Hizbollah und die Gewalt


Referat (Ausarbeitung), 2006

5 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Entstehung der Hizbollah

Jihad-Konzepte der Hizbollah

Legitimierung von Selbstmordattentaten

Formen der Gewalt
Selbstmordattentate
Kampf gegen die israelische Besatzung und die SLA
Sheb‘a-Farmen und Hizbollah als Beschützer des libanesischen Luftraums

Literatur

Entstehung der Hizbollah

Die Ursprünge der Hizbollah liegen in den schiitischen Protestbewegungen der 1960er/70er Jahre. Die Geschichte der Schiiten im Libanon war gekennzeichnet durch Unterdrückung und Verfolgung. Die Unabhängigkeit des Libanons 1943 beendete die Benachteiligung der Schiiten nicht. Innerhalb des konfessionellen System Libanons blieben die Schiiten unterrepräsentiert. So waren nur 3,2% der höheren Beamten Schiiten. Die Schiiten bildeten bereits 1956 19% der Bevölkerung. Der Anteil der Schiiten an der Bevölkerung wuchs zwischen 1956 und 1975 auf ca. 30%, und auch dieser Wachstum wurde bei der politischen Repräsentation nicht berücksichtigt. So blieben die Schiiten eine mehrheitlich wirtschaftlich schwache und politisch marginalisierte Bevölkerungsgruppe1.

Diese Situation führte dazu, dass ein schiitischer Geistlicher, Imam Musa al-Sadr, eine soziale Protestbewegung mit der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit und politischer Mitsprache etablieren konnte. Er gründete 1974 die „Bewegung der Benachteiligten“ (Harakat al-Mahrumin), woraus 1975 die Amal (Afwaj al-Muqawama al-Lubnaniya, „Bataillone des libanesischen Widerstandes“) entstand. Al-Sadr verschwand 1978 unter untergeklärten Umständen bei einem Besuch in Libyen. Durch den Verlust der charismatischen Führungsfigur war die Amal nicht mehr in der Lage ihre militanten Mitglieder zu integrieren. Für sie war die Islamische Revolution 1982 im Iran als Bezugpunkt attraktiver. So gründete ein Amal-Führungsmitglied Sayyid Husayn al-Musawi 1982 die Islamische Amal.

Die neue iranische Führung ermutigte die militanten Schiiten und forderte sie zum Kampf gegen die israelische Invasion 1982. Sie gewährte auch umfangreiche Unterstützung. So wurden etwa 1500 Mitglieder der Pasdaran („Revolutionäre Garden“) aus dem Iran in den Libanon gesandt. Mit dieser iranischen Hilfe entstand 1982 in der Bekaa-Ebene die Hizbollah, die sich aus Amal-Abspaltungen und militanten Amal-Mitgliedern zusammensetzte. Die Hizbollah wurde auch durch Syrien unterstützt, das jede Möglichkeit nutzen wollte die israelische Armee aus dem Libanon herauszutreiben. Durch die syrische Unterstützung konnte der Iran die Hizbollah mit Waffen ausrüsten2.

Die politischen Ziele der Hizbollah

Neben dem unmittelbaren Gründungsanlass, die Vertreibung der israelischen Armee aus dem Libanon, hatte die Hizbollah auch das Ziel im Libanon eine islamische Ordnung zu etablieren. Diese Ordnung sollte die Einheit der Muslime und soziale Gerechtigkeit herstellen. Die Vorstellung der Hizbollah, wie eine islamische Ordnung gestaltet werden soll, orientiert sich stark an Konzepten Khomeinis. So wurde das Konzept des wilayat-al-faqih („Führung der islamischen Rechtsgelehrten“) übernommen. Mit diesem Konzept hatte Khomeini legitimiert, warum er gegen die schiitischen Traditionen den Anspruch erheben konnte eine islamische Ordnung aufzubauen3. Der wali al-fiqh („führender Rechtsgelehrter“) hat die uneingeschränkte Macht, Ideologie und die Praxis von Hizbullah zu ändern und über Krieg und Frieden zu entscheiden.

Jihad-Konzepte der Hizbollah

Neben der Unterscheidung zwischen dem „großen Jihad“ und dem „kleinen Jihad“ unterscheidet die Hizbollah zwischen 2 Subtypen des kleinen Jihads. Der Jihad al-Ibtiba’i („elementarer Jihad“) dient der Durchsetzung der weltweiten islamischen Herrschaft, und kann nur vom 12. Imam ausgerufen werden. Der Jihad al-Difa‘i („defensiver Jihad“) kann vom wali-al-fiqh ausgerufen werden und dient der Verteidigung der Muslime gegen externe Feinde oder eine ungerechte Herrschaft. In diesem Sinne kann der Jihad auch zur Durchsetzung einer islamischen Ordnung ausgerufen werden.

Das Konzept des defensiven Jihads schafft ebenso die Grundlage, um den Kampf gegen externe Mächte zu legitimieren. Durch die Setzung, dass Jerusalem auch ein Teil der islamischen Gebiete sei, wird der Kampf gegen Israel auch dann als defensiver Jihad verstanden, wenn die Operationsgebiete sich außerhalb Libanons befinden. Weiterhin wird die „Befreiung“ Jerusalems als Voraussetzung für die Einheit der Umma gesetzt.

Legitimierung von Selbstmordattentaten

Der wali al-fiqh kann neben seinen anderen Befugnissen auch bestimmte Gewaltformen im Jihad legitimieren. Eine solche Legitimation ist ausreichend und wird nicht hinterfragt. Ibrahim al-Amin (eine der Hizbollah-Führungsfiguren) sagte 1987 zu den Selbstmordattentaten gegen israelische (1982) und US-Ziele (1983): „They martyred themselves because the Imam Khomeini permitted them to do so […] They defeated Israel and America for God“. Der wali al-fiqh kann sowohl den defensiven Jihad ausrufen, als auch die zulässigen Gewaltmittel festlegen.

Die Trennung zwischen dem Märtyrertod im Kampf durch die Hand des Feindes und der Selbsttötung wird aufgehoben mit dem Argument, dass, falls konventionelle Mittel im Jihad nicht als erfolgreich sind, andere Mittel zulässig sein. Fadlallah (bis 1992/1993 der geistliche Führer der Hizbollah) sagte 1985 dazu: „If the aim of one who destroyed himself in such a operation is to have a political impact on a enemy whom is impossible to fight by conventional means, then his sacrifice can be part of a jihad. Such an undertaking differs little from that of a soldier who fights and knows that in the end he will be killed. […] There is no difference between dying with a gun in your hand or exploding yourself”4.

Die Legitimität von Selbstmordattentaten ist in diesem Zusammenhang daran geknüpft, ob sie eine effektive Bekämpfung des Feindes ermöglichen. Dazu sagte Fadlallah 1985: „We believe that self-martyring operations should only be carried out if they can bring about a political or military change in proportion to the passions that incite a person to make of his body an explosive bomb”5.

Formen der Gewalt

Selbstmordattentate

Die Selbstmordattentate in den 1980er Jahren im Libanon richteten sich gegen ausländische - israelische, US-amerikanische und französische – Truppen. Die Hizbollah verübte das erste Selbstmordattentat 1982 gegen die israelische Armee im Süd-Libanon, weitere Attentate gegen israelische Ziele folgten. 1983 fanden 3 Selbstmordattentate gegen die Einrichtungen der USA und Frankreichs statt, wobei u.a. 241 US-Marines 80 französische Fallschirmjäger starben. Die Verantwortung für diese Anschläge übernahm der al-Jihad al-Islami („Islamischer Jihad“), wobei die Verbindung zwischen dieser Gruppierung und der Hizbollah umstritten sind. So erklärte etwa der Generalsekretär der Hizbollah, Sayyid Nasrallah: „It is absolutely incorrect that the Islamic Jihad is a cover name for Hizbullah“6. Die Selbstmordattentate führten dazu, dass die USA und Frankreich sich aus dem Libanon zurückzogen und Israel sich 1985 aus dem Nord-Libanon und Beirut in eine sog. „Sicherheitszone“ im Süd-Libanon zurückzog. Die israelische Besatzung im Süd-Libanon wurde durch die SLA (South Lebanon Army), eine pro-israelische Miliz unterstützt.

Kampf gegen die israelische Besatzung und die SLA

1989 wurde mit dem Abkommen von Taif der Bürgerkrieg in Libanon beendet. Das Abkommen beinhaltete die Entwaffnung und Auflösung sämtlicher Milizen. Gleichzeitig wurden bewaffnete Aktionen zur Beendigung der israelischen Besatzung in Süd-Libanon als legitim und im Einklang mit den völkerrechtlichen Bestimmungen bezeichnet. So konnte die Hizbollah weiterhin ihre Waffen behalten, musste ihre militärischen Aktivitäten aber auf den Süd-Libanon beschränken. Zwischen 1990 und 2000 fanden 5958 militärische Operationen der Hizbollah gegen israelische und SLA-Ziele statt7. Die häufigste Form waren Überfälle und Hinterhalte. Bei den Operationen wurden auch Minen, Artillerie, Mörser und Katjusha-Raketen eingesetzt. Zwischen 1982 und 1999 wurden 1248 Hizbollah-Kämpfer, 1050 SLA-Milizen und 200 israelische Soldaten bei den Kämpfen in der sog. „Sicherheitszone“ getötet. Die „Sicherheitszone“ hatte keine Sicherheit für Israel hervorgebracht, und die Besatzung war in Israel selbst unpopulär. 2000 zog sich die israelische Armee aus dem Süd-Libanon zurück, die SLA löste sich auf. Die Vereinigten Nationen erklärten, dass Israel sich vollständig aus dem Libanon zurückgezogen hätte. Die Hizbollah konnte dies als Sieg verbuchen, andererseits ging mit dem Ende der israelischen Besatzung auch die externe Legitimation für die militärischen Aktionen der Hizbollah verloren8.

Sheb‘a-Farmen und Hizbollah als Beschützer des libanesischen Luftraums

Syrien und Libanon erklärten dagegen, dass der israelische Abzug nicht vollständig sei, weil weiterhin libanesisches Gebiet (die Sheb‘a-Farmen) von Israel besetzt sei. Die sog. „Sheb‘a -Farmen“ sind ein Gebiet von ca. 25km², und werden von den VN und Israel als syrisches Gebiet definiert. Dagegen bezeichnen Syrien und Libanon das Gebiet als libanesisch. Die Behauptung, dass die israelische Besatzung von libanesischem Territorium weiter besteht, ermöglichte es der Hizbollah, weiterhin militärische Operationen durchzuführen, diesmal beschränkt auf die Sheb‘a-Region9.

Mit der begrenzten militärischen Konfrontation in der Sheb‘a-Region hält die Hizbollah ihr „Alleinstellungsmerkmal“ als Kämpfer gegen die israelische Besatzung und für die vollständige Befreiung Libanons aufrecht. Dies schafft eine Differenz zu anderen libanesischen politischen Kräften. Eine endgültige Entscheidung, ob die Hizbollah eine gewöhnliche politische Partei werden soll, wird verschoben und der interne Zusammenhalt bewahrt10.

Eine weiteres Feld der militärischen Aktivitäten der Hizbollah ist der Beschuss von israelischen Flugzeugen, die den libanesischen Luftraum verletzen. Dabei wurden auch wiederholt israelische Zivilisten im israelischen Grenzgebiet zum Libanon durch Flakgranaten verletzt, was nach Angaben von Sayyid Nasrallah in Kauf genommen wird11.

Literatur

International Crisis Group: Old Games - New Rules. Brussel (2002)

International Crisis Group: Hizbollah - Rebel without a cause? Brussel (2003)

Ahmad Nizar Hamzeh: In the Path of Hizbullah. Syracuse (2004)

Martin Kramer: Arab Awakening and Islamic Revival. New Brunswick (1996)

Eyal Zisser: Hizballah - Between Armed Struggle and Domestic Politics. In: Barry Rubin (Hrsg.): Revolutionaries and Reformers. New York (2003)

[...]


1 Vgl. Hamzeh S. 7-14

2 Vgl. Hamzeh S. 22-26

3 Die Schiiten hatten traditionell angenommen, dass nur der „entrückte“ 12. Imam eine islamische Ordnung aufstellen könnte. Zahlreiche Schiitische Rechtsgelehrte wie Ali al-Sistani akzeptieren den Konzept des vilayat-al-faqih nach wie vor nicht.

4 Zitiert nach Kramer

5 Zitiert nach Kramer

6 Zitiert nach: Hamzeh S. 86

7 Vgl. Hamzeh S. 89

8 Vgl. Zisser S. 96

9 Vgl. ICG 2002 S. 6-12

10 Vgl. ICG 2003 S. 16-18 und Zisser S. 91-92

11 Vgl. ICG 2002 S. 9 und ICG 2003 S. 8

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Details

Titel
Hizbollah und die Gewalt
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2006
Seiten
5
Katalognummer
V70020
ISBN (Buch)
9783656843993
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Entstehung der Hizbollah, Die politischen Ziele der Hizbollah, Jihad-Konzepte der Hizbollah, Legitimierung von Selbstmordattentaten, Formen der Gewalt
Schlagworte
Hizbollah, Gewalt
Arbeit zitieren
Ismail Küpeli (Autor), 2006, Hizbollah und die Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70020

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