Die Anschläge vom 11. September 2001 haben die Aufmerksamkeit einer breiteren westlichen Öffentlichkeit auf den Nahen und Mittleren Osten, den Islam und die Muslime gelenkt. So argumentierten einige Autoren, dass die islamistischen Organisationen keinesfalls als antikoloniale, bzw. antiimperialistische Kräfte in einem politisch und ökonomischen Sinne verstanden werden könnten. Vielmehr seien die Entstehung und Stärkung der Islamisten ein Resultat der undemokratischen Verhältnissen in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Als Lösung wird dann eine umfassende und tiefgehende Demokratisierung des Nahen und Mittleren Osten vorgeschlagen.
Einer der bekanntesten Vertreter dieser These ist Bernard Lewis. Die Bedeutung von Bernard Lewis basiert zum einen auf seiner selten infrage gestellten wissenschaftlichen Autorität und zum anderen darauf, dass politische Entscheidungsträger in den USA auf seine Geschichtsdeutungen, Begriffe und Konzepte zurückgreifen, wenn es um Analysen der politischen Vorgänge im Nahen und Mittleren Osten geht. Auch das vielzitierte Konzept vom „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“) im Zusammenhang mit dem Westen und dem Islam geht auf Lewis zurück.
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das Buch „Der Untergang des Morgenlandes“ (Originaltitel “What went wrong?”) von Bernard Lewis, das 2002 erschienen ist. Die Publikation als Untersuchungsobjekt bietet sich auch deswegen an, weil Lewis in einer Vorbemerkung explizit Bezug auf die Anschläge vom 11. September 2001 nimmt, und sich nach Auskunft des Autors mit “größeren Zusammenhängen, Ideen und Einstellungen beschäftigt, die diesen Ereignissen [gemeint ist 9/11, A.d.A.] vorausgingen und sie bis zu einem gewissen Grad mit verursacht haben” (Lewis 2002: 7)
Zuerst soll die Argumentationslinie in „Der Untergang des Morgenlandes“ dargestellt werden. Die Darstellung wird von einer genaueren Betrachtung der wissenschaftlichen Methoden, der Geschichtsdeutung, der Schlüsse und Lösungsvorschläge von Lewis begleitet. Die kleinschrittige Vorgehensweise in Unterpunkten empfiehlt sich, da eine stringente Argumentation nicht festzustellen war. Es folgt eine Diskussion über Defizite und Widersprüche auf formeller, methodischer und inhaltlicher Ebene.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Darstellung und Deutung von Geschichte
2.1. Der monolithische Islam
2.2. Europa als Träger von Wissenschaft und Kultur
2.3. Die kulturelle Ignoranz der Muslime
2.4. Vom Scheitern der Muslime
2.5. Zwischenspiel der Europäer
2.6. Die Lösung der orientalischen Frage durch Frauenemanzipation und Säkularisierung?
3. Exkurs: Lewis und die US-Kriege nach 9/11
4. Resümee
4.1. „Kampf der Kulturen“ als politischer Mythos
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Argumentationsweise und die Geschichtsdeutung des Orientalisten Bernard Lewis in seinem Buch „Der Untergang des Morgenlandes“. Dabei wird insbesondere hinterfragt, ob die von Lewis konstruierten Kausalzusammenhänge zwischen islamischer Kultur und politisch-ökonomischem Niedergang einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten oder ob es sich bei seinen Thesen um politisch motivierte Mythenbildung handelt.
- Kritische Analyse der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis
- Diskussion von Essentialisierungen in Bezug auf den Islam
- Untersuchung der historischen Machtverhältnisse zwischen Europa und dem Orient
- Kritik an methodischen Defiziten in der modernen Orientalistik
- Dekonstruktion des Konzepts vom „Kampf der Kulturen“ als politischer Mythos
Auszug aus dem Buch
2.1. Der monolithische Islam
Wie bereits der englische Titel andeutet, ist für Lewis die Frage danach zentral was schief gelaufen ist. Diese Frage würden sich die Muslime stellen, die begreifen wollten wie die “Welt des Islam” ihre “Spitzenposition” (Lewis 2002: 9) im Lauf der Geschichte bis zur Moderne verloren habe.
Dabei wird die Geschichte des Islam bis zum 16. Jahrhundert als eine Geschichte von erfolgreichen Eroberungen dargestellt: „Im 7. Jahrhundert rückten islamische Armeen von Arabien aus nach Syrien, Palästina, Ägypten und Nordafrika vor und eroberten diese bis dahin christlichen Gebiete“ (Lewis 2002: 10), und „im 9. Jahrhundert nahmen sie Sizilien und Teile des italienischen Festlands in Besitz” (Lewis 2002: 11). Die osmanische Expansion im 13. und 14. Jahrhundert wird als „eine dritte Welle muslimischer Angriffe” (Lewis 2002: 11) bezeichnet. Lewis vereinheitlicht die zeitlich, räumlich und politisch sehr unterschiedlichen Vorgänge zu einer islamischen Bewegung. So wird auch die Aussage „der Islam verfügte über die größte Militärmacht weltweit” (Lewis 2002: 12) ermöglicht. Dabei bleibt ausgeblendet, dass diese Macht aus verschiedenen politischen Systemen bestand, die sich z.T. auch gegenseitig bekämpften und deren einzige Gemeinsamkeit war, dass die herrschende Elite muslimisch war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit erläutert die Relevanz von Bernard Lewis als prägenden Ideengeber für die US-Außenpolitik und stellt das Ziel vor, seine Thesen zur vermeintlichen Krise des Orients zu hinterfragen.
2. Die Darstellung und Deutung von Geschichte: Dieses Kapitel prüft die zentralen Argumente von Lewis, darunter die kulturelle Ignoranz der Muslime und das angebliche Scheitern der islamischen Welt, und setzt diese in Bezug zu sozio-ökonomischen Realitäten.
3. Exkurs: Lewis und die US-Kriege nach 9/11: Hier wird der Einfluss von Lewis auf die politische Praxis der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September und sein Scheitern bei der praktischen Umsetzung seiner Theorien beleuchtet.
4. Resümee: Das Fazit zieht eine Bilanz der formalen und methodischen Mängel bei Lewis und interpretiert seine Schriften als Beitrag zur Schaffung eines politischen Mythos.
Schlüsselwörter
Bernard Lewis, Untergang des Morgenlandes, Islam, Geschichtsdarstellung, Orientalismus, Kampf der Kulturen, Modernisierung, Säkularisierung, politische Mythen, Islamkritik, USA, Außenpolitik, Naher Osten, Kulturtheorie, Essentialisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch das Werk des Historikers Bernard Lewis und dessen Deutung des historischen Niedergangs der islamischen Welt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte des „monolithischen Islam“, das Verhältnis von Wissenschaft und Kultur sowie die Analyse kolonialer Machtverhältnisse.
Was ist die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Bernard Lewis’ Thesen eine solide wissenschaftliche Grundlage besitzen oder ob sie eine ideologische Konstruktion darstellen, die zur Mythenbildung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine diskursive Analyse und stellt die Thesen von Lewis aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte gegenüber.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Dekonstruktion von Lewis' Thesen zur kulturellen Unterlegenheit des Orients, zur Frauenemanzipation und zum fehlenden Säkularismus.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Orientalismus-Kritik, politische Mythenbildung und die Dekonstruktion des „Kampfes der Kulturen“ geprägt.
Welche Rolle spielt das Osmanische Reich in der Arbeit?
Das Osmanische Reich dient als primäres historisches Beispiel, an dem die Verallgemeinerungen von Lewis hinsichtlich der „islamischen Welt“ methodisch hinterfragt werden.
Warum wird Lewis' Einfluss auf die US-Politik kritisch betrachtet?
Weil seine theoretischen Konzepte als direkte intellektuelle Legitimationsgrundlage für militärische Interventionen im Nahen Osten dienten, deren Misserfolg die Haltbarkeit seiner Theorien infrage stellt.
- Quote paper
- Ismail Küpeli (Author), 2006, Was ging schief beim "Untergang des Morgenlandes"? Eine exemplarische Sichtung der Geschichtsdarstellung von Bernard Lewis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70017