Analyse einer Parteitagsrede von Bundesaußenminister Joschka Fischer


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DER REDNER: BUNDESAUßENMINISTER JOSCHKA FISCHER

3. WORTLAUT DER REDE

4. ANALYSE DER REDE
4.1.REDEGATTUNG UND STILART
4.2. STRUKTUR UND AUFBAU
4.3. RHETORISCHE STILMITTEL, GRAMMATIK, TROPEN UND FIGUREN

5.SCHLUSSBEMERKUNGEN UND EINORDNUNG IN DEN HISTORISCHEN KONTEXT

6. QUELLENVERZEICHNIS

7. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„ Es w ä re angebracht, M ä nner von Athen, wenn alle, die hier reden, sich weder von Feindschaft noch von Parteilichkeit in ihren Worten leiten lie ß en, sondern jeder das, was er f ü r das Beste h ä lt, vortragen w ü rde, gerade bei der Beratung gemeinsamer und so wichtiger Fragen da aber einige aus dem Parteienstreit heraus oder aus irgendeinem anderen Grund dazu getrieben werden, das Wort zu ergreifen, liegt es, M ä nner von Athen, an euch, dem Volke, ohne R ü cksicht auf alles andere nur das, was eurer Meinung nach f ü r die Stadt von Nutzen ist, zu beschlie ß en und durchzuf ü hren. “

Mit diesen Worten sprach der Rhetor Demosthenes im Frühjahr 341 vor Christus und umriss damit die Tugenden - aber auch die Gefährdungen - des politischen Redners und seiner Ideale.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist es, die Parteitagsrede Joschka Fischers zum Auslandseinsatz der Bundeswehr im Kosovo aus dem Jahr 1999 im Hinblick auf Aufbau, Struktur, Redegattung, Stilart, sowie der verwendeten rhetorischen Stilmittel, um Gestaltung, Gehalt, Aussage und Textintention zu analysieren. Die politische Rhetorik zielt ganz unmittelbar auf ein zuhörendes Kollektiv, welches es zu überzeugen gilt. Die öffentliche und politische Rede vermag dabei im Idealfall, einen Wende- oder Höhepunkt im Handeln der Adressaten zu antizipieren. Die Rede Joschka Fischers erschien mir als besonders geeignet, da es sich in meinen Augen um ein sehr gutes Beispiel für „demokratische Beredsamkeit" handelt. Wohl nur wenige deutsche Politiker beherrschen mit solcher ;Sicherheit die gesamte rhetorische Ausdrucksskala, von drastischer Anschaulichkeit bis zu höchstem Pathos.

Aufgrund der zeitlichen sowie quantitativen Rahmenbedingungen der Hausarbeit soll es weniger um eine detaillierte Untersuchung der gesamten Rede gehen, als um den Versuch, das Werk anhand einzelner, exemplarisch ausgewählter Untersuchungen beispielhaft zu analysieren. In der anschließenden Schlussfolgerung folgt außerdem noch eine Einordnung der Rede in ihren historischen Kontext. Grundlage für die Analyse ist neben dem Text auch ein Hörfunkmitschnitt der Rede.

2. Der Redner: Bundesaußenminister Joschka Fischer

Joschka Fischer (geboren 1948 in Gerabronn/Baden-Württemberg) ist seit 1982 Mitglied bei den Grünen. Seit dem Wahlsieg von Rot-Grün im Jahr 1998 ist er Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. 1983 wurde er erstmals für die Grünen in den Bundestag gewählt, 1985 wechselte er in den hessischen Landtag und wurde Umweltminister. Von 1994 bis 1998 war er Fraktionsvorsitzender der Grünen-Opposition im Bundestag.

3. Wortlaut der Rede

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gegner, geliebte Gegner, ein halbes Jahr sind wir jetzt hier in der Bundesregierung, ein halbes Jahr - ja ich hab nur drauf gewartet - hier spricht ein Kriegshetzer und Herrn Milosevic schlagt ihr demnächst für den Friedensnobelpreis vor. Wenn die Parteifreundin sich hinstellte und sagte, die Parteiführung spricht über ihre Zerrissenheit, ich weiß ja nicht, wie es euch geht, wenn ihr die Bilder seht. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass wir hier einen Grünen-Parteitag nach einem halben Jahr ...

Ich dachte, wir wollen hier diskutieren und dass die Friedensfreunde vor allen am Frieden Interesse haben. Und wenn ihr euch so sicher seid, dann solltet ihr doch die Argumente wenigstens anhören und eure Argumente dagegen setzen. Mit Sprechchören, mit Farbbeuteln wird diese Frage nicht gelöst werden, nicht unter uns und auch nicht außerhalb. Und wir erleben es ja bei diesem Parteitag, und insofern ist es keine innere Zerrissenheit, sondern eine äußere Zerrissenheit. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, dass wir Grüne unter Polizeischutz einen Parteitag abhalten müssen. Aber warum müssen wir unter Polizeischutz diskutieren? Doch nicht, weil wir diskutieren wollen, sondern weil hier offensichtlich welche nicht diskutieren wollen, wie wir gerade erlebt haben. Das ist doch der Punkt! Ich weiß, als Bundesaußenminister muss ich mich zurückhalten, darf da zu bestimmten Dingen aus wohlerwogenen Gründen nichts sagen. Nicht so, wie mir wirklich das Maul am liebsten übergehen würde von dem, was ich in letzter Zeit gehört habe: Ja, „der Diplomatie eine Chance“, ich kann das nur nachdrücklich unterstützen. Nur ich sage euch: Ich war bei Milosevic, ich habe mit ihm 2 1/2 Stunden diskutiert, ich habe ihn angefleht, drauf zu verzichten, dass die Gewalt eingesetzt wird im Kosovo. Jetzt ist Krieg, ja. Und ich hätte mir nie träumen lassen, das Rot/Grün mit im Krieg ist. Aber dieser Krieg geht nicht erst seit 51 Tagen, sondern seit 1992, liebe Freundinnen und Freunde, seit 1992 ! Und ich sage euch, er hat mittlerweile Hunderttausenden das Leben gekostet und das ist der Punkt, wo Bündnis 90/Die Grünen nicht mehr Protestpartei sind. Wir haben uns entschieden, in die Bundesregierung zu gehen, in einer Situation, als klar war, dass hier die endgültige Zuspitzung der jugoslawischen Erbfolgekriege stattfinden kann. Ich erinnere mich noch ... - Nein, ich höre nicht auf! Den Gefallen tue ich euch nicht ! - ... Ich kann mich noch erinnern: Die Bundestagswahlen waren gerade vorbei. Da sind Schröder und ich nach Washington geflogen. Wir waren noch in der Opposition, da war schon klar, dass wir ein Erbe mit bekommen, dass unter Umständen in eine blutige Konfrontation, in einen Krieg führen kann. Und ich kann euch an diesem Punkt nur sagen: schon damals, als wir die Koalition beschlossen haben, war uns klar, dass wir in einer schwierigen Situation antreten.

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass wir im ersten halben Jahr nicht nur die Agenda 2000, nicht nur die Frage der Krise der Kommission, sondern auch die Frage Rambouillet und schließlich das Scheitern von Rambouillet und den Krieg dort haben. Nur ich kann euch nochmals sagen, was ich nicht bereit bin zu akzeptieren: Frieden setzt voraus, dass Menschen nicht ermordet, dass Menschen nicht vertrieben, dass Frauen nicht vergewaltigt werden. Das setzt Frieden voraus! Und ich bin der Letzte, der nicht sagen würde, dass ich keine Fehler gemacht habe. Auch gerade in letzter Zeit, wenn darauf hingewiesen wird auf die Lageberichte. Ja, das war ein Fehler, den muss ich akzeptieren. Ich konnte im ersten halben Jahr vor allem unter dem Druck nicht alles machen, aber ich trage dafür die Verantwortung und werde zu Recht deswegen kritisiert. Andere Fehler sind gemacht worden. Nur auf der anderen Seite möchte ich euch sagen, und da möchte ich auch mal der Partei meine persönliche Situation berichten. Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir wirklich alles versucht haben, um diese Konfrontation zu verhindern. Und da sage ich euch, ich bin ja nun weiß Gott kein zartes Pflänzchen beim Nehmen und beim Geben, weiß Gott nicht, aber es hat wehgetan, wenn der persönliche Vorwurf erhoben wurde, ich hätte da die Bundesrepublik Deutschland in den Krieg gefingert. Ich kann euch nur eines sagen: Die G8 hat jetzt beschlossen, eine gemeinsame Grundlage, eine Prinzipienerklärung auf der vollen Grundlage von Rambouillet. Und ich kann euch nur versichern, ich habe alles getan, was in meinen Kräften stand, um diese Konfrontation zu verhindern. Und wenn einer in dieser Frage meint, er könne eine Position einnehmen, die unschuldig wäre, dann müssen wir die Position mal durchdeklinieren. Mir wurde moralischer Overkill vorgeworfen und ich würde da eine Entsorgung der deutschen Geschichte betreiben und ähnliches. Ich will euch sagen: Für mich spielten zwei zentrale Punkte in meiner Biografie eine entscheidende Rolle und ich kann meine Biografie da nicht ausblenden. Ich frage mich, wer das kann in dieser Frage! In Solingen, als es damals zu diesem furchtbaren mörderischen Anschlag auf eine ausländische Familie, auf eine türkische Familie, kam, die rassistischen Übergriffe, der Neonazismus, die Skinheads. Natürlich steckt da auch bei mir immer die Erinnerung an unsere Geschichte und spielt da eine Rolle. Und ich frage mich, wenn wir innenpolitisch dieses Argument immer gemeinsam verwandt haben, warum verwenden wir es dann nicht, wenn Vertreibung, ethnische Kriegsführung in Europa wieder Einzug halten und eine blutige Ernte mittlerweile zu verzeichnen ist. Ist das moralische Hochrüstung, ist das Overkill? Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen, liebe Freundinnen und Freunde, und deswegen bin ich in die Grüne Partei gegangen. Was ich mich frage ist, warum ihr diese Diskussion verweigert? Warum verweigert ihr mit Trillerpfeifen diese Diskussion, wenn ihr euch als Linke oder gar Linksradikale bezeichnet? Ihr mögt ja alles falsch finden, was diese Bundesregierung gemacht hat und die Nato macht, das mögt ihr alles falsch finden. Aber mich würde mal interessieren, wie denn von einem linken Standpunkt aus das, was in Jugoslawien seit 1992 an ethnischer Kriegsführung, an völkischer Politik betrieben wird, wie dieses von einem linken, von euerm Standpunkt aus denn tatsächlich zu benennen ist. Sind es etwa alte Feindbilder, an die man sich gewöhnt hat, und Herr Milosevic passt in dieses Feindbild so nicht rein? Ich sage euch, mit dem Ende des kalten Krieges ist eine ethnische Kriegsführung, ist eine völkische Politik zurückgekehrt, die Europa nicht akzeptieren darf.

Wenn wir diese Politik akzeptieren, werden wir dieses Europa nicht wieder erkennen, liebe Freundinnen und Freunde. Das wird nicht das Europa sein, für das wir gekämpft haben. Frieden setzt die Analyse der Ursachen des Krieges voraus, eine politische Analyse. Wenn wir Frieden schaffen wollen, - und da stimme ich allen zu, die meinen, eine moralischer Empörung reicht nicht aus, - dann müssen wir die politischen Bedingungen für einen dauerhaften Frieden in Südosteuropa herstellen. Und dafür müssen wir erst einmal analysieren, was die Ursachen des Krieges sind. Südosteuropa hatte ein eigenes Ordnungsprinzip während der Zeit des kalten Krieges. Dieses Ordnungsprinzip ordnete sich um die Bundesrepublik Jugoslawien herum, um das multinationale damals Jugoslawien. Mit dem Tod Titos, mit dem Ende des kalten Krieges und gleichzeitig mit der so genannten serbischen nationalen Erweckung wurde dieses Jugoslawien auseinander getrieben. Seitdem haben wir es dort mit einem Erbfolgekrieg zu tun. Er begann in Slowenien. Er ging weiter nach Kroatien, Ostslowenien. Er hatte zur Grundlage, überall wo Serben leben, alle Serben in einen Staat. Und das war die Kriegserklärung an die anderen Völker im damaligen Jugoslawien. Das ist die großserbische Politik gewesen, die Milosevic bis auf den heutigen Tag verfolgt. Und dann die blutige Katastrophe in Bosnien. Und da sage ich, da reden wir über einen versuchten Völkermord an den bosnischen Muslimen. Ich sage all denen: Annelie, Christian, wenn ihr sagt: „Lasst uns das Bomben einstellen und dann schauen wir mal, dann verhandeln wir.“ Ich habe mir mal rausgesucht, wie viel Waffenstillstandsabkommen Milosevic und seine Paladine und wie viel VN-Resolutionen unterzeichnet wurden: Achtzehn Waffenstillstandsabkommen seit 1993, davon hat nur das letzte gehalten und hat Hunderttausenden ihr Leben gekostet in Bosnien-Herzegowina und in den anderen Regionen. 73 UN-Resolutionen, liebe Freundinnen und Freunde, 73, und da lese ich zwei, am 16. April des Jahres 1993 die VN- Resolution 819, Srebrenica wird Schutzzone, und am 6. Mai VN-Resolution 824, Einrichtung Schutzzone für muslimische Flüchtlinge, Srebrenica, Zepa, Gorazde, Sarajewo, Bihac. Ich frage euch, liebe Freundinnen und Freunde, woher nehmt ihr euer Vertrauen bei Milosevic, dass ohne massiven bewaffneten Schutz es den Menschen nicht genauso wieder gehen wird, wie den Männern in Srebrenica, die kalt im Massengrab liegen bis auf den heutigen Tag. Woher nehmt ihr das? Ich habe dieses Vertrauen nicht. Wir haben in Rambouillet versucht, die serbisch-jugoslawische Seite zu überzeugen. Das absurde ist, dass der Westen, die von euch so verachtete Nato, für die territoriale Integrität Jugoslawiens eingetreten ist gegen Sezession, gegen die Unabhängigkeit der Kosovaren.

[...]

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Details

Titel
Analyse einer Parteitagsrede von Bundesaußenminister Joschka Fischer
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Geschichte der Rhetorik
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V69912
ISBN (eBook)
9783638622035
ISBN (Buch)
9783638754514
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Parteitagsrede, Bundesaußenminister, Joschka, Fischer, Geschichte, Rhetorik
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Marco Hadem (Autor), 2004, Analyse einer Parteitagsrede von Bundesaußenminister Joschka Fischer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69912

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