Die Frage nach der menschlichen Freiheit bzw. Unfreiheit beschäftigt die Philosophie von ihren Anfängen in der Antike bis in unsere gegenwärtige Zeit hinein. Besonders in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts schien die Überzeugung, daß der Mensch seinem grundlegendem Wesen nach frei sei, gefährdeter denn je. Bahnbrechende Erfolge in den naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen und ein daraus resultierendes positivistisches Klima, das seinen Einzug auch in den philosophischen Diskurs fand, kulminierten weitestgehend in der Überzeugung der Unhaltbarkeit des menschlichen Freiheitsbegriffes, der auf dem Altar meist mechanistischer Universal – Erklärungs – Modelle geopfert wurde.
Die Arbeit schließt sich der Bergsonschen Gliederung an, indem sie mit einer kurzen Skizzierung jener Kritik beginnt, um von dort aus über den Begriff der Dauer Bergsons Konzeption der Freiheit zu entwickeln.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. KRITIK DES PSYCHO-PHYSISCHEN PARALLELISMUS
III. DAUER, SPRACHE, FREIHEIT
IV. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht den Freiheitsbegriff im Werk von Henri Bergson, insbesondere im Kontext seines Buches "Zeit und Freiheit". Das primäre Ziel ist es, Bergsons innovative Konzeption der Zeit, der sogenannten Dauer (duree), als Antwort auf die deterministischen Theorien seiner Epoche herzuleiten und aufzuzeigen, wie er Freiheit als dynamischen Prozess der Persönlichkeitsentfaltung versteht, der sich den Zugriffen sprachlicher Verallgemeinerung entzieht.
- Die Kritik am psycho-physischen Parallelismus und deterministischen Erklärungsmodellen.
- Die Analyse der Bergsonschen Zeitkonzeption der Dauer im Kontrast zur wissenschaftlichen, verräumlichten Zeit.
- Die Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen der lebendigen Erfahrung und deren notwendiger, aber verzerrender sprachlicher Darstellung.
- Die Herleitung der menschlichen Freiheit als authentischer Selbstentwurf jenseits fixer, begrifflicher Identitäten.
- Die Berücksichtigung paralleler Ansätze in der Sprachkritik, unter anderem bei Friedrich Nietzsche.
Auszug aus dem Buch
III. Dauer, Sprache, Freiheit
Bergson insistiert, daß die Bewußtseinsphänomene gerade keine quantitativen, meßbaren und aufeinander folgenden Ereigniselemente sind, sondern einen völlig anderen Charakter besitzen. Die Bewußtseinsphänomene lassen sich nur durch das Verständnis ihrer zeitlichen Vollzugsform wahrhaft erfassen, die Bergson als Dauer bezeichnet. Die Zeitform der Dauer hat den Charakter von ineinander verwobenen, somit untrennbaren und sich gegenseitig durchdringenden Ereignissen. In dieser Zeitform unseres Bewußtseins liegen dessen Phänomene als dynamische Ganzheiten vor, die sich am besten in der Metapher des ineinander Fließens erfassen lassen. Aufgrund dieses dynamischen Prozesses – der das Bewußtsein nicht repräsentiert, sondern Bewußtsein ist – ist eine Trennung, eine Unterscheidung einzelner Bewußtseinsphänomene ebensowenig möglich, wie eine Aufspaltung der Dauer in die unterschiedlichen Zeitformen des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen.
Diesen Überlegungen Bergsons liegt die Auffassung zugrunde, daß alle Bewußtseinsphänomene als qualitative – und nur als qualitative! – Mannigfaltigkeit zu betrachten sind. Keine psychologische Erfahrung läßt sich auf quantitativer Ebene mit einer anderen vergleichen. „There is no such thing as a „greater“ or „smaller“ anger, if we mean by this a difference in size, the difference is qualitative. (...) The sensations of cold and heat do not differ from each other according to the degrees on a thermometer. All simple psychological effects are pure qualities.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die historische Problematik des menschlichen Freiheitsbegriffs ein und skizziert Bergsons Vorhaben, einen abweichenden Standpunkt durch die Konzeption der Dauer zu formulieren.
II. KRITIK DES PSYCHO-PHYSISCHEN PARALLELISMUS: Dieses Kapitel analysiert Bergsons Argumentation gegen physische und psychische Determinismen, die auf einer unzulässigen Vermengung von Zeit und Raum sowie mechanistischen Modellen beruhen.
III. DAUER, SPRACHE, FREIHEIT: Das Hauptkapitel expliziert den zentralen Begriff der Dauer, die Problematik der sprachlichen Verallgemeinerung und entwickelt daraus Bergsons Verständnis von Freiheit als authentische Selbstentfaltung.
IV. LITERATURVERZEICHNIS: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Bergson, Freiheit, Determinismus, Dauer, Duree, Zeitphilosophie, Sprachkritik, Bewusstsein, psycho-physischer Parallelismus, Identität, Differenz, qualitativ, quantitativ, Subjektivität, Metaphysik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Freiheitsbegriff im philosophischen Werk von Henri Bergson, besonders kritisch im Hinblick auf die deterministischen und positivistischen Strömungen seiner Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Kritik an deterministischen Modellen, die Unterscheidung zwischen quantitativer Zeit (Raum) und qualitativer Dauer (Duree) sowie die Rolle der Sprache bei der Konstruktion und Einschränkung unserer Identität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Herleitung und Darstellung der Bergsonschen Freiheitstheorie, die das menschliche Handeln als authentischen, dynamischen Prozess begreift, statt es auf starre, logische Gründe oder mechanistische Kausalitäten zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende philosophische Textanalyse von Bergsons Werk "Zeit und Freiheit" und setzt diese in einen Kontext mit ergänzender Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird Bergsons Zeitkonzeption der Dauer detailliert gegen die wissenschaftliche, verräumlichte Zeit abgegrenzt und die zwangsläufige, aber verzerrende Wirkung sprachlicher Darstellung auf das Erleben analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Bergson, Freiheit, Dauer, Duree, Determinismus, Sprache und Identität.
Wie unterscheidet Bergson zwischen dem wahren und dem parasitären Ich?
Das "parasitäre Ich" ist die durch Sprache konstruierte, oberflächliche Projektion im Raum, während das "wahre Ich" als Gesamtausdruck der Persönlichkeit in der Dauer verwurzelt ist.
Warum spielt die Sprache eine so zentrale Rolle bei Bergson?
Die Sprache fungiert für Bergson als notwendiges, aber begrenzendes Werkzeug, das Erlebtes homogenisiert und verräumlicht, wodurch der fließende, qualitative Charakter der eigentlichen Bewusstseinsprozesse verdeckt wird.
Ist Freiheit laut Bergson ein erreichbarer Zustand?
Freiheit ist für Bergson kein statischer Besitz oder absoluter Status, sondern ein ständiger, dynamischer Prozess der Formbildung, der in schicksalhaften Momenten als freies Handeln der ganzen Persönlichkeit fragmentarisch aufleuchtet.
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- Steffen Heil (Author), 2004, Der Begriff der Freiheit bei Bergson, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70027