geist, eine Identität innerhalb einer Gesellschaft bilden oder anders formuliert „wie der Mensch, das vernunftbegabte Wesen entstand“[14].

Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, Meads theoretische Überlegungen vorzustellen und ihren funktionellen Zusammenhang exemplarisch zu verdeutlichen. Damit einhergehend soll Meads Konzept auf seinen Wertgehalt für die Praxis hin überprüft werden um somit auch die objektive Relevanz einer Auseinandersetzung mit diesem Thema zu rechtfertigen. Hierzu werden einleitend jene Wissenschaftsströmungen skizziert, aus denen heraus Mead eine „spezielle Theorie der menschlichen Evolution“[15] synthetisiert hat. Dies geschieht in der Überzeugung, dass auch Mead selber Mitglied einer sozialen Gruppe gewesen ist, die geprägt war von bestimmten Weltanschauungen und Paradigmen, die ihn und seine Konzeption beeinflusst haben.

Daran anschließend wird das Konzept symbolvermittelter Interaktion nach Mead in das Zentrum der Betrachtung rücken[16]: Parallel soll zum einen seine Funktionsweise gezeigt und zum anderen verdeutlicht werden, wie Mead diese Form der Kommunikation als genuin menschlichen Typus des Sozialverhaltens rechtfertigt. Zugleich liefert das vorgenannte Kapitel das Instrument – die symbolische Interaktion – mit Hilfe dessen sich im daran anschließenden Abschnitt die Genesis menschlicher Identität nachvollziehen lässt. In diesem sozialisationstheoretischen Teil soll gezeigt werden, wie Mead aus einem zweiphasigen Modell kindlichen Spiels die allmähliche Herausbildung der Persönlichkeitsinstanzen „I“ und „Me“ entwickelt. Deren Komposition zu einem „Self“ bzw. einer Identität, steht am Ende des theoriegeschichtlichen Teiles dieser Arbeit.

Abschließend soll die Relevanz der hier vorgestellten Theorie anhand eines Beispieles vertieft und veranschaulicht werden: Jeder Mensch hat spezifische Bedürfnisse, die er mittels Konsum befriedigen kann. Der Konsum volkswirtschaftlicher Güter ist eine in unseren Alltag implementierte Selbstverständlichkeit wie das Atmen von Luft[17]. Frühstücken, duschen, in die Universität fahren, dort mein Humankapital erweitern, indem ich das Gut „Bildung“ konsumiere, wieder nach Hause fahren, Abendessen, Lesen, Zähne putzen. Selbst, wenn ich mich schlafen lege, „konsumiere“ ich z.B. die Matratze meines Bettes dadurch, dass sie abgenutzt wird und irgendwann durch eine neue ersetzt werden muss. Alles in allem: Wir leben in einer Konsumgesellschaft[18]. Der Status ihrer Mitglieder wird auch über ihr Konsumverhalten definiert: Wer Porsche fährt, genießt dadurch landläufig ein anderes Prestige als der durchschnittliche Halter eines Opel Corsa. Produkte verfügen über einen Symbolwert, der sich in vielfältigen Prozessen sozialer Interaktion konstituiert. Am Beispiel des Prestige als Symbolwert für Güter soll im Schlussteil die zuvor erläuterte Theorie eine Anwendung erfahren. Am Ende steht somit auch die Frage danach, welchen Erkenntnisgewinn das Konzept symbolischer Interaktion zum Verständnis der eben erwähnten Vorgänge leisten kann.

2. Meads geistesgeschichtliche Stellung

Um Meads Erkenntnisinteresse und die Entwicklung seines Werkes fassbar zu machen, ist es sinnvoll, ihn geistesgeschichtlich zu verorten. Maßgeblichen Einfluss, paradigmatischer Natur, sind im Wesentlichen der Evolutionstheorie nach Darwin, dem amerikanischen Pragmatismus, dem deutschen Idealismus sowie der behavioristischen Psychologie zuzuschreiben[19]. Darüber hinaus wurde Mead von seinen wissenschaftlichen Lehrern und Kollegen geprägt. Eine herausragende Stellung unter ihnen nehmen Josiah Royce, John Dewey und Charles Horton Cooley ein, auf die hier auch knapp eingegangen werden soll[20].

George Herbert Mead, Jahrgang 1863, nahm sein Studium zu einer Zeit auf, in der die Naturwissenschaften begannen, sich in der universitären Lehre zu etablieren. Für die Konflikte, zu denen dies führte, ist stellvertretend die Auseinandersetzung zwischen darwinistischer Evolutionslehre und der christlichen Schöpfungslehre zu nennen, die für Mead zum „generationstypischen Schlüsselerlebnis“[21] geriet. Da die christliche Kirche weite Teile der amerikanischen Hochschullandschaft sowohl mitfinanzierte als auch ideologisch dominierte, sah Mead sich gezwungen, auf Umwegen der Enge christlicher Dogmatik zu entziehen ohne dabei die Möglichkeit zur Umsetzung und Konkretisierung seiner Ideen mittels wissenschaftlicher Arbeit aufgeben zu müssen. Die zunehmende Kluft zum Christentum erlebte er als „Verlust aller metaphysischer Sinngewissheit“[22]. Möglicherweise diente ihm der leere Raum, der hierdurch entstand, als Antrieb, die o.g. „spezielle Theorie der menschlichen Evolution“[23] zu entwerfen. Hierbei fand Mead bei Darwin den Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Da der Mensch kein Ergebnis göttlicher Schöpfung ist und als Spezies der Gattung Wirbeltier über denselben Grundbau wie alle anderen Wirbeltiere verfügt, galt es seine Besonderheiten herauszustellen. Bedingt durch die Instinktarmut und Weltoffenheit[24] des Menschen, ist sein Verhalten weitestgehend nicht determiniert, er verfügt über „Wahlfreiheit im Verhalten“[25]. Diese Flexibilität entbindet ihn von jeglicher ökologischer Nische. An die Stelle der Instinkte tritt die symbolvermittelte Interaktion: „Offensichtlich hätten die Körper- und Lautgebärden ohne die ursprüngliche Situation einer sozialen Interaktion niemals ihre Zeichenfunktion erreichen können. [.] In diesem Vorgang liegt die Geburt des Symbols und die Möglichkeit des Denkens“[26]. Mead macht die Sozialität also zur Vorbedingung der Entstehung von kommunikativen Symbolen.

Die Tatsache, dass der Mensch sich auf dem gesamten Globus ausgebreitet hat, entspricht einer überdurchschnittlich großen Anpassungsleistung. Banaler formuliert: Eisbären gibt es nur am Nordpol, Löwen bevorzugen die Savanne, der Mensch hingegen ist in beiden Extrema anzutreffen. Laut Mead ist dies darauf zurückzuführen, dass die Menschheit sich sowohl physiologisch als auch sozial ausdifferenziert hat[27]. Zwar sei der Mensch zu einem gewissen Grad auch durch seine Physis determiniert[28], wie es beispielsweise bei Termiten zu beobachten ist[29], ein Bereich also, in dem keine Verhaltensantizipation erforderlich ist. Soziale Differenzierung hingegen setzt fernab von Determination das Erkennen und Reflektieren einer Problemlage sowie letzten Endes ein problemlösendes Handeln voraus. Dieser Vorgang zeichnet sich durch eine ihm immanente Flexibilität aus. Den Gedanken der aktiven, nicht vorgeschriebenen Auseinandersetzung mit Problemen entnimmt Mead dem amerikanischen Pragmatismus. Dies gilt auch für Vorstellung, dass Wissenschaft sich nicht in einer ihrer Umwelt enthobenen Sphäre bewegt, sondern dass sie im Gegenteil Erkenntnisse in der Auseinandersetzung mit der Umwelt gewinnt, die zugleich einen Nutzen für ebendiese haben soll.

Das Erfordernis sozialer Interaktion ist schon weiter oben genannt worden: Das Individuum konstituiert sich über eben diese und bedient sich dabei Symbolen. Mead erklärt dies aus der Notwendigkeit heraus, dass das instinktarme und prinzipiell naturhaft nicht festgelegte Verhalten des Menschen in irgendeiner Form koordiniert werden muss. Dieser Prozess wiederum ist die Basis für die Entstehung von Bewusstsein[30] bzw. die Kenntnis unserer Beziehungen zu unseren Interaktionspartnern: „Unsere Orientierung an ihren wechselnden Reaktionen findet daher durch einen Prozess der Analyse unserer eigenen Reaktionen auf ihre Reize statt“[31]. Zugleich eröffnet Mead hiermit die Dimension sozialer Kontrolle bzw. die Fähigkeit des Menschen, „die Welt und sich selbst zu verändern“[32]. Hierin werden Einflüsse der Erkenntnistheorie des deutschen Idealismus deutlich[33], mit der Mead u.a. während seiner Studienzeit in Berlin in Kontakt kam und die ihm auch durch seinen akademischen Lehrer Josiah Royce näher gebracht wurde[34]. Später konstatiert Mead zwar das Scheitern des Idealismus[35], doch die Problematik der Selbstreflexivität des Menschen wirkt entscheidend auf sein Werk ein.

[...]


[1] F.H. Brockhaus (Hg.): Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung. Bd. 3. Autorisierter unveränderter Nachdruck. Eching am Ammersee 1994. S. 111.

[2] Der Begriff stammt von Charles Darwin.

[3] Zumindest gilt dies theoretisch. Tatsächlich sind wesentliche Fragen aus vier Millionen Jahren „Menschwerdung“ noch unbeantwortet: So liegen im Stammbaum des Menschen zwischen dem Australopithecus anamensis und dem Homo sapiens mehrere „missing links“, also Bindeglieder in der Entwicklung vom Affen zum Menschen.

[4] Berger/Luckmann, gesellschaftliche Konstruktion, S. 50

[5] Vgl. Berger/Luckmann, gesellschaftliche Konstruktion, S. 50

[6] Berger/Luckmann, gesellschaftliche Konstruktion, S. 49

[7] Zumindest mag dies für die Erdoberfläche gelten, bedenkt man, dass die Ozeane erst zu einem Bruchteil erforscht sind.

[8] Dies ist zugegebenermaßen eine Schwachstelle in der Argumentationsführung, denn hiermit wird bereits einleitend eine Prämisse gesetzt, die erst im Laufe dieser Arbeit erörtert wird.

[9] Bis heute ist noch umstritten, in welcher Disziplin sich George Herbert Mead verorten lässt. Zu Lebzeiten war er „im akademischen Fach Philosophie lokalisiert“, vgl. Mikl-Horke, Soziologie, S. 171. Von der Soziologie wurde er posthum sehr stark rezipiert, worauf es u.a. zurückzuführen ist, dass Mead heute den Rang eines soziologischen Klassikers innehat, „gleichrangig neben Max Weber und Talcott Parsons“[9], vgl. Mikl-Horke, Soziologie, S. 170. In der Psychologie gilt Mead als „Schöpfer des Sozialbehaviorismus“ weshalb auch diese Disziplin ihn für sich reklamiert. Eine endgültige Etikettierung wird diese Arbeit nicht leisten können und auch nicht wollen. Gleichwohl wird hier das Werk des Soziologen Mead beleuchtet. Die Tatsache, dass Mead als geistiger Vordenker in vielen Disziplinen beliebt zu sein scheint mag aber auch seine Gründe darin haben, dass der Symbolische Interaktionismus, als dessen Mitbegründer Mead angesehen werden kann, sich eben nicht nur in der Sphäre der Soziologie bewegt. Vielmehr überschreitet dieser die Grenze zu beispielsweise der Sozialpsychologie und bezieht sogar die Naturwissenschaften mit ein. Letztlich ist es aber nachrangig, ob man Mead als einen Philosophen, einen Psychologen oder einen Soziologen sehen mag. Entscheidend ist vielmehr sein Beitrag zur Genese menschlicher Identität und zum interaktionistischen Rollenverständnis, der menschliches Handeln in seiner Gesamtheit besser verstehen lässt. Dies ist ohne Zweifel ein Aspekt, den sich alle der vorgenannten Wissenschaften zu Nutze machen.

[10] Joas, Intersubjektivität, S. 92.

[11] Auch die Selbstreflexivität begründet eine o.g. „eigenartige Stellung“ des Menschen: In seinem Körper ist er zeitgleich der Handelnde und erlebt sich als Handelnder, er ist Subjekt und Objekt in Einem. Einen Körper zu haben und derselbe Körper zu sein bezeichnete Plessner als „exzentrische Positionalität“.

[12] Mead, Sozialbehaviorismus, S, 19.

[13] Vgl. Joas, Intersubjektivität, S. 143.

[14] Mead, Sozialbehaviorismus, S. 19.

[15] Preglau, Symbolischer Interaktionismus, S. 53.

[16] Hierbei muss berücksichtigt werden, dass Mead diese Theorie nicht als eine in sich konsistente Einheit veröffentlicht hat. Vielmehr entwickelte er das Konzept, im Wesentlichen in einer mehrteiligen Aufsatzserie, kontinuierlich. Ebenso handelt es sich bei „Geist, Identität und Gesellschaft“ nicht um ein einziges Werk, sondern um eine Sammlung von Aufsätzen und Vorlesungsmitschriften, die posthum zusammengetragen worden sind, vgl. Joas, Intersubjektivität, S. 91. Dies vorausgesetzt, ist es von zentraler Bedeutung, die Entstehungsgeschichte zu jeder Zeit im Blick zu haben: Mitunter werden Argumente neu gewichtet und Ansätze verändert, woraus differente Schlussfolgerungen resultieren können.

[17] In Gegenden, wo „frische Luft“ jedoch ein knappes Gut ist, entsteht ebenso ein Markt für dieses Gut. Hierzu muss auch nicht das entlegene Beispiel Japans bemüht werden, wo Frischluft tatsächlich verkauft wird. Im Prinzip beruht das gesamte deutsche Kurwesen auf der Knappheit u.a. von „gesunder, sauberer Luft“ in den Ballungsgebieten. Ebenso rühmt sich wohl die Mehrzahl der Naherholungsgebiete damit, dass man dort mal wieder „richtig tief durchatmen“ kann.

[18] Der Begriff der „Konsumgesellschaft“ wird hier nicht, wie in weiten Teilen der Öffentlichkeit üblich, pejorativ sondern als wertneutral verstanden. Sie ist Realität und einzig das ist in diesem Kontext relevant: Weder soll hier erörtert werden, ob Konsum erste Bürgerpflicht ist, noch soll sie als Geißel der Menschheit gebrandmarkt werden. Gleichwohl wäre eine Auseinandersetzung mit der Behauptung von Konsumkritikern, dass der massenhafte Konsum die Gesellschaft atomisiere und dadurch die Interaktion zunehmend verdränge, gerade im Kontext dieser Arbeit bedeutsam. Dieser Aspekt wurde u.a. auch in der Individualisierungsdebatte innerhalb der Soziologie erörtert, in deren Zusammenhang auch von einer „durchgängigen Marktabhängigkeit aller Lebenslagen“ zu hören ist, vgl. Jäckel, Konsumsoziologie, S. 16.

[19] Vgl. Preglau, S. 52. Obwohl die Einteilung vom vorgenannten Autor übernommen ist, so ist dennoch anzumerken, dass Preglaus Ansicht, Mead habe lediglich dem Behaviorismus kritisch gegenübergestanden, vom Verfasser keineswegs geteilt wird: Mead hat sich mit allen vier geistesgeschichtlichen Strömungen kritisch auseinandergesetzt. Als exemplarischen Beleg hierfür ist die Revidierung von Wundts Konzept der Nachahmung zu nennen, mit der er sich im Rahmen der Evolutionstheorie befasst hat: „Wir übernehmen die Rollen anderer uns selbst gegenüber nicht deshalb, weil wir einen bloßen Nachahmungstrieb unterliegen, sondern weil wir in Reaktion auf uns selbst nach Lage der Dinge die Einstellung einer anderen Identität annehmen als der direkt handelnden.“, vgl. GA I, S. 246.

[20] Für eine ausführliche Erörterung des Einflusses von Meads Wissenschaftskollegen vgl. Düsing, Selbstbewusstsein, S. 27 ff. Die Autorin verweist ferner darauf, dass die Rezeption von Meads Werk im Wesentlichen von Natanson und Joas geleistet worden ist, wobei Unterschiede in deren Interpretation und Ergebnissen zu Tage getreten sind.

[21] Joas, Intersubjektivität, S. 21.

[22] Joas, Intersubjektivität, S. 22.

[23] Preglau, Symbolischer Interaktionismus, S. 52.

[24] Mead verwendet jedoch nicht den Begriff „Instinktarmut“ bzw. „Instinktreduktion“, der sich „seit Gehlen in Deutschland [.] eingebürgert hat“. Vgl. Joas, Intersubjektivität, S. 147.

[25] Preglau, Symbolischer Interaktionismus, S. 54. Vor diesem Hintergrund interessant sind auch neuere Versuche der Neurobiologie, namentlich der beiden Wissenschaftler Wolf Singer und Gerhard Roth, das Gehirn als einzige Determinante menschlichen Denkens und Wirkens zu rechtfertigen, vgl. Kissler, Alexander: Fehlbare Urheber. Weicher Naturalismus: Habermas und die Willensfreiheit. In: Süddeutsche Zeitung 15/62 vom 19. Januar 2006, S. 11.

[26] GA I, S. 209.

[27] An dieser Stelle sei nochmals auf die in der Einleitung skizzierte Evolutionstheorie verwiesen. „Erst beim Menschen spezialisiert sich ein Organ auf vom direkten Bedürfnisdruck abgekoppelte Manipulationshandlung: die Hand“, vgl. Joas, Intersubjektivität, S. 147.

[28] So ist der Mensch beispielsweise durch sein Geschlecht determiniert: Frauen können Kinder gebären, was Männern, allen Versuchen der Naturwissenschaft zum Trotz, bisher verwehrt geblieben ist. Hieraus resultieren zugleich soziale Determinanten: Die „Mutterrolle“, bzw. das Aufziehen des Nachwuchses, wird vornehmlich auch von der Mutter wahrgenommen. Vgl. hierzu Kurz, Karin: Das Erwerbsverhalten von Frauen in der intensiven Familienphase. Ein Vergleich zwischen Müttern in der Bundesrepublik und in den USA. Opladen 1998. In diesem Zusammenhang ebenfalls von Interesse ist die geplante Einführung eines Elterngeldes in der BRD: Dieses soll nur im vollen Umfang gezahlt werden, wenn sowohl die Mutter als auch der Vater diese Leistung beantragen. Nimmt nur die Mutter das Elterngeld in Anspruch, respektive kümmert sich hauptsächlich die Mutter um die Erziehung ihrer Kinder, dann soll die Familie auch nicht über die volle Dauer von – derzeit angedachten - 12 Monaten in den Genuss des Elterngeldes kommen. Offenbar hat also der Gesetzgeber ein Missverhältnis entdeckt, dass er meint, unter Zuhilfenahme von Restriktionen, „korrigieren“ zu müssen. Dies erhärtet die oben aufgestellte These zusätzlich.

[29] Vgl. GA I, S. 312.

[30] Mead meint hiermit Selbstbewusstheit (consciousness) und setzt dieser Selbstbewusstsein (awareness) entegegen, vgl. GA I, S. 303.

[31] GA I, S. 209.

[32] Preglau, Symbolischer Interaktionismus, S. 52.

[33] Vgl. Preglau, Symbolischer Interaktionismus, S. 52.

[34] Zu einer tiefer gehenden Bestimmung von Royces Wirkung auf Mead vgl. Joas, Intersubjektivität, S. 22 ff.

[35] Vgl. Mead, Sozialbehaviorismus, S. 46.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Mein Haus, mein Auto, mein Pool - George Herbert Mead und die Konsumgesellschaft
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Klassiker der soziologischen Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V69894
ISBN (eBook)
9783638622806
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mein, Haus, Auto, Pool, George, Herbert, Mead, Konsumgesellschaft, Klassiker, Theorie
Arbeit zitieren
Fabian Fries (Autor), 2005, Mein Haus, mein Auto, mein Pool - George Herbert Mead und die Konsumgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69894

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