Religionsphilosophische Diskurse in Lessings Nathan der Weise


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Der Goeze- Streit

2. Die Darstellung der drei monotheistischen Religionen
2.1. Das Christentum
2.1.1. Der Tempelherr
2.1.2. Daja
2.1.3. Der Klosterbruder
2.1.4. Der Patriarch
2.2. Der Islam: Sultan Saladin und Sittah
2.3. Das Judentum: Nathan

3. Das Verhältnis der Religionen zueinander
3.1. Die Ringparabel
3.2. „Jedes Glaubens Zierde“ – Recha
3.3. Das „gute“ Ende des dramatischen Gedichts – Die Schlussszene

4. Toleranz und Religion leben – Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit zum Thema „Religionsphilosophische Diskurse in Lessings Nathan der Weise“ in dem Hauptseminar „Lessing“ befasst sich zu Beginn mit dem Fragmentenstreit, der unzweifelbar als Ausgangspunkt zur Entstehung dieses Stückes gesehen werden kann. Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ ist oft als Vermächtnis eines großen Aufklärers bezeichnet worden. Betrachtet man Werke als Klassiker, die zu verschiedenen Zeiten immer wieder die Auseinandersetzung mit ihnen selber und der jeweiligen Gegenwart provozieren, dann kann dieses dramatische Gedicht mit Recht so bezeichnet werden. Es hat in den zwei Jahrhunderten seit seinem ersten Erscheinen 1779 nicht zuletzt wegen den darin angesprochenen religiösen Aspekten manche Diskussionen angeregt, und es ist sicher kein Zufall, dass der „Nathan“ von den Nationalsozialisten genauso rigoros abgelehnt wurde wie er nach dem Zweiten Weltkrieg quasi als kompensatorische Gegenreaktion auf allen wichtigen Bühnen gespielt wurde. Ausgehend von der Ringparabel soll in dieser Arbeit untersucht werden, wie die Religionskonzeption Lessings das Stück strukturiert. Hierzu werden keine herkömmlichen Charakterisierungen der Personen vorgenommen, sondern die Figuren des Stücks werden auf ihre religiösen Ansichten hin untersucht und weiterhin das Verhältnis der einzelnen Religionen thematisiert. Ein Aufruf vielleicht zu Völkerverständigung und Toleranz – darin liegt auch heute noch seine Aktualität, aber auch seine Brisanz, die am Ende zusammenfassend thematisiert werden soll.

1.1. Der Goeze- Streit

„Introite, nam et heic Dii sunt“[1] – mit diesen Worten, dem Drama als Motto vorangestellt, lädt Lessing uns ein, einzutreten, „denn auch hier sind Götter“. Jedem Leser des „Nathan“ wird unschwer auffallen, dass es hier auch und nicht zuletzt um Fragen der (wahren?) Religion geht. Dem Motto wohnt aber noch eine leicht ironische Komponente inne, ausgedrückt durch das Wort „et“. Auch hier sind Götter – wo denn sonst noch? Und weshalb ist dieser Aspekt für Lessing so wichtig, dass er gerade dieses Zitat des Gellius seinem Drama voranstellt?

Lessing veröffentlichte als Bibliothekar in Wolfenbüttel seit 1774 Teile aus dem Nachlass des verstorbenen Hamburger Orientalisten Hermann Samuel Reimarus unter dem Titel „Fragmente eines Ungenannten“. Lessing fügte diesen Schriften seine eigene Meinung als „Gegensätze des Herausgebers“ bei. Eine gut gelungene Mischung aus Distanzierung von den deistischen und gegen die Offenbarung und insbesondere gegen die Auferstehungsgeschichte gerichteten Texte des „Ungenannten“ und Verteidigung desselben: „Der Buchstabe ist nicht der Geist; und die Bibel ist nicht die Religion. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und gegen die Bibel nicht eben auch Einwände gegen den Geist und die Religion“[2]

Die Reimarus- Schriften verursachten einen Streit, in dem sich vor allem der Hauptpastor der Hamburger Katharinenkirche, Johann Melchior Goeze, hervortat. Lessing gab eine Reihe von Gegenschriften heraus, die unter dem Namen „Anti- Goeze“ bekannt geworden sind. Nachdem im Juli 1778 Lessings elfter „Anti- Goeze“ erschienen war, wurde ihm auf Betreiben seiner Gegner durch einen Erlass des Herzogs von Braunschweig die Zensurfreiheit entzogen. Druck und Vertrieb weiterer „Fragmente eines Ungenannten“ und weiterer Anti- Goeze- Schriften wurden verboten. Im August 1778 schrieb Lessing an seinen Bruder Karl: „Ich habe vor vielen Jahren einmal ein Schauspiel entworfen, dessen Inhalt eine Art von Analogie mit meinen gegenwärtigen Streitigkeiten hat, die ich mir damals wohl nicht träumen ließ. [...] Ich glaube, eine sehr interessante Episode dazu erfunden zu haben, dass sich alles sehr gut soll lesen lassen, und ich gewiss den Theologen einen ärgern Possen damit spielen will, als noch mit zehn Fragmenten“[3]. Und im November: „Ich habe es jetzt nur wieder vorgesucht, weil mir auf einmal beyfiel, dass ich, nach einigen kleinen Veränderungen des Plans, dem Feinde auf einer andern Seite damit in die Flanke fallen könne“[4].

Mit dem Literaturverbot und der Aufführung seines Schauspiels „Nathan“, gelang Lessing ein „Medienwechsel“ und die Verlagerung seines Kampfplatzes auf die Theaterbühne. So schrieb er denn auch an Elise Reimarus, die Tochter des „Ungenannten“: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen“[5]. Das „et“ im Motto des Dramas verweist meines Erachtens auf eben diesen Sachverhalt: Auch hier (d.h. im Drama) geht es um Götter und Religion, auch hier geht es um die in den Reimarus- Schriften angesprochenen Fragen, nur werden sie auf einer anderen Ebene abgehandelt. Obwohl sich der „Nathan“ sicher nicht in theologischen Fragen erschöpft, kann man also durchaus mit Friedrich Schlegel einig gehen, der das Werk „die Fortsetzung vom Anti- Goeze, Numero Zwölf“[6] genannt hat.

2. Die Darstellung der drei monotheistischen Religionen

Lessing zeigt die drei monotheistischen Religionen, das Christentum, den Islam und das Judentum, ganz direkt im Wirken und im Charakter der dramatis personae, die bereits im Personenverzeichnis mit ihrer jeweiligen Glaubenszugehörigkeit ausgewiesen werden. Er lässt die Figuren also nicht einfach nur über Religion reden, sondern Religion sein. Im folgenden soll deshalb erörtert werden, wie das Christentum, der Islam und das Judentum – repräsentiert von den dramatis personae – im „Nathan“ dargestellt werden, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen (sollten) und welche Rolle dabei die in der Ringparabel entwickelten Ideen spielen.

2.1. Das Christentum

2.1.1. Der Tempelherr

Angeregt von der Erzählung, dass sein Vater ein Orientale war, ist der junge Ritter als Mitglied des Templerordens in das Morgenland gekommen. Als Gefangener des Sultans Saladin entgeht er nur knapp der Hinrichtung. Der Sultan begnadigt ihn im letzten Moment, weil er seinem Bruder Assad ähnelt. Ohne zu zögern setzt der junge Tempelherr das soeben wiedergewonnene Leben aufs Spiel und rettet Recha, die Tochter Nathans, aus den Flammen. Er leitet aus seinem Glauben die selbstverständliche Pflicht ab, seinen Mitmenschen zu helfen und begeht somit die erste gute Tat des Dramas. Durch die Ereignisse aus dem inneren Gleichgewicht geworfen, „in seiner Identität gestört“[7] und auf Grund seines anerzogenen Vorurteils insbesondere den Juden gegenüber, weigert er sich strikt, den Dank für diese Tat anzunehmen (I/1, V. 115).[8] In der Tat zeigt sich des Tempelherrn Vorurteil gegen die Juden auch gleich bei seinem ersten Auftritt, einem Dialog mit dem Klosterbruder. Voller Ironie beantwortet er des Klosterbruders Kommentar zu seiner Rettung vor der Hinrichtung, Gott habe ihn zu großen Taten aufbehalten (I/5, V. 595).

Als der Tempelherr und Nathan im 5. Auftritt des 2. Aufzugs zum ersten Mal aufeinandertreffen, ist die Atmosphäre zunächst dementsprechend gespannt. Nathan schafft es hier jedoch den Tempelherrn zu menschlichem Handeln zu bewegen. Das Hauptthema der Diskussion ist die Rolle des Menschen: Nathan nähert sich freundlich und zurückhaltend und lässt sich auch durch des Tempelherrn aufgebrachtes „Was, Jude? was?“ (II/5, V. 415) nicht entmutigen. Wiederum lehnt der Tempelherr jeglichen Dank ab und bekräftigt sein Vorurteil, dass religiöse Intoleranz von Juden ausgeht (II/5).[9] Nathans souveräne Reaktionen verwirren den Tempelherrn. Erst jetzt beginnt er, sich wirklich auf das Gespräch mit Nathan einzulassen. Äußeres Zeichen dafür ist die Tatsache, dass er Nathan mit seinem Namen anspricht (II/5, V. 473). Noch aber hat er seine alten Verhaltensmuster noch nicht ganz abgelegt. So antwortet er auf Nathans Hinweis, dass alle Länder gute Menschen tragen, mit der rhetorischen Frage, dass es doch hoffentlich Unterschiede gebe. Zudem weist er Nathan nun auch darauf hin, dass es die Juden waren, die mit der Menschenmäkelei angefangen haben, da sie sich zuerst das auserwählte Volk nannten und ihren Glauben für wahr hielten. (II/5, V. 500ff) Hier liegt offenbar einer jener Gründe, weshalb der Tempelherr die Juden verachtet, zumal diese ihren Anspruch auch gleich an die Christen und den Islam weitervererbt haben. An dieser Stelle des Dialoges zeigt sich nun aber auch, dass der Tempelherr durchaus zu einer differenzierteren Sicht in Glaubensfragen in der Lage ist, als es seine vorurteilsvolle Schroffheit vermuten lässt (II/5, V. 510ff).

Kaum ausgesprochen, bereut er die Worte auch schon wieder. Nathan aber lässt das nicht zu und trägt dem Tempelherrn seine Freundschaft an: „Wir haben beide / Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind / Wir unser Volk? Was heißt denn Volk? / Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, / Als Mensch?“(II/5, V. 520). Damit zwingt er den Tempelherrn zum einlenken.

In dieser Verworrenheit aber erfasst ihn nach ihrer gemeinsamen Begegnung eine radikale und unbedingte Sturm- und Drang Leidenschaft für Recha, die sogar die religiöse Liebe in den Schatten stellt: er will vom Jenseits nichts wissen.[10] Nathans Zögern, sein Jawort zu der Verbindung zu geben, stürzt ihn jedoch in neue Zweifel. Durch seine anerzogene Rolle zu Gehorsam und Keuschheit erlebt er eine Krise.[11] Hinzu kommt die intrigante Mitteilung Dajas über Rechas wahre Abstammung. Der Tempelherr ist erbost über Nathan, der eine Christin als Jüdin erzogen hat, und verfällt wieder in die altgewohnte Ironie (III/10, V. 844). In diesem Gespräch erweist sich ferner, dass der Tempelherr ein durchaus anderes Verständnis vom Christentum hat als Daja. Die Aussagen des Tempelherrn zeugen von einem Glauben, der durchaus mit den Mitteln der Vernunft durchdacht ist und mit dieser in Einklang steht.

Aufgewühlt und voller Wut wendet sich der Tempelherr schließlich an den Patriarchen, um ihn um Rat zu fragen, fühlt sich jedoch von dessen rachsüchtiger Herzenskälte abgestoßen. Erst zu spät bemerkt er, in welche Gefahr er Nathan damit gebracht hat.

Im Gespräch zwischen dem Sultan Saladin und dem Tempelherrn im 4. Auftritt des 4. Aufzugs zeigt sich, dass der Tempelherr offenbar davon ausgeht, dass ihm Nathan Recha nicht zur Frau geben will, weil er ein Christ und sie eine Jüdin ist. Folgerichtig unterstellt er Nathan nicht nur eine radikale Intoleranz, er erachtet ihn vielmehr sogar als Menschen, dessen Taten ganz offensichtlich nicht mit seinen toleranten Worten übereinstimmen: „Der tolerante Schwätzer ist entdeckt! / Ich werde hinter diesen jüd’schen Wolf / Im philosoph’schen Schafpelz Hunde schon / Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!“ (IV/4, V. 401).

Er sieht Nathans Handeln als konfessionelle Engstirnigkeit, die ihm Recha nicht gönnt und erhebt schwere Vorwürfe gegen Nathan (III, 10, V. 844 ff)[12]. Saladin vermag den Sturm der Leidenschaft nur mühsam zu bremsen, bringt den jungen Mann aber schließlich wieder zur Räson. Jetzt erst vermag der Tempelherr zu erkennen, dass es Nathans Erziehung gewesen ist, die Recha zu einem derart liebenswerten Menschen gemacht hat. Selbstzweifel packen ihn: „Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ / Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?“ (V/3, V. 86), und er anerkennt Nathan „trotz dem Christen, der sie zeugte“ (V/3, V. 99) als Rechas wahren Vater. Er beschließt, mit Nathan zu sprechen, um ihn vor dem Patriarchen zu warnen, und gesteht ihm seine in Übereilung begangene Tat (V/5, V. 220). Er bezeichnet sich in einer gelungenen Selbstcharakteristik als „jungen Laffen, / Der immer nur an beiden Enden schwärmt; / Bald viel zu viel, bald viel zu wenig tut“ (V/5, V. 250ff) und somit zwischen den Extremen sein Leben wegzuwerfen und es intensiv zu leben schwankt.[13] Um das Mädchen vor allen Nachstellungen des Patriarchen zu schützen, will der Tempelherr sie sofort heiraten. Als Nathan erneut zögert und von Verwandten spricht, die über Rechas weiteres Schicksal zu bestimmen haben, gleitet seine Sprache wiederum in Zynismus ab. Erstaunlicher Weise ist er nicht begeistert von der Idee, dass Recha als Christin unter Christen weiterleben soll (V/5, V. 325). Dann eilt er zu ihr. Sie soll sich ihm jetzt anvertrauen, ohne Rücksicht auf Nathan oder andere Verwandte. Doch erneut erwarten ihn Verwirrungen der Gefühle. Voller Empörung glaubt sich der junge Mann um seine Liebe getäuscht, bis Nathan schließlich offenbart, dass er und Recha Bruder und Schwester sind, und er in Saladin und Sittah gleichzeitig auch die Geschwister seines leiblichen Vaters Assad vor sich hat.

Schon diese Darstellung zeigt den Tempelherrn als einen Menschen, der von inneren Widersprüchen zerrissen ist. Er ist spröde und aufbrausend, aber durchaus lernbereit. Seine Emotionen gehen zwar des Öfteren mit ihm durch, aber dennoch erweist er sich in stilleren Momenten als einsichtig und vernunftgeleitet. Obwohl er als Tempelherr ein Angehöriger eines christlichen Ordens ist, nimmt er doch nicht alles, was im Namen dieses Glaubens geschieht, für bare Münze. Er benützt durchaus seinen Verstand und sein kritisches Urteilsvermögen. Seine verinnerlichte Ethik steht für ihn über den Regeln des Ordens.[14] So bewahrt er sich etwa seine Rechtschaffenheit gegenüber den schändlichen Aufträgen des Patriarchen. Seine durch nichts begründete Abneigung gegen die Juden ist umso unverständlicher, als er offenbar den Moslems keine derartigen Vorurteile entgegenbringt. Im Gegenteil: Im Zusammenhang mit der Werbung um Recha zieht er sogar in Betracht, ein Muselmann zu werden. Nathans Vorbild vermag jedoch das Denken und die Gesinnung des Tempelherrn zu läutern: „So wandelt sich durch aufklärerische Erziehung die intolerante Haltung des jungen Ritters zu einer tolerant- menschlichen“[15].

2.1.2. Daja

Die Christin Daja lebt als Erzieherin Rechas in Nathans Haus. Sie nimmt die die christlichen Glaubenslehren komplett an: Das vor Gott Gute könne nur im Glauben an Tod und Auferstehung Jesu geschehen, Glaube gewinnt der Mensch nicht von Natur aus, er werde durch göttliche Gnade geschenkt.[16] Ihrer schwärmerischen Gläubigkeit entspricht die Überzeugung, es sei ihr Missionsauftrag, dafür zu sorgen, dass Recha zu dem einzig seligmachenden Glauben zurückfindet, um sie vor der ewigen Verdammung zu bewahren.[17] Dieser Aufgabe widmet sie sich mit nimmermüdem Eifer. Recha bezeichnet sie treffend als „...eine von den Schwärmerinnen, die / Den allgemeinen, einzig wahren Weg / Nach Gott zu wissen wähnen! / ... Und sich gedrungen fühlen, einen jeden, / Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken“ (V/6, V. 435). Zudem zeigt sich gleich zu Beginn ihre Wundergläubigkeit, indem sie auf Rechas wundersame Rettung anspielt (I/1, V. 93- 116). Obwohl sie Nathan achtet, kann sie es ihm nicht verzeihen, dass er Recha als Jüdin erzieht und ihr ihre Herkunft verschweigt. Ihr Glaubenseifer verstellt ihr den Blick auf das „Grosse an Nathans Erziehungswerk“[18] und lässt echte, tätige Liebe nicht reifen. Sie sieht es in ihrem Glaubensdünkel zudem als unter ihrer Würde an, ein Judenmädchen zu erziehen (I/6, V. 755).

Das Auftauchen des Tempelherrn und die Möglichkeit einer Ehe Rechas mit dem jungen Ritter erscheinen ihrem begrenzten Verstand wie ein Wink des Himmels. Sie fordert deshalb Nathan auf, Recha dem Tempelherrn zur Frau zu geben, so dass „doch einmal Eure Sünde, die / Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende“ (IV/6, V. 510) hat. Als sich das Projekt einer Heirat scheinbar am Widerstand Nathans zu zerschlagen droht, wird Daja aus „glaubenseifriger Dummheit“[19] zur Intrigantin. Sie enthüllt dem Tempelherrn Rechas christliche Herkunft und sät Zweifel an Nathans Tugend, die den jungen Mann schließlich ratsuchend zum Patriarchen treiben. Da ihr jegliches Verständnis für die Beziehung zwischen Nathan und Recha fehlt, weiht sie auch noch Recha in das Geheimnis ein.

Daja wird aber nicht nur von religiösem Eifer motiviert. Dem Tempelherrn verrät sie das zweite Motiv ihres Handelns. Sie will, falls er Recha nach Europa führen sollte, nicht in Jerusalem zurückgelassen werden. Sie bewahrt sich so in ihrem erhitzten Christentum, das ihren moralisch fragwürdigen Fanatismus nährt, ein Stück Heimat: „Sie kultiviert gleichsam ihren religiösen Enthusiasmus in einer Umwelt meist anderer Glaubensart als ein identitätsstiftendes Elixier“.[20]

[...]


[1] Lessing, Gotthold Ephraim (2003): Nathan der Weise. In: Werke in drei Bänden. Band I – Fabeln, Gedichte, Dramen. München, S. 591

[2] Arendt, Dieter (1984): Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. – Grundlagen zum Verständnis des Dramas. Frankfurt a. M., S. 20

[3] ebenda, S. 24

[4] Schöne, Albrecht. In Sachen des Ungenannten: Lessing contra Goeze, S. 20

[5] Albrecht, Wolfgang (1997): Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart, S. 87

[6] ebenda.

[7] Eibl, Karl (1981) Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. In: Deutsche Dramen. Bd. 1: Von Lessing bis Grillparzer. Königstein/Ts., S. 10

[8] Lessing, Gotthold Ephraim (2003): Nathan der Weise. In: Werke in drei Bänden. Band I – Fabeln, Gedichte, Dramen. München. Im Folgenden werden alle Zitate des Primärtextes nur mit dem Hinweis auf den jeweiligen Auftritt, Aufzug und ggf. den Vers kenntlich gemacht, da die Kenntnis des Inhalts des Primärtextes vorrausgesetzt wird.

[9] Vgl. Barner, Wilfried (1981) Lessing: Epoche – Werk – Wirkung. München, Strukturskizze.

[10] Vgl. Fick, Monika (2000) Lessing- Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, S.417

[11] Vgl. Arendt, D., S. 37

[12] Vgl. Fick, M., S. 417

[13] Vgl. ebenda.

[14] Vgl. Albrecht, W., S. 90

[15] Gehrke, Hans. Lessings Nathan der Weise. Biographie und Interpretation. Hollfeld, S. 60

[16] Vgl. Fick, M., S. 415

[17] Vgl. ebenda.

[18] Gehrke, H., S. 58

[19] Gehrke, H., S. 58

[20] Koebner, Thomas (1997): Nathan der Weise. Ein polemisches Stück? In: Interpretationen. Lessings Dramen. Stuttgart, S. 183

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Religionsphilosophische Diskurse in Lessings Nathan der Weise
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Lessing"
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V70061
ISBN (eBook)
9783638614511
ISBN (Buch)
9783638624718
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionsphilosophische, Diskurse, Lessings, Nathan, Weise, Hauptseminar, Lessing, Thema Nathan der Weise
Arbeit zitieren
Stefan Scherer (Autor), 2006, Religionsphilosophische Diskurse in Lessings Nathan der Weise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70061

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