„Es wäre angebracht, Männer von Athen, wenn alle, die hier reden, sich weder von Feindschaft noch von Parteilichkeit in ihren Worten leiten ließen, sondern jeder das, was er für das Beste hält, vortragen würde, gerade bei der Beratung gemeinsamer und so wichtiger Fragen; da aber einige aus dem Parteienstreit heraus oder aus irgendeinem anderen Grund dazu getrieben werden, das Wort zu ergreifen, liegt es, Männer von Athen, an euch, dem Volke, ohne Rücksicht auf alles andere nur das, was eurer Meinung nach für die Stadt von Nutzen ist, zu beschließen und durchzuführen.“
Mit diesen Worten sprach der Rhetor Demosthenes im Frühjahr 341 vor Christus und umriss damit die Tugenden - aber auch die Gefährdungen – des politischen Redners und seiner Ideale.
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist es, die Parteitagsrede Joschka Fischers zum Auslandseinsatz der Bundeswehr im Kosovo aus dem Jahr 1999 im Hinblick auf Aufbau, Struktur, Redegattung, Stilart, sowie der verwendeten rhetorischen Stilmittel, um Gestaltung, Gehalt, Aussage und Textintention zu analysieren.
Die politische Rhetorik zielt ganz unmittelbar auf ein zuhörendes Kollektiv, welches es zu überzeugen gilt. Die öffentliche und politische Rede vermag dabei im Idealfall, einen Wende- oder Höhepunkt im Handeln der Adressaten zu antizipieren. Wohl nur wenige deutsche Politiker beherrschen mit solcher Sicherheit die gesamte rhetorische Ausdrucksskala, von drastischer Anschaulichkeit bis zu höchstem Pathos.
Aufgrund der Rahmenbedingungen der Arbeit soll es weniger um eine detaillierte Untersuchung der gesamten Rede gehen, als um den Versuch, das Werk anhand einzelner, exemplarisch ausgewählter Untersuchungen beispielhaft zu analysieren. In der anschließenden Schlussfolgerung folgt außerdem noch eine Einordnung der Rede in ihren historischen Kontext.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER REDNER: BUNDESAUßENMINISTER JOSCHKA FISCHER
3. WORTLAUT DER REDE
4. ANALYSE DER REDE
4.1.REDEGATTUNG UND STILART
4.2. STRUKTUR UND AUFBAU
4.3. RHETORISCHE STILMITTEL, GRAMMATIK, TROPEN UND FIGUREN
5.SCHLUSSBEMERKUNGEN UND EINORDNUNG IN DEN HISTORISCHEN KONTEXT
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit analysiert die Parteitagsrede von Joschka Fischer aus dem Jahr 1999 zum Auslandseinsatz der Bundeswehr im Kosovo. Ziel ist es, Aufbau, Struktur, Redegattung sowie die rhetorischen Stilmittel und die zugrunde liegende Textintention zu untersuchen, um zu verstehen, wie Fischer versuchte, seine Partei von dieser schwierigen politischen Entscheidung zu überzeugen.
- Analyse der politischen Rhetorik in einem Ausnahmekontext
- Untersuchung von Struktur und Argumentationsstrategien der Rede
- Betrachtung des Einsatzes rhetorischer Stilmittel und Figuren
- Einordnung der Rede in den historischen Kontext des Kosovo-Konflikts
- Evaluation von Überzeugungsstrategien in einer demokratischen Partei
Auszug aus dem Buch
4.1. Redegattung und Stilart
Rhetorik und Demokratie sind seit ihren Anfängen eng verbunden. In Demokratien spielt die Rhetorik eine wesentliche Rolle bei der Entscheidungsbildung und Konsensfindung. Wirksam und überzeugend vorgetragen kann eine strategisch klug gehaltene politische (Beratungs-) Rede (genus deliberativum) – wie die hier vorliegende Ansprache des Bundesaußenministers zum Natoeinsatz im Kosovo – anstehende Entscheidungen begründen bzw. gegenüber gegnerischen Vorstellungen rechtfertigen. Vergleichbar zur Absicht einer Gerichtsrede (genus iudiciale), welche die Ziele verfolgt, die Zuhörerschaft nachhaltig überreden und beeinflussen zu wollen, hat auch der politische Rhetor den inneren Anspruch, seine Rezipienten zu beeinflussen und von seiner Meinung zu überzeugen. Das Publikum soll mit dem Ziel einer Entscheidungsfindung in der Versammlung – hier die möglichst einstimmige Rückendeckung der rot-grünen Regierungspolitik sowie des Außenministers Joschka Fischer durch die Parteibasis der Grünen – in die Denkprozesse integriert und zum Mitdenken animiert werden.
Trotz der angespannten Atmosphäre während des Parteitages mit ungezügelten Protestbekundungen einiger „Linker“, welche den Vortrag des Außenministers durch lautstarke Trillerpfeifenkonzerte, Zwischenrufe und diverse Wurfgeschosse zu stören versuchen, lässt sich der Redner Joschka Fischer nicht von der Stimmung ablenken. Stilistisch bewegt er sich geschickt zwischen dem belehrenden bzw. informierenden simplen Stil und dem fesselnden, rührenden und für sich einnehmenden erhabenen Stil hin und her, ohne jedoch zu Übertreibungen zu tendieren. Allerdings darf der stetige Wechsel zwischen Pathos und Aufrichtigkeit durchaus als Indikator für die innere Anspannung Fischers gewertet werden (vgl. „Und da sage ich euch, ich bin ja nun weiß Gott kein zartes Pflänzchen beim Nehmen und beim Geben, weiß Gott nicht, aber es hat wehgetan, wenn der persönliche Vorwurf erhoben wurde, ich hätte da die Bundesrepublik Deutschland in den Krieg gefingert.“).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt den Gegenstand der Analyse vor – die Parteitagsrede von Joschka Fischer zum Kosovo-Einsatz – und legt die methodische Herangehensweise dar.
2. DER REDNER: BUNDESAUßENMINISTER JOSCHKA FISCHER: Dieses Kapitel bietet einen kurzen biografischen Überblick über die politische Laufbahn von Joschka Fischer bis zum Zeitpunkt der Rede.
3. WORTLAUT DER REDE: Hier wird der Transkriptionstext der gehaltenen Rede wiedergegeben, um die Grundlage für die anschließende Analyse zu schaffen.
4. ANALYSE DER REDE: Das Hauptkapitel untersucht die Rede hinsichtlich ihrer Gattung, Struktur sowie der verwendeten rhetorischen Stilmittel und grammatikalischen Besonderheiten.
5.SCHLUSSBEMERKUNGEN UND EINORDNUNG IN DEN HISTORISCHEN KONTEXT: Dieses Kapitel fasst die Bedeutung der Rede zusammen und bettet sie in den historischen Rahmen des Jahres 1999 sowie den damaligen Parteikonflikt bei den Grünen ein.
Schlüsselwörter
Joschka Fischer, Parteitagsrede, Kosovo-Konflikt, politische Rhetorik, Bündnis 90/Die Grünen, Genus deliberativum, Überzeugungskunst, Auslandseinsatz, Bundeswehr, demokratische Beredsamkeit, historische Einordnung, Rhetorische Stilmittel, Milosevic, Friedenspolitik, Regierungsverantwortung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert eine Parteitagsrede von Joschka Fischer aus dem Jahr 1999, in der er den Auslandseinsatz der Bundeswehr im Kosovo vor einer kritischen Parteibasis rechtfertigt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die politische Rhetorik, die strategische Kommunikation in Krisenzeiten und die Rechtfertigung militärischer Interventionen innerhalb einer pazifistisch geprägten Partei.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die rhetorischen Mechanismen und den Aufbau der Rede zu analysieren, um aufzuzeigen, wie Fischer erfolgreich versucht, Zustimmung für einen schwierigen politischen Kurs zu generieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine klassische rhetorische Analyse, indem sie die Rede nach Gattung, Struktur, Stilmitteln und der beabsichtigten Wirkung auf das Publikum untersucht.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung der Redegattung, die Untersuchung des strukturellen Aufbaus der Argumentation sowie eine detaillierte Analyse der sprachlichen Mittel, Tropen und Figuren.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie politische Rhetorik, Kosovo-Konflikt, Überzeugungskunst, Regierungsverantwortung und parteiinterne Kommunikation beschreiben.
Wie reagiert Fischer in der Rede auf die Proteste aus der Zuhörerschaft?
Fischer reagiert auf die massiven Störversuche der Parteimitglieder teilweise provokant, lässt sich jedoch nicht von seinem Ziel abbringen und bindet die Zuhörer durch persönliche Anreden und das Thematisieren seiner eigenen Zerrissenheit wieder in den Diskurs ein.
Welche Bedeutung kommt der Biografie Fischers innerhalb seiner Argumentation zu?
Fischer nutzt seine persönliche Biografie, insbesondere die Erfahrung mit Neonazismus und geschichtlicher Verantwortung, um seine moralische Positionierung und die Notwendigkeit des Eingreifens im Kosovo für ihn persönlich zu legitimieren.
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- Bachelor of Arts Marco Hadem (Author), 2004, Analyse einer Parteitagsrede von Bundesaußenminister Joschka Fischer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69912